Home Office und mehr Sex: Tag 10 von 28
Es ist 7:47 Uhr morgens und ich habe soeben eine halbe Stunde meditiert. Solange hatte es nämlich gedauert, bis meine Frau meine Rückenhaare epiliert hat, und solange saß ich in unserem kleinen Schlafzimmer im Schneidersitz auf dem Boden, habe geatmet und den Schmerz in die Erde konzentriert. So läuft nämlich Meditation ab: Energie vom Himmel empfangen und den Schmerz in den Boden ableiten, damit man den Blitzeinschlag nutzen kann.
Ich bin kein Buddhist, meditieren habe ich nur zufällig gelernt, um meiner Langeweile zu entfliehen. Das war vor 17 Jahren.
Ich meditiere nicht oft, bin aber laut Aussage von Meditationsmeistern wie Tamas Guna ganz gut darin. Meister Tamas hat mich ein Jahr in meinem Unterricht begleitet und mir viel beigebracht. Er erlaubte mir sogar, ihn bei der einen oder anderen Meditationsstunde zu vertreten.
Die Schüler waren anfangs wenig begeistert von mir, denn mein Unterricht ist sehr technisch. Wie sitzt man richtig? Wie polstert man sich von allen Seiten ab, um es sich in der Meditation bequem zu machen? Was hat es mit dem Aschenbecher, der angerauchten Zigarette und den drei Wasserflaschen auf sich, die man zum richtigen meditieren braucht?
Warum müssen drei Flaschen Selters und keine stilles Wasser enthalten und warum müssen alle Flaschenetiketten entfernt, zwei Flaschen verschlossen und die dritte geöffnet sein? Alles nur technische Details, für das Meditationsgesamtergebnis aber wichtig. Denn Meditation ist eine Kunst, die ganz bis in die Tiefe führt, wo aus der Technik erst Kunst wird. Das zu begreifen ist wichtig, denn die meisten Leute meditieren umgekehrt: sie machen ein paar Kunststücke und glauben, dass daraus dann eine Meditationstechnik wird.
Meister Tamas und ich sind voneinander der Gegensatz: wir haben beide zusammen bei Accenture gearbeitet – das ist ein Google-Unterriese, der Google-Arbeit genauso gut zu machen wie Google selbst es kann verspricht, dabei aber den Mitarbeitern nicht mal die Hälfte des Google-Gelds zahlen muss. Komisch, dass trotzdem jeder vom zu Google gehen träumt. Und deshalb bringen die Halb-Googlianer auch weniger Leistung, weil jeder der gut ist, als weißes Schaf aus der Herde sticht und deshalb nie und nimmer seinen schlecht bezahlten Posten verlassen kann. Er stellt nämlich das Beispiel für Google dar, wie hervorragend beschissen bezahlte Arbeit gemacht werden kann. Ich, zum Beispiel, habe ein Jahr für Accenture gearbeitet und bin in dieser Zeit keine einzige Stufe aufgestiegen. Dabei galt ich von Anfang an als Experte, denn dank ausgeklügelter Manipulationstechniken hatte ich meine Trainingstests mit einem statistisch unwahrscheinlich gutem Ergebnis abgeschlossen (97 vs. 70-80 Prozent im Durchschnitt) und mich innerhalb kürzester Zeit in die Arbeitsmaterie eingearbeitet, um gestandenen Mitarbeitern Konkurrenz zu machen (drei Tage vs. Sechs Monate im Durchschnitt).
Meister Tamas lebte ca. 200 Meter vom Accenture-Büro entfernt. Er war der nächste Mitarbeiter, den es im gesamten Gebäude gab. Ich lebe etwa 100 km entfernt vom Büro und war derjenige, der von allen die längste Anfahrt hat. Und deshalb habe ich Meister Tamas' Wohnung mehrfach und er meine gar nicht besucht.
Meister Tamas sieht wie ein Buddha aus: kahlgeschorene Kopfhaut, Gandhi-Brille, heilige Tattoos und weite Kleidung aus Leinenstoff. Ich dagegen sitze in Ralph Lauren-Hemd und Jeans bei der Rechner und trage sonst gerne Fußballtrikots. Er und ich haben trotzdem viel Zeit zusammen verbracht.
Meister Tamas beginnt seine Sitzungen, indem er mit Mutter Natur und dem Buddha spricht. Er wärmt uns auf, indem er Dehnübungen macht und dabei von Mutter Natur und dem Buddha spricht. Im Mittelpunkt steht für ihn Buddha, während die Schüler seinen Bewegungen folgen müssen. Das ist etwas kompliziert. Für Anfänger ist es die Hölle, für Fortgeschrittene unwichtig, denn ich meditiere nicht für Buddha, sondern tue es für mich. Und diesen Ansatz verfolgte ich, wenn ich Meister Tamas' Schüler unterrichtete.
Die meisten Schüler waren entsetzt, weil mein Unterricht nicht ihrer Vorstellung entsprach. Ich lehrte sie die Techniken, sprach über deren Ableitungen in Ergonomie und Psychoanalyse, kurz: ich habe zu einer Schuh die technische Betriebsanleitung gemacht und das unterrichtet: Ätzend.
Dass meine Frau meinen Rücken heute morgen rasiert, war nicht vorgesehen. Sie machte es spontan und ich gehorchte sofort, weil ich ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen empfand, weil ich seit zwei Tagen mit ihr nicht geschlafen habe und auch keine Lust dazu verspürte. Es war sozusagen meine Morgenstrafe. Weil ich aber im Gegensatz zu sonst immer nicht auf dem Bett liegen, sondern auf dem Boden sitzen musste, habe ich daraus kein katholisches „vor dem Kreuz“-büßen sondern eine Meditationsstunde gemacht.
Man setzt sich auf den Boden im Schneidersitz und achtet darauf, dass die Beine entspannt sind. Es darf nirgendwo Druck geben, weshalb man seine Schuhe nehmen und rückwärts unter die Knie schieben soll. In jeden Schuh kommt eine Wasserflasche, die dem Schuh den richtigen Halt gibt und sein Material nicht verknickt. Schuhe sollen nämlich auch nach der Meditationsstunde noch gut aussehen.
Ich nehme ein Kissen für meinen Hintern oder nicht. Auf jeden Fall stütze ich aber meinen Rücken ab, beispielsweise durch eine Jacke, damit meine Oberkörperhaltung der auf einem ergonomischen Stuhl entspricht.
Dann lege ich meine Hände auf die Knie oder ich öffne sie mit den Handflächen nach oben oder ich verschränke sie, damit die Energie im Kreislauf ist.
Hände nach oben heißt Energie empfangen, Hände nach unten Schmerz abgeben und Hände verschränkt Energie im Kreislauf halten.
Dann konzentriere ich mich auf die Atmung, wobei durch die Nase einatmen und durch den Mund ausatmen empfohlen ist. Innerlich konzentriere ich mich auf mein Zwerchfell, wo die meisten meiner Energierezeptoren sitzen.
Als meine Frau meinen Rücken enthaarte, hat es überall dort gezuckt, wo der Epilierer drüber ging. Epilieren ist scheiße, aber irgendwo ist es wie ein kribbeln, wenn man sich an den Schmerz gewohnt hat. Und dadurch, dass ich dabei meditierte und diesen in den Boden leitete, war es höchst amüsant. Denn indem ich mich auf die Bauchhöhlenatmung konzentriere, stellt jedes Zucken am Rücken eine Herausforderung dar, die es zu überwinden gibt.
Wie tief kann einen Meditation führen?
Tief. Mit der richtigen Technik blendet man sein gesamtes Umfeld aus: unter dir kann Rockmusik erklingen, hinter dir die Toilettenspülung singen, weil dein Partner zum pissen mal wieder nicht die Tür geschlossen hat, obwohl er weiß, dass dich ankotzt, es kann dich durch den Epilierer oder kritische Kinder durchzucken, dass Du normalerweise nicht an dir halten kannst und alles rausschreien musst. Und du wirst einfach dasitzen und dich auf Dinge konzentrieren, die wirklich wichtig sind. Denn Du befindest dich ganz für dich, in diesem einen Augenblick, und alles was davor und danach ist, ist unwichtig, besser gesagt, genau das überlegt.
Meister Tamas ist der Meister. Er war nach Irland zum missionieren gekommen und um Energie zu tanken, denn Emerald's Isle's Boden ist ein einziges Kraftzentrum. Die meditative Energie – das Chi – ist hier besonders stark und je länger man bleibt, desto mehr spürt man es physisch. Irisches Wetter ist hart, trotzdem wird es überall in der Welt in den schönsten grünen Farbtönen gemalt, die man sich vorstellen kann. „Du bist aus Irland? Oh, wie wunderbar!“, oder „ich bin zu einem Viertel Ire. Meine Großmutter väterlicherseits stammt aus Galway.“ So was wird einem oft gesagt, wenn man erwähnt, dass man in Irland lebt.
Zuletzt hatte Meister Tamas genug, und ist daraufhin kurz vor der Coronakrise nach Indien gezogen, um dort Vertiefung zu erlernen.
Seit Meister Tamas die Insel verlassen hat, habe ich Accenture verlassen und bin zurück zu meinen Forschungen gekehrt. Meine Zeit mit dem Meister hat viel Spaß gemacht und ich hoffe, er raffiniert in Indien das Glück, das ihm in Irland zuteil war. Denn das sprichwörtliche „Glück der Iren“ ist mehr als nur ein Spruch. Es ist Teil des Chi, das dort im Boden liegt, und ich bin versucht zu sagen „und auf seine Ausbeutung wartet”. Aber man sollte nicht vergessen: es ist zuerst einmal viel Schmerz, der dort verborgen liegt. Denn die irische Insel ist blutgetränkt, und das geschieht immer noch.
Der letzte irische Polizist wurde vor zwei Wochen ermordet, Detective Garda Colm Horkan in Roscommon, einer Kleinstadt an der inner-irischen Grenze. Die letzte Petrol Bomb auf Polizisten wurde vor zwei Stunden geworfen, in Belfast. Und heute ist der zwölfte Juli, ein Tag, an dem in Irland traditionell viel Blut und Schmerz fließt.
Wer aus diesem Pool Energie schöpfen will, der muss meditativ schon sehr tief bohren. Denn zuerst einmal durchbricht man die Schmerzflut und taucht tiefer und tiefer und tiefer. Meister Tamas Methode war, durch Gebet wird der Schmerz abgelenkt, meine war „es wird eine Antenne mit einem Bohrturm aufgebaut, die Energie wird dabei von oben gewonnen abgefangen, treibt den Bohrer an, und während man sich dadurch meditativ in den Boden gräbt, benutzt man die Hände als Blitzableiter, was einen schmerzfrei in die Tiefe trägt, weil man selber vom Schmerz wie ein Schutzschild gefangen ist, worin Ruhe herrscht. Sozusagen ein Fahrstuhl in die Tiefe, der Schmerzblitze verschießt, während man darin sitzt und die Fahrt genießt.
Alleine schon an meiner Beschreibung erkennt man sicherlich, dass ich kein Buddhist bin. Ich kann dazu nur sagen, dass das Rezept funktioniert und „meine“ Schüler nach einigen Anfangsschwierigkeiten mitgezogen haben. Denn mein Weg wirkt vielleicht nicht heilig, ist aber zumindest effektiv.
Ach so, warum braucht man die drei Wasserflaschen und warum sollen alle drei Selters und keine stilles Wasser enthalten? Weil man aus Sprudelwasser leichter stilles Wasser machen kann als umgekehrt. Man schraubt von der Flasche einfach den Deckel ab und wartet. Alternativ nimmt man das Sprudelwasser in den Mund und spült damit so lange den Mund aus, bis es ganz weich wird oder man nimmt einfach einen Strohlhalm, weil Kohlensäure nur in Verbindung mit Luft wirkt. Der Deckel der offenen Flasche wird daher auch nicht weggeworfen, sondern so auf die Flasche drauf gelegt, dass es wie ein Schornstein wirkt und nicht zuviel Gas auf einmal entweicht.
Das Geblubber ist wichtig und es gibt viele Wege es zu nutzen und die negativen Effekte zu kompensieren. Will man dagegen Selters-Wasser herstellen, muss man entweder Chemie anwenden oder viel schütteln.
Der Aschenbecher ist da, damit man seine Zigarette ablegt. Es kann nämlich während der Meditation ruhig einmal geraucht werden. Dabei stört nicht, ob der Aschenbecher sauber ist oder nicht. Die Stinkestoffe werden bei Tiefenmeditation ausgefiltert, man riecht davon nichts. Denn wenn man raucht, entstehen die gleichen Duftstoffe. Man kann nämlich währenddessen nicht aufstehen und die Zigarettenkippe wegbringen. Stattdessen behält man den Stummel im Mund oder legt ihn im Aschenbecher ab.
Soviel zu meinem heutigen Homeoffice-Bericht. Heute ist sowieso Sonntag. Da passt so was.