I.
Als am sechsten Tag des Juno
sie das Kind endlich gebahr,
ward sie sich seiner Geschichte
absolut noch nicht gewahr.
Doch sie nannt' es Maximilian,
er wog knapp dreitausend Gramm,
und er schrie mit tausend Kehlen,
als sie in den Arm ihn nahm.
Die Hebamme schrieb den Namen
jenes Kindes auf ein Blatt,
das, in wohlgerÀumten Staaten
jeder Mensch am Anfang hat.
So ward er als Mensch bestÀtigt,
durch ein dĂŒnnes StĂŒck Papier,
das er brauchen wĂŒrde spĂ€ter,
auf den Ămtern, da und hier.
DrauĂen warf der Himmel Eimer
auf der StraĂen grau'n Asphalt,
Trommeln auf den Fensterscheiben,
das im Innern widerhallt'.
Jenes Trommeln kalten Regens
blieb dem Kinde wohl im Ohr,
und es prĂ€gte fĂŒr sein Leben
ihn vom ersten Tage vor.
Maximilian, zitternd, winzig,
wie er an der Mutter Brust
Ă€ngstlich saugte, war sich dort schon
seiner Zukunft gleich bewusst.
Jenes Trommeln, wie ein Beben,
warf ihn frĂŒh schon aus der Bahn,
und sein Lebensweg, er folgte
einem aussichtslosen Plan.
II.
Wenig spÀter, ein paar Jahre
waren schon durchs Land geflohân,
wohnte er, wie tausend andâre,
deren Eltern ohne Lohn.
Wo sein junger Blick auch weilte,
nur Beton als Horizont,
doch er kannte es nicht anders
- ja, wie hÀtt' er's auch gekonnt?
Vor dem Haus war schon die StraĂe,
gleich dahinter war ein Haus,
hinter jenem ging's so weiter,
und danach sah's gleichsam aus.
Dass als Knirps von ein paar Jahren
solcher Anblick wenig stört,
scheint erwartbar, doch der Kleine
fand sein Leben unerhört.
Denn er kannt' es zwar nicht anders
doch in seinem MĂ€rchenbuch,
lebten eingemauert jene,
die belegt mit einem Fluch.
Und wie eng das Viertel wÀre,
wie ein Kerker aus Beton,
hörte er die Menschen sagen,
wenn er saĂ auf dem Balkon.
Darum wusste Maximilian,
dass ein Fluch auf ihn gelegt,
wenig Hoffnung, ihn zu brechen
ward ihm dorten angeregt.
Jeder Tag lieĂ ihm sein Bangen
gröĂer werden, Jahr um Jahr,
und der Fluch blieb auf ihm liegen,
ihm, der eingekerkert war.
III.
Eines Morgens dann, er war schon
sieben Jahre an der Zahl,
nahm die Mutter ihn zur Schule
mit, in einen groĂen Saal.
Dort begrĂŒĂte man die Kinder
mit Programm und mit Musik,
und der kleine Max er lauschte
wie benommen, und er schwieg.
Die Kapelle seiner Schule
spielte ihre Trommeln hart,
und die SchlÀge trafen grausam
jenen Jungen, klein und zart.
Der Direktor sprach gehoben
von der Zukunft, laut und klar,
alle Eltern nickten - wissend,
wie das Leben wirklich war.
Als die Rede dann beendet,
wies man Max in die Eins b
zu Frau Heinrich, hochgeschlossen,
streng vom Kopfe bis zum Zeh.
Doch verbarg sie noch ihr WĂŒten
vor den Kindern, jung und frisch,
setzte jedes, wohl geordnet,
hinter einen kleinen Tisch.
âGuten Morgen, meine Klasse,
ich bin Eure Lehrerin,
seid willkommen, Jungs und MĂ€dels,
hier zu Eurem Schulbeginn!â
Und die Kinder saĂen, schauten,
fĂŒr sie war noch alles neu,
so auch Max, in seinen Augen
tanzte Schaudern und auch Scheu.
IV.
Jene Scheu der ersten Stunde
blieb erhalten ihm als Tic,
als ein Zucken seiner Wimpern,
als ein Flackern ihm im Blick.
Wohl, er lernte fleiĂig lesen,
zÀhlte schnell bis hundertzehn,
sang die Lieder aus den BĂŒchern
und im Sport blieb er nie steh'n.
Doch er konnte nie ruhig sitzen,
wollte nicht gefesselt sein,
hinter BĂ€nken, die ihn hielten
unbeweglich, still und klein.
Diesen Drang, sich zu bewegen,
nahm Frau Heinrich Maxim krumm,
und sie schrieb ihm auf sein Zeugnis:
âZwar bemĂŒht, doch etwas dumm.â
Seine Mutter, die ihn liebte,
schrie ihn an, was er gedacht,
ihr so Kummer zu bereiten,
die ihn auf die Welt gebracht.
Und sie sandte ihn fĂŒr Tage
auf sein Zimmer, wo er saĂ
und mit TrÀnen in den Augen
seinen Ărger in sich fraĂ,
durch die Fensterscheiben starrte,
gegenĂŒber auf die Wand,
die dem Blick hinaus ins Weite,
unbeugsam entgegen stand.
Deshalb schloss er seine Augen,
trÀumte sich alleine frei,
und entfloh so seinem Kerker,
fort von Enge und Geschrei.
V.
Als das Schuljahr neu begonnen,
war er schlieĂlich ruhig, und lief
seiner Wege nur im Kopfe,
wenn er trÀumte, wenn er schlief.
Hinten auf den letzten StĂŒhlen
fand er dazu reichlich Zeit,
flog mit Vögeln in den LĂŒften,
weiter noch als endlos weit.
Nur Frau Heinrich, die dies spĂŒrte,
wollte nicht, dass er entflog,
und sie tat, was ihr nur möglich,
damit er sich ihr verbog.
Eines Morgens, als die Sonne,
ihre ersten Strahlen warf
durch die blassen Fensterscheiben,
gleiĂend hell, fast messerscharf,
und das Stundenklingeln drÀngte
durch das alte Schulhaus schrill
- Maximilian saĂ am Fenster,
so wie immer, friedlich still -
als Frau Heinrich in die Klasse
schnellen FuĂes schritt und rief:
âGuten Morgen, meiner Kinder!â
im Gesicht das LĂ€cheln schief,
grĂŒĂten alle. Max alleine,
der auf Sonnenstrahlen ritt,
schwieg, ein GlÀnzen in den Augen,
nahm vom Rest der Welt nichts mit.
âMaximilian!â rief Frau Heinrich,
âlangsam reicht es mir mit Dir,
Du stehst heut die ganze Stunde
- los, bevor ich mich verlier!â
VI.
Noch recht oft stand Maximilian,
wenn Frau Heinrich so befand,
doch egal, er ignorierte
sie - auch dann noch, wenn er stand.
FĂŒr ihn blieb ein Kerker Kerker,
er war doch nur ein Statist,
den man lehrte, zu begreifen,
dass das Leben trostlos ist.
Weiter dieses Leben leben,
das ihn an die Wand gestellt,
war ihm nichts, er wollte fliehen,
nicht nur trÀumen von der Welt.
Doch so lange ihn die Schule
als Gefangenen festhielt,
spielte er den bösen Buben
- und er wusste, wie man spielt.
Und so lange auch die Mutter
nicht verstand, was ihn so trieb,
wurde ihm auch sein Zuhause
Tag um Tag nur wen'ger lieb.
Was ihm blieb, war bloĂ der Schulweg,
jene tausend Meter GlĂŒck
zwischen Wohnblock und der Schule,
einmal hin, einmal zurĂŒck.
Jener Gang von tausend Metern,
ohne jeden Zorn im Ohr,
kam ihm, jedes Mal aufs Neue,
wie ein Weg in Freiheit vor.
Selbst wenn stets an seinem Ende
ein GefÀngnis ihn empfang,
ging er doch, voll sĂŒĂer Freude,
diesen einen Weg entlang.
VII.
Feucht lag still ein frĂŒher Morgen,
seinen Schulweg Maxim ging,
aus den Regenrinnen tropfte
Nebel, der an DĂ€chern hing.
Wie so viele Wege vorher
schritt er glĂŒcklich durch den Tag,
zÀhlte Schritte, Gehsteigplatten,
was ihm auch vor Augen lag.
Plötzlich streiften leichte Schauer,
seltsam kĂŒhl, Maxims Genick,
zogen seinen RĂŒcken abwĂ€rts,
lieĂen eine Spur zurĂŒck,
wanden sich um seine HĂŒften,
zogen sich um seinen Bauch,
raubten Maxim seinen Atem,
ihm blieb nur ein schwacher Hauch.
Jenes Tropfen aus den Rinnen
schwoll zu einem BrĂŒllen an,
wie ein Trommelwirbel klang es,
Wasser wie in FlĂŒssen rann
vor den FĂŒĂen Maximilians,
der dies atemlos besah,
der vor Angst und leeren Lungen
einer Ohnmacht schon sehr nah.
Nur Sekunden fiel der Regen.
Als der Morgen wieder schwieg,
blickte Max, voll Furcht noch zitternd,
wie Kind nach einem Krieg.
Und der Schulweg, der geliebte,
wurde ihm dann zur Tortur,
seit dem Tag blieben zur Freiheit
Maxim seine TrÀume nur.
VIII.
In der Schule konnt' er folgen,
zeigen mochte er dies nicht,
und so zogen seine Lehrer
streng mit Maxim ins Gericht.
âAus dem wird nichtsâ, sagten alle,
und Maxim gab ihnen Recht,
denn er sprach kaum, und er schrieb dann
- wenn er schrieb - auch meistens schlecht.
Einzig Malen lieĂ ihn leuchten,
wenn eine leeres weiĂes Blatt,
unbeschrieben, ihn zum Schaffen
freundlich eingeladen hat.
Wenn Max malte - und er malte,
wenn er malte, wie von Sinnân,
wanden StraĂen, winzig, endlos,
sich in weiten TĂ€ler hin.
Seine Menschen trugen HĂŒte
und den Wanderstock im Griff,
reisten durch die Welt, und nahmen
dazu Bus und Bahn und Schiff.
Hoch am Himmel zogen Vögel,
majestĂ€tisch, wohl gen SĂŒd,
wo im Winter - selbst im Winter -
jede Blume duftend blĂŒht.
Wie ein Fenster in die Ferne
war das Zeichnen fĂŒr das Kind,
und es flog mit jenen Vögeln,
leicht, getragen durch den Wind,
bis das Stundenklingeln schrillte
und die FensterlÀden schloss,
bis Max mit dem Farbenwasser
alles in den Abfluss goss.
IX.
Nur mit MĂŒhe schleppte Maxim
sich von Klasse zwei bis vier,
lieĂ die Tage zieh'n vorĂŒber,
von der Schul- zur WohnungstĂŒr.
In der fĂŒnften Klasse schlieĂlich
kam, was lange jeder wusst',
dass Maxim, am End' des Jahres
dieses wiederholen musst'.
Klassenlehrer rieten eifrig
einen Sonderlebensweg.
âNur mit Sonderschulbetreuung,â
schrieb der Schulleitungsbeleg,
âist dem Jungen noch zu helfenâ
- und die Hoffnung war nicht groĂ.
BloĂ, das mochte man nicht schreiben,
Hauptsache, man war ihn los.
Das Kolleg bot Maxims Mutter
âim Vertrauenâ seinen Rat,
die, verzweifelt, ĂŒberredet,
fĂŒr den Sohn das Falsche tat.
Schickte fort ihn hinter Mauern,
auf ein graues Internat,
voll mit SonderpÀdagogen,
die, bezahlt von Vater Staat,
Max in seine Schranken wiesen,
die doch ihre Schranken warân,
und die KrÀnkung lieà ihn brechen,
seinen Lebenswillân erstarrân.
Fortan trÀumte Maximilian
nicht von Vögeln, nicht vom Meer,
fortan blieben weiĂe BlĂ€tter
nicht nur weiĂ, sondern auch leer.
X.
Hinter dicken, kalten WĂ€nden,
wenn der Regen drauĂen fiel,
starrte Max, stetig am Zittern,
in das nasse Trommelspiel.
War gebor'n in Mauerschluchten,
ringsherum stets nur Asphalt,
seine BlĂŒte blieb geschlossen,
wurde nur zwölf Jahre alt.