Sommer. Sonne. Knapp 30 Grad. Und dennoch lĂ€uft es mir eiskalt den RĂŒcken runter, die Haare stellen sich auf, alles wehrt sich in mir, mir ist schlecht. So sehr, daĂ ich mir wĂŒnschte, ich hĂ€tte mehr gegessen, um kotzen zu können. Beklemmend, einengend.Â
Das alles war am Montag. Heute ist Freitag. Und immer noch empfinde ich diese KÀlte, diese Beklemmung beim Gedanken daran. Oder erzÀhlen davon. Woran?
Dresden. Montag nachmittag. Gegen 16.00 Uhr. Fussweg von der Arbeit am Albertplatz zum Hotel in der Prager StraĂe. Kurzer Schlenker in ein CafĂ© gemacht, danach zum Lesen in die Sonne gesetzt. DafĂŒr einen schönen Platz gefunden: am Altmarkt, da wo der alljĂ€hrliche Dresdner Weihnachts- bzw. Striezelmarkt stattfindet. Ein denkwĂŒrdiger Platz fĂŒr ein friedliches, harmonisches Markttreiben im Winter: dort wurden nach den alliierten Bombenangriffen vor vielen, vielen Jahren im Februar 45 knapp 7000 Leichen verbrannt. Wer geschichtsbewusst ist, weiĂ was damals passiert war - und das es auch kein âVersehenâ war, daĂ in dieser Nacht Dresden bombadiert wurde. Ein Kriegsverbrechen wie soviele andere - egal, von welcher Seite sie begangen wurden: Verbrechen bleibt Verbrechen. Dennoch: die Ursache von Kriegsverbrechen oder Kriegen an sich ist doch immer dieselbe: HASS. Hetze. MitlĂ€ufertum. GefĂ€hrliches Halbwissen. Nachgeplapper von idiotischen Parolen. Stammtischniveau. Aufwiegeln. Einen gemeinsamen Feind suchen, den man fĂŒr all die persönliche und gesellschaftliche Unbill verantwortlich machen kann. Wohin uns dieser HASS gefĂŒhrt hat, sollte jedem klar sein... und das wir einen solchen nie wieder brauchen, auch.Â
Ich sitze also da und lese: einen Krimi, nichts weltbewegendes. Einfach ein Buch zum Entspannen. Ohne viel nachdenken zu mĂŒssen. Als zwei Autos auf den Platz fahren und dem ersten Anschein nach normale Leute aussteigen. Die ersten stehen nur da, die zweiteren bauen einen Tapeziertisch mit vier weiĂen PlastikgartenstĂŒhlen auf - sogar mit Sitzkissen. Dann steht das erstmal so. Da denkt man sich ja nichts. V.a. da auf dem Platz ohnehin schon fĂŒr den Marktschreiertag ab Dienstag WĂ€gen usw. stehen. Also weiterlesen, dem Treiben wenig Beachtung schenken. 20 Minuten spĂ€ter kommen mehr Leute: zwei Motorradgangtypen mit Glatzen, Kutten inklusive AufnĂ€hern und allem was dazugehört. Auch zu einem der beiden Autos gesellen sich mehr Leute, vermutlich FuĂgĂ€nger. Dem ersten Anschein nach erinnern mich diese stark an Menschen, die im RTL-Nachmittagsprogramm auftauchen: enge Leggings bei 100kg, schwarze T-Shirts, Motorradjacken, Glatzen, Kippen und Bier in der Hand. Naja, kann ja nicht allen so gut gehen wie mir. Einer davon im Rollstuhl - der wird zwar kaum beachtet, aber immerhin...  Die andere Gruppe aus dem anderen Auto ist weg. AllmĂ€hlich kristallisiert sich heraus, daĂ die wohl doch alle zusammen gehören. Zumindest beschwert sich die anwesende HĂ€lfte lautstark darĂŒber, daĂ die andere HĂ€lfte irgendwo verschollen ist.Â
Weiterhin nichts dabei gedacht, auĂer: âNaja, gibtâs ja ĂŒberall, Leute, die offensichtlich auf Kosten des Staates leben (aus der Unterhaltung gelernt): nicht schön, aber ich werdâs nicht Ă€ndern können... love it, change it or leave itâ.
Kurz darauf taucht ein Kleinlaster auf: eine weitere Glatze steigt aus und es werden GetrÀnke ausgeladen, ein Dieselaggregat, Infomaterial, Flaggen, ... - und jetzt dÀmmert mir allmÀhlich, was das hier ist - auch weil einige jetzt T-Shirts tragen: PEGIDA! 5 Meter vor mir und meinem Buch. Auch links und rechts von meiner marmornen Sitzgelegenheit sammeln sich immer mehr, die die Rumstehenden wohl kennen... irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werde ich die einzige sein, die nicht dazugehört.
Ich höre eine Zeitlang zu; was untereinander geredet wird. Wie zufĂ€llig laufende Passanten angesprochen werden. Mit was fĂŒr einer gequirlten Scheisse (sorry fĂŒr das Wort) diese vollgetextet werden. Da soll Angst geschĂŒrt werden. Aber vor was? âIslamists not welcomeâ (ja klar... deutsche NationalitĂ€t aber englische Sprache verwenden...), âgenug ist genugâ âirgendwann kommt die Retourkutsche und dann Gnade Euch Gottâ, âĂberwachungsstaatâ, âĂberfremdungâ, âdie Frauenkirche soll keine Moschee werdenâ....Â
Irgendwann war mir schlecht von all dem Mist, aber neugierig wie ich bin, bin ich auf den Platz gegangen und wollte mir das ganze von vorne anschauen. Und ich war schockiert! Einfach nur schockiert! Und es war mir wirklich kalt, kĂ€lter als ich das kannte. Schlecht. Es hat mir das Herz zugeschnĂŒrt, mich eingeengt, beklemmt. Da waren Rentner (die so alt waren, DASS sie eben wissen mĂŒssten, wo HASS hinfĂŒhrt!!), Kinder (!!!), Eltern, Leute in AnzĂŒgen, Frauen, MĂ€nner, Jugendliche, ... ein bunt gefĂ€chertes Publikum. Mit Deutschlandfahnen: die schwarz-rot-goldene Variante. SpĂ€ter kamen immer mehr GĂ€ste mit einer anderen Fahne: die Farben waren rot-weiĂ-schwarz; in Kreuzform (vermutlich ist das erlaubt). GĂ€nsehaut und Ăbelkeit pur.Â
Unser âFreund und Helferâ stand auch parat: wie an einer Kette aufgereiht waren die VW-Busse zu sehen. Dabei wĂ€re sicher der eine oder andere auch gerne auf dem Platz gestanden. SprĂŒche wie oben - nur auf Banner aufgebracht. Merkels Regierung wurde als Diktaktur angeprangert... wenn Merkel eine Diktatur ausĂŒben wĂŒrde, wĂ€ren die auf dem Platz Anwesenden die ERSTEN, die verhaftet werden wĂŒrden. Aber die Intelligenz reicht bei DIESEM Publikum nicht aus, um sowas zu erkennen.
Erst dachte ich: um 18.00 Uhr legen die sicher los mit der Kundgebung, da war der Platz halb voll. Alle voller Begeisterung fĂŒr den braunen Dreck da vorne. Spendendosen wurden aufgestellt ... und rege befĂŒllt vom anwesenden Publikum. Der Tapeziertisch diente zur Mitgliederwerbung... und war ebenfalls sehr rege frequentiert. Ich wollte warten auf 18.00 Uhr, weil ich mir den Mist anhören wollte, zumindestens zum Teil; hab mich umgeschaut, ob ich irgendwo offensichtlich links oder liberal eingestellte Gegendemonstranten sehe: NICHTS.Â
Sogar ein paar Ordner gab es --- von der Motorradgang von vorhin.  N24 war zu Gast; interviewte queerbeet einige der âJĂŒngerâ, die auf dem Platz standen und auf den Start der Kundgebung warteten. Ich hatte irgendwie die Hoffnung, daĂ sie auch auf mich zugehen wĂŒrden. Ich hĂ€tte mit meiner Meinung und meinen GefĂŒhlen; nĂ€mlich dass mir wirklich sĂ€mtliche Haare zu Berge gestanden sind, nicht hinterâm Berg halten können. Es wĂ€re mir auch in dem Moment egal gewesen, ob ich den Platz nicht so verlassen hĂ€tte, wie ich ihn betreten habe. Ich hĂ€tte nicht anders handeln können... ich hĂ€tte mir auch danach noch in die Augen schauen können wollen. A apropos: selbst GOTT wurde fĂŒr diesen braunen Scheiss hergenommen: âGnade Euch, Gott, (wenn wir mit Euch fertig sind)â, âHier stehe ich und kann nicht andersâ (M. Luther)... wie dreist ist es von diesen Hirnlosen, gottesfĂŒrchtige Menschen, die ihr Leben lang von NĂ€chstenliebe(!!) gepredigt haben, fĂŒr so etwas zu verwenden??? Das ist nicht nur traurig, das ist nicht nur dumm - das ist infam!
Irgendwann war es mir zu schlecht und zu kalt - und los gingâs ja auch nicht: irgendwann hab ich mich deswegen auf den Weg ins Hotel gemacht. Das war noch ca. 1 km zu FuĂ entfernt. Und selbst auf dem Weg bis dorthin sind mir enorm viele Menschen mit Pegida-T-Shirts oder Flaggen ĂŒber den Weg gelaufen. Im Nachgang hab ich in der Zeitung gelesen, daĂ ca. 10.000 (!!!!) Menschen an diesem Tag bei der Kundgebung waren. Eine Gegendemo gab es wohl auch, aber weiter weg. Mit ein paar 100 Mann. Wenn ich da an MĂŒnchen denke: da sind auf der Gegendemo (die meistens nicht sonderlich weit weg ist und deren Ort usw. man sofort beim Googlen findet) meistens MEHR als auf der Pegida-Kundgebung...Â
Sind wir denn nicht alle einfach nur MENSCHEN? Egal, wo wir leben? Warum macht sich Empathie an Sprache, Hautfarbe oder NationalitĂ€t laut Pass fest? Es gibt doch genug Deutsche (und davon waren etliche auf der Demo), die sich auf Kosten anderer durchâs Leben schleichen? Arbeit verpöhnen; sich auf die Couch legen und andere schuften lassen - fĂŒr ihre Kippen und ihr Bier. Das ist doch viel âunsozialerâ wie das Verhalten einiger Asylanten oder Zuwanderer. Ist es nicht letzten Endes EGAL, warum sie in unser Land kommen? Keiner gibt gerne seine Heimat auf - weder innerhalb Deutschlands und schon gar nicht ĂŒber die Grenzen seines Landes hinaus. Wer geht denn bitte in ein anderes Land, dessen Sprache und Regeln er nicht kennt? Wenn er nicht muĂ? Jeder - auch die âAuswandererâ auf VOX (oder welchem Sender auch immer) gehen doch nur  nach âMalleâ oder wohin auch immer, weil sie sich versprechen, dort besser leben zu können. Sachsen ziehen nach Bayern, weil sie dort leichter einen Job finden. Ingenieure in die USA, weil es dort interessantere TĂ€tigkeiten gibt. Usw. usf. - ist das schlimm? NEIN. Wir sind alle Menschen und wir haben alle den natĂŒrlichen Wunsch, daĂ es uns gut geht und wir das beste aus dem bisschen Leben machen, das wir haben!Â