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@tschoelle
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we all drown together
Magie der Vergangenheit
In diesem Moment befindet sich 50 Zugminuten von mir entfernt die Art Basel. Verschlafen geniesse ich die Ruhe, die mensch als Ex-Pendler morgens hat, trinke Kaffee und schwelge in Erinnerungen.
Die meisten (normalsterblichen) Besucher benutzen dafĂĽr die Tramlinien eins oder zwei ab Bahnhof SBB. Da die Gewerbeschule vom Bahnhof aus genau eine Haltestelle weiter liegt als das Messegelände, wurde ich bei beinahe jeder Messe im Tram von der Masse annähernd erdrĂĽckt – wenn nicht am Morgen, dann am Abend.Â
Ich hasste die Messen. Nicht die Messen selbst, aber die vollgestopften Trams, alle Menschen in ihnen und die BVB.Â
Die Art war dabei aber immer die humanste, denn sie beginnt nicht so frĂĽh wie die Schule es tut und ist ĂĽber mehrere Standorte verteilt.Â
Swissbau war das Morgengrauen höchstpersönlich. Schon um acht Uhr früh standen die «Büetzer» reihenweise auf dem Tramperron. Ich liess drei Trams ohne mich fahren, in der Hoffnung, dass sich der Andrang lösen werde – im Gegenteil. Mein Versuch einzusteigen hat damit geendet, von der Masse neben der Tür gegen das Tram gedrückt zu werden bis die Lichter seitlich blinkten, was bedeutet, dass das Tram losfährt. Da ich nun sowieso zu spät war, nahm ich einen Umweg durch die Stadt.
Geruchstechnisch war die Basel World, die Uhren- und Schmuckmesse, der Brechreiz in Person(en). FrĂĽh morgens eintauchen in eine fast sichtbare Wolke aus Chanel N5 und anderen aus mir unerklärlichen GrĂĽnden ikonischen Parfums der Prada tragenden Frauen. Abends eine Haltestelle lang im leeren Tram bereitete ich mich auf die Wolke vor, die sich inzwischen zu einer hässigen Giftblase im Gemisch mit MoĂ«t Chandon und Veuve Clicquot verwandelt hat, in der die Masse zurĂĽck ins Tram torkelt.Â
Andere Messen sind abgesehen vom ĂĽberlasteten Ă–V kaum nennenswert. Aber ich hasste sie alle wie die Pest.Â
In Gedanken versunken ist meine Küche überfüllt von diesen verschwitzen, aneinander klebenden Menschen, mein Kaffee riecht nach Moët Chandon, mein iQOS nach Chanel N°5. Und ganz tief im Inneren freue mich sogar darüber. Denn überall wo Hass ist, ist auch immer ein Bisschen Liebe.
Und plötzlich war’s dunkel.
Alle Jahre wieder ist der Sommer zu heiss, der Winter zu kalt, der Himmel zu blau und die Wolken zu rosa.
Und jetzt sind alle gegen die Zeitumstellung. Ja, blöd wenn es früh dunkel wird! Kalt, wenn es schneit, nass, wenn es regnet! Was spielt es denn für eine Rolle, welche Zeit uns die Uhr anzeigt, wenn die Sonne aufgeht, oder untergeht?
Ich versuche mir immer wieder in Erinnerung zu rufen, das es Dinge gibt, wie das Wetter, Jahreszeiten – allgemein die Natur – die wir nicht ändern können. Und, dass es sich noch kälter anfühlt, wenn ich sage, dass es kalt ist – was sowieso nicht nötig ist, denn wenn mir das jemand sagt, interessiert es mich auch nicht. Dass der Tag nicht schneller vorbei geht, wenn ich bei der Arbeit um neun Uhr morgens sage, dass ich Feierabend haben möchte. Dass der Zug nicht früher kommt, wenn ich die SBB verfluche. Dass es nicht plötzlich Frühling wird, wenn ich darüber staune, dass schon wieder Herbst ist.
WĂĽrde es keine Zeitumstellung geben, wĂĽrden sich jetzt alle deswegen nerven, weil es am Morgen so lange dauert, bis es hell wird. Nervt euch doch einfach darĂĽber, dass der Tag so kurz ist! Wann er ist, ist doch egal. Oder nervt euch gar nicht oder nervt euch fĂĽr euch selbst.
Vor zwei Tagen stand ich vor der HaustĂĽr, ĂĽberall lagen Herbstblätter, die Bäume langsam kahl, dichter Nebel, Abenddämmerung. Ich schaute mir das traurig an. Traurig, weil der Sommer vorbei ist, oder warum auch immer mich der Herbst auf irgend eine Art und Weise traurig stimmt. Doch irgendwie fand ich das Bild schön und versuchte mich daran zu erinnern, dass der Herbst, bzw. der Winter nicht nur schlechte Seiten hat, dass auch nächstes Jahr wieder ein FrĂĽhling kommt und auch wieder ein Herbst und dass es doch ĂĽberhaupt nicht nötig ist, deswegen traurig zu sein. Und schon sagt jemand: Jaja, und schon ist wieder Winter. Mit diesem traurigen, hoffnungslosen Unterton, den ich gerade eben aus meinen Gedanken verbannt hatte.Â
Herzlichen Dank für die Mitteilung, ich hätte es ja sonst nicht bemerkt.
Das traurige ist eigentlich nicht, dass es so ist, wie es ist, sondern dass wir alles traurig finden. Beziehungsweise, dass wir die Zeit und die Energie dafĂĽr haben, alles traurig zu finden.
Ich bin auch nur ein Mensch, ich behaupte nicht, dass ich anders bin, oder irgend etwas besser mache als andere. Aber manchmal sage ich lieber nichts, und werde dafĂĽr komisch angeschaut, als dass ich mich laut ĂĽber Mutter Natur nerve, nur um ein unangenehmes Schweigen zu unterbrechen, um dann dafĂĽr komisch angeschaut zu werden.
Und wenn dann wir alle nur noch das sagen, was wir wirklich wissen, und uns nur über die Dinge aufregen, die wir wirklich ändern können, dann ist die Welt ein wunderbar ruhiger Ort.
Musculus levator palpebrae superioris
Die Geburt eines Menschen ist eine wundersame Sache. Ein schlagendes Herz, ein Kopf, zwei Arme, zwei Beine, alles in neun Monaten entstanden. Seit ich in der neunten Klasse zum ersten Mal so richtig realisierte, was in unserem Körper eigentlich alles abgeht, bin ich immer wieder davon fasziniert, dass alles in mir funktioniert.
Alles, bis auf einen einzigen winzig kleinen Muskel. Der hat bei meiner Entstehung wohl irgendwie den Einsatz verpasst und ich muss nun ohne ihn leben.
Egal, ist ja nur irgend ein StĂĽckchen Fleisch das fehlt. Dummerweise mitten in meinem Gesicht.
Das menschliche Augenlid beinhaltet viele kleine Muskeln, die für die Bewegung zuständig sind, aber nur einen für’s Öffnen und Schliessen. Und natürlich hat’s nicht irgendeinen, sondern genau den getroffen.
Nein, mich hat nichts gestochen. Nein, ich wurde nicht geschlagen. Ja, das ist wirklich so. Ja, wirklich – Manchmal würde ich gerne mit einem solchen Zettel auf der Stirn herumlaufen, dass die Leute, die glotzen, wenigstens eine Antwort auf die Frage bekommen, die in ihnen brennt, aber im Hals stecken bleibt.
Die Fragen stören mich eigentlich nicht. Würde mich ja auch interessieren. Was mich stört sind die herablassenden Blicke. Aber auch diese sind erträglich, meistens hören sie auf wenn ich lange genug – mit einer angehobenen Augenbraue – zurückstarre.
Mitleid. Damit komme ich nicht klar. Kommentare wie, oh scheisse, das tut mir leid. Worte wie, kann man den gar nichts dagegen tun?
Weil, nein, kann man nicht.
Mitleid verunsichert mich. Ich fühle mich dann abgestempelt als minderwertiges, bemitleidenswertes Lebewesen. Das habe ich letztens meiner Ärztin gesagt, sie meinte nur, das sei halt unsere Gesellschaft. Tolle Antwort.
Ich habe mir das nicht ausgesucht und ja, manchmal frage ich mich, was ich hier suche, denn ich werde ja doch nur bedingt als gleichwertig anerkannt. Es gibt Tage, an denen ich mich im Spiegel betrachte und mich frage, warum ich? Tage, an denen ich mich wertlos fĂĽhle.
Es gibt aber auch Momente, in denen ich einfach zu mir sagen muss, dass es nichts bringt, sich über etwas den Kopf zu zerbrechen, das man nicht ändern kann. Und dann sehe ich mich im Spiegel oder auf Fotos an und denke, eigentlich gibt’s schlimmeres. Eigentlich sehe ich gar nicht so scheisse aus, wie ich mich fühle.
Es gab Zeiten, Jahre, in denen ich mich sicherer fĂĽhlte, weil ich meine Haare wie einen Vorhang ĂĽber mein Gesicht trug, um meinen Fehler zu verstecken. Aber eigentlich gibt es nichts schlimmeres, als einen Teil von sich zu verstecken, denn schlussendlich bin ich damals innerlich daran zerbrochen. Denn die Leute akzeptierten was ich vorgab zu sein, doch meiner Meinung nach nicht das, was ich war.
Ich erinnere mich sehr gut an den Tag, als ich entschlossen habe, mein ganzes Gesicht zu zeigen. Ich bin mit Herzrasen in der Schule angekommen und hätte mich am liebsten im Boden vergraben. Schockierte Blicke, Fragen, was mit mir passiert sei. Das hatte ich erwartet. Was ich aber nicht erwartet hatte, waren die Menschen, die mich mit offenem Herzen empfangen und mich mit Komplimenten beworfen haben.
Dieser Schritt hat mich damals sehr viel Mut gekostet, war aber das Beste, was mir je eingefallen ist. Ich habe mich aus einem Zwang befreit, jemand zu sein, der ich nicht bin.
Dieser kleine Muskel, der mir fehlt, der Fehler in meinem Gesicht, der überall wo ich hingehe verwirrte Blicke auf mich zieht, sagt eigentlich rein gar nichts über mich oder meinen Wert aus. Ich bin deswegen kein schlechter oder minderwertiger Mensch. Ich habe es – trotz grossem Misstrauen anderer gegenüber meiner Sehfähigkeit – geschafft, einen visuell anspruchsvollen Beruf zu erlernen. Ich kann vieles, was andere nicht können. Es gibt trotzdem Menschen, die mich schön finden – auch ohne Vorhang vor meinem Gesicht. Ich bin also nicht bemitleidenswert.
Ich bin frei. Ich darf so sein, wie ich bin, und so aussehen, wie ich aussehe. Alles an mir ist richtig, so wie es ist.

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Kalter Kaffee
Aufwachen, Panikattacke. Es ist vier Uhr morgens. Draussen ist es ruhig und dunkel, dann und wann ein Licht vom vorbeifahrenden Fahrzeug.
Noch immer läuft der selbe Film. Angst steigt auf, der Drang zu handeln. Ich stehe auf. Rauche. Eine, zwei, drei, vier. Nehme das Telefon in die Hand, doch der Anruf ist zwecklos. Schreiben, schreiben, irgend etwas machen. Rauchen, rauchen, rauchen.
Wieder hinlegen, aber es bringt nichts. Wut, Angst, Trauer, Verzweiflung. Ich schlage um mich, reisse meinen Mund auf als würde ich schreien. Stille. Tränen über das ganze Bett verteilt. Wieder aufstehen, etwas machen.
Draussen im Pyjama herumirren. Fragende Gesichter. Auf der Treppe sitzen. Es ist sieben Uhr.
Gesicht in den Händen vergraben, warten. Das iPhone leuchtet auf, Schockmoment, doch es ist jemand anderes. Rauchen, schreiben, rauchen. Im Zimmer auf und ab gehen. Kleider vom Boden in den Wäschekorb. Rauchen.
Abschminken, rauchen. Kaffee machen, rauchen. Milch in den Kaffee giessen, damit ich meine Zunge nicht verbrenne. Augenbrauen zupfen, Nägel feilen. Das Gesicht in den Händen vergraben. Die Wand anstarren, dann die Decke, den Boden.
Es ist neun Uhr, keine Antwort. Das iPhone anstarren, rauchen. Der Kaffee ist eiskalt. Draussen ist es hell und laut, Baustelle. Maschinen, tiefe Männerstimmen zwischendurch. Heute zittert das Haus nicht, ich zittere.
Essen geht nicht. Keine Kraft. Nur Nikotin und kalter Kaffee.
Immunität des 21. Jahrhunderts
Letztens hat mich eine Freundin gefragt, ob ich mir eigentlich überhaupt keine Sorgen um meine Gesundheit mache, wenn ich so viel rauche. Nein! Ich denke gar nicht darüber nach. Später musste ich mich fragen, warum das so ist. Bin ich mir egal? Ich habe eine andere Antwort gefunden.
Kauf dies, kauf jenes, tu dies, lass das. Was frĂĽher maximal auf Plakaten oder in Zeitungen zu sehen war, ĂĽberflutet uns heute, wo wir nur hinsehen. Werbung fĂĽr Produkte, politische Richtungsweisungen, Aufforderungen, Verbote. Sie sind ĂĽberall.
Im Briefkasten finde ich keinen Brief an mich, sondern 20 Werbeprospekte von Coop über Aldi bis hin zum Internetshop, wo ich mir vor Jahren irgend eine unnötige Dekoration für meine Wand bestellt habe. Alles landet ohne Ausnahme im Altpapier, bevor es auch nur eines Blickes gewürdigt wurde.
Die Werbung auf Facebook hingegen, wo mir die hĂĽbschen Schuhe gezeigt werden, die ich fĂĽnf Minuten vorher auf Zalando auch noch auf meinen vollen Wunschzettel gepackt habe, werde ich schnell schwach. Aber auch das nervt.
Was noch mehr nervt ist YouTube. Ich höre mir eine Playlist an und das erste was in voller Lautstärke aus den Boxen dröhnt, wenn der Song wechselt, ist irgendeine angeblich angenehme Männerstimme, die versucht, mir ein Parfüm schmackhaft zu machen. Ich will doch nur Musik hören!
Werbung ist sehr laut geworden.Â
Im Bus, im Fernseher, auf Spotify, am vorbeifahrenden Tram, vor den Läden, in den Läden, als Kleber an der Strassenlaterne und überall im Internet. Ich fühle mich zugemauert von nach Aufmerksamkeit lechzenden Bildern. Okay, vielleicht verbringe ich zu viel Zeit im Internet. Aber obwohl ich Modemagazine immer nur der Werbung wegen gekauft habe, obwohl ich selbst beruflich Werbung mache, finde ich diese Überflutung ätzend.
Was aber noch mehr Lärm macht, was mich besonders nervt, ist diese dumme Angstmacherei.
Wenn ich ein politisches Plakat sehe, denke ich mir vielleicht, oh stimmt! ich sollte noch abstimmen. Wenn ich dann aber von allen Seiten, sprich, vor allem auf sozialen Medien täglich mit Aussagen wie, vergesst nicht abzustimmen! oder wahnsinnig hohlen (selten auch ĂĽberzeugenden) Meinungen ĂĽber aktuelle Themen zugemĂĽllt werde, vergeht mir die Lust, dieses Privileg zu nutzen.Â
Zwischen den Zeilen steht nämlich immer, was fĂĽr ein schlechter Mensch ich sei, wenn ich fĂĽr so etwas Stimme, zwei Posts weiter das Selbe in umgekehrter Version vom BefĂĽrworter. Lasst mich doch mit euren Reden in Ruhe oder informiert mich wenigstens einigermassen neutral. Ich weiss nämlich manchmal gar nicht mehr, was oder wem ich nun glauben soll.Â
Was kommt als nächstes? Ablassbriefe für diejenigen, die für das Falsche oder gar überhaupt nicht abgestimmt haben?
Und nun zu den Warnungen auf meinem Zigipäckli.Â
Dass Rauchen schädlich ist, und dass das Leben nunmal im Tod endet weiss jedes Kind. Die Beschriftungen lese ich höchstens im Ausland, aber mehr aus Spass weil roken is dodelijk so niedlich klingt, fumar mata hingegen wieder bedrohlich. Die Bilder fand ich schrecklich, als ich sie das erste Mal sah! Wirklich. Aber mensch gewöhnt sich wie wir wissen an alles.Â
Und so entsteht diese Immunität, diese Seifenblase in der wir leben.
Kennt ihr auch solche Menschen, die es aushalten, neben einem Gleis zu wohnen? An Orten, wo es das ganz Haus durchschüttelt, wenn der Zug vorbei fährt? Sie bemerken es nach einer Weile nicht mehr, stimmt’s?
Und so ist es mit allem, sei es eine Uhr die tickt oder ein Arbeitskollege, der auf dem Stift herum kaut, der ganze Müll, der täglich im Briefkasten landet oder Mundkrebs auf der Zigarettenpackung.
Je länger oder je mehr ich mir etwas anschauen oder anhören muss, desto weniger interessiert es mich.
Und genau deshalb ist es mir egal, wie schwarz meine Lunge ist.
Als die Telefonnummer noch zweistellig war.
Meine Grossmutter bestreitet bereits ihr 95. Lebensjahr.
Ausser den Hörgeräten und den dritten Zähnen hat sie vieles, was in diesem Alter gar nicht so selbstverständlich ist. Eine eigene Wohnung, in der sie selbständig lebt, immer noch grandiose Mahlzeiten zubereitet und einen Führerschein. Ja, wirklich. Aber sie gibt ihn diesen Herbst freiwillig ab und kauft sich ein GA.
Das beste aber, was sie besitzt, ist ihr unglaubliches Gedächtnis. Auch wenn sie die Geschichten manchmal vier oder zehn mal erzählt, sie sind immer wieder spannend.
Heute hat sie eine Neue erzählt. Nachdem sie mich und meine Schwester kritisch beobachtet hat und uns gefragt hat, was wir eigentlich ohne Handy machen würden, hat sie diese zum Besten gegeben.
Als ich so alt war wie ihr – ich weiss, Sätze die so anfangen sind schrecklich, aber nicht bei meiner Grossmutter – hatten wir nur ein Telefon im Haus. Und das auch nur, weil mein Vater bei der Feuerwehr war.
Das war an der Wand, mit einer Drehscheibe und einem Teil wo man reinsprechen musste, das GegenstĂĽck musste man abnehmen und sich ans Ohr halten. Wir hatten die Nummer 30.
Meine Schwester schaute mich fragend an, begriff dann aber doch, dass sie mit dieser kleinen Zahl wirklich die Telefonnummer gemeint hatte. Unvorstellbar.
Meine Grossmutter lachte und meinte, dass es im Wallis damals gar nicht mehr Telefone gab.Â
Als ich sieben Jahre alt war, bekamen wir einen Anruf, dass der Wald brennt. Ich war zu Hause und habe das Telefon abgenommen, und dann meinen Vater angerufen, der im Büro war. Was war er stolz auf mich, dass ich das Telefon abgenommen und ihn informiert hatte! Dem ganzen Dorf musste er von mir erzählen.
Wenn ihr nur in diese Zeit zurück könntet, ihr könnt euch das gar nicht vorstellen.
Nein, das können wir wirklich nicht.
Es wurde wieder still, sie schaute in den Fernseher und meine Schwester und ich zurĂĽck aufs Handy.
Hazel Brugger und CD-Laufwerke
CDs werden heutzutage eher selten gekauft. Getauft werden neue Platten aber trotzdem noch, und das ist schön. Eine schöne Veranstaltung jedenfalls.
Vor allem, wenn es sich mal nicht um eine Taufe einer Band, im schicken Club mit Champagner handelt, sondern um Hazel Brugger, die in der Berner Reitschule ihre neue CD mit einer Flasche Bier tauft.
Während sie ihre CD und vor allem das darin enthaltene Poster, aus dem man sich eine Hazel-Maske basteln kann, präsentierte, gab es für das Publikum wie gewohnt einiges zu lachen.
Ich kann leider nicht 1:1 wiedergeben, was sie zum Format CD alles gesagt hat, denn ich gehöre noch – zugegeben so halbwegs – zu der Sorte Mensch, die auch mal zuhört und geniesst, und nicht alles mit dem Handy aufzeichnet, um es sich dann erst zu Hause anzusehen.
Jedenfalls meinte sie so, dass ja eigentlich gar niemand mehr einen CD-Player besitzen würde, ja, nicht mal die Laptops verfügen mehr über CD-Laufwerke, aber immerhin könnten wir uns ihre CD noch im Auto anhören.
Ich habe dann eine solche CD “nach Hause apportiert”, und musste grinsen, als ich an ihre Worte zurückdachte.
Ja, so etwas wie einen CD-Player besitze ich tatsächlich nicht, mein MacBook hat auch wirklich kein CD-Laufwerk und ein Auto besitze ich nicht.
Ich hab mich ziemlich schlau gefĂĽhlt, als ich mich daran erinnerte, dass noch irgendwo in meinem Elternhaus ein externes CD-Laufwerk herumliegt. Das hab ich mir dann geschnappt.
Da ich aber eines dieser neuen 12 Zoll MacBooks besitze, wurde der Anschluss dieses Laufwerks zur echten Challenge.
Diese MacBooks haben nämlich nur zwei Löcher, eines für Kopfhörer und eines für Strom, für welches es jedoch auch Adapter gibt, die den Anschluss eines USB-Gerätes ermöglichen. Danke, Apple! Immerhin einen Kopfhöreranschluss…
Ich habe dann den Adapter einer anderen Marke, für den halben Preis gekauft. Dieser hat drei USB- und einen Chip-Eingang. Sein einziger Nachteil: Während er steckt, kann ich das Macbook nicht am Strom anschliessen.
Schon als ich das Laufwerk anzuschliessen versuchte, die erste Hürde. Da war nämlich eine CD drin und mein MacBook besitzt diese Auswurf-Taste fürs CD-Laufwerk logischerweise nicht mehr.
Als ich dann die ganzen Einstellungen verstellt hatte und meine Tastatur gar nicht mehr funktionierte, bin ich dann doch die Treppe hoch zum Computer meines Vaters gegangen, habe das Laufwerk eingesteckt, und diese bei mir fehlende Auswurf-Taste gedrĂĽckt.
Gut, das Laufwerk war nun leer. Als ich es dann wieder bei mir angeschlossen hatte und die CD reinschieben wollte, hat das Gerät einfach nicht reagiert! Normalerweise würde es die CD einziehen, sobald sie zwei Zentimeter drin steckt.
Irgendwann habe ich dann die Warnmeldung “Gerät benötigt Strom” bemerkt.Â
Wie ich ja bereits erklärt habe, kann ich mein MacBook aber, während das Gerät, das Strom benötigt dran hängt, nicht am Strom anschliessen.
Ich werde mir wohl ein Auto kaufen mĂĽssen.
Tunnels Joshua Ritler Foto Mitja Mosimann

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Sorry, aber du bist zu hässlich für diesen Job.
Habe soeben dem Ticket-Kontrolleur mittleren Alters ein pinkes Leuchtstäbchen angedreht und ihm ums Handgelenk gelegt.Â
Darin bin ich gut. Werbung hat mich bereits interessiert, als ich mir noch nicht einmal den Arsch selbst abwischen konnte. Ich könnte fast jedem fast alles verkaufen. Dazu tragen in erster Linie mein Menschenverstand, jahrelange Auseinandersetzung mit dem Thema Werbung und Verkauf und ein rechtes Mundwerk bei.Â
Es ist meines Wissens noch nie vorgekommen, dass ich in einem Laden vollbepackt an der Kasse stand, und dann doch nichts kaufte, weil mir die Visage der Kassiererin nicht passte.Â
Ich habe auch noch nie ein Bier von einem Barkeeper abgelehnt, weil mir seine Nase zu gross war, oder seine Augen zu braun.Â
Wenn ich auf der Strasse Spendenaktionen ablehne (ich spende WIRKLICH schon genug, ich muss ja auch noch leben können), hat das ebenfalls nichts mit den grĂĽnen Haaren oder den Tättowierungen des Arbeiters zu tun.Â
Um den Sommer zu ĂĽberbrĂĽcken, habe ich mich fĂĽr Promojobs gemeldet. Bevorzugt hätte ich die ollen Bahnhof-Promos, bei denen man den Passanten etwas umsonst in die Hand drĂĽckt und dabei lächelt. Und den Verkauf von Zigaretten.Â
Genau das habe ich der Vorgesetzten in ihr wunderschönes Porzellangesicht gesagt. Kurz und knapp hat sie mir erklärt, dass ich fĂĽr den Verkauf von Zigaretten nicht in Frage kommen wĂĽrde: Die Kundin sei wählerisch und ich passe wohl nicht in ihr Beuteschema. Sie nehme nur Menschen mit modelähnlichen Voraussetzungen, 1.70 gross, ...Â
Trocken entgegnete ich, ich sei 1.73.
Okay, vielleicht hat mein Gesicht kein Modelpotential, aber mir deswegen einen Job verwehren? Ich kann meine Wut darĂĽber gar nicht in Worte fassen.
Als ob ich sonst nicht schon verunsichert genug wäre. Voller Selbstvertrauen und im vollen Bewusstsein über meine verkäuferischen Begabungen bin ich zu dieser Vorstellungsrunde gegangen.
Aber jetzt fĂĽhle ich mich verloren. Ich sollte schon lange neue Bewerbungsfotos machen lassen, aber kann mein Gesicht nicht im Spiegel ansehen, geschweige denn mich schminken und mich fotografieren lassen.
Seit ich mich das erste Mal bewerben musste, habe ich Panik davor, abgelehnt zu werden, bevor meine Bewerbung ĂĽberhaupt angesehen wird, nur anhand des Portraits disqualifiziert zu werden.
Das ist scheisse.
Ich konnte diese Zweifel irgendwie ablegen oder zumindest ein wenig vergessen, denn ich habe ja schlussendlich trotz meines hässlichen Gesichts eine Lehrstelle erhalten und die Lehre verdammt gut abgeschlossen.
Und dann das. Herzlichen Dank dafür.
Der Kontrolleur ist soeben mit einem dicken Grinsen im Gesicht zurückgelaufen, an seinem Handgelenk leuchtet das pinke Stäbchen.
Vor vier Jahren stand ich bis zum letzten Schultag da, ohne Plan was danach kommen wird. Rund um mich herum hatte auch die letzte Hand voll Schüler_innen ihren Platz für die Zukunft gefunden. Eine Lehrstelle, ein Praktikum, einen Job bei McDonalds. Auch nur ein weiteres Jahr an dieser Schule. Alles war besser als nichts. Ich hatte nichts. Weder eine Ahnung, wohin ich konnte, noch wohin ich wollte.
Bei der Abschlussfeier erhielt ich den Anruf, dass ich die PrĂĽfung in der Grafiker Schule in Friedrichshafen bestanden hatte. Es war nicht das, was ich wollte, denn ich wusste ja nicht, was ich wollte. Ich weiss nur, was ich nicht will. Aber ich weiss auch, dass mensch in der Schweiz ohne Ausbildung nicht existent ist.
Vier Jahre lang habe ich nun durchgebissen. Alles für einen Scheisszettel, auf dem steht, dass ich etwas kann. Ich dachte immer, dieser Scheissfötzel wäre mein Ticket in die Freiheit.
Die AbschlussprĂĽfungen stehen vor der TĂĽr. Ich mache mir keine Sorgen um mein Wissen oder mein Können. Ich habe Angst, dass ich zusammenbreche, bevor ich ĂĽberhaupt anfangen werde. Und was kommt nachher? Wieder stehe ich da, ohne die geringste Ahnung, was auf mich zukommen wird.Â
Diese Freiheit, von der ich träumte, die war genau das. Ein Traum.
Liebe SBB
Ich bin wirklich keine, die sich wegen einer Verspätung von ein paar Minuten nervt. Ich warte geduldig, bis der Zug kommt, und wenn der Zug da ist, und ich in der Wärme sitzen kann, warte ich gerne auch noch ein paar Minuten länger als angegeben, kein Problem.
ABER. Wenn der Zug erst zehn Minuten vor Abfahrt des nächsten Zuges abfährt und ich erst dann per Durchsage darüber informiert werde, dass der Zug auch noch umgeleitet wird, was eine Verspätung von einer ganzen Stunde bedeutet, gehöre ich dann doch langsam zu der genervten Sorte.
UND JETZT KOMMTS. Wenn dann die Stunde um ist und ich mich frage, ob das wirklich Dulliken ist, wo ich gerade durchfahre – würde bedeuten, dass ich in drei Minuten in Olten ankäme – UND DANN ERST die Durchsage kommt, dass der nächste Halt ROTKREUZ ist, dann muss ich mich doch Fragen ob ihr noch alle Tassen im … ihr wisst schon.
Trotzdem bin ich euch dankbar, dass ich nun zwar drei Stunden später aber trotzdem sicher und lebendig nach Hause gekommen bin. Wie wir heute gelesen haben ist ja auch das keine Selbstverständlichkeit mehr.
Deswegen, liebe SBB, danke. Danke, dass ihr mich Tag fĂĽr Tag sicher und meistens sogar pĂĽnktlich zur Arbeit und wieder nach Hause bringt.
Von unechter Wirkung und echten Nebenwirkungen.
Ich weiss auch nicht warum ich mich dazu überreden liess. Ich war wohl ziemlich zerstört.
Nachdem ich tagelang heulend im Bett gelegen und mich kaum bewegt, weder etwas gesagt, noch etwas gegessen hatte, wurde ich ins Kriseninterventionszentrum geschleppt.
Sie war etwa meine zehnte Psychologin. Duzende Male hatte ich mich gegen dieses Chemiezeug gewehrt. Ich wollte nur, dass es endlich aufhört. Als Nummer zehn mich zum fünften mal fragte, ob ich mir nun wirklich sicher sei, ob ich es nicht doch versuchen möchte, stimmte ich zu.
Monatelang schluckte ich dieses Zeug.
Nach einer Weile schien es mir richtig gut zu gehen. Lange konnte ich die Taubheit und die Trägheit ignorieren, welche die Pillen ausgelöst hatten. Ich nahm alles auf die leichte Schulter und vergass nach und nach, dass ich alles was ich tat eigentlich um einiges besser könnte.
Nach einem halben Jahr sah mich die Psychologin schockiert an und meinte, ich hätte die Pillen doch schon längst absetzen sollen. Es könne zu Abhängigkeit führen, wenn mensch sie zu lange nimmt. Dies hat sie mir aber nicht gesagt, nein, das Gegenteil hat sie gesagt, als sie mir die erste Schachtel entgegenstreckte. Nur leider hatte sie nicht bemerkt wie schnell die Zeit vergangen war.
Mir war es egal. Es ging mir wunderbar. Bevor sie ihr Amt verliess verschrieb sie mir weitere Pillen und riet mir, alles ganz langsam, ĂĽber drei Monate hinweg abzusetzen.
Genau. So gut wie es mir ging, dachte ich gar nicht daran, mich weiterhin mit diesen legalen Drogen vollzupumpen. Ich wĂĽrde es auch ohne schaffen, habe ich zu mir gesagt.
Ich hatte dieses monotone, gefĂĽhlslose Leben satt.
Aufstehen, arbeiten, schlafen gehen. Das ist, was mir dieses Gift möglich gemacht hatte; einen Rhythmus zu gestalten, den die Gesellschaft als normal bezeichnen wĂĽrde.              Â
Aber was bedeutet schon ein subjektiver Ausdruck wie „normal“. Für mich war das gar nicht normal. Ich war eine Hülle, ein Roboter. Das Leeregefühl war verschwunden, aber freuen konnte ich mich dafür genau so wenig. Mein Leben hat geschmeckt wie ungesalzenes Brot.
Danach ging es erst richtig Berg ab. Das Monster in mir wachte auf. Und es war wĂĽtend. Sehr wĂĽtend.
Seither weiss ich, wie sich ein Entzug anfühlt. Ich versuchte stark zu bleiben, meiner Persönlichkeit Willen. Ich kämpfte und kämfpte darum, wieder dieses Mädchen zu werden, das ich war bevor mir Psychopharmaka verschrieben wurde.
Ich hatte volkommen verlernt, ich zu sein. Volkommen vergessen, was mir wichtig war und wofĂĽr ich Leben wollte.
Es folgte ein Krieg gegen mich selbst. Wie sollte mensch selbstbewusst werden, wenn mensch erfährt, dass es in dieser Welt ohne fremde Hilfe nicht geht?
Wie ich stark bleibe? Es gibt Tage, an denen muss ich mich richtig dazu zwingen, aufzustehen, zur Arbeit zu fahren, durchzuhalten und das Beste zu geben. Ich kann das, weil ich’s nicht mehr so weit kommen lassen will.
Bleibe ich einen Tag zu Hause, bleibe ich am nächsten auch. Damit würde ich mich direkt in eine Abwärtsspirale befördern und somit wäre dann der Kreis geschlossen, bzw. würde alles wieder von vorne beginnen, immer und immer wieder.
Jeder Abend, an dem ich mir sagen kann, heute, heute hast du’s alleine geschafft, ist ein Stück näher an meinem Selbst.
Es vergeht immer noch kein Monat, in dem ich nicht mindestens einmal alles hinschmeissen will. Gut ist anders.
 Aber dafür kann ich ich sein. Dafür kann ich echt sein.

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