Urlaub auf Teneriffa
Schon wĂ€hrend dem Mittagessen bemerken die ersten Touristen seltsame Wolkenformationen ĂŒber dem Horizont, doch die meisten denken sich nichts dabei, auch nicht, als die Einheimischen sich in ihre HĂ€user zurĂŒckziehen und die FensterlĂ€den verschlieĂen. Der BadespaĂ wird wie gewohnt bei schönstem Wetter fortgefĂŒhrt, auch wenn etwas an der Kulisse falsch wirkt; die schwarzen StrandverkĂ€ufer, die sonst gefĂ€lschte Markenware, Drachen und FrĂŒchte anboten, halten sich vom Strand fern und suchen die UnterkĂŒnfte ihres Ă€rmlichen Wohnblocks im landwĂ€rtigen AuĂenbereich der Stadt auf, auch auf die Gefahr hin, dafĂŒr spĂ€ter von den ZwischenhĂ€ndlern bestraft zu werden. Dies alles wird nicht weiter beachtet, und selbst wenn, wird es auf die drĂŒckende Hitze geschoben, die ĂŒber der Insel liegt und der sich niemand im Trockenen aussetzen will. Doch obwohl die Sonne mit unverminderter StĂ€rke das Land erleuchtet, ja eine zunehmend blendende QualitĂ€t annimmt, zieht vom Meer, als wĂŒrde die EiseskĂ€lte des Universums hereinbrechen, eine gewisse KĂŒhle heran, die sich wohl besser als die völlige Absenz jeglicher WĂ€rme beschreiben lĂ€sst.
Gegen ein Uhr Ă€ndert sich das Verhalten der StraĂenhunde merklich. In zunehmend nervöser Manier laufen sie hin und her, brechen entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit in Kaskaden von Gebell sowohl gegen Artgenossen, als auch gegen Menschen aus. Mit verstreichender Zeit versuchen sie sogar, was man ihnen von klein auf mit PrĂŒgeln und Tritten verwehrt hatte; sie dringen in offen stehende HĂ€user ein und verkriechen sich dort unter Möbeln wie verhĂ€tschelte Welpen, wenn ein Gewitter niedergeht.
Die besonders sensiblen unter den Touristen merken, wie sich mit dem Aufziehen der Wolkenformationen und des Temperatursturzes, den sie mit sich bringen, ein Druck auf ihre Ohren legt, der jedoch nicht auf das Zwerchfell beschrÀnkt ist, sondern vielmehr auf dem ganzen Kopf lastet, ja selbst die Gedanken zu beschweren scheint.
Kurz vor dem Eintreten der Windschreie schlĂ€ft das Meer ein, als wĂŒrde es von einer unsichtbaren Last zu Boden gedrĂŒckt, ein Augenzeuge sollte spĂ€ter sagen; âals wollten sich die Wellen aus Angst vor dem Kommenden versteckenâ. Um vier Uhr schlieĂlich waren die Wolkenformationen an die KĂŒste Teneriffas herangezogen, es sollte sich herausstellen, dass die niedrigsten Schichten nicht weiter als hundert Meter von der WasseroberflĂ€che entfernt sind. Gerade als die letzten standhaften BadegĂ€ste ihre Sachen zusammenpacken und ihre Hotelzimmer aufsuchen wollen, erhebt sich von einer Sekunde auf die andere ein Wind, der stark genug ist, um aufgespannte Sonnenschirme zu knicken und Strandliegen zu verwehen. Doch weitaus verstörender als der Wind sind die ebenso plötzlich einsetzenden Schreie, die aus den Wolken herabzustĂŒrzen scheinen und die keiner menschlichen Kehle entstammen können, da ihre LautstĂ€rke die eines Menschen um ein Vielfaches ĂŒbertrifft. Die von diesen Schreien erreichten Frequenzen reichen von einem tiefen Bass, der regelmĂ€Ăige Muster im Sand entstehen lĂ€sst, bis zu kreischenden Tönen, die, fĂŒr erwachsene Ohren kaum hörbar, Kinder voll Schmerzen zu Boden sinken lĂ€sst. Allen Schreien gemein ist eine Verzweiflung erweckende Eigenschaft, die unweigerlich von jedem Besitz ergreift, der den Schreien ungeschĂŒtzt ausgesetzt ist.
Als die Einwohner sich am nĂ€chsten Morgen aus ihren HĂ€usern trauten, fanden sie die verbliebenen Touristen noch immer in einem Zustand der Agonie vor, aus dem sie nur durch intensive persönliche Zuwendung wieder erweckt werden konnten, und der nur langsam von ihnen weicht. Bis jetzt versuchten sieben von ihnen, sich im Meer zu ertrĂ€nken, alle erfolglos, zwei der Einheimischen hatten jedoch mehr Erfolg, als sie versuchten, sich selbst zu erschieĂen, einer von ihnen nahm seine Familie mit in den Tod.
Nachforschungen haben ergeben, dass von einem derartigen Ereignis in dieser Stadt auf Teneriffa wiederkehrend alle hundert Jahre berichtet wird (mit sieben Monaten Ungenauigkeit), auĂerdem zeigten diese Nachforschungen, dass innerhalb weniger Wochen nach einem derartigen Ereignis jedes mal eine Seuche in der Stadt ausbrach, allerdings ist dieses erst das zweite Mal, dass ein Vorfall bei moderner medizinischer Versorgung ausbricht, wobei beim letzten Mal im Hochsommer 1915 die Spanische Grippe in ganz Europa wĂŒtete, von der bekannt ist, dass sie auf den Kanarischen Inseln entstand, aber nicht, in welcher Stadt. Laut Befragung der Einheimischen war jenen die Geschichte der Windschreie bekannt, sie wagten jedoch nicht, ihre Lebensweise und das TourismusgeschĂ€ft aufgrund einer alten Legende aufzugeben.














