Zweitausendsechzehn. Das Jahr, in dem ich (erneut) versuchte, erwachsen zu werden. 365 Tage, in einem Satz beschrieben: Rau und golden, stürmisch, anstrengend, schmeichelnd, erkenntnisreich, leidenschaftlich und vernünftig, reich, arm, satt und schockierend. Warm und kalt. Vor allem aber schnell. Während ich versuche, diesen Rückblick zu wagen, der Zeugnis von einem weiteren vergangenen Jahr ablegt, blicke ich aus dem Fenster im Haus meiner Eltern auf den Garten. Der gefrorene Boden, mit einer dünnen, weißen Schicht überzogen, ist umgeben von kargen Gewächsen. Hier eine verdorrte Blüte, da ein übrig gebliebener Kohlkopf, dort eine zugefrorene Pfütze. Wie ein Stillleben breitet sich dahinter die Winterlandschaft aus. Die Konturen von Bäumen und scheinbar achtlos abgestellten Arbeitsgeräten und Anhängern zeichnen sich scharf vom Hintergrund ab. Am Horizont liegt ein eidotterfarbener Streifen Sonnenlichts, dessen Färbung mit jeder Minute an Intensität zunimmt...
In einem kitschigen Roman hätte ich diesen Rückblick vor wenigen Tagen fertiggestellt, mit einer Tasse Tee neben mir und irgendeinem verführerischen Duft in der Nase. Doch es kommt immer etwas dazwischen – Leben, Abendessen, eine Unterhaltung, Müdigkeit. Viele Gespräche, einige Nächte und Gedanken später mache ich mich nun daran, mein Werk zu vollenden. Ich blicke zurück auf ein Jahr, das mich mir selbst und anderen näher gebracht hat. Auf ein Jahr voller Zweifel und Hoffnung. Voller kleiner und großer Ausflüge, die meist nicht (nur) aus dem Drang, fortzugehen entstanden, sondern von der Sehnsucht nach lieben Menschen geprägt waren. Havanna im Januar hat mich ernüchtert und verzaubert zurückgelassen. Die stetigen Winde und sonnigen Nachmittage in der karibischen Metropole haben zu Jahresbeginn meinen Kopf befreit und mich ganz ruhig werden lassen. So gestärkt konnte ich mich nach meiner Rückkehr auf die Abschlussarbeit stürzen. Die damit verbundenen Erfahrungen und Gefühle – von nicht enden wollenden Recherchen über kleine Schreibblockaden bis hin zur nicht ausschließlich positiven Rezeption der Arbeit – ziehen sich wie ein roter Faden durch das Jahr. Erst Mitte Dezember kam auch die letzte Etappe meines Studiums zu einem (vorläufigen) Ende. Sehr beruhigend! Andere kurze Reisen (ent-)führten mich ebenfalls in die Welten geliebter Menschen: nach Zürich, Oldenburg, Göttingen, Lubniewice und – immer, immer wieder – nach hause. Tag für Tag bei einer Tasse viel zu starken Kaffees Milas verrückten Geschichten lauschen, als teilten wir schon immer den Alltag; freitagsmorgens wie zufällig im Kreis 4 auf Franz stoßen und gemeinsam durchs Wochenende schweben; mit Hannah auf ihre erste Ausstellung anstoßen und uns selbst und die Welt in Frage stellen; einen wundervollen kleinen Menschen mit strahlenden Augen und tollen Eltern kennenlernen; mit Artur zusammen über die zahllosen Anekdoten von Pan Andrzej staunen; mit meinem Patenkind (!) den ersten Geburtstag – und den ersten Schokoladenkuchen – feiern. All diese Momente und Orte verschwimmen zu einem wohligen Gefühl der Dankbarkeit.
Während ich häufig über mich und meinen Stand in der Welt nachgedacht habe, wird mir in diesem Moment vor allem klar, wie glücklich und stabil mein Ausgangspunkt, meine Berliner Basis ist. Das vergangene Jahr war auch hier, unter 3.520.031 Menschen und mehr, turbulent und ruhig, im stetigen Wechsel. Die Liebe, die ich für diesen Ort und seinen – für mich – wichtigsten Menschen empfinde, ist so stark wie noch nie. Die Zuneigung für die kleinen, unscheinbaren Dinge in meinem direkten Umfeld lässt mich Tag für Tag staunen und zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Ich wachse an der Grausamkeit und Zärtlichkeit, mit denen Berlin und das Leben hier die Menschen umgarnen und bin unglaublich froh über diejenigen an meiner Seite (nicht zuletzt Lili!), über die Privilegien, derer ich mich bedienen kann, wenn und wann ich mag. Auch dies haben Berlin und seine wunder-vollen Menschen mich im vergangenen Jahr gelehrt: einen selbstkritischen Umgang mit all dem, was ich bisher als normal oder gegeben wahrgenommen habe. Ein Hinterfragen nicht nur der Herrschenden, sondern vielmehr meiner Rolle im System von Herrschaft, Macht und Ohnmacht. Bam! So sitze ich nun da, gewahr der Tatsache, dass ich es mir in einer Blase gemütlich gemacht habe. Diese Blase liebe und fürchte ich zugleich und wünsche mir für 2017, dass ich einen Ausgleich zu schaffen vermag. Diffusion. Mut. Und Zuversicht.
Euch allen ein gutes, freundliches und in jedem Sinne ausgeglichenes neues Jahr!
Highlightbilder (2016 war nicht so fotogen) siehe unten...