Um ihre Brötchen zu verdienen, setzen FachanwĂ€lte, Medienagenturen, Detekteien und Personalabteilungen schon lĂ€ngst nicht mehr nur auf ihre Kernkompetenzen. Vor einigen Jahren entdeckten sie das amerikanische âUnion Bustingâ (Union = Gewerkschaften, âBustingâ, von âto bustâ = sprengen). Darunter versteht man etwa die Verhinderung oder Manipulierung von Betriebsratswahlen, VorteilsgewĂ€hrung fĂŒr unternehmerfreundliche BetriebsrĂ€te, KĂŒndigungen oder gezieltes Mobbing selbstbewusster Arbeitnehmer und die Verhinderung von kritischen Presseberichten. Publizist Werner RĂŒgemer und Journalist Elmar Wigand recherchierten, inwieweit das PhĂ€nomen in Deutschland verbreitet ist. Im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung (OBS) schrieben sie die Studie âUnion-Busting in Deutschlandâ. Ihr Buch âDie Fertigmacher â ArbeitsUnrecht und professionelle GewerkschaftsbekĂ€mpfungâ erscheint im Oktober bei papyrossa. Auf Einladung der Hamburger Gewerkschaftslinken und ver.di Fachbereich 13 erlĂ€uterte Elmar Wigand im Hamburger Curiohaus seine Recherchen . âIch war richtig wĂŒtend ĂŒber die gravierenden Ungerechtigkeiten, auf die ich gestoĂen binâ, sagte er. Wigand & Co wollen mit ihrer Initiative aktion ./. arbeitsunrecht nun eine Gegenstrategie entwickeln.
Von Kerstin Völling
Elmar Wigand hat etwas gegen Arbeitgebertage. Ganz besonders hat er etwas gegen die Arbeitgebertage, die vom 23. bis zum 25. September in Hamburg stattfinden. Die nĂ€mlich veranstaltet die BWRmed!ia. Was als seriöse Beratungsfirma daher komme, sei in Wahrheit eine der schlimmsten Union-Busting-Institutionen in Deutschland, sagt Wigand. âVon der Agentur werden beispielsweise âAbmahnungsnotfallkofferâ vertrieben oder Anleitungen mit der Ăberschrift `âStreikbruch durch Leiharbeiter â.â Von entsprechenden Blattsammlungen und Seminaren, die auf solchen Arbeitgebertagen angeboten wĂŒrden, wisse er.
Keinesfalls sei die BWRmed!ia ein vereinzeltes Schwarzes Schaf. Unter âaggressiv gegen Arbeitnehmer arbeitendâ stuft Wigand neben der bereits aus einschlĂ€gigen Presseberichten bekannten Kanzlei von Helmut Naujoks noch eine Menge weiterer Kanzleien ein: Ruge und Krömer, die sich durch rigorose Betriebsratsverhinderung bei TNT Post in Nordrhein-Westfalen hervorgetan habe, die Internationale Anwaltsgesellschaft Allen & Overy, die sich den wegen Union Busting bekannten Juristen Thomas Ubber 2011 in Haus holte, sowie Schreiner und Partner und auch die Gemeinschaftskanzlei Buse/ Herberer/ Fromm, die jĂŒngst durch die Zerschlagung des Betriebsrates bei Maredo aufgefallen sei. Doch die AufzĂ€hlung sei nicht abschlieĂend. âDer Prozess ist dynamisch, auch kleinere Kanzleien ĂŒbernehmen jetzt immer öfter Union-Busting-AuftrĂ€geâ, weiĂ Wigand.
Markant: Viele Union-Busting-Kanzleien haben ihren Sitz in Hamburg. âDie Hansestadt ist immer noch das Tor zur Weltâ, erklĂ€rt der Referent. Seit dem Fall der Mauer 1989 habe sich die Wirtschaft in Deutschland viel schneller als zu Zeiten des Kalten Krieges liberalisiert. So sei mit einer neuen Unternehmensphilosophie auch das Union Busting aus den USA nach Deutschland importiert worden. Schon 1991 habe es erste BetriebsratsbekĂ€mpfungen etwa bei BMW gegeben. Die IntensitĂ€t des Union Bustings habe sich mit der Deregulierung des Arbeitsmarktes unter der rot-grĂŒnen Regierung aber noch einmal deutlich verstĂ€rkt. Wigand: âWer ĂŒber Leiharbeit in ein Unternehmen kommt, fĂŒr den ist der Betriebsrat vor Ort nicht zustĂ€ndig. Und wer nur befristet angestellt ist, wird in der Regel nicht aufmĂŒpfig, weil er um seinen Arbeitsplatz fĂŒrchtet.â
âLinke Bewegungen haben Akteure wie Anwaltskanzleien und Steuerberater leider kaum auf ihrem Radarâ, bedauert Wigand. âDabei sind sie es oft, die die Arbeitgeber erst auf Ideen bringen.â
So teilten diese Spezialisten fĂŒr Union Busting beispielsweise Arbeitnehmer in Gruppen ein. Wigand: âIn den Augen der Union-Busting-Experten gibt es nur vier Arten von Mitarbeitern: den âRising Starâ (aufsteigenden Stern), das âWorking Horseâ (Arbeitspferd), das âProblem Childâ (Problem-Kind) und das âDead Woodâ (Totholz).â Diese Einteilung verĂ€ndere den bis dato existierenden Eindruck der Chefs und Supervisor auf ihre Mitarbeiter grundlegend. âHaben sie die Belegschaft erst einmal in die vier Kategorien eingeteilt, so wird ihnen empfohlen, sich von den beiden unteren zu trennenâ, erklĂ€rt Wigand. Wobei kritische Arbeitnehmer, die sich eigentlich nur fĂŒr ihre Rechte stark machten oder auch solche, die noch alte VertrĂ€ge hĂ€tten und damit fĂŒr den Arbeitgeber teurer seien, schon als Problemkinder gelten wĂŒrden.
Wigand erklĂ€rt die Folgen an einem Fall aus der Praxis: âKritische Mitarbeiter werden in gröĂeren Unternehmen gern versetzt. So geschehen mit einer VerkĂ€uferin bei ALDIâ, sagt er. In ihrer neuen Filiale sei sie systematisch ausgegrenzt worden. âKeiner durfte mit ihr reden. Als alle anderen im .Aufenthaltsraum saĂen, musste sie drauĂen bleiben.â Solche Menschen seien stark burn-out-gefĂ€hrdet.
Die Kanzleien, die als externe Fachkundige die âDrecksarbeitâ fĂŒr die Arbeitgeber ĂŒbernehmen wĂŒrden, schreckten auch vor GesetzesbrĂŒchen nicht zurĂŒck. Wigand: âLaut § 119 des Betriebsverfassungsgsetzes ist die Behinderung von Betriebsratswahlen sogar eine Straftat.â Die Gewerkschaften hĂ€tten ihm versichert, oft schon StrafantrĂ€ge bei den Staatsanwaltschaften gestellt zu haben. âAber aus irgend einem Grund werden diese Vergehen nicht verfolgt. Es gibt einfach keine Verfahrenâ, sagt er. MerkwĂŒrdig ist, dass die Gewerkschaften diese FĂ€lle wohl nicht dokumentarisch erfassen. âFĂŒr meine Recherche erhoffte ich mir, dass ich Kontakt zu den Betroffenen ĂŒber ver.di bekomme. Oder zumindest ein paar Statistikenâ, sagt Wigand. âAber als ich dort anrief, gab es keine Stelle, wo diese FĂ€lle gesammelt werden.â Leider können die interessierten Zuhörer gerade nicht beim Mitveranstalter ver.di nachfragen: Es ist schlichtweg kein Ver.di-Vertreter anwesend.
Rund 200 FĂ€lle von Union Busting sind Elmar Wigand und seinem Team dennoch bekannt. Teils durch Eigenrecherche in Presseartikeln, teils durch Kontakt ĂŒber die Internetseite der Arbeitsunrechts-Initiative. Ein paar Zahlen nennt auch Jupp Legrand, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der OBS, in seinem Vorwort zum Arbeitsheft âUnion-Busting in Deutschlandâ: âNach einer Analyse von Heiner Dribbusch und Martin Behrens konnten 59 Prozent der von ihnen befragten GewerkschaftssekretĂ€re ĂŒber Versuche der Behinderung von Betriebsratswahlen berichten. Bei 43 Prozent dieser FĂ€lle waren externe Dienstleister beteiligt. Und in 38 Prozent der befragten Gewerkschaftsgliederungen waren Versuche ĂŒber die Zerschlagung bestehender BetriebsrĂ€te bekannt.â Wigand rĂ€umt aber ein, dass die statistischen Erhebungen zu Union Busting sehr dĂŒrftig sind.
âIch hatte von ein paar FĂ€llen von Union Busting in meinem nĂ€heren Umfeld erfahren und wollte denen mal auf den Grund gehenâ, erklĂ€rt der Journalist seine Motive, sich ĂŒberhaupt mit dem Thema zu beschĂ€ftigen. Dass sich ein weites Feld mit jahrelangen Recherchen auftun wĂŒrde, hĂ€tte er damals nicht gedacht. Gerade aber auch deshalb will er mit seinen Mitstreitern ĂŒber die âaktion ./.arbeitsunrechtâ nun Hilfe anbieten. âWir vernetzen Betroffene mit Journalisten, Gewerkschaften und AnwĂ€ltenâ, so der Kölner. âWichtig zu wissen ist, dass man im Fall von Union Busting nicht allein ist.â















