Rhapsodie in Lilienweiss
Der Abendstern stand tief und einsam in der veilchenblauen DĂ€mmerung und jeder ihrer Schritte durch den feuchten Novemberschnee verursachte ein ekelhaftes, schmatzendes GerĂ€usch. Im Gegensatz dazu standen das rhythmische Klopfen ihrer Finger gegen die schmiedeeisernen StĂ€be des Friedhofszauns und das leise, chaotische Klingeln ihrer unzĂ€hligen Armreifen. Ansonsten war es still, die wenigen Vögel, die nicht gen SĂŒden gezogen waren, schwiegen bereits fĂŒr die Nacht.
Als sie den BĂŒrgersteig verliess und stattdessen auf den Kiesweg des Holywell Friedhofs einbog, wurden ihre leichten, beinahe tanzenden Schritte jĂ€h unterbrochen. Der Beutel, den sie in der Hand trug, war an einem der kĂŒrzeren, eher einem dekorativen Zweck dienenden, StĂ€be des Tors hĂ€ngen geblieben, riss Toccata zurĂŒck und gab schliesslich mit einem leisen Ratschen nach. Das GerĂ€usch hĂ€tte das MĂ€dchen nicht mehr erschrecken können.
Mochte ihr der Beutel auch egal sein - sie konnte ihn mit ein paar wenigen Handgriffen wieder zusammennĂ€hen -, so fĂŒrchtete sie doch um den Inhalt des unscheinbaren StoffstĂŒckes.
Hastig zog sie ihren wertvollsten Besitz, das VermÀchtnis ihres verstorbenen Vaters hervor.
Die Geige, sorgfĂ€ltig poliert und kunstfertig mit Lilien und Eisenhut bemalt, war unversehrt geblieben, so weit Toccata in der zunehmenden Dunkelheit erkennen konnte. Erleichtert atmete sie auf. Vorsichtig strich sie ĂŒber die Saiten, setzte den Bogen an und spielte einige KlĂ€nge, als wollte sie testen, ob es denn noch ginge.
Die Töne, die sie hervorbrachte, waren unsauber und verstimmt, als wĂ€ren sie selbst dem Tode nah; es schien etwas anklagendes darin zu liegen, fand Toccata, als hĂ€tte man die Geige mit ihrem Vater begraben mĂŒssen, als beschwerte sie sich auf diese Art darĂŒber, nicht bei ihrem Herrn sein zu können. Aber natĂŒrlich war das Unsinn, das Instrument litt bloss unter der Feuchtigkeit zahlreicher Sommer und der KĂ€lte ebenso vieler Winter.
Sie seufzte und setzte ihren Weg zwischen den Grabsteinen hindurch fort, einige Fasane flohen unter misstönendem Gegacker, als Toccata eine AbkĂŒrzung durch eine Gruppe von Birken nahm. Ein zweites Mal blieb sie abrupt stehen.
Sie hatte nicht erwartet, in der herannahenden Dunkelheit noch andere Besucher hier anzutreffen. Den meisten Leuten waren Friedhöfe bei Nacht oder DĂ€mmerung unheimlich, doch offenbar nicht so dem jungen Mann, der ein paar Meter von ihr entfernt vor einem kleinen, von Moos und Efeu halb ĂŒberwucherten GebĂ€ude - vermutlich einer Familiengruft - stand.
Die schlanke Gestalt hatte ihr den RĂŒcken zugewandt, so dass sie sein Gesicht nicht erkennen konnte. Der stilvoll gearbeitete Gehstock in seiner rechten Hand, der mattschwarz schimmernde Zylinder auf seinem Kopf und der Ă€usserst feine Wollstoff seines ebenfalls schwarzen Mantels, bestĂ€tigten Toccata jedoch, was die Familiengruft bereits ankĂŒndigte: Vor ihr stand ein Mitglied der Oberschicht, ein feiner Pinkel, der fĂŒr ihresgleichen nur Verachtung ĂŒbrig hatte, wĂ€hrend er sich irgendwo in einem viel zu grossen Haus von einem pickeligen HausmĂ€dchen den Tee servieren liess.
 Toccata fand eine seltsame Befriedigung in dem Gedanken, dass all dieser Luxus ihn letztlich doch nicht vor dem Schicksal aller Menschen bewahren wĂŒrde. Auch er wĂŒrde ohne feinen Zwirn und erlesenes Porzellan, ohne Diener und LĂ€ndereien, ohne Schmuck und Brieftasche vor seinen Schöpfer treten, genau wie ihr Vater, genau wie der alte Bettler im Park, genau wie das kranke Kind ihrer Nachbarin, denn der Tod machte keinen Unterschied zwischen ihnen allen.
Der Mann vor ihr stiess ein Seufzen aus und wandte sich zum gehen.
Ăberrascht hielt er inne, als sein Blick auf die unerwartete Beobachterin fiel. âOh.â Dann zog er in einer Geste der Höflichkeit den Hut und deutete eine Verneigung an. âGuten Abend, Miss.â
VerblĂŒfft stammelte Toccata eine Antwort. Sie hatte nicht erwartet, angesprochen zu werden. Mit ihrem wilden Haar und den abgetragenen, dĂŒrftig geflickten Kleidern, die sich wohl kaum einer modischen Bewegung zuordnen liessen, passte sie einfach nichts ins Bild der feinen Herrschaften und wurde - wenn ĂŒberhaupt - höchstens mit mitleidigen oder angewiderten Blicken bedacht.
Sie wollte schon an dem Mann vorĂŒber eilen, als er erneut das Wort an sie richtete: âVerzeihen Sie meine Neugier, aber dĂŒrfte ich wohl fragen, was eine junge Dame veranlasst, zu dieser Uhrzeit mit einer Geige auf einem Friedhof herum zu spazieren?â
âWas veranlasst einen reichen Herrn dazu, zu dieser Urzeit auf einem Friedhof herum zu spazieren?â, fragte Toccata schnippisch zurĂŒck. Was ging es ihn an?
âNun, wie sie sich vielleicht denken können, besuche ich die Familie. Meinen Vater um genau zu seinâ, erklĂ€rte der Unbekannte und zeigte mit seinem Gehstock auf die Alabasterplatte neben der TĂŒr der Gruft, auf der die Namen, Geburts- und Sterbedaten der hier Beigesetzten eingraviert waren. Der neuste âZugangâ zu dieser RuhestĂ€tte - ein Mr. Nathan Crawford - war noch keinen Monat tot.
Mit einem Mal tat Toccata ihre freche Art leid, obwohl ihr GegenĂŒber sich nicht im mindestens daran zu stören schien, oder zumindest liess er sich nichts davon anmerken.
âDas tut mir leid...â, murmelte sie.
âOh, nicht doch, das muss es nicht.â Er lachte. âDer Tod ist auch nur ein Teil des Lebens und ich habe Sie schliesslich zuerst nach Ihren Angelegenheiten gefragt. Da ist es nur recht und billig, mich auch nach den Meinen zu fragen.â
Toccata musterte den Mann aufmerksam. Sie schÀtzte ihn auf Anfang dreissig, doch sein Gesicht war bartlos, was ihn jugendlicher wirken liess als andere MÀnner seines Alters. Unter seinen dunklen Augenbrauen funkelten zwei braune Augen, die sie mit der unverhohlenen Neugier eines kleinen Jungen ebenso interessiert musterten.
âAuch ich besuche meinen Vaterâ, erklĂ€rte sie schliesslich leise.
âMein Beileid, Missâ, sagte Mr. Crawford, wĂ€hrend sein Blick noch immer auf ihr lag, als spĂŒrte er, vielleicht auch ohne sich dessen bewusst zu sein, dass etwas Ungewöhnliches an Toccata haftete. âDas erklĂ€rt - mit Verlaub - aber noch nicht die Geige.â
âMein Vater war Musiker, die Geige hat ihm gehörtâ, erörterte sie weiter und bedachte das Instrument mit einem zĂ€rtlichen Blick.
âOh, dann wollen Sie ihm also sein Instrument ans Grab bringen?â
Toccata schĂŒttelte energisch den Kopf, so dass ihre dichten, schwarzen Locken ihr fĂŒr einen Moment die Sicht nahmen. âSo ist es nicht. Vater wĂŒrde sich im Grabe umdrehen, wenn ich seine Geliebte Geige derart Regen und Schnee aussetzen wĂŒrde!â
âWas also haben Sie vor?â Mr. Crawford dachte einen Moment lang mit einem geradezu lĂ€cherlich ernsthaften Gesichtsausdruck ĂŒber diese Frage nach. Dann leuchteten seine Augen vor Begeisterung auf. âSpielen Sie vielleicht sogar selbst und wollen ihm vorspielen?â
Toccata errötete, ohne dass sie sich erklÀren konnte, wieso.
âJa, genau das gedenke ich zu tun.â, gab sie zu. âAber ich spiele nicht so gut wie er.â
âAch was, ich bin ĂŒberzeugt, Sie spielen ganz wunderbar. Ich wĂŒrde Ihnen wirklich gerne dabei zuhören, also warum spielen Sie nicht etwas fĂŒr mich?â, fragte Mr. Crawford und fĂŒge nach einer kurzen Pause hinzu: âIch bezahle Ihnen Ihre MĂŒhe auch gern, wenn Sie das möchten:â
Toccatas Scham kannte keine Grenzen. Sicher, sie konnte jeden Penny gut gebrauchen, aber die Geige ihres Vaters taugte schon lange nicht mehr, um fĂŒr zahlendes Publikum zu spielen.
âVerzeihen Sie, aber die Geige ist völlig verstimmt. Um ehrlich zu sein...â Toccata senkte die Stimme und beugte sich Verschwörerisch zu ihrem GegenĂŒber, fast, als fĂŒrchtete sie, es könnte plötzlich eine Saite reissen und ihr wie einem unartigen Kind auf die Finger schlagen. â...sie klingt ziemlich fĂŒrchterlich.â
Mr. Crawford lachte.
âAber das macht doch nichts. Viel wichtiger als ein perfekt gestimmtes Instrument ist doch das Herz des Musikers, der dieses Instrument spielt. Schliesslich ist Musik doch die Sprache des Herzens. Was machen da schon ein paar schiefe Töne? Perfekte Musik hat ohnehin etwas Kaltes, Seelenloses an sich, finde ich.â Er zwinkerte Toccata zu.
Sie seufzte.
âNa gut, Sie wollen es ja nicht andersâ, lenkte sie schliesslich ein. âAber sagen sie nicht, ich hĂ€tte Sie nicht gewarnt!â
Sie setzte die Geige an, ĂŒberlegte einen Moment, was sie spielen sollte und stimmte dann eine irische Jig an.
Jeder Takt der Melodie liess den Geigenkörper sanft erzittern, Toccata fĂŒhlte jede Note in ihren Fingern, die zunĂ€chst langsam, dann immer schneller und lebhafter ĂŒber die Saiten tanzten. Mit jedem Ton schien der Klang der Geige reiner zu werden, als wĂ€re sie nicht verstimmt, sondern nur nicht mehr daran gewöhnt, gespielt zu werden.
Toccata hatte MĂŒhe, die FĂŒsse still zu halten und obwohl sie die Augen geschlossen hatte um sich ganz der Musik hinzugeben, sich nur auf sie zu konzentrieren, sagte ihr irgendetwas, dass es ihrem Zuhörer nicht anders ging. Diese Musik war geschrieben worden, um dazu zu tanzen und jeder Ton, jeder Takt drĂ€ngt sie dazu, genau dies zu tun.
 Als sie schliesslich endete und die Augen öffnete, fand sie, dass Mr. Crawford das BedĂŒrfnis danach, zu tanzen wohl genauso erfolgreich unterdrĂŒckt hatte, wie sie selbst; wie aus Stein gemeisselt stand er lauschend da, beide HĂ€nde auf den silbernen Knauf seines Gehstocks gelegt und ebenfalls mit geschlossenen Augen.
âWie ichâs mir dachteâ, sagte er nach einem Moment tiefer Stille. âSie spielen ganz wunderbar, Miss.â
Toccata war fast sicher, dass Mr. Crawford ĂŒber das musikalische VerstĂ€ndnis eines Regenschirms verfĂŒgte. Sicher, die Darbietung war stetig besser geworden, aber sie war doch zittrig, unsauber und weit entfernt von âganz wunderbarâ gewesen.
Mr. Crawford zog seine Brieftasche hervor und zÀhlte 12 Schilling heraus, die er Toccata reichte.
âDas ist doch viel zu viel fĂŒr so eine VorfĂŒhrung!â, protestierte sie.
âIch bestehe daraufâ, gab Mr. Crawford beschwingt zurĂŒck. âSie spielen mit Leidenschaft, das ist mehr wert, als Sie vielleicht denken. Und Sie können das Geld sicherlich gut gebrauchen.â
Dann fummelte er eine kleine, kupferfarbene Taschenuhr aus seiner Westentasche und warf einen Blick darauf.
âAch herrje, sehen Sie nur, wie lange ich Sie aufgehalten habe. Es tut mir schrecklich leid, Miss. Ich fĂŒrchte fast, Ihr Herr Vater wird sich heute mit einem kurzen StĂ€ndchen begnĂŒgen mĂŒssen oder Sie werden sich hier draussen in der KĂ€lte noch den Tod holen.â Er steckte die Uhr wieder ein. âUnd ich sollte mich wohl auch beeilen, wenn ich noch einigermassen rechtzeitig zum Abendessen nach Hause kommen will.â
âAlso dann... leben Sie wohl", sagte Toccata, die MĂŒnzen immer noch in der Hand haltend. Etwas Redegewandteres wollte ihr einfach nicht einfallen.
âAuf Wiedersehen, Miss.â
Mit diesen Worten zog Mr. Crawford seinen Hut, eilte davon und liess Toccata allein auf dem Gottesacker zurĂŒck.
Sie sah sich um. Der Mond war mittlerweile als dĂŒnne Sichel im Osten aufgegangen und schickte sein spĂ€rliches Licht durch die Wolken und das dichte GeĂ€st der Eiben und Birken, die einen Grossteil des Friedhofs vor allzu neugierigen Blicken von der Strasse abschirmten. Hier und da schimmerten schwach Grablichter durch das Dunkel.
Vielleicht hĂ€tte sie doch eine Laterne mitbringen sollen; Die Schatten um sie herum waren tief und bedrohlich, als wĂŒrde etwas, das Toccata nicht zu begreifen vermochte, in ihnen lauern.
Ein Schauer schĂŒttelte das MĂ€dchen und sie tat einen tiefen Atemzug.
Toccata schĂŒttelte den Kopf. Das war doch lĂ€cherlich. In diesen Schatten gab es nicht, wovor sie sich zu fĂŒrchten hatte, höchstens ein paar schlafende Fasane und vielleicht einen Fuchs, der die Scheu vor den Menschen so weit verloren hatte, dass er sich derart nah an die Stadt heran wagte.
Sie lauschte in die Dunkelheit und ihr war, als könnte sie das leise Knistern des Frostes hören, der sich langsam ausbreitete und BlÀtter, Zweige und GrÀser mit einem feinen Rand aus Silberfiligran versah.
Sonst regte sich nichts im Unterholz und sogar der kalte schneidende Wind raschelte nur noch ganz leise in den Wipfeln der alten BĂ€ume, als wĂŒrde die Welt darauf warten, dass ihre Vorstellung begann.
 Erneut atmete Toccata tief ein, schloss dabei die Augen und setzte die Geige an. Als sie die Augen wieder öffnete und den angehaltenen Atem ausstiess, begleitete ein einzelner Geigenton das kleine Wölkchen, das ihren Mund verliess. Der Ton war langgezogen und klagend, doch völlig klar, von den Unsauberen, misstönenden KlÀngen zuvor war jede Spur verschwunden.
Dem ersten Ton folgte eine zweiter auf dem Fusse; In langsamem 4/4-Takt baute sich Note um Note jenes geheimnisvolle Lied auf, das Toccatas Vater die âRhapsodia Liliorumâ genannt und nur auf Friedhöfen gespielt hatte.
Toccata fröstelte, doch spielte sie tapfer weiter. Mit jedem Takt schien es kÀlter zu werden.
Leichter Nebel zog auf, wirbelte im Wind, bis sich schliesslich verschwommene Umrisse daraus formten.
Bald war Toccata umgeben von dunstigen Gestalten, die förmlich und steif im Takt der Musik um sie her tanzten. Und mit jedem Schritt, mit jeder Drehung wurden die Gestalten klarer, so dass Toccata bald sogar feine Muster auf der Kleidung der TÀnzer ausmachen konnte, und wÀren sie nicht durchscheinend gewesen, hÀtte Toccata Selbst kaum glauben können, dass sie von Geistern umgeben war.
âDu und ich, wir haben eine besondere Gabe, Toccataâ, hatte ihr Vater immer gesagt. âNicht jedem, der stirbt wird auch Einlass ins Jenseits gewĂ€hrt. Manche von ihnen mĂŒssen noch eine Weile hier bleiben. Und in dieser Zeit, lassen du und ich sie tanzen.â
 Wispernd und raunend glitten die Tanzenden an Toccata vorbei, ohne dass sie die Worte der Geister verstehen konnte. Es war seltsam alleine mitten unter all diesen Toten zu stehen. Ihr Vater hatte die tanzenden Geister immer als verlorene Seelen gesehen, von denen manche tanzten, um sich zu erinnern und manche um zu vergessen. Er mochte nicht wissen, warum diese Seelen verloren gegangen waren, warum ihnen der Zutritt ins Himmelreich verwehrt worden war, aber er war sich sicher, dass der Tanz Rhapsodia Liliorum sie einen Schritt nĂ€her an die ewige Ruhe, das immerwĂ€hrende GlĂŒck des Paradises brachte.
 âIch habe eine Bitte an Sie, Miss Toccata.â
Die sonore, warme Stimme schien in Toccatas Kopf widerzuhallen, wie in einem grossen, leeren Raum; sie ĂŒbertönte jeden anderen Gedanken und das wirbelnde, vielstimmige Gewisper der anderen Geister.
Als sie zum ersten Mal von einem Geist angesprochen wurde, war sie gerade acht Jahre alt gewesen und hatte sich verschreckt an ihren Vater gedrĂŒckt. Noch immer jagte es ihr einen unangenehmen Schauer ĂŒber den RĂŒcken, plötzlich eine Stimme in ihrem Kopf zu hören, als hĂ€tte diese genau dort ihren Ursprung.  Doch die Angst, die sie damals noch empfunden hatte und die Verwunderung, von jemandem, den sie noch nie zuvor getroffen hatte mit ihrem Vornamen angesprochen zu werden, war ĂŒber die Jahre verschwunden und mittlerweile war es lediglich eine kleine Unannehmlichkeit. Es fĂŒhlte sich in gewisser Weise falsch an, so als dĂ€chte sie die Gedanken von jemand anderem.
Ohne ihr Spiel zu unterbrechen -Â die Rhapsodia Liliorum konnte ohnehin schon Stunden andauern - sah Toccata sich um, versuchte, heraus zu finden, welcher der vielen Geister sie gerade angesprochen hatte.
Ihr blick blieb am geist eines Ă€lteren Gentlemans mit dĂŒnnem, grauen Backenbart und einer kleinen, golden schimmernden Brille, die ungewöhnlich tief auf seiner bemerkenswert gerade Nase sass, hĂ€ngen. Er stand ein wenig abseits der Tanzenden, als wĂ€re er sich zu fein, mit ihnen zu tanzen. Seine GesichtszĂŒge kamen ihr vage bekannt vor. Wo hatte sie ihn wohl schon einmal gesehen?
âSie haben vorhin meinen Sohn Mortimer getroffen.â
Wie ein Nebelstreifen zogen die Worte durch ihre eigenen Gedanken.
Aber natĂŒrlich! Es musste sich also um den Geist von Nathan Crawford handeln, die Ăhnlichkeit zu seinem Sohn war eigentlich kaum verkennbar, wenngleich die ZĂŒge des jĂŒngeren Mr. Crawford um einiges weicher und freundlicher wirkten, als die seines Vaters.
Endlich richtete Toccata selbst das Wort an ihr GegenĂŒber: âSie sagten etwas von einer Bitte. Was also kann ich fĂŒr sie tun?â, fragte sie leise, wĂ€hrend sie sich unbewusst im Takt der Rhapsodia wiegte.
âSie ahnen es bereits, ich möchte, dass Sie ihm eine letzte Nachricht ĂŒberbringen.â
In der Tat hatte Toccata dies bereits vermutet. Sie seufzte. Das war es immer, worum Geister baten: Letzte Nachrichten an ihre Hinterbliebenen.
âSpotten Sie nicht, Miss Toccata.â Nathan Crawfords Worte hallten streng und tadelnd durch ihren Kopf. âWas vermöchte und in der kalten Umklammerung des Sensenmannes besser zu wĂ€rmen, als der Gedanke an unsere Lieben? Es ist alles, was uns noch bleibt.â
âSchon gut, schon gut!â Toccata verdrehte die Augen. âAlso, was soll ich ihm sagen?â
Auf Mr. Crawfords Gesicht trat der Ausdruck tiefen Bedauerns. âIch fĂŒrchte, ich habe ihn allzu oft nur fĂŒr seinen Eigensinn getadelt und dabei versĂ€umt, ihm zu verstehen zu geben, dass ich dennoch stolz auf ihn bin. Ich möchte, dass er das weiss.â
Toccata seufzte. Diese Art von Geschichte hatte sie bereits dutzende Male gehört. Aber was half es?
âUnd noch etwas, Miss. Gehen Sie rasch und meiden Sie die Schatten.â
Das war neu, Geister hatten es sonst eigentlich selten eilig.
âIch gehe, sobald ich mein Spiel beendet habeâ, versicherte Toccata ihm, wĂ€hrend sie der Geige weitere, bittersĂŒsse KlĂ€nge entlockte.
âDann könnte es bereits zu spĂ€t sein. Ich bitte Sie, gehen Sie sofort, um Ihrer selbst willen.â
Nathan Crawfords eindringlicher Ton verunsicherte Toccata, sodass sie beinahe einen Fehler gemacht hÀtte.
âWarum?â Sie hatte ihrem Vater versprochen, dass sie herkommen und spielen wĂŒrde und sie gedachte nicht, dieses versprechen zu brechen nur zum als Botin fĂŒr einen verstorbenen reichen Schnösel fungieren zu können.
âWeil dort etwas in den Schatten ist.â
Toccata verdrehte die Augen ein zweites Mal. Etwas. Zu einer noch ungenaueren Beschreibung war Mr. Crawford wohl nicht fÀhig.
âIch wĂŒnschte, ich könnte mich in dieser Sache prĂ€ziser ausdrĂŒcken,â Toccata glaubte, einen Hauch gut verborgenen Sarkasmusâ in seinen Worten zu entdecken, âaber ich weiss nicht, was es ist, das dort im dunkeln lauert. Ich weiss nur, dass es ihnen gefĂ€hrlich werden kann, ich fĂŒhle es. Vielleicht ist es selbst fĂŒr mich gefĂ€hrlich und ich bin immerhin tot.â
Was vermochte wohl, einen Toten noch zu erschrecken? Alles, was die Verstorbenen noch zu fĂŒrchten hatten, waren die ewigen Qualen der Hölle oder die lĂ€uternden Flammen des Fegefeuers. Dinge, die Toccata, einer Lebenden, nicht gefĂ€hrlich werden konnten.
Sie schĂŒttelte den Kopf. Wahrscheinlich schlug der Tod dem alten Mann aufâs GemĂŒt, so dass er sich einen makabren Scherz mit ihr erlaubte. Geister besassen - genau wie Lebende -Â einen zuweilen recht eigentĂŒmlichen Humor.
Fasane und FĂŒchse, sagte Toccata sich, mehr verbarg die Dunkelheit nicht.
âIch versichere Ihnen, es ist kein Scherz, Miss Toccata. Kommen Sie in einer anderen Nacht wieder um Ihr Versprechen zu erfĂŒllen, aber lassen Sieâs fĂŒr heute gut sein und gehen Sie.â Der Blick auf Mr Crawfords Gesicht wirkte ehrlich besorgt. Wer hĂ€tte gedacht, dass er solch einen guten Schauspieler abgab?
âGenug!â Der Geigenbogen tanzte in flottem Stakkatissimo ĂŒber die Saiten, als Toccata ihn unterbrach. Das war doch lĂ€cherlich. âIch weiss nicht, ob Sie es komisch finden, jemandem Angst einzujagen, aber ich versichere Ihnen, es funktioniert nicht.â Nebel zog auf und mit ihm schwoll die Rhapsodia zu einem wĂŒtenden, gefĂ€hrlichen brummen an, dessen Tonlage bestĂ€ndig höher wurde. âDort ist nichts in der Dunkelheit, ich habe nichts zu befĂŒrchten und ich will kein Wort mehr darĂŒber hören!â
âAber..â
âKein Aber. Es ist genug!â Die Wut fĂ€rbte Toccatas Wangen rot und liess sie die beissende KĂ€lte beinahe vergessen. Warum sah er denn nicht einfach ein, dass er ihr mit vagen Schauergeschichten und dem stĂ€ndigen Wiederholen der Aufforderung zu gehen keine Angst machen konnte? Warum macht er sich mit diesem kindischen Spielchen ĂŒberhaupt dermassen lĂ€cherlich? Nathan Crawford sah gewiss nicht wie jemand aus, der im Leben als grosser Scherzkeks bekannt gewesen war.
 Sie schloss einen Moment lang die Augen, gerade lange genug um den aufgeregten Rythmus ihres Herzens wieder zur Ruhe kommen zu lassen.
Der Nebel um sie herum wurde mit jedem Herzschlag dichter und dichter.
Toccata war dankbar fĂŒr Mr Crawfords andauerndes Schweigen, das machte es bei weitem leichter, ihn zu ignorieren und sich auf die Rhapsodia zu konzentrieren.
Als Toccata die Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick auf die Birkengruppe, durch die sie frĂŒher an diesem Abend gelaufen war.
Dort, auf den weiss schimmernden StÀmmen der jungen BÀume lag ein Schatten, der zuvor nicht da gewesen war. Es war der Umriss eines schlanken Mannes mit Gehrock und vornehmem Zylinder, doch es gab niemanden, der diesen Schatten warf. Toccata war in dieser Nacht die einzige lebende Menschenseele auf dem Holywell Friedhof und Geister warfen keine Schatten.
Im nÀchsten Moment, beim nÀchsten Blick war der seltsame Schatten verschwunden.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus und der langgezogene Ton der Geige erstarb in einer ganzen Pause.
Der nÀchste Ton, den Toccata anspielte, war zittrig wie Herbstlaub im Wind. Hatte sie sich die Silhouette bloss eingebildet oder sollte Mr. Crawford etwa doch recht gehabt haben?
Sie atmete tief durch, wĂ€hrend sie den Kopf schĂŒttelte und versuchte, wieder etwas ruhiger, sicherer zu spielen. Das konnte nicht sein. Schatten wanderten schliesslich nicht einfach körperlos herum. Sicher, sie hatte schon so einiges gesehen, das die meisten Leute als unmöglich bezeichnen wĂŒrden, aber das? Nein, das war nun wirklich ausgemachter Blödsinn.
 Der Nebel um Toccata wurde immer dichter, schon verschwand der gedrungene Turm der St. Cross Church ganz und gar darin und die Baumkronen waren nicht mehr als dunkle, weiche Umrisse.
Toccata schauderte, wĂ€hrend sie sich unangenehm bewusst wurde, wie die Feuchtigkeit durch ihre Schuhe und StrĂŒmpfe drang und sie spĂŒrte, wie die NovemberkĂ€lte mit klammen Fingern ihre Beine hinauf kroch.
Vielleicht, sagte eine kleine, lÀstige Stimme irgendwo weit hinten in ihren Gedanken, vielleicht war doch etwas nicht in Ordnung...
Toccata war hin- und hergerissen, wollte einerseits die Augen schliessen, sich ganz der Musik und dem ihr eigenen GefĂŒhl von Sicherheit und Trost hingeben und so die klamme KĂ€lte unter ihrem Rock vergessen, andererseits jedoch wagte sie kaum zu blinzeln, als erwartete sie, mit einem mal den grĂ€sslichen, schwarzen Schlund eines gewaltigen Schattenhaften Monsters, das sie verschlingen wollte, vor sich zu sehen, wenn sie nur einen Moment lang unaufmerksam wĂ€re.
Da!
War da zwischen den GrÀbern nicht gerade eben wieder ein körperloser Schatten gewesen?
Ăngstlich sah sie sich um, das Geigenspiel hastig und verzweifelt, doch sie traute sich nicht, einfach aufzuhören, als wĂ€re die Rhapsodia ein Schutzschild gegen was auch immer es war, das dort in den Schatten harrte.
Dort war der Schatten schon wieder, tief schwarz und gestochen Scharf zeichnete er sich gegen das weiche Grau des Nebels ab und die Geister tanzten um ihn herum, als wÀre er gar nicht da. Vielleicht bildete sie sich doch nur etwas ein?
âSie hĂ€tten gehen sollen, als ich Sie gewarnt habe, Miss Toccata.â Sie konnte Mr. Crawford nirgends entdecken, hörte nur seine Stimme, in der eine kuriose Mischung aus Mitleid und Tadel lag.
âNun ist es zu spĂ€t.â Die Worte klangen EndgĂŒltig durch Toccatas Kopf.
Nein. Nein! So einfach konnte es nicht zu Ende sein, es war nicht zu spĂ€t! Schliesslich konnte sie doch jeder Zeit einfach gehen. Wie sollte ein simpler Schatten sie davon auch abhalten? Was auch immer sich hinter diesem Umriss verbarg, er hatte keine Macht ĂŒber sie. Nein. Sie war es, die Macht hatte, sie liess die Geister tanzen und sie wĂŒrde sich von einem blöden Trick wie diesem nicht einschĂŒchtern lassen!
Alles, was sie tun musste, war die Rhapsodia zu Ende zu spielen. Toccata war sich sicher, dass der Schatten verschwinden wĂŒrde, wenn sie nur ihr Werk zur Ende brĂ€chte. Dann wĂ€re jeglicher Spuk auf dem Holywell Friedhof vorbei. Die Geister wĂŒrden verschwinden und der Schatten mit ihnen.
Die Melodie, vormals ein gerade zu zerbrechliches Tenerezza, schwoll nun zu einem neu-erstarkten Vigoroso an, als Toccata gegen die Angst, die ihr Herz zittern liess wie einen gefangenen Vogel und den seltsamen Schatten, der immer nÀher zu kommen schien, anspielte.
Ihr war, als verspotte er sie. Als sagte er ihr wortlos, sie sollte nur spielen, so könne sie ihn nicht vertreiben. Und bald gehöre sie ihm ganz und gar.
Wenn er doch nur einfach verschwinden wollte!
Schon erschien die Silhouette auf der Wand der crawfordâschen Gruft. SelbstgefĂ€llig stand sie lĂ€ssig auf den Gehstock gestĂŒtzt, die linke Hand auf der HĂŒfte, als sĂ€he sie Ă€usserst interessiert zu, wie Toccata gegen sie ankĂ€mpfte.
TrĂ€nen der Verzweiflung rannen ĂŒber das Gesicht des MĂ€dchens.
âVerschwinde doch! Geh und Ă€ngstige jemand anderen!â, schrie sie in Gedanken, doch ĂŒber ihre Lippen drang kein Laut, einzig der Ton der Geige schien fortwĂ€hrend hysterischer zu werden. âWas habe ich dir denn getan?â
Die einzige Antwort auf diese Frage war das erneute Verschwinden des Schattens auf der Crawfordgruft. Toccata war zum Weglaufen zu Mute, aber ihre Beine waren bleischwer, sobald sie auch nur daran dachte, einen Schritt in Richtung Ausgang zu tun. Hastig sah sie sich nach dem Schatten um, wollte ihn wenigstens nicht aus den Augen verlieren, wenn ihr denn schon die Fluch verwehrt war.
Wie aus weiter Ferne gesellte sich der unregelmÀssige, wilde Rhythmus einer dumpfen Trommel zu ihrem nervösen Geigenspiel. Es dauerte einen ganzen Moment, bis Toccata dÀmmerte, dass es lediglich ihr Herzschlag war, der mit einem Mal in ihren Ohren  pochte.
Der Schatten lies ihr keine Zeit, sich ĂŒber diese Peinlichkeit zu Ă€rgern. Er schien sich gerade zu einen Spass daraus zu machen, sich in Toccatas Augenwinkeln zu zeigen, nur um im nĂ€chsten Moment wieder zu verschwinden und irgendwo einen weiteren Schritt nĂ€her bei ihr wieder zu erscheinen.
Fast schon erwartete Toccata ein leises, boshaftes Lachen zwischen den verschreckten, klagenden Tönen ihrer Geige zu hören.
Den Geistern war, wie Toccata bemerkte, das Tanzen mittlerweile vergangen und sie konnte es ihnen kaum verĂŒbeln; ihr Instrument klang mittlerweile verstimmter denn je zuvor, kein einziger gerade Ton war mehr in dem Katzenjammer, der ein die Rhapsodia Liliorum gewesen war, zu finden.
Sie konnte es ebenso gut aufgeben...
âNicht doch, Miss.â Nathan Crawfords Stimme erschreckte Toccata so sehr, dass sie sich grob verspielte - nicht, dass das tatsĂ€chlich noch aufgefallen wĂ€re - und ein kleiner Aufschrei den Weg ĂŒber ihre Lippen fand. âSpielen Sie, in Gottes Namen, Miss, spielen Sie.â
Nach wie vor konnte sie ihn nicht sehen, doch in Mr. Crawfords Stimme lag ein gewisser Trost. Und vielleicht war die Rhapsodia doch eine Art Schild gegen diesen Schatten? Vielleicht war sie wirklich sicher, solange sie nur spielte, ganz gleich, wie ohrenbetÀubend falsch es auch klingen mochte?
âIch kann Ihnen nicht versprechen, dass sie Sicher sind, solange Sie spielen.  Aber Sie dĂŒrfen nicht aufgeben. Dieser schatten, er scheint gefallen an der Jagd zu finden, es bereitet ihm VergnĂŒgen, sie herum zu scheuchen. Sobald Sie aber aufgeben, sind Sie nicht mehr von Interesse und wer weiss, was Ihnen dann blĂŒht? Also spielen Sie weiter, kĂ€mpfen Sie, Miss Toccata. Denn noch ist nicht alles verloren.â
Toccata nickt unter trÀnen. Mr. Crawford hatte Recht, sie konnte sich nicht einfach so unterkriegen lassen.
âNa also, das ist schon besser!â Trotz der Ernsthaftigkeit der Situation schwang in Nathan Crawfords Stimme eine ganze Menge Selbstzufriedenheit mit. âHören sie mir gut zu, Miss. Um einen Schatten zu bekĂ€mpfen, kann es - der Logik folgend - nur eines geben: Sie brauchen Licht.â
Woher sollte sie denn ein Licht nehmen? Selbst die Grabkerzen waren erloschen, wie Toccata jetzt auffiel. Himmel, sie hÀtte eine Laterne mitbringen sollen!
âIn meiner Gruft sind einige Kerzenâ, beruhigte Mr. Crawford Toccatas erneut aufkommende Verzweiflung. âEs brennt nur eine davon, aber ich glaube, ich kann ihnen die TĂŒr öffnen und ihnen genug Zeit verschaffen um die restlichen anzuzĂŒnden.â
Es wĂŒrde noch ein paar Stunden bis zum Morgen dauern und die Vorstellung, diese Stunden in einer Gruft ausharren zu mĂŒssen war alles andere als behaglich, aber es war dennoch eine Chance, dem unheimlichen Schatten, und vielleicht dem Gevatter Tod selbst, zu entkommen.
Dieser Lichtblick am dunklen Horizont liess Toccatas Spiel erneut erstarken. Fortissimo schollen die schiefen KlĂ€nge ĂŒber die GrĂ€ber.
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LÀnge bisher: 4509 Wörter
Fortschritt: ca. 85 %
People are so going to hate me for the ending D: Also Nathan, you adorable, dead fucker!
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