„Vergiss morgen nicht, die Haie und die Krokodile zu füttern. Nach einer Woche fasten haben die bestimmt richtigen Kohldampf“, rief mein Kollege Mark mir zu. Immer musste er sich als Chef aufspielen, nur weil er ein bisschen länger im Tierpark arbeitete als ich.
„Geht klar. Schönen Urlaub und frohe Weihnachten.“
„Das wünsche ich euch auch. Meine Mutter hat den Weihnachtsbraten bestimmt schon im Ofen. Gans mit Rotkohl und Klößen.“ Mark verließ die Futterkammer und rief im Gehen: „Hey, Chantal, coole Schuhe.“
Chantal lächelte und warf Mark eine Kusshand hinterher.
„Andere Leute mögen meine Schuhe. Nur du musst wieder rumstänkern, Kevin.“
„Du siehst in den Dingern aus wie eine Nutte. Ich mag es nicht, wenn du so rumläufst.“
„Jetzt fang nicht wieder damit an. Ich ziehe mich an, wie es mir passt.“ Chantal fuhr sich mit ihren langen blutrotgefärbten Fingernägeln durch ihr kurzes blondes Haar. „Nur weil wir verheiratet sind, heißt das nicht, dass du alles bestimmen kannst. Du gehst mir wirklich auf die Nerven. Ich habe darüber nachgedacht. Ich wollte es dir zwar erst nach Weihnachten sagen, aber egal. Wir sollten uns trennen.“
„Trennen? Wie meinst du das?“
„Scheidung, Kevin. Bist du wirklich so blöd oder tust du nur so?“ Chantal setzte sich auf den Drehstuhl vor dem langen Tisch, auf dem ich immer das Fleisch für die Haie und Krokodile zerteilte. Sie schlug ihr rechtes Bein über das linke und wippte aufreizend mit dem lilagefärbten Krokodillederschuh. Trennen? Diese Nutte konnte froh sein, dass ich sie geheiratet hatte. Und dann diese Schuhe! Ausgerechnet aus dem Leder meiner Lieblingstiere. Chantal grinste mich an. Jetzt reichte es mir. Ich stürzte auf sie zu und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Chantal taumelte zurück und fiel fast vom Stuhl.
„Spinnst du jetzt total, oder was?“, brüllte sie und sprang auf. „Das lasse ich mir von dir kleinem Wichser nicht bieten!“
Sie ging auf mich los wie eine Furie. Was hätte ich denn machen sollen? Mit diesen langen Fingernägeln hätte sie mir die Augen auskratzen können. Ich schubste sie mit aller Wucht zurück. Sie fiel rückwärts und schlug mit dem Kopf auf der Tisch-kante auf. Ich hörte ein lautes Knacken und sie sackte auf den gekachelten Boden.
„Chantal? Chantal, sag doch was! Chantal!“ Okay, jetzt bloß keine Panik. Ich atmete tief durch und beobachtete ihren Brustkorb. Er bewegte sich nicht. Scheiße! Scheiße! Scheiße! Sie war doch nicht tot, oder? Ich versuchte ihren Puls zu fühlen. Nichts. Als ich ihre Hand losließ, fiel sie schlaff herunter. Oh mein Gott! Ich hatte meine Frau umgebracht!
Ich starrte auf sie herunter. Ihr rechtes Bein lag verdreht unter dem linken und unter ihrem Kopf breitete sich eine Pfütze aus Blut aus, die langsam auf den Kacheln in Richtung des Abflusses lief. Ich musste würgen und rannte auf die Toilette. Nachdem ich mein Mittagessen in der Kloschüssel losgeworden war, ging es mir etwas besser. Ich wischte mir den Mund ab und überlegte, während ich in die Futterkammer zurückging. Es war Notwehr gewesen, ganz klar. Ich holte meine Jacke und fummelte nach dem Handy, um den Notruf zu wählen. Moment, wenn die jetzt dachten, dass es Absicht gewesen war? Und mich wegen Mordes einbuchteten? Wer würde die Haie und die Krokodile versorgen? Mein Blick fiel auf das Hackmesser, das neben dem großen Hackbrett auf dem Tisch lag.
Ich hätte gedacht, dass es mir schwerer fallen würde, einen Menschen zu zerteilen. Allerdings war das Ausziehen der Kleidung unvorhergesehen schwierig. Chantal war nicht besonders groß, vielleicht um die 1,65 m und schlank, aber sie wirkte viel schwerer als im Leben. Dass sie so schlaff war, machte die Sache nicht besser. Bei den Schuhen zögerte ich. Es waren wirklich geschmacklose Dinger. Ich beschloss, sie ihr nicht auszuziehen. Haie fressen bekanntlich alles.
Als mich überwunden hatte und die ersten Hiebe mit dem Hackmesser gemacht hatte, ging es recht gut. Der Kopf war das Schlimmste. Danach war es kaum anders als bei einem Rind oder einem Schwein, von denen ich schon viele für meine Lieblinge zerteilt hatte. Zum Glück hatte ich daran gedacht, die Plastikschürze umzubinden. Endlich hatte ich alles in handliche Stücke zerlegt. Ich legte die Hälfte in den großen Futtertrog und schob ihn zu den Krokodilen. Ich liebe den Zoo bei Nacht, wenn keine Besucher mehr da sind und man nur die Geräusche der Tiere hört. Die Krokodile dösten auf dem kleinen Sandstrand. Als ich an das Gehege trat, sahen sie träge zu mir hoch. Als sie mich erkannten, kam Leben in die fünf Echsen. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell Krokodile sich bewegen können. Sie drängten sich unter mir an der Abtrennung und starrten gierig zu mir hoch. Ich spießte das erste Stück Fleisch auf die Futtergabel und hielt es dem vier Meter langen Männchen Joe direkt vor das zähnestarrende Maul. Ein schnelles Schnappen und der Brocken war verschwunden. Ich teilte das restliche Futter gleichmäßig unter den Krokodilen auf. So hungrig wie sie waren, war das Fleisch in zehn Minuten aufgefressen.
Ich kehrte in die Futterkammer zurück und holte die andere Hälfte. Vor dem Haibecken blieb ich stehen und beobachtet die Riffhaie, den Tigerhai und den weißen Hai, die elegant durch das Wasser schwammen. Ich brachte den Futtertrog auf die Balustrade, die über das Aquarium führte, und warf die Fleischstücke nacheinander in das Becken. Das Wasser färbte sich rot vom Blut. Die Haie merkten sofort, dass es Futter gab. Pfeilschnell schwammen sie auf das Fleisch zu. Elegant. Gefährlich. Der Tigerhai war der erste. Seine Rückenflosse tauchte vor mir auf. Das Wasser wallte auf, als er sich auf das Fleisch stürzte. Nun waren auch die anderen Haie heran gekommen. Zügig schwammen sie auf die Fleischbrocken zu und schlangen sie herunter. Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Es waren allerdings noch Blutschlieren im Wasser zu sehen, doch bis zum nächsten Tag würde sich das Blut in dem riesigen Becken mit seinen 1,8 Millionen Litern Salzwasser verteilt haben. Ich beobachtete die Haie noch einen Moment und kehrte dann in die Futterkammer zurück. Dort machte ich alles penibel sauber. Danach zog ich mich um und verstaute meine und Chantals Klamotten in mehreren Plastiktüten. Auf dem Weg nach Hause würde ich sie auf verschiedene Mülleimer verteilen und mir dann etwas Tandori Huhn und Chapati vom Inder holen. Weihnachten wird meiner Meinung nach völlig überbewertet, deshalb hatte ich mich auch angeboten, während der Feiertage zu arbeiten. Chantal und ich haben beide keine näheren Familienangehörigen mehr, so dass Chantal in der nächsten Zeit nicht vermisst werden würde. Nach Weihnachten würde ich mir eine Geschichte ausdenken müssen, wo sie abgeblieben war. Mir würde bestimmt etwas einfallen, ich habe eine blühende Fantasie.
Am nächsten Morgen schaute ich mich als erstes in der Futterkammer um. Alles sah perfekt aus, keine Blutspritzer mehr zu sehen. Morgens mussten zuerst die Kattas mit Obst versorgt werden und ich schnitt Äpfel, Bananen, Mangos und Papayas in mundgerechte Stücke. Auf dem Weg zu den Affen kam ich am großen Haibecken vorbei. Die Haie sahen satt und zufrieden aus. Eine alte Dame mit ihrem vielleicht fünfjährigen Enkel waren die ersten Besucher. Der Kleine stand mit großen Augen vor dem Aquarium und starrte die Haie an. Ich grüßte und ging vorbei.
„Oma, guck mal, da schwimmt ein lila Schuh.“
Ich fuhr herum und suchte das Becken ab. Tatsächlich, einer der beiden Krokodillederschuhe trieb träge durch das Wasser. Der Tigerhai kam heran und nahm Kurs auf den Schuh. Friss ihn, los, friss ihn! Der Hai öffnete sein Maul und - schwamm vorbei! Der Schuh drehte sich ein paar Mal um sich selbst und trieb in unsere Richtung. Mit einem leisen Pochen schlug er gegen die große Glasscheibe.
Oh Gott! Es war nicht nur der Schuh.
„Oma, guck mal, da ist noch ein Fuß drin.“