Kyïv ist ein Palimpsest – und ein Ort, an dem um aktuelle Um- und Einschreibungen verhandelt und gestritten wird. Was uns Ihor Tyščenko über das Ringen um Kyivs öffentliche Plätze erzählt hat, wirkt nach.
Auch deshalb machen sich zwei von uns am Wochenende – der große Teil der Gruppe ist mittlerweile schon abgereist – noch einmal auf den Weg durch die Stadt. Wir besuchen noch weitere Orte der Kyïver Biennale und sehen uns die dort unternommen Versuche an, Überschreibungs- und Löschungsprozesse im Stadtraum zu problematisieren und Interventions- (oder: Gestaltungs-)möglichkeiten zu erarbeiten. Am Ende stehen wir wieder – auf dem Majdan.
Am Donnerstag sagte Vasyl Čerepanin uns, die Kyïver Biennale sei 2017 bewusst an Orte gegangen, „die in Gefahr sind“. Das meint vor allem Bauten aus der Zeit der Sowjetunion. Seit dem unter Porošenko 2015 gestarteten Dekommunisierungsprogramm ist eine Entkernung des sowjetischen Stadtbilds in Gang gesetzt worden, die Čerepanin für gefährlich hält, tilge eine solche Entkernung ohne Rücksicht auf Verluste das Erbe der ukrainischen Moderne gleich mit. Die Biennale interveniert in diese Politik, indem sie von der Tilgung bedrohte Orte zum Ausstellungsort und -thema macht. Zum Beispiel den Žytnij Rynok, den wir noch gemeinsam am Donnerstagvormittag besucht hatten und der Teil eines modernistischen Stils ist, der sich programmatisch „international“ nannte. Oder den Hauptausstellungsort der Biennale, das Informationsinstitut Kyïvs, dessen Spitzname „Fliegende Untertasse“ (oder: „Tarilka“/Teller) nicht von ungefähr kommt. Die Gebäude stehen vielleicht als konzentriertes Bild für das Anliegen der Biennale, historische und aktuelle Internationalismen aufzusuchen, um Möglichkeiten für ein neues internationales (kultur-)politisches Handeln zu entwickeln – „The Kyïv International“ (so das Thema). Dass Vasyl Čerepanin in seiner Eröffnungsrede den Slogan „Proletarians unite“ wiederausruft, weist darauf hin, dass auch die kommunistischen Bewegung als internationales Projekt mitgedacht werden soll.
Vermeintlich eindeutig markierte Orte um Vektoren internationaler Reichweite und von visionärem Potenzial zu ergänzen, ist also ein Anliegen der Kyïver Biennale. Lässt sich ein solcher Gedanke aktualisieren? Welche Rolle spielen Orte für die Aufgabe, die sich die Kyiver Biennale gesetzt hat, nämlich Möglichkeiten grenzübergreifenden Gemeinschaften und internationaler Solidarität neu zu denken?
Die Biennale 2017 versucht eine Antwort, in dem sie sich in die Kontinuität des Majdan stellt. Eine Biennale nach und mit dem Majdan denken, heißt für das Kuratorenteam einen Ort der Versammlung, Verhandlung, Verwandlung zu schaffen, im Sinne einer agora, wie es auf der Webpräsenz heißt.
Was verhandelt werden soll, ist auch ein gemeinsamer als noch zu er-sprechender Raum. Ein neues Lexikon, ein Vokabular möchte die Biennale deshalb finden. Ein alphabetisch ordnendes Aufschreibesystem des Raumes kannten wir vor der Exkursion von Jurij Andruchovyčs Kleinem Lexikon intimer Städtekunde. Überrascht sind wir, als wir das Konzept des Lexikons nicht nur in den Programmtexten der Biennale, sondern auch in der Stadt wiederentdecken: am Rande des Majdan, wo Gedenktafeln versuchen, eine Sprache für das dort Geschehene zu finden – und sich für die Form eines „Glossars” entscheiden.
Um Aufschreibesysteme der jüngsten Ereignisse in Kyïv wird verhandelt, wird gestritten.