BĂ€rte, BĂ€rte, BĂ€rte, zeigt mir euren Juden, Teil 2
(Teil 1 hier zum Nachlesen)
Es war einmal ein Mann. Ein jĂŒdischer Mann. Und dieser jĂŒdischer Mann wollte in die Synagoge gehen und beten. So wie andere Juden rund um den Globus auch. Es war nĂ€mlich auch ihm wichtig, den höchsten Feiertag, Jom Kippur, gemeinsam mit seiner Gemeinde zu verbringen. Es war auch ihm wichtig, Kol Nidre von den Lippen des Kantors zu hören. Es war auch ihm wichtig, die Slichot zu beten â am Versöhnungstag die Bitten um Vergebung, die Gebete der BuĂe und Reue mit seiner Gemeinde zu sprechen.
Was er aber nicht so tun konnte wie alle anderen, das war Mitlesen aus den GebetsbĂŒchern der Gemeinde. Er konnte nicht gleich Bekannte oder gar Verwandte von der Ferne erkennen. Er konnte sich im GebĂ€ude, obwohl er seit jeher Gemeindemitglied war, nicht alleine zurechtfinden. Er fand nie einen Sitzplatz, stellte sich oft unpassend vor andere Betende und stand auch nicht immer so, dass er Richtung Aron haâKodesch schaute. Der Mann, der jĂŒdische Mann, war nĂ€mlich ein blinder, jĂŒdischer Mann.
Er ging wegen all diesen Unannehmlichkeiten und Peinlichkeiten (wobei hier angemerkt wird, dass ihm nichts davon peinlich sein muss oder soll), am liebsten mit seiner Mutter in die Synagoge. Er konnte sich an ihrem Duft und an ihrer Stimme orientieren. Konnte sich, wie schon sein ganzes Leben lang, an ihrem Oberarm festhalten. Sie leitete ihn durch das Leben und auch durch die ĂŒberfĂŒllten, verwinkelten GĂ€nge des Wiener Stadttempels. Sie leitete ihn hinauf in die Frauengalerie. Oben in den ersten Stock.
Dunkel. Schwarz. Wie die Katze nachts. Wie unter der Decke. Wie im Keller, wenn das Licht ausgeht. Finsternis. Mitternachtsfinsternis. Stockfinster. Hunderte Menschen. Alle mit ihrem eigenen Duft, gebildet aus KörperschweiĂ und Parfum. Mundgeruch. Ausgezogene Schuhe, weil man schon so lange stehen muss. Aschkenasische BlĂ€hungen. LĂ€rm. Ein singender Kantor. Betende Betende. Quatschende Leute, die sich seit langem nicht gesehen haben. âWie gehtâs den Kindern?â âWie gehtâs im neuen Job?â âWie gehtâs den BlĂ€hungen?â Laufende, kreischende Kinder, die Fangen spielen. Jeder ihrer Schritte auf dem Laminatboden wird gefolgt von einer widerhallenden Runde selbiger Schritte durch die Galerie. Es ist also fĂŒr diesen blinden, jĂŒdischen Mann stockfinster, stinkend und laut. Schon so stressig genug.
Obendrauf kommt der emotionale Stress des auf den Moment Wartens, bis jemand zu ihm kommt und ihn wegschickt. Ihn zurechtweist, denn er muss zurechtgewiesen werden. Ihn weg von den Frauen und runter zu den restlichen MĂ€nnern schickt. Oft ist ein Spiel mit der Zeit. Will man Kol Nidre hören, kommt man frĂŒh und geht man ganz rauf in den zweiten Stock â dort fĂŒllt es sich langsamer als unten und die Wendeltreppe aus rutschigem Stein mit ihren gefĂŒhlt dreihundert Stufen zahlt sich aus. Will man aber den Schofar hören, kommt man nur knapp davor und hofft man, die paar Minuten unbemerkt zu bleiben.
Stockfinster, stinkend, laut. Selbst atemlos ob Stiegen steigen und innerlich gestresst. Versöhnungstag. Um Vergebung bitten und beten. Judentum feiern. Und an dieser Stelle sage ich euch etwas: Wenn uns in den letzten 5780 Jahren keiner umgebracht hat, dann tun wir es heute selbst. Mein Herz bricht in tausend StĂŒcke. Kniend hebe ich die StĂŒcke einzeln vom Boden auf und traue meinen Ohren nicht. âDas ist hier nur fĂŒr Frauen! Gehen Sie runter!â Jegliche Logik, JĂŒdischkeit, Frommheit, Herz und schlussendlich Menschlichkeit haben den Raum verlassen.
Was stört es eine Frau, wenn ein blinder Mann da steht? ER SIEHT DICH NICHT! Er sieht nichts! Nicht gestern und nicht heute! Sondern niemals! Keine Sonnenstrahlen am frĂŒhen Morgen, keine lachende Kindergesichte, keine Bilder, keine Tiere, keine SonnenuntergĂ€nge am Strand und auch dich sieht er nicht. So wie die kleinen Buben oben mit ihren MĂŒttern sind, weil Kinder auf Hilfe der MĂŒtter angewiesen sind, auch so steht dieser Mann oben mit seiner Mutter. Kein Kind, sondern schon ĂŒber 30. Aber trotzdem auf die Hilfe seiner Mutter angewiesen. WeiĂt du, wie sehr sie dich beneidet? Du Mutter gesunder, sehende, nicht bei jedem Schritt auf Hilfe angewiesener Kinder? Oder wie sehr er uns alle beneidet? Wir, die alles sehen können â jede Kunstausstellung und jedes Haufen Hundekot auf der StraĂe. Um den Hundekot beneidet er uns!
Aber dich stört er. Dich stört sein stilles, hinten in der Ecke, sich am Oberarm seiner Mutter anklammerndes Stehen. Aber nein. Nicht er stört dich. Er kann dich doch gar nicht stören. Womit denn? Nein. Du hast etwas in dir, das dieses Stören auslöst. Und du musst bei dir etwas Ă€ndern. Wenn jemand in dir Wut oder Verunsicherung oder Schmerz auslöst, dann erwarte nicht, dass er sich Ă€ndert. Ăndere du deine Sichtweise. Ăndere deine Perspektive. Deine Paar Schuhe. Und ziehâ zur Abwechslung mal seine an. Ăndere du dich. In diesem Fall ist das sehr leicht gemacht: Finde einen Unzen Menschlichkeit in dir. Verwehre einem Juden nicht sein Gebet mit der Ausrede, du seist zu fromm fĂŒr einen blinden Mann in der Frauengalerie. Suche nicht den Rabbi, der es ihm erlaubt und dir das Siegel zeigt. Suche den Menschen in dir. Vergib dem Mann fĂŒr seine Blindheit, die ihn dazu zwingt, bei den Frauen zu stehen. Und vergib dir selbst fĂŒr deine SchwĂ€che und dafĂŒr, dass deine Barmherzigkeit in dem Moment verschwunden war.
BĂ€rte, BĂ€rte, BĂ€rte, wo ist euer Jude? Sei so fromm wie du möchtest. Aber vergiss nicht, worum es am Ende des Tages geht. WofĂŒr Du wirklich stehst. ?ŚŚ Ś Ś. ŚŚŚȘŚ
Der Mann blieb zu Jom Kippur Ausgang zuhause. Er hat den Schofar nicht gehört.













