Thumpermonkey "Make Me Young Etc."
Tatsache: Die Londoner Band, bestehend aus Michael Woodman, Rael Jones, Sam Warren und Ben Wren veröffentlicht am 26.10.2018 ihr drittes Album, ihr erstes auf Rockosmos, dem Label von Amplifiers Frontmann Sel Balamir.
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WĂ€hrend ein Asteroid auf die Erde zurast, um dort alles Leben auszulöschen, sitzt der Protagonist im Garten und denkt ĂŒber seine Beziehungen nach, die er in den nĂ€chsten Minuten verlieren wird.
"Nachdem wir das Album zum ersten Mal gespielt hatten, ging uns auf, dass die Welt ja nun gar nicht untergegangen war", legt Michael Woodman dar, als ich mich mit ihm und Rael Jones in einem Londoner CafĂ© in Clapham treffe. Woodman selbst hat gerade Pause in seinem Job als Tutor fĂŒr lernbehinderte SchĂŒler. Seine erste Passion gilt der Musik, die zweite der Filmerei, die dritte dem Erstellen von seltsamen Software-Cases. Einer von diesen ist eine Powerpoint-PrĂ€sentation zu jedem einzelnen Song des neuen Thumpermonkey Albums. "Sie erklĂ€rt den Ăbergang von einer Persönlichkeit zur nĂ€chsten in der Entwicklung von Beziehungen und im Verlauf der StĂŒcke. Wir gehen davon aus, dass sich mit den Beziehungen auch immer die Menschen verĂ€ndern. Die PrĂ€sentation erklĂ€rt das ziemlich gut. Ich kann sie dir ja spĂ€ter mal schicken," sagt Michael mit einem Grinsen. Es gibt viel ironische Distanz zum eigenen Tun, nicht jedoch zur Musik an sich. Hier sind Nerds unter sich und der Konsens bleibt generell drauĂen.
A Deckchair For Your Ghost... Make Me Young Etc. ist der Soundtrack zum Weltuntergang. Foto: Ashley Jones
"Wir wussten immer, dass die Songs des Albums auf eine Platte gehören", erklĂ€rt Rael Jones etwas kryptisch. "Manche von den Songs haben wir schon 2009 geschrieben, aber es gab immer eine Kategorie fĂŒr bestimmte Songs, die auf unser 'orchestrales Album' gehörten, das wussten wir schon damals." Also sammelten sie alles, was eine bestimmte KomplexitĂ€t beheimatete, etwas mysteriöses, nicht umgehend greifbares, um es auf diese Platte zu pressen. Entsprechend irre ist sie geworden.
"Ich wĂŒrde gerne in einer Zeuhl-Band spielen und 20 Minuten lang erfundene Wörter singen," schwĂ€rmt Michael ĂŒber den zweiten Job von Bassist Sam Warren, der eigentlich in der Formation Guapo Bass spielt. Verbindungen in die Prog Szene haben Thumpermonkey durch Gong und Knifeworld Gitarristen und SĂ€nger Kavus Torabi und die musikalische Familie der Cardiacs. "Das sind Leute, die uns verstehen und umgekehrt. Und auch wenn es durch Tims andauernde Krankheit immer eine etwas tragische Note hat, so ist es doch ein musikalisches Zuhause fĂŒr uns. Andererseits passen wir am Ende des Tages nirgends so richtig hin."
Ein Umstand, den auch Sel Balamir auf den zweiten Blick realisieren musste. "Sel sah uns bei einem Auftritt, bei dem wir ziemlich gerockt haben und kam nachher total begeistert mit der Idee, uns fĂŒr sein neues Rock-Label unter Vertrag zu nehmen. Das war natĂŒrlich super, aber dann haben wir ihm ein paar Demos des Albums gegeben und er wusste nicht so richtig, was er damit machen sollte," erinnert sich Woodman zum Signing bei Rockosmos. Belamir wusste zwar, warum Thumpermonkeys Musik so ist, wie sie ist, wollte jedoch seine Hörerschaft ein wenig darauf vorbereiten, darum schmiss die Band im letzten Jahr ein paar rockorientierte StĂŒcke als "Electricity EP" und eine Art Appetizer auf den Markt. Ob das aber wirklich eine Vorbereitung auf âMake Me Young Etc.â war?
WĂ€hrend ich das hier schreibe, erscheint im Visions Musikmagazin eine der weniger Reviews zu "Make Me Young etc." auf deutschem Boden, und er ist, sagen wir mal... scheiĂe. Niemand kann natĂŒrlich gezwungen werden, diese Musik zu mögen. Aber Rezensenten sollten in der Lage sein, einen gewissen transzendentalen Blick auf das Objekt zu haben. Thumpermonkeys Musik am Ende als "sittenstrengen Prog Rock" zu beschreiben und zu proklamieren, diese Band wolle in irgendeiner Weise so sein wie frĂŒhe Genesis oder der zeigenössische Steven Wilson, erzeugt einen dieser Momente, wo man sich fĂŒr die eigene Zunft in Grund und Boden schĂ€mt. Aber gut, wenigstens erbringt auch ein Verriss den Beweis, dass in diesem Album das Potential zur unerbittlichen, oder auch nur unbewussten Polarisierung steckt.
"Wir haben alle Klicks der Platte von Hand programmiert", erklĂ€ren Rael und Michael mit dem Enthusiasmus von Musikern, die sich fĂŒr kein Geld der Welt einem linearen Metronom unterwerfen, wenn es sich nicht richtig anfĂŒhlt. Das Material des Albums erfordert die absolute Kontrolle ĂŒber jeden Ton und jedes Tempo. "Wir haben festgestellt, dass wir diese Temposchwankungen brauchen und es besser klingt, die Musik mit unseren Geschwindigkeiten und nicht denen des Computers zu spielen." Und so eiert vor allem das 10-minĂŒtige TitelstĂŒck durch alle möglichen Tempi, wĂ€hrend es auf seinen abstrakten Akkordabfolgen zum epischen Finale wandert, dem Moment, da der Asteroid den Planeten trifft und alles Leben beendet.
Mein rechter rechter Platz ist frei. Thumpermonkey warten im Garten (v.r.: Woodman, Wren, Warren, Jones) Foto: Ashley Jones
In vielerlei Hinsicht schlagen Thumpermonkey eine BrĂŒcke zwischen Indierock, Prog, Artrock und Psychedlia. Reminiszenzen an Shudder To Think sind ihnen ebenso eigen wie das nonkonforme Songwriting eines Peter Hammill oder die virtuosen Eskapaden von King Crimson. Und auch die Saat des Zeuhl, dem Bands wie Magma in den 70er Jahren zu obskurer BerĂŒhmtheit verholfen haben, geht irgendwo in den Harmonieebenen von âDeckchair For Your Ghostâ oder dem irren âCraneflyâ auf. Wem das zu viel wird, der sei entschuldigt. Andererseits ist Affront keine EinbahnstraĂe, wie Rael treffend erklĂ€rt: "Es kann ja sein, dass manche Menschen sich von unserer Musik abgestoĂen fĂŒhlen. Allerdings geht es mir auch so, wenn ich das Radio einschalte. Ich finde es ziemlich anstöĂig, was dort manchmal fĂŒr Musik lĂ€uft."
Sich dem super-angepassten Autotune-Blödsinn, der sich seinen Weg durch die Airwaves bahnt, effektiv zu entziehen, ist wahrscheinlich tatsĂ€chlich nur durch das Ende der Welt möglich. âTempe Terraâ, das letzte StĂŒck des Albums ist dieser Neuanfang. Wir bauen unser Leben neu auf, nach der Katastrophe. "Wir werden es aber auch dieses Mal wieder genauso in den Graben fahren" sagt Michael ĂŒber das jungfrĂ€uliche Versprechen in der Auslaufrille und offenbart die grundsĂ€tzliche Skepsis, mit der Thumpermonkey auf die Welt schauen. Dass mit dieser Grundhaltung Musik entsteht, die sich gegen Kategorisierung mit allen GliedmaĂen wehrt, ist nur folgerichtig.
Dass die Band mit âMake Me Young Etc.â eines der profundesten Alben des Jahres 2018 erschaffen haben, werden viel zu viele Menschen nicht bemerken. Eine Rettung aus Ahnungslosigkeit ist jedoch möglich:
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https://thumpermonkey.bandcamp.com/
Wenigstens ein Album des Jahres: Make Me Young Etc.