Man fragt sich ja hin und wieder, wie die so richtig klein gewachsenen Menschen eigentlich durchs öffentliche Leben kommen. Meine aktuelle Unterfrage dazu: Wie machen die das jetzt genau auf dem HĂŒĂŒsli? KĂŒrzlich an einem Verkehrsknotenpunk stehend und wartend, weils meine Uhr nicht so mit der Genauigkeit hat, liess ich, halb gelangweilt und halb interessiert, meinen Blick einfach mal ein bitz ĂŒber das abendliche Leben streifen, immer von rechts nach links und wieder zurĂŒck, meistens aber so teilnahmslos wie möglich recht geradeaus guckend und Kaugummi kauend. Ich hatte grad zuvor meinen Vorrat an Wild Cherry aufgestockt, weil ich dummerweise vergessen hatte, vor meiner Verabredung die ZĂ€hne ordentlich zu putzen, obwohl ich dann eigentlich doch Zeit genug gehabt hĂ€tte, aber eben - meine Uhr. Jedenfalls: Ich stand also so da und wollte etwas Interessantes erleben. Ăberall liefen Menschen lang, unter anderem diese Kleinfamilie, die, wie sich beim zweiten Blick herausstellte, keine Kleinfamilie war, sondern ein Dreiergespann unterwegs in die Nacht. Ein PĂ€rli und dann noch eine andere Frau. Ich hatte mich noch gewundert, dass die vermeintlichen Eltern so easy ihr vermeintliches kleines Kind allein ĂŒber diesen doch ziemlich geschĂ€ftigen Verkehrsknotenpunkt gehen liessen, weil man sich ja sonst vom Zusehen eher gewöhnt ist, dass einem die latente Panik der Eltern in vergleichbaren kritischen Situationen selber irgendwie ĂŒberfĂ€llt und man mitfiebert, ob es die junge, unschuldige Familie unbehelligt an den lauernden Autos, Bussen, Velos und Trams vorbei durch den Verkehr auf die andere Strassenseite schafft. In diesem speziellen Fall waren die Bedenken aber vollumfĂ€nglich hinfĂ€llig, denn es war ja eben gar keine Familie, aso zumindest nicht dem Anschein nach, so genau weiss man das ja dann doch nie, aber das Kind war jedenfalls eine erwachsene Frau, das wollte ich sagen. Und besagte Frau war jetzt eben einfach schĂŒĂŒli klein. Ich wage sogar zu behaupten, die kleinste Person, die ich je gesehen habe. Ich konnte dann natĂŒrlich nicht mehr teilnahmslos gucken, ich wollte hingehen und sie ein paar Dinge fragen, einfach, weil mich das interessiert. Ich selber bin ja am andern Ende des Körpergrössenkontinuums placiert, wir hĂ€tten also durchaus Gemeinsamkeiten gehabt. Aber man muss ja auch aufpassen mit dieser Fragerei, weil mĂ€ngisch sind die Leute wirklich uh huere touchy, und dieses Exemplar gestern hĂ€tte meinem Schritt aus dem Stand aso ohni umeluegĂ€ einen Schwedenkuss verpassen können, oder meinetwegen reinbeissen oder weiss der Gugger was. Sie trug ja auch eine Lederjacke mit Kapuzenpulli drunter, was ich als Hinweis dafĂŒr deutete, besser mal nichts zu unterschĂ€tzen. Aus sicherer Entfernung beobachtend fiel mir zunĂ€chst auf, dass ihre Handtasche so gross war wie ihr Arm, womit ich dann doch nicht ins GesprĂ€ch hĂ€tte einsteigen wollen, weil daran nun wirklich nichts charmant gewesen wĂ€re. Aber beim Taschen-Arm-Vergleich dachte ich an die Dinge, die da in der Tasche drin sind, wie zum Beispiel Kosmetika, und dann musste ich an eine Situation denken, wo sie sich auf der Toilette frisch machen geht, und dann kam ich ja irgendwie auch nicht drum herum, mich zu fragen, wie sie da eigentlich aufs WC geht. Der Ring ist ja bei ihr etwa auf Brusthöhe, und das an sich ist schon ein veritables Problem. Kommt noch hinzu: Auch wenn die meisten Frauenzimmer schön und ordentlich sind, ihre WCs sind verdammte TsunamitrĂŒmmerfelder. Schlimm genug, ĂŒberhaupt da rein zu mĂŒssen, sogar wenn man sich schön langsam und gezielt von oben bis ganz knapp ĂŒber die FĂ€kalienauffangeinheit herabsenken kann. Aber was ist, wenn man von unten herauf muss? Mit dieser Frage im Hinterkopf stand ich wenig spĂ€ter da in dieser Piano-Bar, wo eine Truppe wildgewordener Ladies sich auffĂŒhrte als gĂ€be es kein Morgen. Passenderweise krĂ€chzte die mit dem FĂ€cher, das Teil nach allen Seiten hin und bevorzugt knapp am Gesicht des Alleinunterhalters vorbeiwedelnd, dann irgendwann auch etwas von "in meinem Alter" und "Leben geniessen" und "sonst tot". Nebendran stampfte eine andere mit selbstbewusster aka pflegeleichter aka vorgestriger Kurzhaarfrisur im NĂ€hmaschinentempo mit beiden FĂŒssen zur uptempo Swing-Musik auf den Boden, wĂ€hrend die beiden in den quergestreiften Tops sitzend noch knapp unter der fĂŒr ausgelassene Lebensfreude kritischen Altersschwelle verharrten und sich wohl einfach das eine oder andere dachten. Ich dachte in jenem Moment zurĂŒck an die Zeit, in der ich jung genug war, dass meine Eltern alt genug waren, um in genau dieser Liga zu spielen. Als sie sich noch daran erinnern konnten, wie es war, jung und ausgelassen zu sein. Als sie schon rĂŒckwĂ€rtsgewandt genug waren, diese Zeiten zu vermissen. Als sie noch genug Energie hatten, sich gelegentlich vom Teufel reiten zu lassen. Und vor allem: Als sie schon schamlos genug waren, das auch noch öffentlich zu tun. Schlagartig kamen mir wieder Bilder hoch von Oldies-Parties in Turnhallen von Kleinstgemeinden, bei denen ein Vodka-Orange ("Hei, wie geht der jetzt schon wieder?") jeweils irgendwas um die 8 Schtutz rum kostete und was preisleistungsmĂ€ssig als armer Teenager schon huere verlockend war, aber gleichzeitig auch gar nicht, denn da waren unseren Alten und schwooften. Alle zusammen waren sie amigs sturzbeschwipst und hatten dieses selig-debile LĂ€cheln, das ich bei anderer Gelegenheit nur noch zu sehen bekam, als mein Paps damals nach einem Unfall mit Morphium vollgepumpt im Krankenhaus lag und uns an irgendwelchen Fantasien teilhaben zu lassen versuchte. Meine Eldis hĂ€ttens glaubs saulĂ€ssig gefunden, wenn meine Freunde und ich da bei ihnen am Fest und an der Bar und so, aber: thanks, but no thanks. Das ist ja mittlerweile so an die 15 Jahre her. Eine nicht ganz unbedeutende AnnĂ€herung an das Alter der Alten zu jener Zeit, aber ich habe mich trotzdem reflexartig wieder fĂŒr den steifbeinigen Stelzentanz und die in den Schlangenmoves verwirbelten Arme unser aller Eltern geschĂ€mt, als ich in der Piano-Bar fassungslos der entfesselten Frauenbewegung zuguckte. Ich stand meine Kinnlade diskret stĂŒtzend da und konnte meinen Blick nicht von dieser Horrorprognose fĂŒr meine eigene Zukunft als MittfĂŒnfziger reissen. Und ich beschloss, per sofort meine Distanz zu diesem unabwendbaren Schicksal damit zu unterstreichen, dass ich fortan nur noch aus der Tupper Ware speise. Da passt auch mehr Futter rein als in so einen BĂŒnzliteller.