âIn einer Welt, in der Bejahung immer nur die Bejahung des reaktionĂ€ren zu sein scheint, wie kann es eine Freude geben, ein VergnĂŒgen, eine Schönheit? was macht ein revolutionĂ€rer KĂŒnstler ohne Revolution?â
- Ronald M. Schernikau

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âIn einer Welt, in der Bejahung immer nur die Bejahung des reaktionĂ€ren zu sein scheint, wie kann es eine Freude geben, ein VergnĂŒgen, eine Schönheit? was macht ein revolutionĂ€rer KĂŒnstler ohne Revolution?â
- Ronald M. Schernikau

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Beeindruckend ist die Schrecksekunde, wenn Klinke mich als Westjournalisten vorstellt; beeindruckend die Sekunde danach, in der innerlich die Schultern gezuckt werden und die Leute loslegen: Freundlich, wissend, offen, kalt, an Dinge gewöhnt, lĂ€chelnd, kein biĂchen spektakulĂ€r. Das Naja der Leute hat ein ungeheures SelbstbewuĂstsein. Die Kraft des Alltags ist bloĂ die Kraft des Alltags; sie ist das Wichtigste.
Ronald M. Schernikau: Der Weg der Brötchen in den Sozialismus [1986], in: Jungle World 51/52 2018, S. 26
Es wĂ€re ganz nachvollziehbar, wĂŒrden die Arbeiter in Schernikaus Text auf den Besucher aus dem Westen skeptisch reagieren. Der schaut runter auf uns, der findet unseren Betrieb primitiv, der wird schlecht ĂŒber uns schreiben â so etwas geht den BĂ€ckereiangestellten sicher durch den Kopf. Trotzdem reagieren sie gelassen und verstellen sich nicht, um dem Journalisten zu imponieren. Stattdessen ein achselzuckendes Naja. In dem gelassenen Selbstbewusstsein der Leute liegt eine WĂŒrde, die etwas Entwaffnendes hat. Jeder Lobpreis der Freiheiten und Warenwelten des Westens, jedes NaserĂŒmpfen ĂŒber die RĂŒckstĂ€ndigkeit des Ostens scheint an diesem Naja abzuprallen.
In gewisser Weise kann man das stoische Selbstbewusstsein, das Schernikau beschreibt, auch heute noch in ehemals sowjetischen LĂ€ndern erleben, auch 30 Jahre nach Ende des Sozialismus. Die Situation ist natĂŒrlich heute eine andere: Es sind nicht die Berichterstattung und die gelegentlichen Besucher aus dem Westen, die das Bild einer freieren, bunteren, besseren Welt malen. Es sind die Nachgeborenen, die eigenen Kinder, der Staat, die Nachbarn, die in kĂŒrzester Zeit völlig ĂŒberformten InnenstĂ€dte, die alles das, was einmal galt, fĂŒr nichtig erklĂ€ren. Mein GefĂŒhl ist, dass viele derer, die im Sozialismus aufgewachsen sind â ich spreche hier ĂŒbrigens nicht von Ostdeutschland, da liegt die Sache nach allem, was ich weiĂ, noch einmal anders â auf all das auch nur mit einem Naja reagieren. Sie machen so weiter wie immer, dafĂŒr haben sie niemals viel gebraucht. Die Ungleichzeitigkeit in solchen LĂ€ndern fasziniert mich und frappiert mich.
Ich glaube schon, dass das eine Eigenschaft ist, die im SpĂ€tkapitalismus selten ist: Diese FĂ€higkeit zum Achselzucken, zum Naja. Es kann ja dabei grundsĂ€tzlich um vermeintliche Errungenschaften oder um Bedrohungen gehen. Es fĂ€llt offensichtlich vielen schwer, der Verlockung durch â sagen wir mal â ein neues iPhone-Modell zu widerstehen oder durch unfassbar niedrige Preise bei manchen groĂen Modeketten. So viel zu den Errungenschaften. Gleichzeitig erscheinen vermeintliche Gefahren, wie die notorische FlĂŒchtlingswelle 2015, als existenzielle Bedrohung, als Ende des Westens oder gleich als Ende der Zivilisation. Was diese irrationalen Vorstellungen fĂŒr BlĂŒten treiben, kann man sich wunderbar in den Alt-Right-Foren bei 4chan ansehen (allerdings nur empfehlenswert fĂŒr Leute mit sehr, sehr guten Nerven). Mehr Gelassenheit wĂ€re so wichtig! Warum nicht einfach ein Achselzucken â Naja, was sollâs, bisher gingâs immer weiter.
Ich glaube nicht, dass die Paranoia der Gegenwart und die stoische Gelassenheit im Sozialismus Zufall sind oder lediglich rĂŒckblickende Konstruktionen. Das Funktionieren der globalen Maschinerie, in der wir heute leben, ist auf zunehmende Mobilisierung angewiesen. Zugegeben, wahsinnig viel Wachstum entsteht derzeit durch reine Spekulation und trotzdem bleiben wir alle in ein System von Produktion und Konsumtion eingebunden. Ich habe irgendwann hier mal ĂŒber Fracking geschrieben und dass diese Technologie ein gutes Bild fĂŒr das beunruhigende GefĂŒhl abgibt, die Wirklichkeit werde immer mehr durchsetzt von den Mechanismen der kapitalistischen Wertschöpfung â das meine ich.
Ăbrigens ist das stoische Naja sicher auch nicht die richtige Reaktion auf unsere Gegenwart. Statt Gelassenheit könnte man im Achselzucken der DDR-Arbeiter ja auch Resignation oder GleichgĂŒltigkeit lesen. In jedem Fall lĂ€sst sich daraus keine Kraft fĂŒr VerĂ€nderung ziehen. Vielleicht sehnt sich Schernikau nach einem System, das sich nicht legitimieren muss, das langsam ist und stetig und jene Sicherheit verspricht, die der Kapitalismus verweigert. Solche nostalgischen GefĂŒhle kann man zumindest heute in Osteuropa schon haben. Vielleicht bedeuten sie letztlich nur, dass der FĂŒhlende ein idyllenseliger Romantiker ist (ich finde es ĂŒbrigens Blödsinn, Romantiker grundsĂ€tzlich fĂŒr ReaktionĂ€re zu halten). Wenn es einen Ausweg gibt, dann fĂŒhrt er in eine andere Richtung: Wenn ohnehin die Mobilisierung immer gröĂer wird, dann könnten die Mobilisierten sich doch solidarisieren und gemeinsam mal ein wenig die Richtung Ă€ndern. Jemand sagte mal, da sei irgendwo eine Welt zu gewinnen...
âIch staune jedesmal neu, wenn ich bemerke daĂ jemand kein Kommunist ist. Der Kommunismus liegt so auf der Hand! Aber vielleicht haben die anderen keine HĂ€ndeâ
- Ronald M. Schernikau, die Tage in I. 1/3
Marianne Rosenberg / Ronald M. Schernikau - Amerika. 1984
http://www.schernikau.net/lyrik/txt.amerika.html
âder klĂ€gliche versuch, die welt ĂŒber worte zu Ă€ndern. man schreibt nicht mehr man schreibt, man schreibt jetzt mensch schreibt oder frau oder wer. lĂ€cherlich. wer die welt so ernst nimmt, dass er beleidigt ist, wenn er nicht drin vorkommt, ĂŒberschĂ€tzt sie. wer die welt kritisiert anstatt sie sonstwo (sonstwo) zu nehmen und etwas mit ihr zu tun, tut mir leidâ
Ronald M. Schernikau (age 24)

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Das Wort IdentitĂ€t ist der Ausdruck nicht nur fĂŒr die kindische Angst, selber zu verschwinden, sondern vor allem fĂŒr das der Welt. - Weil alles so bunt und vielfĂ€ltig ist, kucken wir lieber gleich ganz weg. Ich bin ich, und eigentlich reicht mir das auch. Leider gibt es mich nicht.
R.M.Schernikau
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eine kleine schicht von selbstbewuĂten, der welt bewuĂten, relativ stabilen leuten, extrem, im rahmen freundlich, ungebildet, privilegiert. in ihr hab ich gelebt. besseres war nicht zu haben, keine klage ĂŒber konkretes kommt ĂŒber meine lippen, nur daĂ ich anderes wuĂte. etwas anderes kam nie vor, immer nur das was war, kein kleinster schritt hinaus. dieses war es, das das leben zu etwas machte, das ich niemals ertrug, zu einer hölle.
"
ronald .m.schernikau, die tage in l.Â
Rede auf dem KongreĂ der Schriftsteller der DDR, Ronald M. Schernikau,  1. bis 3. MĂ€rz 1990Â
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