Paradigmenwechsel beim Thema Schulterschmerz
Was sagt die Studienlage zur Korrelation von Schulterenge und Schmerz?Â
Die PrĂ€valenz von Schulterschmerzen in der Bevölkerung ist hoch. Je nach Befragung schwankt die Zahl der Menschen, die unter Schmerz und FunktionseinschrĂ€nkungen der Schulter leiden, zwischen 7 und 27 Prozent. Bei Athleten mit Ăberkopfbelastungen sind es sogar 36 bis 66 Prozent.
Nahezu die HĂ€lfte der Patienten erhĂ€lt die Diagnose: âSubacromiales Schmerzsyndrom.â Diese Diagnose wird mittlerweile mit dem Begriff âImpingement-Syndromâ von vielen Ărzten und Therapeuten gleichgesetzt. Die traditionelle, biomechanische ErklĂ€rung fĂŒr das Impingement-Syndrom wirkt plausibel: Ein Einklemmen der subacromialen Strukturen zwischen Humeruskopf und Schulterdach fĂŒhrt unweigerlich zu Schmerzen und auch strukturellen SchĂ€den, wie beispielsweise Rotatorenmanschettenrupturen und damit zu Schmerz.
Aufgrund dieses ErklĂ€rungsmodells werden bis heute noch Tests wie der âPainful Arcâ, der âHawkins-Kennedy-Testâ, der âNeers-Testâ und der âEmpty-Can-Testâ fĂŒr die Diagnosestellung genutzt (siehe unserBericht vom 26.11.2020).
ZusĂ€tzlich versuchen Radiologen Schulterdachtypen zu finden, die ein Impingement-Syndrom begĂŒnstigen. Die Therapie richtet sich daher bis dato darauf aus, den subacromialen Raum operativ zu vergröĂern, beziehungsweise wird versucht durch manuelle Therapie, Training, Stretching oder Kinesio-Tape die Arthrokinematik des Schultergelenks zu verbessern, um mehr Platz fĂŒr den Humeruskopf, inklusive Tuberculum Majus, zu schaffen.Ăber die Sinnhaftigkeit der diagnostischen MaĂnahmen und der damit einhergehenden TherapieansĂ€tze wird seit geraumer Zeit heftig debattiert
Experten im Bereich der Schulterforschung fordern einen Paradigmenwechsel, weg vom Begriff âImpingement-Syndromâ hinzu Begriffen wie âsubacromiales Schmerzsyndromâ (SASS)oder âRotatorenmanschetten-bedingter Schulterschmerzâ. Sie begrĂŒnden diese Forderung mit:
âą der unzureichenden diagnostischen Genauigkeit der Impingement-Tests,
âą der offenbar groĂen biopsychosozialen KomplexitĂ€t von Schulterschmerz,
âą sowie mit der mittlerweile sehr eindeutigen Evidenzlage, dass eine Akromioplatik, also das chirurgische KĂŒrzen des Schulterdaches, keinen Mehrwert gegenĂŒber einer Placebo-Operation zu bieten scheint. (siehe unser Bericht vom 4.10.2018).
Die Datenlage legt den Schluss nahe, dass ein verkleinerter subacromialer Raum nicht mit Schmerzen und Funktionsverlust in Zusammenhang stehen könnte. Diese Hypothese wollten Forscher/innen aus Australien und DĂ€nemark prĂŒfen. Sie veröffentlichteneine Meta-Analyse mit entsprechender Fragestellung im renommierten Journal âScientific Reportsâ:
Die wissenschaftliche Datenlage
In ihrer umfassenden Recherche konnten die Forscher/innen 15 Untersuchungen finden, die die Kriterien erfĂŒllten. So konnten die Daten von insgesamt 755 Teilnehmern verglichen werden. Unter den Probanden befanden sich sowohl ânormaleâ Menschen als auch Athleten.
Der subacromiale Raum wurde durch zwei Parameter messbar gemacht. Entweder durch die Acromio-Humerale Distanz, also die kĂŒrzeste messbare Distanz zwischen Humeruskopf und Acromion oder das sogenannte âBesetzungs-VerhĂ€ltnisâ (Occupation-Ratio). Dieses beschreibt das VerhĂ€ltnis des eingenommenen Platzes im subacromialen Raum durch die Sehne des M. Supraspinatus.
Die Forscher konnten nach einer statistischen Analyse folgende Daten aus der vorhandenen Literatur ziehen:
1. Es konnte kein Unterschied in der Höhe des subacromialen Raumes zwischen Patienten mit einem SASS und schmerzfreien Probanden festgestellt werden. Untersucht wurden dabei 0 Grad, 45 Grad und 60 Grad Schulterabduktion. Leider zeigte nur eine Studie die GröĂe des subacromialen Raumes bei 60 Grad Abduktion. Technische HĂŒrden verhindern womöglich eine Untersuchung in gröĂeren Winkelgraden. Die Forscher merken an, dass Menschen mit einem höheren Besetzungs-VerhĂ€ltnis eine um fĂŒnf Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit zeigten, an Schulterschmerzen zu leiden. Dabei wird in dem Papier betont, dass dieser geringe Effekt auch durch Zufall entstanden sein könnte und wahrscheinlich nicht klinisch relevant sei
2. Ob die GröĂe des subacromialen Raumes mit der IntensitĂ€t von Schmerz und Funktionsverlust korreliert ist widersprĂŒchlich. Lediglich drei Studien untersuchten die Korrelation zwischen der GröĂe des subacromialen Raumes und der AusprĂ€gung von Schulterschmerz und Behinderung. Eine Studie zeigte keine Korrelation, wohingegen die beiden weiteren Studien Hinweise darauf gaben, dass ein gröĂerer subacromialer Raum mit geringeren Schmerzen und Funktionsverlusten assoziiert sein könnte.
3. Studien, die den Effekt konservativer TherapieansĂ€tze bei einem SASS untersuchten, konnten keine signifikanten GröĂenverĂ€nderungen des subacromialen Raumes durch die konservative Therapie nachweisen. Dabei wurden PendelĂŒbungen, mit und ohne Gewicht, sowie trainingstherapeutische AnsĂ€tze untersucht. Interessanterweise berichteten diese Studien, trotz des ausbleibenden biomechanischen Effektes, ĂŒber signifikante Effekte auf Funktion und Schmerz.
Die lang verbreitete Hypothese, komprimierte subacromiale Strukturen fĂŒhrten zu einem SASS, scheint aufgrund der bisherigen Forschung und der Ergebnisse dieser Meta-Analyse wenig plausibel zu sein. Ein kleinerer subacromialer Raum fĂŒhrt weder zwangslĂ€ufig zu Schulterschmerzen, noch muss dieser in irgendeiner Form erweitert werden, um positive Therapieergebnisse zu erzielen.
Die Autoren fordern: âKliniker und Wissenschaftler sollten sich auf andere biopsychosoziale Faktoren fokussieren, die relevanter fĂŒr die Entstehung eines SASS sein könnten.â Beispielsweise konnte in vergangenen Untersuchungen eine Korrelation zwischen einer SchwĂ€che der Rotatorenmanschette und einem SASS gezeigt werden. Eine KrĂ€ftigung dieser Muskulatur fĂŒhrt offensichtlich zu Erfolgen in der Therapie.
Es scheint wahrscheinlich, dass das Krankheitsbild sich hĂ€ufig als eine Art Rotatorenmanschetten-Tendinopathie darstellt, bei der es zu ergrĂŒnden gilt, welche Faktoren fĂŒr die Sensibilisierung der Strukturen zustĂ€ndig sind. Neben Ăberbelastung stehen mentale und emotionale Gesundheit mit der AusprĂ€gung von Schmerz und Funktion bei Schulterschmerzen im Zusammenhang. Wie sich diese Faktoren optimal beeinflussen lassen, mĂŒssen kommende Studien zeigen.