Ich freue mich darauf, in nĂ€chster Zeit hin und wieder an der Henri-Nannen-Journalistenschule zu unterrichten. Die ersten beiden Stunden drehen sich um GrundsĂ€tzliches: Wie sehen gute journalistische Websites aus, woran erkennen wir schlechte? Welche Fragen sollte ein ausgezeichnetes Angebot ĂŒberzeugend beantworten können?
Hier die erste Rohversion meines subjektiven Kanons. Sie wird aktualisiert und ergÀnzt.
Nicht alle Fragen und Beispiele sind selbsterklĂ€rend (deshalb das Seminar). Den Ăberbau von Nielsen ĂŒber Spiekermann, Kircher, Kottke und Fakepilot bis Jobs sowie von Kisch ĂŒber Schneider und Albaum bis Jarvis gibt es vorerst ebenfalls nur als gesprochenes Wort.
Ich freue mich ĂŒber weitere Anregungen, auf welchem Kanal auch immer, per E-Mail an jochen at wegner punkt io
Erster Eindruck
1. Wo bin ich (wohl)?
2. Was bekomme ich hier (wohl)?
3. Wer ist (wohl) der Urheber?
4. Funktioniert die Site (rein technisch)?
5. Habe ich den Ăberblick?
6. Ist das Angebot angenehm dicht oder erschlÀgt es mich? (Beispiel: guardian, huffpo, facebook, politico)
7. Ist es eine Kopie von - oder hat es Charakter?
(Ist ersteres schlecht? sz-relaunch wie zeit.de oder wie focus.de? Können US-Angebote Vorbilder sein oder klicken Deutsche anders?)
Beispiele:Â
kottke.org, Â wegner.io, wasa.by, fakepilot.com, buzzmachine.com, swissmiss, boingboing
8. Wo bin ich (tatsÀchlich)? (Gibt es einen Konflikt mit der Dachmarke?)
9. Bekomme ich (tatsÀchlich), was ich gesucht habe, als ich hierher kam?
(Wie kam ich hierher? Google? Direkteingabe? Mobil?)
10. Bekomme ich (tatsÀchlich), was ich glaubte zu bekommen, als ich dann hier war?
Gestaltung und Interaktion
11. Ist die Site schnell geladen? Auch per 3G? (Objektivierung: siehe etwa Gomez/Compunet)
12. Ist die Site schön wie ein gut gestaltetes Werkzeug (Korkenzieher) oder verwirrend schön wie ein Kleid (Vivienne Westwood)? (Oder hÀsslich? Was bedeutet das?)
13. Wo ĂŒberrascht mich die Site mit Schönem und NĂŒtzlichem, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es will oder suche?
14. Wo Àrgert mich die Site mit Inhalten, die ich gar nicht kennen wollte?
15. Kann ich die Schriften lesen? (sz-online.de)
16. Sind die Bilder sinnvoll geschnitten und haben sie ausreichende QualitÀt? (sz-online.de)
17. Kann ich die Videos anschauen?
18. Finde ich auf einfache Weise mehr von dem, was ich suche? Wie? (huffpo)
19. Was ist die Hauptfunktion der Site - und erfĂŒllt sie diese? (jameda.de)
20. Verstehe ich die Navigation? (Beispiel: 4 Versionen der ftd, Menue Atlantic, nyt, guardian)
21. Verstehe ich die Unterteilung der Site?
22. Ist die Darstellung stets sinnvoll, wenn ich die GröĂe des Browsers Ă€ndere?
23. Glaube ich die interaktiven Elemente zu verstehen, die die Inhalte umgeben? (Beispiel: Spiegel, huffpo, nyt.com, focus.de, kottke.org)
24. Machen die interaktiven Elemente tatsÀchlich, was ich erwartet habe? (Wenn nicht: Ist das schlimm? Warum?)
Inhalt
25. Welche Inhalte sind prominent dargestellt? Warum?
(Beispiel: Aufmacher bei focus.de, vier Views bei ftd.de, Partner-Logos bei sz-online)
26. GenĂŒgen die prominent dargestellten journalistischen Inhalte (Text, Video, Foto) meinen AnsprĂŒchen an den - gefĂŒhlten - Absender? (spiegel, huffpo, nyt, techcrunch)
27. GenĂŒgen die Inhalte journalistischen Kriterien? (One year of Nannen omitted :-)
28. GenĂŒgen die Inhalte den Kriterien des Online-Journalismus?
29. GenĂŒgen die Inhalte den Grundregeln der deutschen Sprache?
Werbung
30. Sind Inhalt und Werbung erkennbar getrennt?
31. Auch in der Navigation? (sz-online.de, focus.de, spiegel.de)
32. Auch beim Kleingedruckten ganz unten?
33. Ist Werbung Teil der Komposition oder wirkt sie angeflanscht? (Ist ersteres gut oder böse?) (Beispiel ftd.de Google Ads, Screenshot handelsblatt.com)
Untiefen
34. Verstehe ich stets, welche Inhalte ich eigentlich vor mir habe? (Wir klicken uns durch SPIEGEL Print, focus.de-->amica.de)
35. GenĂŒgen auch die Inhalte in den Untiefen des Angebots den grundlegenden journalistischen Kriterien? Auch die von 1995?
36. Gibt es meistens Related Links?
37. Sind die Related Links immer sinnvoll oder scheint sie ein Roboter gebaut zu haben?
Zugang
38. Funktioniert die Site mit jedem Browser gleich gut? (Beispiel: ftd.de und Chrome+Adblocker schneidet Header ab)
39. Und mit dem iPad? (Test mit zeit.de, spiegel.de)
40. Und mit meinem Handy?
Google-Brille
41. Wie sehen die Inhalte bei Google aus? (huffpo, spiegel, focus, stern)
42. Wer verlinkt die Site?
43. FĂŒr Fortgeschrittene: Wie viele Seiten sind im Index?
44: FĂŒr Fortgeschrittene: Ist die Site bei Google News zu sehen?
45: FĂŒr Fortgeschrittene: Wie steht es um die "Sichtbarkeit"
Social-Brille
46. Kann ich sinnvoll Feedback zu den Inhalten der Site geben?
47. Ist es einfach, zu kommentieren? Zu einfach?
48. Sind die Inhalte der Site mit Social Networks verknĂŒpft? Wie wirkt das?
49. Gibt es eine Facebook-Seite? Ist sie sinnvoll und nĂŒtzlich fĂŒr mich?
50. Twittert die Redaktion? Wie? Ist das sinnvoll und nĂŒtzlich?
51. FĂŒr Fortgeschrittene: Wie steht es um die messbare Gesamtmenge der Interaktionen?
Beiboote und Apps
52. FĂŒgen sich ergĂ€nzende Angebote (Beiboote) ganz natĂŒrlich ein? (focus.de-wissen.de, sueddeutsche.de-abendzeitung.de, spiegel.de-einestages.de)
53. Wie verhalten sich die Apps (Android, iOS) zum Hauptangebot?
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Opening Panel at the European Newspaper Congress - together with Mercedes Bunz, George Nimeh (Kurier), Peter WĂ€lty (Tagesanzeiger), Johannes Vogel (SĂŒddeutsche Zeitung)
Find some buzz on twitter, also at Der Standard and Hamburger Abendblatt.
Special thanks to Hans Oberauer and team for this great event.
One hour of talk radio with moderator Vera LinĂ and me: We rounded up the highlights of re:publica for German national radio DRadio Wissen - and talked about the future of life, the internet and everything.
In the latest (April 9) issue of "The New Yorker" you will find a 19(-vertical-iPad)-pager about famous German writer Karl May: "Wild West Germany - Why do cowboys and Indians so captivate the country?" Lesebefehl!
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Tanya Cordrey's recent talk at the Guardian's Media Summit got quite some attention: She described how their Facebook app started generating more traffic than Google.Â
Martin Belam, information architect at the Guardian, goes into some details in his blog. Must read.
Vor zwei Jahren kam das erste iPad auf dem Markt und viel wurde experimentiert. Nun setzen sich bei Tablet-Medien schlichte Design-Prinzipien durch, die seit Gutenberg gelten. Die gröĂten Probleme gibt es immer noch da, wo MedienhĂ€user gezwungen sind, Inhalt auf Tablets zu bringen, der nicht dafĂŒr gedacht war.
Gerade zwei Jahre ist es her, dass mit Apples iPad auch eine neue Mediengattung entstanden ist - seine jĂŒngste Version mit bestechender âRetinaâ-Auflösung (Vergleich bei Mashable) wird die Anbieter hochwertiger digitaler Inhalte zusĂ€tzlich anspornen. Bereits jetzt mĂŒssten die publizierten Experimente mit berĂŒhrungsempfindlichen BlĂ€ttermedien eigentlich fĂŒr zehn Jahre reichen. Und doch ist bisher wenig entstanden, was User wirklich glĂŒcklich macht und sie nachhaltig zum Kauf anregt. Das liegt, so finden nicht nur echauffierte Apple-Manager, unter anderem an einem Mangel wirklich brauchbarer Gestaltungs-Software.
iBooks Author: bereits auf Autopilot erstaunliche QualitÀt
Erste AnsĂ€tze dazu, wie die einst aussehen mag, demonstrierte Apple kĂŒrzlich in einem speziellen Segment: Mit dem neuen âiBooks Authorâ können selbst Laien interaktive BĂŒcher gestalten, die sich anstĂ€ndig anfĂŒhlen - und sie direkt verkaufen, natĂŒrlich nur in Apples eigenem Buch-Store. Das Programm, das vor allem fĂŒr LehrbĂŒcher gedacht ist, produziert selbst auf Autopilot bereits erstaunliche QualitĂ€t. Nicht nur die groĂen Bildungsverlage, auch einige der journalistischen MedienhĂ€user studieren Apples neues Self-Publishing-System deshalb sehr genau.
Wer in die Zukunft der Tablet-Medien sehen will, blickt besser nicht nur nach vorne, sondern auch nach links und rechts, zu den Lehr- und KinderbĂŒchern, den Comics und Spielen. (Siehe: Zehn inspirierende Medien-Apps.) Bis heute ist die mit Abstand raffinierteste App tatsĂ€chlich: ein Buch. Die Umsetzung von Al Gores Klima-Klassiker âOur Choiceâ, seit einem knappen Jahr auf dem Markt, ist noch immer die beste Antwort auf die Frage, wie neueste Medien aussehen sollen. Viele seiner Design-Ideen werden heute kopiert - auch von Apples âiBooks Authorâ.
âOur Choiceâ ist schlicht und deshalb ergreifend. Es besitzt keine Bedienungsanleitung - die branchenĂŒbliche BankrotterklĂ€rung von Interaktions-Designern, die selbst nicht recht daran glauben, dass man ihre Produkte einfach so benutzen kann. âOur choiceâ aber hat keinen einzigen Knopf. Keine schwer zu merkenden Steuer-Gesten. Keine versteckten, bei versehentlichem Auffinden aber nahezu unbenutzbaren Inhaltsverzeichnisse. (Siehe: Die zehn gröĂten Design-Fehler.)
GroĂformatige Bilder machen die Kapitel auf und dienen zugleich der intuitiven Navigation, Filme lassen sich anfassen und herumschieben, wĂ€hrend sie gerade laufen. Die völlig neu programmierte so genannte Physik der Seiten, Bilder, Videos und Grafiken definiert bis heute den höchsten erreichbaren Standard.
Einfaches DurchblÀttern macht Leser zufrieden
Das opulente Werk hĂ€lt sich auĂerdem an eine Konvention, die seit Gutenberg gilt: âOur Choiceâ hat gewöhnliche Seiten. Sie hĂ€ngen nicht nach dem Prinzip der Papyrus-Rolle ĂŒber den Bildschirm hinaus und verstecken dort Inhalte. Wer das Buch durchblĂ€ttert, hat ganz sicher alles gesehen. Das macht Leser zufrieden.Â
Da gibt es keine Ober- und Unterebenen mit einem Wald von Richtungspfeilen, keine komplexen Teaser-Strukturen, die an ĂŒberfĂŒllte Nachrichten-Websites gemahnen. Keinen psychedelischen Content, der sich je nach Lage des iPads völlig verĂ€ndert. Und, ach: Die Seiten sind sofort da, es gibt keine rotierenden Pausenzeichen.
Die Entwickler des Standard-Werks von der kleinen kalifornischen Firma PushPopPress wollten ursprĂŒnglich ein eigenes Programm zur Erstellung von BĂŒchern wie âOur Choiceâ herausbringen. Prompt ĂŒbernahm sie Facebook und das Projekt verschwand vom Markt.
Anleihen finden sich dafĂŒr heute ĂŒberall, etwa auch in einem Kinderbuch, von dem Tablet-Journalisten viel lernen können. Die Londoner Agentur Somethinelse hat es umgesetzt: Richard Dawkinâs âThe Magic of Realityâ besitzt ebenfalls eine lineare Seitenstruktur und blĂ€ttert sich ganz wunderbar. Und doch geschehen darin die erstaunlichsten Dinge.Â
VerunglĂŒckte Navigation mit Waben oder rotierenden Föten
Zum GlĂŒck setzt sich raffinierte Schlichtheit immer mehr durch. Vorbei die Zeit, als man Wissenschafts-Magazine mit einer wirren Wabenstruktur navigieren musste (âEurekaâ, âThe Timesâ) oder mit Hilfe von kaum zu erhaschenden Text-Beinchen, die irgendwie aus einem dreidimensional rotierenden Fötus ragen (âThe Collectionâ, Ringier).Â
Immer seltener auch wĂ€hlen Gestalter web-artige Teaser-Konzepte, wie bei der insgesamt etwas enttĂ€uschenden App der âSĂŒddeutschen Zeitungâ. Mit einmal Tippen und einmal Wischen stehen die User so schnell im digitalen Seitenwald. Beruhigend einfach kommt die direkte Konkurrenz daher, die Tageszeitungs-App der Frankfurter Allgemeinen. Von Hipstern als besserer PDF-Reader verhöhnt, wird sie von ihren Lesern wegen Schlichtheit und EffektivitĂ€t geliebt.Â
Die Abwesenheit von Web- und Papyrus-Content ist auch einer der ErfolgsgrĂŒnde fĂŒr die ĂŒberzeugend weiterentwickelte Alt-Plattform Zinio. Sie vertreibt seit jeher schlichte Print-PDFs der Verlage. Nicht einmal als Raubkopie sind sie einfacher zu konsumieren. Ein fundamentaler Bonus, der seinerzeit auch Apples iTunes zum Erfolg verhalf.
Die "Spiegel"-App als Erfolgsmodell
Der âSpiegelâ hat als eines der wenigen groĂen Medien das KunststĂŒck geschafft, den Zusammenhang des Druck-Layouts mediengerecht aufzulösen, den Inhalt in der App dynamisch völlig neu zusammenzusetzen - und dabei trotzdem ein befriedigendes LesegefĂŒhl zu erzeugen. Sieht man von etwas zu vielen Knöpfen und den gelegentlichen Hurenkindern ab, die etwa auch dem Roboter des Economist regelmĂ€Ăig unterlaufen, so ist der Spiegel bis heute die gelungenste 1:1-Umsetzung eines Print-Magazins. Und mit ĂŒber 25.000 verkaufen Ausgaben pro Woche auch eine der erfolgreichsten Magazin-Apps weltweit. Und, ach: Der Spiegel ist zu blĂ€ttern, die Seiten hĂ€ngen nicht nach unten, sondern linear hintereinander - ein KunststĂŒck, das so ĂŒberzeugend nur wenigen Halbautomaten gelingt.
Die jĂŒngst erschienene Wirtschaftswoche, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, der Stern, Die Zeit, die Frankfurter Rundschau: Sie alle sehen gut aus, arbeiten jedoch mit mehrdimensionalen Seiten-Systemen, die immer wieder fĂŒr Verwirrung sorgen. Und wenn es schon ein website-artiges Teaser-System sein muss, dann bitte so wie bei der solide gestalteten âWelt HDâ, die auch ohne ihre Anleitung benutzbar ist. Schon wieder genial in seiner wirren RadikalitĂ€t ist der wunderhĂŒbsche aber verschachtelte Guardian, dessen iPad-Titelseiten daherkommen wie ein Bilderteppich bei âPinterestâ. Mehr als 500.000 User hatten in der kostenlosen Probephase die vielleicht derzeit hipste App eines groĂen Medienhauses heruntergeladen. Die langfristige Konversionsrate nach dem Start des kostenpflichtigen Abos Mitte Januar bleibt abzuwarten.
Dass sich viele Print-Verlage fĂŒr unbefriedigende Design-Strukturen entscheiden, liegt auch in der Natur ihres Problems: Sie mĂŒssen Inhalt, der nicht fĂŒr Tablets gedacht war, in das neue Medium zwĂ€ngen. Die bei Print gebrĂ€uchlichen Tools bieten dafĂŒr die bequemste aber auch dĂŒmmste Lösung: Was keinen Platz hat, muss ein Schattendasein jenseits des sofort sichtbaren Bereichs fĂŒhren. Dass Tablet-Ausgaben dank solch gestalterischer BrutalitĂ€t wenigstens auf Knopfdruck zu produzieren seien, wie es die Anbieter versprechen, hat sich als MĂ€rchen entpuppt. Die 1:1-Umsetzungen beschĂ€ftigen in den Verlagen beeindruckende Teams.
Und doch muss es die 1:1-Medien geben, das ist eine weitere Lehre aus den ersten zwei Jahren iPad. Jedes Haus tut gut daran, eine möglichst getreue Umsetzung seiner Print-Flaggschiffe anzubieten, bevor es mit neuen, nur fĂŒr Tablets ersonnenen Formaten experimentiert. Ersteres erwarten die angestammten Print-Leser, letzteres bietet die nötige Freiheit fĂŒr Neues - und hat oft groĂen Erfolg.
MĂ€rz 2012, ein groĂer Verlag irgendwo in Deutschland. âHier ist das Allerheiligste, hier sitzen die Blattmacherâ, erklĂ€rt der stolze Chefredakteur am Ende seiner beeindruckenden HausfĂŒhrung: zwei Dutzend Journalisten vor Bildschirmen organisieren die Print- und die Online-Ausgabe. Er öffnet die TĂŒr zu einem weiteren Raum mit zehn ArbeitsplĂ€tzen: âUnd hier ist unsere iPad-Redaktion.â Wie viele Ausgaben die aufwendig produzierte Tablet-Version denn direkt verkaufe? âDas ist verschwindendâ, erklĂ€rt er. Die Produktion sei viel zu kompliziert, das Produkt im Grunde âein ganz groĂer Mist, kann man kaum benutzen, da mĂŒssen wir noch mal ran.â
Dieser Beitrag ist in leicht verÀnderter Fassung erschienen im Medium Magazin 3/2012. (E-Paper, PDF)
Fast ein Jahr alt ist die digitale Ausgabe von Al Gores Klima-Buch und bis heute eine Pflicht-Installation auf den iPads von App-Vordenkern. Kein anderes BlÀtter-Medium zeigte bisher so radikal neu und radikal einfach, wie sich digitale Inhalte aufbereiten lassen - und dabei so vertraut wirken, dass keine Bedienungsanleitung nötig ist. Die Haptik der Seiten, Bilder und Videos definiert noch immer den höchsten erreichbaren Standard. (Appstore)
2. The Magic of Reality
Noch ein Wissenschafts-Buch, das intelligent mit ehemaligem Print-Content umgeht. Die Gestalter der Londoner Agentur âsomethinelseâ haben es geschafft, das dicke Kinderbuch von Richard Dawkins trotz einer anheimelnd linearen Seitenstruktur so elegant in die Luft zu sprengen, dass schon das DurchblĂ€ttern groĂes Kino ist. (Appstore)
3. Timbuktu
Und nun auch noch ein Kinder-Magazin. Timbuktu ist mit ebenso einfachen wie schönen gestalterischen EinfÀllen gespickt, von denen sich erwachsene Medien viel abschauen können. Kinder bedienen es ganz ohne Anleitung. Ebenso die meisten Erwachsenen. (Appstore)
4. Project
Der Klassiker unter den originĂ€ren iPad-Medien, finanziert von âVirginâ-Tausendsassa Richard Branson. Laden Sie sich unbedingt auch die legendĂ€re erste Ausgabe herunter und studieren Sie den Aufmacher der Titelgeschichte, der Video und Typografie verbindet. Erfrischend anders, mit zum Teil katastrophaler Navigation und versteckten Features. (Appstore)
5. TRVL
Das kostenlose monothematisches Reisemagazin, herausgegeben von einem kleinen Team in den Niederlanden, spart sich jeden interaktiven Schnickschnack und setzt auf hochwertige Fotografie. Schön zu blÀttern. (Appstore)
6. Katachi
Das hyperexperimentelle Magazin eines Startups aus Norwegen soll vor allem die LeistungsfÀhigkeit der dahinter liegenden Design-Plattform demonstrieren. Als Gesamtprodukt nicht zur Nachahmung empfohlen, aber bis in die letzte versponnene Falte ziemlich anregend. (Appstore)
7. The Red Bulletin
Was der Brausen-Gigant medial angeht, scheint zu gelingen - so auch die höchst aufwendig produzierte iPad-Version seines zentralen Corporate-Magazins. Sie zeigt, was aus der dafĂŒr benutzten Standard-Software von Adobe herauszuholen ist. (Appstore)
8. Road Inc.
Sehr gestalte App fĂŒr Autofanatiker, mit gröĂter Liebe und vielen neuen Ideen. Wegen zahlreicher Usability-UnfĂ€lle kaum benutzbar - aber wunderschön. (Appstore)
9. Marvel
Die Comic-Plattform steht stellvertretend fĂŒr viele vergleichbare Apps. War es in den FrĂŒhtagen des Internet angeblich die Porno-Industrie, die die technische Innovation vorantrieb, so sind es bei den Tablet-Medien womöglich die Comics. Deren hohe Usability-Standards haben klassische Verlage noch lange nicht erreicht. Pflicht: Eine beliebige Ausgabe herunterladen und den âGuided Viewâ ausprobieren. (Appstore)
10. Fontbook
Die digitale Umsetzung des Schriften-Standardwerks, das in keinem Designer-Buchregal fehlt, löst sich komplett vom Original und ist doch kongenial. Eines der wenigen Beispiele, wie eine völlig neue, eigens entwickelte Navigation innerhalb von Sekunden und ohne Anleitung intuitiv bedienbar ist. (Appstore)
Diese Aufstellung ist Teil eines Beitrags, der im Medium Magazin 3/2012 erschienen ist. (Online-Version, E-Paper, PDF)
Seien es hĂ€ngende Seiten mit âWĂ€scheleinen-Strukturâ oder gar in alle Richtungen ausufernder Content, web-artige Teaser, Waben oder ĂŒbereinander liegende Ebenen - wer aus der seit Gutenberg gelernten Seiten-Metapher ausbricht, bekommt Design-Preise, verliert aber User.
2. BlÀttert nicht
Hat man sich erst fĂŒr schlichte LinearitĂ€t entschieden, sollte man nun auch gröĂten Wert auf die BlĂ€tter-QualitĂ€t legen: Lieber kein kunstvoll animierter UmblĂ€tter-Vorgang, dafĂŒr bitte unmerklicher Seiten-Aufbau ohne rotierende Warte-Symbole.
3. Navigiert nicht
Einen einheitlichen Standard fĂŒr das Einblenden der Navigation gibt es nicht - mal muss man am Rand tippen, mal in der Mitte, mal doppelt, mal mit zwei Fingern ziehen, mal den âInhaltâ-Knopf am oberen Bildschirmrand berĂŒhren oder das Haus-Symbol links unten. Im besten Fall bildet der Content selbst die Navigation (siehe âOur Choiceâ), im schlimmsten ist das mĂŒhsam herbeigefrickelte Verzeichnis unbenutzbar.
4. LĂ€dt nicht
Bei Websites kostet jede Zehntelsekunde Ladezeit messbar User, App-Reichweiten erodieren im Zehn-Sekunden-Takt. Wenn der opulente Content mehr als ein, zwei Minuten lĂ€dt, ist es zwingend, dass die User die ersten Seiten bereits lesen können. Jenseits von drei Minuten beginnt die Todeszone fĂŒr jeden noch so groĂartigen Inhalt.
5. VerÀndert sich
Wer den Content mit der Lage des iPad im Raum verÀndert, muss genau wissen, was er tut. Manche Medien zeigen je nach Orientierung völlig unterschiedliches - verwirrend. Layoutet sich der gleiche Inhalt hingegen dynamisch neu, kann das toll aussehen und auch noch sinnvoll sein.
6. Versteckt sich
Nur Kinder und Programmierer finden es spannend, im digitalen Content nach Ostereiern zu suchen - alle anderen möchten gerne wissen, was sie fĂŒr ihr Geld bekommen, ohne durch wildes Tippen danach suchen zu mĂŒssen.
7. ErklÀrt sich nicht
Je lĂ€nger die Bedienungsanleitung auf der ersten Seite, desto wahrscheinlicher, dass bei der Gestaltung etwas grundsĂ€tzlich schiefgegangen ist.Â
8. Stört mich
Selbststartender Sound ist fast immer unangenehm - es sei denn, man sitzt in einem startenden Flugzeug und kann ihn ohnehin nicht hören. In fast allen anderen Situationen fĂŒhlt sich der Leser gestört, und mit ihm die Sitznachbarn.
9. Nicht robust
Es gibt - auĂer der Wisch-Bewegung zum BlĂ€ttern und dem Tippen auf hervorgehobene Elemente - wenige Interaktions-Standards, die sich einheitlich durchgesetzt haben. Jene Medien, die es bei diesen beiden Gesten belassen, sind nicht die schlechtesten. Sehr beliebt, aber nervig ist etwa das Einblenden der Navigation bei einem âTapâ an nicht eigens gekennzeichneten Stellen im Content, etwa in der Mitte oder an den RĂ€ndern. Viele User haben aber die Tendenz, ihre Finger gelegentlich auf dem Tablet ruhen zu lassen und aktivieren so stĂ€ndig ungewollt Funktionen.
10. Bezahlt nicht
Obwohl Apple fremde Bezahlsysteme aus Eigeninteresse zurĂŒckdrĂ€ngt, schaffen es gerade Verlage immer wieder, den Kaufprozess so kompliziert zu gestalten, dass man ihn entnervt abbricht. Halten Sie einen zahlungswilligen User keinesfalls auf und fragen sie ihn lieber spĂ€ter irgendwann nach Geschlecht, Kinderzahl oder Tierkreiszeichen.
Diese Aufstellung ist im Rahmen eines gröĂeren Beitrags fĂŒr das Medium Magazin 3/2012 erschienen (Online-Version, PDF, E-Paper).
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Wenn "DatenschĂŒtzer" vor Spotify warnen, dĂŒrfen wir fast sicher sein, dass die Fakten zu tanzen beginnen.
Eine anonyme Nutzung jenes höheren Musikdienstes, den wir verehren, sei wegen der Facebook-ZwangsverknĂŒpfung nicht möglich, sagt Peter Schaar. Da hat er recht.
FĂŒr uns Nicht-DatenschĂŒtzer ist es trotz anders lautender Facebook-Nutzungsbedingungen, Punkt 4, immerhin denkbar, zu diesem und anderen Zwecken einen Facebook-Account als "Scheter Paar, Burgwedel"  zu betreiben. Kaspar Hauser und Peter Panther nicken mit dem Kopf, und auch viele Grundschul-AbgĂ€nger wissen das dank einer auĂerschulisch erworbenen Kulturfertigkeit, die Lehrer in den 80er Jahren als Medienkompetenz bezeichneten.
Der Abgrund gĂ€hnt an anderer Stelle: Wir wollen unseren echten Facebook-Account unbedingt mit Spotify verknĂŒpfen, und koste es uns jegliche PrivatsphĂ€re sowie 9,99 - denn die daraus resultierenden Features sind leider geil.
Der Lobo von heute hat recht:Â Die Falle heiĂt Convenience.
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