"Westerwelles Kompass war stets in Richtung Provokation ausgerichtet, seine GrundĂŒberzeugung bestand vor allem darin, dass seine Partei medial immer gröĂer zu sein habe als sie in Wirklichkeit war. Der strategische Tabu-Bruch spielte in Westerwelles Politikstil, in der PrĂ€sentation der Partei nach auĂen, eine entscheidende Rolle. Lindner dagegen hat sich nach dem Rauswurf aus dem Bundestag 2013 und noch bevor er die Partei direkt danach ĂŒbernahm zum Ziel gesetzt, die Liberalen nicht als aggressive Besserwisser zu verorten, sondern als "Stimme der Vernunft". FĂŒr Lindner gibt es an sich keine festen politischen Milieus, keine dauerhafte Klientel, sondern es gibt Netzwerke, es gibt Projekte, die auch parteiĂŒbergreifend funktionieren können. [..] Wer das alles fĂŒr diffus und fĂŒr absolut nicht konkret genug hĂ€lt, liegt völlig richtig. Lindner selbst hat es einmal so formuliert: FĂŒr ihn sei der Liberalismus "der Rahmen ohne Bild als Geburtstagsgeschenk". Dahinter steckt die Vorstellung, dass alles vor allem eine Frage der Haltung und nicht der Ideologie sei. [..] Deswegen zielte die "Zuspitzung" auf das Rennen um Platz drei letztlich in Richtung der anderen Parteien. Dort sollen die WĂ€hler ins GrĂŒbeln geraten, sollen sich vorstellen, was passiert, sollte es erneut zu einer groĂen Koalition kommen, die ja nicht vollkommen ausgeschlossen ist. Dann, so das reale Schreckgespenst, mit dem die FDP jetzt die letzten Stunden Wahlkampf macht, wĂ€re die AfD womöglich die gröĂte Oppositionspartei. [..] Sieht man von den letzten Tagen und Wochen in diesem Wahlkampf ab, so ist es doch erstaunlich, wie wenig angefeindet die FDP im Vergleich zu frĂŒher ist. Vielleicht liegt es genau daran, dass da nur ein Bilderrahmen steht oder eine ProjektionsflĂ€che existiert, auf die jeder selbst im Kopf einzeichnen kann, fĂŒr was die Liberalen stehen könnten. Nach der Bundestagswahl 2009 enttĂ€uschte die FDP viele WĂ€hler, weil sie ihre Positionen nicht durchgehalten hatte. Dieses Mal könnte es dagegen sein, dass das Bild, das der jeweilige WĂ€hler sich von der FDP gemacht hat, doch nicht stimmt. Oder dass es zu viele, unterschiedliche Bilder sind, denen dann die Partei wiederum nicht gerecht werden kann. [..] Eine Bedingung fĂŒr den Eintritt in eine Koalition haben die Liberalen auch genannt: Das Einwanderungsgesetz, das zwischen Asyl fĂŒr Verfolgte, einem vorĂŒbergehenden humanitĂ€ren Schutz fĂŒr FlĂŒchtlinge und der Einwanderung in den Arbeitsmarkt unterscheidet. [..] iraler als die FDP ist kaum eine andere Partei auĂer ausgerechnet die AfD. Den Kampf um die Aufmerksamkeit, der Guido Westerwelle immer so wichtig war, hat Christian Lindner auch mit seinen Methoden ganz gut bestanden. Dass die Partei, ĂŒbrigens noch viel mehr als jemals unter Westerwelle, komplett auf eine Person, also auf Lindner, zugeschnitten ist, war in diesem Kampf letztlich auch kein Nachteil. Trotzdem lauert auch in Lindners Performance eine groĂe Gefahr. Im Grunde scheut er davor zurĂŒck, seine "Denkhaltung" im anstrengenden Alltag einer möglichen Regierung desavouieren zu lassen. Er wĂ€re gerne frei - im Handeln und im Denken. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass er persönlich und prinzipiell nicht viel von Kompromissen und AnnĂ€herungen an andere Positionen hĂ€lt. Insofern ist es aus seiner Sicht nur folgerichtig, dass er, sollte es ĂŒberhaupt zu einem Eintritt der FDP in eine Regierung kommen, Fraktionschef im Bundestag werden will. Nicht Minister, nicht Vizekanzler. DarĂŒber, wie er das dann wiederum seinen WĂ€hlern erklĂ€ren soll, denkt Christian Lindner ganz bestimmt schon nach. Er ist schlieĂlich, nicht im negativen Sinn, sondern im Wortsinn, durchaus ein Propaganda-König, der es versteht, wie die Ursprungsbedeutung des lateinischen Verbes propagare ist,zielgerichtet Meinungen zu formen und zu verbreiten.â