Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, denkt A eines Nachts mit Zahnweh erwachend. Wahrscheinlich wird es eine Periostitis, hervorgerufen durch die Abflachung der Zahnfleischtaschen, in deren Folge die Bakterien in den Kiefer eindrangen. Grimmer Schmerz, der mich anfällt, so daß man wahrscheinlich den Zahn wird ziehen müssen, auf den die Brücke sich stützt. Damit wird ein kunstvolles dentistisches Bauwerk zusammenbrechen und danach wird, soferne ich nicht murmelnd mit eingefallenem Munde, frühvergreist durch die Welt gehen will, was leider beruflich nicht möglich ist, wiewohl es vielleicht das Bequemste wäre, die Zahnprothese kommen: extreme Materialisierung meines ohnehin stark materialisierten Körpers. Die Zahnprothese ist, wie ich aus unzähligen mehr oder weniger witzigen Witzen weiß, nicht tragisch, nur lächerlich. In unserer Jugend pflegtest Du mich zu beißen, sagt nachts die liebeslüsterne Frau zu ihrem Mann, der irgendetwas von einem harten Geschäftstag murmelt und zur Kalamität ehelicher Lust nicht aufgelegt ist; als sie aber weiter verführt und verlangt, daß er wieder zum Verführer werde, gibt er resigniert bei: all right, all right, give me my teeth. – So der witzige Witz. A ist nicht einverstanden mit dem Witzdichter, denn er findet, daß eine Zahnprothese tragisch ist wie Lear auf der Heide und daß in einem schmutzigen Jammer versinkt, wer in kein Fleisch mehr beißen kann. Das Leben ist also offensichtlich nicht nur ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, die A selbst jetzt im Kiefer verspürt – so daß er kaum noch weiß, wo der Bohrer eigentlich angesetzt ist und es ihn dringend verlangt, anderswo: etwa neben den Zahnschmerzen zu sein –, sondern auch eine Galgenstätte des Hohnes. So wie die Armut eine Schande ist und die Mehrzahl der Touristen zerlumpte Fellachen degoutant findet, ist offenbar auch der Verfall schändlich: die Welt, hier als sozialer Komplex gemeint, verzeiht uns nicht, daß sich vor ihren Augen der Materialisierungsprozeß in uns vollzieht und hat für uns nur die gute medizinische Fürsorge und den bösen Witz übrig, beide entstanden aus dem Wunsche der Gesellschaft, man möge ihr vom Halse bleiben. Doch kann ich, denkt A, während er sich vom Bett erhebt, um nach einem Glas Wasser und einem Analgeticum zu greifen, versuchen, auf Welt, Berg, Tal und Straße, Nachbar und Witzerfinder zu verzichten und mich tiefer an meine Schmerzen zu engagieren, die der Körperverderb mir auflastet. Zu tun, als wäre das nicht: das nächtliche Erwachen mit bohrendem Zahnweh und der Aussicht auf eine Prothese, gilt nicht. Die Tapferen, die nichts wissen wollen von ihrem Schmerz und ihn abtun mit männlich harter oder weiblich-duldender Handbewegung – nicht so schlimm, nicht so wichtig! – sie sind der Ehre sicher, die eine Gesellschaft ihnen zollt, die nicht behelligt werden will mit dem Schauspiel des Niedergangs. Sie gelangen aber, da sie doch ihren Schmerz verleugnen, ihr Eigenes nicht anerkennen, niemals zur Ichfindung.
Der Körper, den wir im Schmerz und vor allem im Altern, das derlei Beschwernis uns mit jedem Tag häufiger zufügt, erst so recht entdecken, da er sich, leidend wie er ist, nicht mehr überschreitet und auflöst in Welt und Raum – der Körper ist so gut wahres Ich wie die Zeit es ist, die der Alternde in sich geschichtet hat.