Marlena lehnt sich mit einem Seufzen gegen das GelÀnder und schaut dann mit genervten Augen zu mir.
âEs ist schon wieder Nachtâ, sagt sie und in ihrem Ton schwingt der Vorwurf mit.
âNĂ€chte sind schönâ, ist alles was ich darauf antworten kann. Die Nacht trĂ€gt die Sterne in sich, den Mond, die Stille. Das GefĂŒhl, dass nichts so wirklich wichtig ist, das alles ein bisschen vergessen lĂ€sst.
âIch will wieder die Sonne sehen. Du hast es mir versprochen.â
âVersprechen kann sich jeder mal.â
Sie schnauft nur neben mir und starrt in die Ferne. Von dem Balkon aus lĂ€sst sich fast die ganze Gegend sehen. TagsĂŒber, wenn die Sonne das Flussbett schimmern lĂ€sst und die grĂŒnen WĂ€lder voller Leben die goldene Kraft auftanken. Zumindest hat es das letzte mal so ausgesehen, als es Tag war.
âUnd morgen?â, fragt sie jetzt und klingt ein bisschen niedergeschlagen. âOder wenigstens irgendetwas anderes als sternklarer Himmel.â
âDu hast immer gesagt, dass dir die Sterne gefallenâ, flĂŒstere ich. Als könnten meine Worte plötzlich etwas heraufbeschwören, wenn sie zu laut sind. Als ob sie dann eine neue Bedeutung bekĂ€men.
âDas war mal. Jetzt kotzen sie mich anâ, antwortet sie, und ich brauche nicht hinzusehen um zu wissen, dass sie weint.
âWie wĂ€re es mit Regen?â, schlage ich vor und die Wolken brechen ĂŒber uns zusammen, lassen das Wasser auf uns fallen.
âJetzt ist es noch dunklerâ, beschwert sie sich und sie hat Recht. Jegliches Licht vom Nachthimmel wird von dem Unwetter verschluckt, sodass wir uns nun in absoluter Finsternis befinden.
âDir passt es nicht, egal was ich mache.â
âDu weiĂt ganz genau, was ich will.â
In der Dunkelheit finden sich unsere Augen, ihre voller Wut. Einen Blick, den ich nur flĂŒchtig von ihr kenne. Es wundert mich fast, dass ich mich noch so genau daran erinnern kann. So sehr, dass ich fĂŒr den Bruchteil einer Sekunde glaube, sie wĂ€re echt.
âEs spielt keine Rolle, was du willst.â Das meine ich nicht herablassend. Es ist eher Resignation, Hoffnungslosigkeit, MĂŒdigkeit.
âIch verstehe nicht, warum ich dann hier bin.â
Nichts, was ich darauf sagen könnte. Stattdessen schaue ich zurĂŒck in die Ferne und lausche dem Regen. Ein gute Idee, der Regen. Ein bisschen Abwechslung ist in der Tat ganz nett.
âWolltest du nicht weglaufen?â, fragt sie dann etwas zögerlich.
âDu versteckst dich hier. Das hat nichts mit Laufen zu tun. Im Gegenteil, du steckst fest.â
âErfĂŒllt aber den gleichen Zweck.â
Marlena macht ein abfĂ€lliges GerĂ€usch, das Antwort genug ist und setzt sich auf den kalten Boden. Sie macht das immer, wenn es ihr zu viel wird, und auf einmal ist es das fĂŒr mich ebenso. Die KĂ€lte, die feuchte Luft, das Rauschen des Unwetters. Stille. Der sternklare Himmel ist zurĂŒck. Der Mond ist dieses Mal voller als zuvor, ein bisschen heller.
âIch warte irgendwo auf dich. Du hast versprochen, dass du mir folgstâ, erinnert Marlena in die Ruhe der Nacht.
âDu wirst mir nicht verzeihen. Es mĂŒssen Monate gewesen sein.â
âNatĂŒrlich wĂŒrde ich das verzeihen. Selbst, wenn es Jahre wĂ€ren.â
âWieso? Weil du dann keinen Grund mehr hast dich in diesem Nichts zu verstecken? Weil du dann das Versprechen halten mĂŒsstest, das du mir gegeben hast?â
Ihre HĂ€nde finden meine, reichen ein bisschen zu mir hoch bis ich nachgebe und mich neben sie hocke. Sie wandern, finden mein Gesicht, liegen sanft auf meiner Wange.
âWas hĂ€lt dich dann zurĂŒck?â
TrÀnen treten ungebeten in meine Augen, heià auf meiner Haut gegen die kalte Luft der Nacht.
âIch bin so mĂŒde. Ich schaffe das einfach nicht.â
âDas hier ist keine echte Nacht. Keine in der du schlafen kannst. Solange du nicht aufwachst, kannst du keine Ruhe finden.â
Nichts, das ich nicht schon wĂŒsste. NatĂŒrlich nicht. Es ist nicht so, als könnte sie irgendetwas sagen, dass ich nicht auch selber wĂŒsste.
Vorsichtig schaut sie mir in die Augen â nun wieder so sanft, wie ich sie am meisten kannte â lehnt sich nach vorn und legt einen Kuss auf meine Stirn. Wischt mit ihren Fingern die TrĂ€nen von meiner Haut.
âLauf fĂŒr mich. Bitte. Wach auf und lauf. Komm zu mir. Ich warte, versprochen.â
Ich nicke, wĂŒrde ich sprechen, wĂŒrde nur meine Stimmer versagen. Der Mond wird heller, bis er golden ist. GleiĂend. Bringt Farbe und den LĂ€rm des Tages.
Marlenas BerĂŒhrung ist nur noch wie ein Phantom auf meiner Haut. Es bleibt nichts mehr ĂŒbrig, auĂer aufzuwachen und zu gehen. So lange, bis sie wieder bei mir ist.