Die niederlĂ€ndisch-deutsche Freundschaft: Warum die âHollĂ€nderâ die deutsche Sprache (nicht) lernen
Jeder weiĂ, dass Deutsch und NiederlĂ€ndisch einander stark Ă€hneln. Manche wissen auch, dass beide (sowie auch das Englische) zu derselben (westgermanischen) Sprachfamilie gehören und also quasi aus demselben Hause stammen.
Nahezu alle NiederlĂ€nder können bekanntlich ein wenig Deutsch, obwohl ihre Deutschkenntnisse meist fĂŒr âein geistreiches GesprĂ€châ nicht ausreichen und nur wenige die Sprache flieĂend beherrschen. FĂŒr die Mehrheit ist allerdings weder das eine noch das andere wirklich notwendig, da das Englische die bequemere Option darstellt, nicht zuletzt fĂŒr die jĂŒngere Generation. Englisch ist denn auch weitaus die wichtigste Fremdsprache fĂŒr den GroĂteil der NiederlĂ€nder.
Umgekehrt scheinen auch die meisten Deutschen eher im âpassiven Sinnâ mit dem NiederlĂ€ndischen auszukommen. Die Wörter sind fĂŒrs deutsche Ohr und Auge einigermaĂen erkennbar, aber damit ist auch alles gesagt. Die gegenseitige VerstĂ€ndlichkeit beider Sprachen soll man nicht zu sehr poetisieren. Die hĂ€ufige Beobachtung, das NiederlĂ€ndische sei âso eine Mischung aus Deutsch und Englischâ, dĂŒrfte so manch hollĂ€ndisches (und flĂ€misches) Herz verletzen, da das Nederlands lediglich im Schatten der zwei groĂen BrĂŒder wahrgenommen und damit seiner EigenstĂ€ndigkeit beraubt wird. Dem sei hinzugefĂŒgt, dass die Aussage (sprachhistorisch) schon deswegen nicht zutreffend ist, weil das heutige Standaard-Nederlands aus einer Reihe (hauptsĂ€chlich (nieder)frĂ€nkischer) Dialekte hervorgegangen ist.
Neulich scheint die Beliebtheit der deutschen Sprache in den Niederlanden ein wenig zuzunehmen. Allerdings war das Deutsche ĂŒber Jahrzehnte hinweg nicht sonderlich populĂ€r bei den NiederlĂ€ndern. Die neue Entwicklung fuĂt nicht zuletzt auf den wirtschaftlichen Vorteilen niederlĂ€ndischer Unternehmer, die sich die MĂŒhe geben, grundlegende Kenntnisse der deutschen Sprache und Umgangsformen zu erwerben. Das jahrelange, eher kĂŒhl-distanzierte VerhĂ€ltnis zur deutschen Sprache muss im Grunde immer noch vor dem Hintergrund der NS-Zeit gesehen werden, in der (mehr oder weniger) ein österreichischer Politiker dem Ruf der Deutschen als Kulturnation in kĂŒrzester Zeit den Garaus machte, weltweit.
Der spezifische, niederlĂ€ndische âGrollâ gegenĂŒber den Moffen (so die pejorative Bezeichnung fĂŒr die Deutschen in den Niederlanden) geht bzw. ging hauptsĂ€chlich auf den Bombenangriff auf die Hafenstadt Rotterdam und die deutsche Besatzung (40-45) zurĂŒck (und ist somit nicht ausschlieĂlich mit FuĂball verbunden). FĂŒr die niederlĂ€ndische Generation, die wĂ€hrend des Krieges aufwuchs, war es nicht untypisch, im spĂ€teren Leben eine Aversion gegen alles Deutsche zu entwickeln. (So hat beispielsweise meine GroĂmutter sich niemals fĂŒr meine Entscheidung, Deutsch zu studieren, begeistern können.) Diese Erinnerungen lasten aber heutzutage zum GlĂŒck nicht mehr so schwer auf dem kollektiven GedĂ€chtnis des niederlĂ€ndischen Volkes.
Das NiederlĂ€ndische zĂ€hlt ca. 23 Millionen Muttersprachler und bildet ein wesentlich kleineres Sprachgebiet als das Deutsche, das fast 5 mal soviel native speakers hat. Die Sprache von Hölderlin und Angela Merkel wird auĂerdem zu den 10 wichtigsten Sprachen der Welt gerechnet, auch wenn sie im Vergleich zu Hindi, Chinesisch und Spanisch weltweit eher eine bescheidene Rolle spielt. In der ganzen Welt lernen dennoch bedeutend mehr Leute Deutsch (ca. 80 Millionen) als die Sprache von Cees Nooteboom und Johan Cruyff.
In niederlĂ€ndischen Schulen ist Deutsch ein Pflichtfach fĂŒr viele SchĂŒler zwischen 12 und 16 Jahren alt. Ein niederlĂ€ndischer Gymnasiast erhĂ€lt im Schnitt 5 bis 6 Jahre Deutschunterricht. Oft bevorzugen niederlĂ€ndische SchĂŒler Deutsch vor Französisch, weil man fĂŒr Deutsch angeblich unter geringeren Anstrengungen höhere Noten erzielen kann. Deutschsprachige Hör- und Lesetexte seien auĂerdem einfacher zu verstehen als die en Français.
Nichtsdestotrotz hat das Deutsche in den Niederlanden den Ruf, eine besonders komplizierte Sprache zu sein. Die GrĂŒnde dafĂŒr hĂ€ngen vor allem mit der relativ komplexen Grammatik des Deutschen zusammen. So finden sich im NiederlĂ€ndischen zum Beispiel nur noch einzelne Reste eines abgestorbenen Kasussystems wie in diesem Satz: Loes was des duivels (=Loes war wĂŒtend). Allerdings ist die grammatische GröĂe des Genitivs â geschweige denn die des Dativs und Akkusativs â den meisten NiederlĂ€ndern nicht sehr gelĂ€ufig. Obwohl... hier ein Beispiel der ewigen QuĂ€lerei fast jedes niederlĂ€ndischen SchĂŒlers:
Fahre ich in die Schweiz oder in der Schweiz? Treffe ich in den Bahnhof oder im Bahnhof ein?
Diese BeispielsÀtze aus der Schule bleiben der Mehrheit zeitlebens unverstÀndlich, wahrscheinlich aus diesem einfachen Grund:
Klaas gaat naar Zwitserland en komt op het station aan.
Das ist alles. Wozu braucht man da noch die FĂ€lle? Aus niederlĂ€ndischer Sicht erfordern sie lediglich zusĂ€tzlichen Denkaufwand. Dabei haben (u.a.) die Sprachen Englisch und NiederlĂ€ndisch unumstöĂlich bewiesen, dass man problemlos auf das Kasussystem verzichten kann.
Das Geschlecht (der, die, das?) von Substantiven im deutschen ist ebenfalls ein heikles Thema. Das NiederlĂ€ndische unterscheidet nĂ€mlich nur zwischen de (der, die) und het (das). Im Vergleich zum Deutschen nimmt man es mit dem Genus von Nomen nicht besonders genau. Das Geschlecht des Wortes ist denn auch weniger auffĂ€llig, nimmt man zum Beispiel die Wörter: de boom (der Baum), de plant (die Pflanze), de natuur (die Natur), de maan (der Mond), de zon (die Sonne), de wereld (die Welt). Ob das jeweilige Wort feminin oder maskulin ist, spielt hier keine unmittelbare Rolle. Welche Wörter sind hier also nach Form oder Bedeutung mĂ€nnlich? Klaas weiĂ dies meistens selbst âauch nicht so genauâ und aus dem Grund kommt es mitunter zu willkĂŒrlichen Entscheidungen wie im folgenden Beispiel: Het parlement nam haar verantwoordelijkheid (= Das Parlament ĂŒbernahm ihre Verantwortung). Das weibliche Possesivpronomen haar erhöht in diesem Satz den Status des neutralen Wortes (Parlement), obwohl dies offentsichtlich eine grammatische Unmöglichkeit darstellt.
Die deutsche Grammatik serviert also auf einigen Fronten beachtliche Hindernisse â und keineswegs nur den NiederlĂ€ndern(!). Aber, und das ist der entscheidende Punkt, der NiederlĂ€nder hat zwei kardinale Vorteile gegenĂŒber der ĂŒbrigen Welt, indem seine Sprache nĂ€mlich lexikalisch und syntaktisch stark mit dem Deutschen ĂŒbereinstimmt. Was den Wortschatz, das Idiom und den Satzbau angeht, haben NiederlĂ€nder durchaus einen Vorsprung. SelbstverstĂ€ndlich kann man an dieser Stelle die kritische Randbemerkung machen, dass der Mangel an Kontrast ebenfalls zur Falle (der âfalschen Freundeâ) werden kann. Trotzdem halte ich an dieser optimistischen EinschĂ€tzung fest, nicht zuletzt deswegen, weil exotischere Sprachen wie Japanisch, Koreanisch und Hindi durch ihre nicht-alphabetische Schrift wesentlich gröĂere Schwierigkeiten bereiten als die eng verwandten Sprachen NiederlĂ€ndisch und Deutsch.
Damit sei gesagt, dass jeder NiederlĂ€nder im Grunde ein groĂes Potential besitzt, es weit mit der deutschen Sprache zu bringen. Ăbrigens geht es nicht so sehr um die âperfekte Beherrschungâ des Deutschen, sondern um gute Basiskenntnisse und das Selbstvertrauen, diese mit der Zeit weiter auszubauen. Denn es wĂ€re schade um âdas geistreiche GesprĂ€châ und um die beiden Sprachen, wenn wir kĂŒnftig nur auf Englisch miteinander sprĂ€chen.