In Prags grĂŒnen Wohnzimmern / In Prague's green living rooms
In der vergangenen Woche konnte ich Tag fĂŒr Tag beobachten, wie die Stadt durchzogen wird von einem satten, undurchdringlichen GrĂŒn. Erlaubten vor wenigen Tagen die Baumalleen und Parkanlagen einen ungehinderten Blick auf die dahinter liegenden Fassaden und StrassenzĂŒge, so bilden sie nun grĂŒne, wuchernde Sichtbarrieren. Wo vorhin die dunklen blattlosen GeĂ€ste vor ihrem Hintergrund fast unsichtbar verschwanden und kaum bewusst wahrnehmbar waren, so dominieren sie nun nach ihrer Verwandlung plötzlich den Raum. Wahrscheinlich liegt es an der Schnelligkeit des Wechsels, der diese rĂ€umliche Wahrnehmung so offensichtlich macht.
Und ich werde mir wieder bewusst, wie unglaublich grĂŒn diese Stadt ist mit seinen unzĂ€hligen kleinen und grossen Parks, GrĂŒnanlagen und Baumalleen. Wie eine erwachende Lunge ĂŒberzieht dieses GrĂŒn mit seiner eigenen verĂ€stelten Struktur das stĂ€dtische Raster. Die Stadt wirkt nun noch organischer und weicher als zuvor und erhĂ€lt im Zusammenspiel mit der Natur neue Gesichter. Der in den BĂ€umen eingefangene Wind bringt neben dem Verkehrsgetöse ein beruhigendes, sanftes Rauschen, das durch die BlĂ€tter aufgefĂ€cherte Licht verleiht der Stadt neue Schattierungen, Kontraste und Strukturen.
Gerade in dieser speziellen Zeit des Lockdowns ziehen die GrĂŒnrĂ€ume die Stadtbewohner besonders an. Sie bilden eine Art erweitertes Wohnzimmer, erlauben das Ausbrechen aus der Klaustrophobie der Selbstisolation in den eigenen vier WĂ€nden. Auch wenn sich das Verhalten der Menschen in den Parks wenig GegenĂŒber den «normalen» Zeiten zu unterscheiden scheint, so strömen sie fĂŒr meine Wahrnehmung eine andere Energie aus, als sonst. Vielleicht suchen die Menschen diese grĂŒnen Orte im Moment mit einem etwas grösseren Bewusstsein auf. Man wird sich bewusst, wie nötig wir nicht nur frische Luft und Bewegung haben, sondern auch das Zusammensein mit anderen Menschen, auch wenn wir diese nur aus der Halbdistanz beobachten und den Kontakt weitgehend vermeiden.
Es geht nicht mehr nur um einen entspannten Moment, wo man ein wenig fĂŒr sich sein kann. Im Gegenteil, ich persönlich schöpfe eine Art Belebung und Animation in diesen Momenten, wo ich draussen bin und andere Menschen sehe und beobachte. Etwas, was ich sonst auch mache, nur, dass ich dafĂŒr im Moment eine grosse Dankbarkeit spĂŒre, mich in den kleinen Gewohnheiten und Bewegungen Anderer wiederzufinden. Wie die Menschen auf einer Parkbank ein Buch lesen, einen take-away-Kaffee trinken, eine Zigarette rauchen, ihren Kindern zuschauen, Kurznachrichten versenden, telefonieren, oder einfach nur sitzen und beobachten.. Ich beobachte die kleinen privaten SphĂ€ren, welche die Menschen nach aussen tragen.
Meine Aufmerksamkeit liegt weniger im Erfassen des Aussergewöhnlichen, wie sonst, sondern in der WĂŒrdigung der eigentlich so gewöhnlichen TĂ€tigkeiten und Verhaltensweisen. Die Gesichtsmasken verschwinden aus dem Bewusstsein, verlieren ihr Aussergewöhnliches, werden Teil des Gewöhnlichen. Das Gewöhnliche, welches in der Selbstisolation ihre Konturen verliert, wenn wir uns fast nur noch auf uns selber beziehen können. Ich fĂŒr mich begreife, dass wir Menschen einander brauchen, gerade im AlltĂ€glichen, das wir sonst kaum wahrnehmen. Wenn ich mich fĂŒr einen Moment in einer Parkanlage niederlasse und das unaufgeregte Treiben beobachte, dann erscheint diese AlltĂ€glichkeit fĂŒr diesmal wie eine Besonderheit, wie eine blossgelegte soziale Schicht unseres Verhalten, das wir sonst eher ignorieren.
Over the past week, I have observed the growing impenetrable green of the city. A few days ago, the tree-lined avenues and parks allowed an unobstructed view of the facades and streets behind, now they form green, rampant visual barriers. Where previously the dark leafless branches disappeared almost invisibly against their background and were barely perceptible, now they suddenly dominate the room after their transformation. It is probably the rapidity of the change that makes this different spatial perception so obvious.
And I am again aware of how incredibly green this city is with its countless small and large parks, green areas and tree-lined avenues. Like an awakening lung, this green, with its own branched structure, covers the urban grid. The city now looks even more organic and softer than before and, in interaction with nature, takes on new faces. The wind caught in the trees brings a calming, gentle rustling along with the traffic noise, the light fanned out by the leaves gives the city new shades, contrasts and structures.
Especially in this weird time of the lockdown, the green spaces particularly attract the citizens. This spaces form now a kind of extended living room, allowing you to break out of the claustrophobia of self-isolation in your own four walls. Even if the behavior of the people in the parks seems to differ little from the "normal" times, they emit a different energy for my perception than usual. Perhaps people are currently visiting these green places with a slightly greater awareness. You become aware of how necessary we not only have fresh air and exercise, but also being with other people, even if we only observe them from half-distance and largely avoid contact.
It's no longer just a relaxing moment where you can be a little to yourself. On the contrary, I personally take a kind of animation in those moments when I am outside and see and observe other people. Something that I usually do, only that I feel great gratitude at the moment for finding myself in the small habits and movements of others. Like people reading a book on a park bench, drinking a take-away coffee, smoking a cigarette, watching their children, sending short messages, talking on the phone, or just sitting and watching. I percieve the small private spheres that people bring with them outside.
My focus is not so much on grasping the extraordinary as usual, but on appreciating what are actually so ordinary activities and behaviors. The face masks disappear from consciousness, lose their extraordinarity, become part of the ordinary. The ordinary, which loses its contours in self-isolation when we can almost only refer to ourselves. I understand for myself that we humans need each other, especially in everyday life that we hardly notice otherwise. When I sit down in a park for a moment and watch the hustle and bustle, this everyday life seems like a peculiarity for this time, like an exposed social layer of our behavior, which we tend to ignore.