Epilog
Die Fähre ist heute Nacht trotz der üblen Geräusche nicht auseinander gebrochen. Ich habe irgendwann auch noch (ganz gut) geschlafen. Jetzt bin ich in Cherbourg gelandet. Der Verkehr läuft wieder richtig auf der rechten Seite. Dafür sprechen die Menschen eine seltsame Sprachen. Dieses soll mein letzter Eintrag ins Logbuch sein, auch wenn die Tour noch nicht ganz vorbei ist. Von Cherbourg fahre ich noch bis nach Hause und das könnte durchaus nochmal eine Woche dauern. Vielleicht schaffe ich ja nochmal die eine oder andere Tagesetappe mit 200 km in guter alter Erinnerung an Trainingsfahrten mit Markus in einem früheren Leben.
Aber ich freue mich, dass es auf einer Radreise überhaupt mal wieder mit dem Schreiben von Berichten geklappt hat. Eigentlich macht mir das Spaß, aber die letzten Einträge in meinem Reiseblog waren trotzdem schon sechs Jahre alt. Dazwischen hatte das Leben diverse andere Herausforderungen. Vielleicht traue ich mich für die nächste Reise ja auch mal wieder an einen Flughafen um meine Weltreise fortzusetzen. Daheim liegen alle Teile um mir ein Bike Friday mit Scheibenbremse zusammen zu bauen. Und meine Tochter ist gerade auf Weltreise (ohne Fahrrad) und ich könnte sie demnächst vielleicht irgendwo in Südamerika besuchen und danach noch etwas radeln …
Aber hier ist erstmal mein Fazit dieser Tour. Was war gut und was war schlecht. Ich fange mit den schlechten Dingen an, steigere mich zu den ganz schlechten, bevor ich zu den guten Dingen komme und mit den Highlights aufhöre.
Die Top 10 der schlechten Dinge:
10 Englisches Wetter. Was erwarte ich auch, wenn ich nach England fahre? Gut das ich die volle Ladung Regen gleich ab dem zweiten Tag hatte um mich mal von allen falschen Vorstellungen zu befreien. In Irland hatte ich mehr Glück und deutlich weniger Regen, aber wegen mir darf es unterwegs ruhig noch trockener und wärmer sein. Nächstes Mal fahre ich wieder in andere Breiten.
9 Englischer Linksverkehr. Der Verkehr nervt ja sowieso auf jeder Radtour und auch sonst, aber wenn dann noch alle in die falsche Richtung fahren und ich im Kopf nie klar kriege, wohin ich gucken muss, dann ist das noch doofer.
8 Englische Radwege. In Belgien und Frankreich hatte ich mich noch geärgert, dass die Radwege nicht mehr so toll sind wie in Holland. Aber in England fand ich die Fahrradinfrastruktur nochmal deutlich schlechter. Als ich nach ein paar Tagen gelernt hatte, das weitgehend zu ignorieren kam ich deutlich besser klar.
7 Englisches Netzteil. Ich habe ja immer Freude an einem minimalen Reisegepäck und finde mein jetziges Set-Up auch ziemlich gut. Da gibt es nix mehr was ich unterwegs vermisse und auch kaum etwas, was ich noch zuhause lassen möchte. Passt auch alles ziemlich genau in zwei kleine Ortliebtaschen. Aber diese gigantischen Stecker, die die Briten benutzen, versauen einem das ganze Packkonzept. Das Netzteil, was ich in England gekauft habe füllt allein meinen halben Kulturbeutel aus.
6 Fischgeruch. Am Anfang der Tour habe ich sehr oft Fischkonserven gegessen. Die haben mir auch immer prima geschmeckt. Mal als Fischbrötchen und mal als direkt aus der Dose gelöffelt. Nur jetzt stinkt mein Picknick-Beutel, der gleichzeitig auch mein Wanderrucksack ist, ziemlich fischig. Ich habe schon alles mehrfach ausgespült und gewaschen, aber der Geruch ist ziemlich hartnäckig. Schlimmer wie meine Füße.
5 Hostelläuse. Vielleicht waren es auch Flöhe oder Irische Vampirwürmer oder was weis ich für Viecher. Vielleicht waren sie auch nicht aus dem Hostel, aber das erscheint mir durch die Dichte der Menschen dort schon sehr plausibel. Auf jeden Fall hat es fürchterlich gejuckt und ich bin gerade froh, das alles wieder abklingt. Am besten reise ich nächstes Mal wieder in ein wärmeres Land in dem ich häufiger zelten und ins Meer springen kann.
4 Lärm. Die Welt wird immer lauter. Anscheinend nervt mich das mehr wie andere Menschen. Jedes Gerät sondert mittlerweile irgendwelche Piep- und Alarmtöne ab. Fußgängerampeln tuten und quieken einen an. Im Supermarkt gibt es immer mehr Durchsagen und Alarmtöne. Ständig schrillen irgendwo Alarmanlagen oder Sicherheitswarnungen, die keiner mehr ernst nimmt.
3 Knack-Knack. Am meisten nerven mich die eigenen Geräusche. Das schöne an einem Fahrrad ist ja, dass es kaum Geräusche macht. Umso störender ist das Knackgeräusch aus dem Tretlagerbereich. Nach der „Reparatur“ in England war es ja ein paar Tage komplett weg. Dann fing es mit einem leichten, gelegentlichen „Nic“ wieder an und entwickelte sich nach mehreren Tagen zu einem ausgewachsenen, regelmäßigen „Knack“. Gestern war es dann schon ein Doppelton bei jeder Pedalumdrehung: „Knick-Knack“. Ich glaube auf die nächste Radtour sollte ich doch etwas mehr Werkzeug mitnehmen oder zumindest etwas gängigere Teile verbauen, damit ein „Experte“ mir vor Ort weiterhelfen kann. Ich hoffe für meine letzten 900 km bis nach Hause bekomme ich das noch entschärft. Der „Experte“ hat übrigens Kopfhörer empfohlen.
2 Verkehr. Egal wohin die Reise geht, der unendliche Strom an Blechkisten ist immer das Nervigste. Das wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Alle Hoffnungen, dass sich das Mobilitätsverhalten der Menschen durch Klimawandel oder Spritpreise mal grundlegend ändern könnte, habe ich begraben. Elektroautos nerven auch nicht weniger als Verbrenner. Wenn man dem entgehen will, bleibt einem wohl nur sich ganz in die „Wildnis“ zurück zu ziehen.
1 Keine Christine. Bei allem Ärger über Wetter, Läuse, Lärm, Autos, Motorräder, … das schlechteste an dieser Radtour war ganz eindeutig, dass meine Frau nicht dabei war und ich die schönen Momente nicht mit ihr Teilen konnte. Ich weiß, dass solche Radreisen nichts für sie sind, aber nach dieser „Übung“ in Linksverkehr traue ich mich ja vielleicht doch mal mit dem Campervan auf die Insel. Im Süden gibt es noch einiges zu entdecken.
Die Top 10 der guten Dinge:
10 Kaffee. Das es im Land des Tees soviel guten Kaffee und soviel nette Cafés gibt, hat mir jeden Tag mehrmals Freude gemacht. Und wenn es mal kein Café gab, dann gab es im nächsten Supermarkt, Kiosk oder Tankstelle einen guten Kaffeeautomaten von Costa (oder einem der Nachahmer).
9 Gelbe Regenjacke. Niemals wollte ich so eine knallgelbe Regenjacke haben. Aber seit der Reißverschluss meiner alten Jacke mitten im englischen Dauerregen das Zeitliche gesegnet hat, bin ich sehr froh darüber. Sie ist nicht so leicht und atmungsaktiv wie meine alte Goretex-Jacke, aber sie hat mich oft gewärmt und trocken gehalten und ich staune wie gut so eine Jacke für £ 25 sein kann.
8 Irische Seitenstreifen. Nach den bescheidenen Radwegen in England habe ich mich so oft über diese einfachen Seitenstreifen in Irland gefreut. Man kommt auf einer großen Straße mit viel Verkehr schnell voran und ist trotzdem ganz entspannt.
7 Blick in Spiegel. Seien wir ehrlich. Wir sind alle eitel und nach ein paar Wochen auf dem Rad macht es einfach wieder richtig Spaß, sich im Spiegel zu sehen. Da hängen einige Kilogramm Fett weniger am Körper rum. Schade nur dass der Körper meint, er kann auf Radtour ruhig auch Muskelgewebe vom Oberkörper verbrennen.
6 Stonehenge & andere Steine. Neben Stonehenge standen auch Snowdonia und der Giant‘s Causeway auf der Liste der 101 Orte, die man unbedingt besucht haben soll. Auf der Liste kann ich jetzt also drei weitere Haken machen. Es waren auch alles würdige Sehenswürdigkeiten mit entsprechend vielen Touristen. Das beste ist, dass solche Orte einem überhaupt einen Anlass geben zu reisen.
5 Game of Thrones. Wie sagt Tyrion Lannister in der letzten Folge: „There is nothing more powerful than a good Story“. Eigentlich wollte ich Game of Thrones nie gucken. Ich gucke auch sonst wenig Serien. Außerdem war ich genervt weil ich die Bücher gelesen bzw. als Hörbuch gehört hatte und diese nie zu einem Ende gefunden haben. Angefangen habe ich dann erst als ich mit Krebs zuhause lag, irgendwie die Tage rum kriegen musste. Ich wusste, dass die Fernsehserie mittlerweile weiter ist als die Bücher und dachte, dann kann ich mir ja anschauen, wie die Geschichte ausgeht. Richtig übergesprungen ist der Funke dann als ich bei dem gescheiterten Versuch wieder mit Rad zu reisen in Pamplona im Hotel lag und im Fernsehen etwas über Drehorte ganz in der Nähe gesehen habe. Die habe ich dann gesucht und besucht. Aber auch unabhängig von meiner persönlichen Verbindung finde ich faszinierend, wie die Serie zu einem internationalen Kulturphänomen geworden ist. Geschrieben von einem amerikanischen Autor. Produziert von einem amerikanischen Fernsehsender. Realisiert in einem nordirischen Filmstudio mit spektakulären Drehorten in Marokko, Malta, Spanien, Kroatien, Island, die heute alle dazu beitragen, dass der Tourismus in Nordirland boomt und neben vielen spanischen Touristen auch mich hierher gelockt hat.
4 British Breakfast. Die Art und Weise wie Briten frühstücken gefällt mir wirklich super und hat es nur ganz knapp nicht in die Top 3 meiner Radreise nach Westeros geschafft. Am liebsten habe ich das Frühstück so gegen 12 Uhr oder auch später. Sehr gerne habe ich auch die irische Variante genommen, die sich nur in Details unterscheidet. Oft gibt es da noch einen Black und/oder White Pudding dazu. Das schmeckt so ähnlich wie Haggis in Schottland oder Punken und Knipp, die mein Vater früher beim Schlachten gemacht hat.
3 Pubs. Ein echtes Highlight der ganzen britischen Inseln sind natürlich die Pubs. Ich mag den Stil in dem sie eingerichtet sind und die Art und Weise, wie hier verschiedenste Menschen ganz locker zusammen kommen. Ich trinke gerne Stout, was man auch in jedem englischen Pub bekommt. Oft gibt es Live-Musik. Häufig ohne großes Tam-tam. In einer Ecke sitzt einfach jemand und spielt Gitarre, Fidel oder Flöte. Der Höhepunkt der Pub-Szene war natürlich Dublin und es wäre schön, wenn ich hier mal mit meinen Söhnen herkommen könnte.
2 Irische Landschaften. Einsame Straßen. Große kahle Berge. Laut umtoste Klippen. Dazwischen immer wieder Palmen, die mich jedesmal erstaunt haben. Der Wind und der salzige Geruch des Meeres. Unendlich viel grün. Natürlich sieht Irland nicht überall so aus, aber es gibt diese wunderschönen, wilden Abschnitte. Die Fahrt durch Connemara und die Nacht an Malin Head waren meine eindeutigen Höhepunkte der Reise.
1 Viel, viel Bewegung. Das ist das beste an jeder Radreise. Das Leben ist einfach. Zumindest für mich. Man muss viel weniger Entscheidungen treffen und hat viel mehr Bewegung. Abends ist man erschöpft und hat ein gutes Gefühl. So einfach und so schön. Unter diesen Bedingungen komme ich mit der Gadolinium-Belastung am Besten klar. Es wäre schön, wenn ich zuhause mal ein ähnliches Level erreiche, wo es mir 80 oder sogar 90 Prozent der Zeit gut geht und ich nur zwischendurch mal ein paar vernebelte Stunden in mein Logbuch eintragen muss. Ich habe mir (mal wieder) viel überlegt, was ich noch tun kann um dahin zu kommen. Aber ich habe auch schon ganz oft erlebt, wie alle diese Pläne daheim ganz schnell wie ein Kartenhaus zusammen fallen. Also lasse ich das mit den vielen Plänen und Vorsätzen besser und versuche einfach mich an dem zu erfreuen, was noch funktioniert. Zum Beispiel die nächste Radreise. Meine Tochter ist gerade in Guatemala …










