Helene Fischer – kein bisschen atemlos !
Sie schmückt jedes zweite Werbeplakat, füllt als erste deutsche Schlagersängerin ganze Fußballstadien, ist Highlight und krönender Schlusspunkt jeder Party und macht selbst Intellektuelle zu Schlagerfans – „du bist ein Phänomen“ singt Helene Fischer und kann damit eigentlich nur sich selbst meinen.
Auch mich packte das Helene-Fieber und so strömte ich am vergangenen Donnerstag mit der (gefühlt-kompletten) Landebevölkerung Baden-Württembergs in die bis auf den letzten Platz ausverkaufte, prallgefüllte Schleyer-Halle um diesem Phänomen ein wenig mehr auf den Grund zu gehen.
Was ich zu sehen und zu hören bekam war in jeder Hinsicht perfekt. Jeder Ton saß, jede Bewegung war bis ins kleinste Detail technisch lupenrein ausgeführt.
Helene tanz, turnt, klettert, rennt und hüpft „Jump, let´s jump“ singt sie dazu mit kristallklarer Stimme. Gesangliche Perfektion gepaart mit akrobatischen Höchstleistungen.
„Wer ist schon fehlerfrei“ singt Helen Fischer gerade und das frage ich mich in diesem Moment auch. Als Stimmtrainerin weiß ich, dass sich schon die kleinste Veränderungen der Körperspannung oder kleine Bewegungen auf den Stimmklang auswirken. Nicht unbedingt negativ, aber es werden Unterschiede hörbar. Die Stimme ist je nach Körperspannung und -einsatz mal kraftvoller, mal dünner. Bei schnellen Bewegungen wird auch der durchtrainierteste Sportler irgendwann ein wenig kurzatmiger, es kommt dann zu hörbarem Luftziehen, verkürzten Stimmbögen oder gelegentlichem Stimmkippeln.
Nicht so bei Helene. Die Stimme ist auch während des Hüpfens und in jeder Lage gleichbleibend klangvoll und klar. Wie geht das? Ist Helene ein wahrhaftiges Phänomen, das meine physiologischen Kenntnisse komplett auf den Kopf stellt? Oder wird hier etwa technisch nachgeholfen? Bitte nicht! Ich lausche noch intensiver, warte und hoffe sehnsüchtig auf einen Hauch von Schwäche, einen kleinen Atemschnapper, einen schiefen Ton oder ein klitzekleines Kratzen. Doch fast 3 Stunden später schwebte Helene auf einem goldenen Vogel mit glockenheller Stimme über mir - immer noch kein bisschen atemlos.
In den vergangen Tagen habe ich mich mit Freunden über meine Eindrücke ausgetauscht, aber meine Irritation konnte das nicht beheben. Eine Psychologin glaubt an Helenes Perfektion und sieht den Grund dafür im russischen Erziehungsstil, der Menschen mit Drill zu Ehrgeiz und Höchstleitungen führe. Ein junger Musikmanager ist von technischen Hilfsmitteln, wie ausgleichenden Mikrofonen und Stimmuntermalungen, die er Halbplayback nannte, überzeugt. Er erzählte mir, dass es viele Künstler gäbe, die ihre Songs gar nicht selber singen. Blümchen und Fernanda hätten die gleiche Singstimme und das sei weder die von Fernanda Brandao noch die von Jasmin Wagner. Wenigstens diesen Punkt kann ich bei Helene Fischer ausschließen. Beim Konzert sprach Helene mit dem Publikum und Stimmfarbe/ Stimmklang der Sprechstimme und Singstimme sind definitiv identisch. Das ist doch zumindest beruhigend
Außerdem: egal ob mit oder ohne technische Unterstützung eines ist ganz sicher: Helene Fischer IST ein Phänomen!
Ariane Willikonsky, 01.11.14












