Wakawa, Neuseeland, 8. April 2013
Zwei Wochen später. Das Steinzeitabenteuer geht weiter, aber wir haben hinzugelernt – und nachgerüstet. Zu unserer Ausstattung gehören nun ein weiterer Schlafsack, eine Windjacke, ein Kapuzensweatshirt, eine Wärmflasche und ein paar Socken. Das hilft gegen die Kälte. Die Temperaturen nachts sind einstellig. Das macht sich auch auf dem Speiseplan bemerkbar. Fleisch und Milchprodukte lassen sich zwei Tage aufbewahren, auch ohne Kühlschrank.
In unserer Heckklappenküche unterscheiden wir zwischen dem Karton mit Frühstücksbedarf und dem Karton für warme Mahlzeiten. Zu den warmen Mahlzeiten, die wir auf dem Gaskocher zubereiten, gehören neben Junggesellengerichten wie Bratkartoffeln, Rührei und Würstchen auch Ambitioniertes wie Risotto und Gulasch. Fast wie zuhause. Die Kinder lieben das. Seit unserem Asienaufenthalt haben sie sicher ein, zwei Kilo zugelegt.
Unser Leben im Wickedcamper: Wir teilen uns die Straßen mit Vans der Firmen Juicy, Apollo und Escape. Meist werden sie von jungen Leuten ohne Kinder gemietet, darunter viele Deutsche. Man kommt ins Gespräch, prüft, vergleicht, tauscht Erfahrungen aus. Babette kann stundenlang über Vor- und Nachteile der Vans referieren und kommt stets zum gleichen Schluss: Unser Wickedcamper ist das Letzte. Kein Kühlschrank, kein Klo, Heckklappenküche, hoher Verbrauch – die Liste der Mängel ist lang. Mein Mantra: Wir haben uns hier für die billige Lösung entschieden. Einzige Alternative: ein Wohnmobil. Kostenpunkt: ab 150 NZD / Tag aufwärts. Ergo: nicht finanzierbar. Zugegeben: Ich bin das Thema leid. Weil: hadern zwecklos. Abend für Abend stelle ich stur das Zelt auf, baue die Betten der Kinder, sortiere, koche, übergieße mich mit Gebirgswasser, murre nicht. Schätze, aus mir wäre ein guter Neandertaler geworden.
Neuseeland, Woche vier, und wir betrachten unsere Umgebung mit anderen Augen. Feuer, Wasser, Erde, Steine, Stöcke, Licht – alles ist brauchbar, alles Material. Wir füllen die Wärmflasche mit Nudelwasser. Wir sammeln Holz und machen Feuer am Strand. Wir essen aus Topf und Pfanne. Wir haben kein Klo. Steinzeit, schön und gut, aber was Unterhaltungselektronik angeht, sind wir hochmodern. Laptop und iPad sind unverzichtbar. Das iPad haben wir in Kambodscha gekauft, nachdem einer der Ebook-Reader den Geist aufgegeben hat. Jetzt, da es um sieben schon zappenduster wird, dürfen Ben und Karl Kinderfilme schauen. Dass man mit diesen Geräten auch Musik hören und skypen kann, ist bekannt. Wir machen reichlich Gebrauch davon. Die Texte für den Fei-Weltreiseblog und 4unterwegs werden auch nicht mit Feder und Tinte verfasst. Mit Strom versorgen wir uns übrigens über den Zigarettenanzünder oder suchen die Wände eines Cafés oder einer Imbissbude nach Steckdosen ab. Ich habe eine Tüte voller Kabel, Stecker und Adapter, die ich dann auspacke. Während ich das schreibe, denke ich: Bisschen balla-balla ist das schon.
Und was, zum Teufel, machen wir eigentlich in Neuseeland? Der Städte wegen sind wir jedenfalls nicht hier. Neuseelands Städte, von Auckland und Wellington abgesehen, sind Gewerbegebiete, mit hässlichen Flach- und Wellblechbauten, einem Motel, einer Tankstelle. Wir decken uns dort mit dem Nötigsten ein und verschwinden. Freunde von Fun-Sportarten dagegen kommen in Neuseeland voll auf ihre Kosten. Rafting, Kayaking oder Whale-Watching: alles möglich, alles unbezahlbar für uns vier. Bleibt, was Neuseeland umsonst zu bieten hat: grandiose Landschaften, Ausblicke, Leere. Doch solange ein iPad in der Nähe ist, haben die Kinder hierfür wenig übrig. Den Kampf dagegen können wir nicht gewinnen. Ich selbst gebe ein schlechtes Beispiel ab. Witzig: Ich dachte, die Weltreise könne dazu beitragen, die Kinder noch ein wenig davon fernzuhalten. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn sie am Ende der Reise gefragt werden, was ihnen am besten gefallen hat, sagen sie vermutlich, iPad, glotzen, Spiele spielen. Dem Thema „Was ich gedacht habe / Wie es wirklich war“ widme ich demnächst einen eigenen Blogeintrag.
Ich schweife ab. Es ist leider so, dass Karl nicht gerne „latscht“, selbst kurze Wanderungen lassen wir deshalb bleiben. Wir schauen uns Neuseeland vor allem vom Van aus an. Aber rund um die Campingplätze gibt es Strände, Seen und Flüsse, Wälder und Wiesen, also jede Menge zu erleben. Einmal, vom Strand in Kaikoura aus, konnten wir Delfine beobachten, vielleicht zehn Meter von uns entfernt, wir hätten hinschwimmen können. An den Küsten der Südinsel liegen Robben faul in der Sonne. Wir haben es geschafft, die Kinder ein wenig dafür zu interessieren. Sie sind sogar ausgestiegen. Die Robben und einen Pinguin fanden sie wirklich toll. Wir sind also in Neuseeland und erleben eine Menge, das sich zu erzählen lohnt. Manches davon erleben wir zum ersten Mal. Das ist gut. Deshalb sind wir hier.