MODEFOTOGRAFIE IN DER DDR: SIBYLLE DIE AUSSTELLUNG IN DER KUNSTHALLE ROSTOCK
(Titel-Photo von Sibylle Bergemann in der Kunsthalle Rostock)
NatĂŒrlich wollte ich die SIBYLLE Ausstellung sehen. Eine Ausstellung, in der die Fotografien der DDR Zeitschrift fĂŒr Mode und Kultur im Fokus stehen und die 1956 zum ersten mal erschien. Eine Zeitschrift, die das visuelle Abbild des Frauenbildes eines Landes war, dass es seit ĂŒber zwei Jahrzehnten nicht mehr gibt und immer noch biographisch ist. 1994, fĂŒnf Jahre nach dem Mauerfall, erschien die letzte Ausgabe. Die SIBYLLE hat den Beginn der âneuenâ Zeit nicht ĂŒberlebt, das quantitative Interesse an ihr war zu gering, als sich die Welt hinter den Grenzen geöffnet hatte. Damals war alles neu. Reisen wurden in LĂ€nder gemacht, deren Interesse sich bis dato auf das TrĂ€umen oder den dezimierten Geographie-Unterricht beschrĂ€nkt hatte. Bunt verpackte Lebensmittel kamen in die KĂŒhlschrĂ€nke, Mode wurde bevorzugt, die nicht zwischen Stralsund und Plauen konfektioniert wurde, Papp-Autos tĂŒrmten sich auf SchrottplĂ€tzen, Menschen zogen in andere StĂ€dte. Eine Art des Ausschauhaltens, euphorisch und gerechtfertigt fĂŒr den Moment. Ăhnlich einer streng erzogenen Kinderschar, bestand ein Teil der Befriedigung in dem Konsum, Dinge auszuprobieren, die vorher unerreichbar schienen. Erst Jahre spĂ€ter, als sich Architektur, Infrastruktur, Arbeitswelt, die Art Freundschaften zu pflegen oder des sich Zeitlassens verĂ€ndert hatten, erschienen vorschnell abgelegte Dinge wieder wertvoll. Solche Dinge, die Erinnerungen suggerieren, manchmal auch verklĂ€ren können, wenn in einer Stadt wie Berlin zum Beispiel, StraĂen nur noch manchmal durch GerĂ€usche von LKW Reifen auf dem Asphalt oder Schneegeruch an Heimat erinnern können.
Um zur Kunsthalle Rostock zu kommen, dem einzigen Neubau eines Kunstmuseums in der ehemaligen DDR, laufe ich durch den Stadtteil Reutershagen, der von anonymer Architektur, Platten-Neubauten, ZweifamilienhĂ€usern in Reihen am Gleisdamm in der NĂ€he des S-Bahnhofs geprĂ€gt ist. Architektur schafft es, sich klein zu fĂŒhlen. AuĂerdem regnet es. Es ist kalt.  Vor der Ampel wartet ein Paar. Sie trĂ€gt zu weite Jeans und einen lilafarbenen Anorak in der Hand eine TĂŒte.  Der Begleiter neben ihr hat einen Hund an der Leine. Frauen lassen sich im Alter fast ĂŒberall die Haare kurz schneiden. Der Weg am Schwanenteich vorbei ist aufgeweicht. Ich habe Lust, wieder mit dem Rauchen anzufangen und denke, der Osten hört niemals auf oder ist ĂŒberall. Das SIBYLLE Poster mit dem blonden MĂ€dchen und roter Kappe leuchtet von der Fassade.
Die KartenverkĂ€uferin hat ein nettes LĂ€cheln. Im Lichthof der Kunsthalle hĂ€ngen SIBYLLE Cover, eine Zeitreise von den 50ern bis zu den 90er Jahren. Interessant der Wandel der Headlines vom âHĂ€kelhemd zum Nacharbeitenâ bis hin zur âEndstation Sehnsuchtâ.
13 Fotografen, wie zum Beispiel Sibylle Bergemann, Arno Fischer, Ute Mahler, Sven Marquardt, Roger Melis oder Ulrich WĂŒst, werden in der Ausstellung fokussiert und erlauben ein visuelles heran tasten an den Mythos der SIBYLLE. Eine Zeitschrift mit Reportagen ĂŒber Kultur und Leben, mit Schnittmustern und PortrĂ€ts und eine Zeitschrift, die der Zensur unterlag und eine Funktion zu erfĂŒllen hatte. Wie stellt die DDR die Rolle der Frau öffentlich dar: individuell, unabhĂ€ngig, als Mutter, bereit zu allen Berufen?
(photos von Ute Mahler in Kunsthalle Rostock)
Eine MuseumsfĂŒhrerin erzĂ€hlt einer Besucher-Gruppe, dass die SIBYLLE die ganz ânormaleâ Frau in der DDR abgebildet hat, von der KranfĂŒhrerin bis zur Baggerfahrerin wird geredet. Als besonderes GĂŒtezeichen des âNormalenâ gilt hier, was mit mĂ€nnlicher Berufsdefinierung der Arbeiterklasse hervorgehoben wird.
(photo von Arno Fischer in Kunsthalle Rostock)
So werden in einer SIBYLLE Reportage aus den 60er Jahren die Wohnkomplexe des neuen Menschen angepriesen: âBitterfeld â Ozeane von mechanischer und elektrischer Energie werden hier produziert und verbraucht, Gebirgsmassive menschlicher Intelligenz werden bewegt, Provinzen von FleiĂ und Gewissenhaftigkeit entstehen, um den menschlichen Fortschritt, die Kultur und Zivilisation zu befördern.â Auf den zum Text gehörenden Modefotos  verschönern Frauen in neuen HerbstmĂ€nteln die rauchende Schornstein-Tristesse.
Die SIBYLLE Fotos sind von den 70ern bis zum Ender der 80er Jahre meist schwarz/weiss und erzeugen eine Melancholie, die verstĂ€rkt werden kann durch die Erfahrungen des Einzelnen, der sie betrachtet. Was als besonderes Merkmal der SIBYLLE kommuniziert wird, dass die Frau im Privaten, AlltĂ€glichem gezeigt wurde, muss zum einen als alleinige Option betrachtet werden, da Sujets wie StrĂ€nde, andere LĂ€nder, Exotik nicht zu den programmierten Zielen des Sozialismus gehört haben, genauso wie individuelle Lebenswege auĂerhalb der Vorgaben nicht gern gesehen waren. Zum anderen entsprach das Nischenleben, die private ErfĂŒllung im AlltĂ€glichen, dem gelebten Prinzip des Sozialismus. So suggerieren WettermĂ€ntel vor rauchenden Industriegebieten, dass der Rauch einer Form des Wetters entspricht, dass man als gegeben hinnehmen kann.
Der Fokus der Modefotografie liegt im Alltag, dort wurde Mode fotografisch in Szene gesetzt. So wurde auf Baustellen, auf Feldern, in der StraĂenbahn, in Parks, auf PlĂ€tzen und Alleen, in Industriegebieten fotografiert und differenziert suggeriert: Das ist unser Land und das sind die Frauen mit ihrer Schönheit, die dort leben.
(photo von Hans Praefke in Kunsthalle Rostock)
Es gibt die zweite Ebene, die mit graphischer Kompositionen und HintergrĂŒnden Interpretationsmöglichkeit offenlassen. So setzt zum Beispiel Ulrich WĂŒst, selbst Architekt, âSachliche Modeâ mit Licht und Schatten auf HĂ€userwĂ€nden, geometrischen Fugen, klar wir das Muster des Stoffes in Szene.
(Photos von Ulrich WĂŒst in Kunsthalle Rostock, 1984)
Eine groĂe Anziehung ĂŒben die Fotografien aus, ohne den ârealen Hintergrundâ, deren Faszination in der Kunst des PortrĂ€ts liegt, wie zum Beispiel bei dem Fotografen GĂŒnter Rössler oder Sven Marquard. Details der Körperhaltung, eine Hand an den Nacken gefĂŒhrt, die Transparenz einer Bluse und der direkte Blick sind es, die Raum fĂŒr zeitlose Deutungen geben können.
(photo von GĂŒnter Rössler in Kunsthalle Rostock: Barbara, Leipzig, 1964) Die Aura der Ost-BohĂšme, abgebildet in den Fotografien von Sibylle Bergemann. Ein Hauch von Selbstbestimmung charakterisiert die dargestellten Frauen. Der Blick bleibt kaum an der Mode haften, vielmehr ist es das Interesse an der Person. Was hat sie fĂŒr WĂŒnsche, was denkt sie am Abend, hat sie viel zu tun mit ihren Kindern, eine AffĂ€re vielleicht. Wie wird sie in zehn Jahren aussehen, trĂ€umt sie dann noch? Selbstbewusst erscheinen sie und zugleich filigran. Fast kann man an Jean-Luc Godards âAuĂer Atemâ denken, das Leben passiert auf der StraĂe.  Vielleicht zeigt sich in den Bildern von Sibylle Bergemann, dass die Frauen ihre Freiheit oft in der Liebe suchten. Das kann nicht immer gut gehen, das liegt an der Liebe.
(photo von Sibylle Bergemann in Kunsthalle Rostock) Die Schwarz/WeiĂ Fotografien lassen kein grelles Make-Up zu. Die Frauen sind keine Sex-Symbole, auch nackte Haut ist kaum zu entdecken. Das ist das Wunderbare an den Fotografien, dass sie Geschichten offen lassen ohne eindeutig zu sein.
Kann es nicht sein, wenn man diese Frauen so schön und emotional sah, dass der Betrachter zu DDR Zeiten nicht auch denken konnte, wenn so eine Schöne nach Fernweh aussieht, ist es wohl egal, wenn ich es kaum aushalte. Gab es eine Kultivierung der Melancholie, der Sehnsucht, um uns zusammen zu halten?
(Photo von Sven Marquardt in Kunsthalle Rostock) In den ersten beiden Jahrzehnten der SIBYLLE wurde auf den Foto-Strecken viel gelacht, zwischen Export und Import, was sich intensiv ab Anfang der 80er Jahre, kĂŒnstlerisch komponiert in Licht und Schatten, zu ausdruckstarken PortrĂ€ts und möglichen Interpretationen hinter dem Offensichtlichen entwickelte. Besonders mochte ich die Arbeiten von Roger Melis, französisch, fast filmisch in der Bildsprache an Nouvelle Vague erinnernd, erzĂ€hlen sie von Orten des Ankommen oder Wegfahrens. Ein Paar, vielleicht will es ins Kino, sie könnten den Boulevard Saint-Germain entlanglaufen oder am S-Bahnhof FriedrichstraĂe. FĂŒr mich ein Meister des GeschichtenerzĂ€hlens.
(photo von Roger Melis in Kunsthalle Rostock, Roger Melis arbeitet von 1967-1990 fĂŒr die SIBYLLE)
Und dann kam 1989 die Wende. Stars wir Katharina Thalbach oder Esther Schweins wurden portrĂ€tiert, Ulrich Wickert berichtete vom âMein Parisâ, Modeproduktionen wurden interkontinental umgesetzt, Farbe kam hinzu und das Lachen zurĂŒck auf die Bilder, ein Versuch, der mit der letzten SIBYLLE 1994 scheiterte.
(photo von Ute Mahler in Kunsthalle Rostock)
SIBYLLE â DIE AUSSTELLUNG BIS ZUM 17.04.2017
KUNSTHALLE ROSTOCK
Hamburger StraĂe 40
18069 Rostock









