„Halt, halt, Kinderchen! Bleibt hier!“ Frau Wasserhahn kniff ihre Dichtung fest zusammen. Aber das half nichts, schon wieder war ihr ein Wassertropfen entwischt und platschte ins Waschbecken zu den anderen.
„Ein Glück, dass sie heute morgen vergessen haben, mich herauszuziehen“, brubbelte der alte Gummistöpsel. „Ich bin noch nicht so ausgeleiert wie manch andere hier.“ Wie zur Bestätigung gluckerte es im Abfluss.
„So nicht, Verehrtester!“ entgegnete Frau Wasserhahn „ich tue, was ich kann, aber die ungeduldige Jugend drückt und drückt, dass irgendwann auch die beste Dichtung mal porös wird“.
„Also ich finde poröse Sachen ganz wundervoll“, stöhnte ein kleines Stück Veilchenseife und schielte dabei auf den dicken Schwamm. Aber der schlief ganz ungerührt weiter auf der Badewannen-Ablage. „Die weichen Dinger könnte ich nicht leiden“, meinte die Handbürste „schwabbelig, leicht verformbar und im Alter schlecht riechend: So sind Schwämme! Such Dir was anderes, mein Kindchen! Hast Du schon die neuen Waschlappen gesehen, die letzte Woche reingekommen sind? Ein paar ganz tolle Exemplare sind dabei: Billard-grüne, Bordeaux-rote und strahlend weiße!“
„Hör doch auf mit diesen Fuzzi-Lappen!“ Der Schwamm war munter geworden und etwas näher an´s Duschbad gerückt. „Waschlappen sind eine Erfindung der Menschen, die sich einen echten Schwamm nicht leisten können!“
„Ach“, stöhnte die Veilchenseife „Sie sind ein Herr, der die Welt gesehen hat. Sie kommen von ganz weit unten, vom Meeresgrund! Wie wundervoll muss es dort sein!“ „Humbug“, sagte die Handbürste „da unten ist es dunkel und kalt - und er ist auch nur einer von vielen! Aber ich, ich bin handgemacht ! Aus gutem Holz und mit echten Schweineborsten!“
„Igitt, igitt!“ tönte es da vom Spiegelbord „wenn ich schon ‘Schweineborsten höre, vergeht mir alles und meine echten Dachshaare stehen mir zu Berge!“ „Das war wieder mal der arrogante Rasierpinsel“, sagte Frau Wasserhahn zu ihren Tröpfchen im Waschbecken. „Seitdem der hier ist, sind sich alle in diesem Bad gram. Ihr hättet den alten Rasierpinsel noch kennen lernen sollen: Ein wahrhafter Gentleman von feinster Handarbeit, sehr gebildet und weitgereist!“
Die Tröpfchen hörten aufmerksam zu, nur einer fragte: „Und wo ist er hingegangen, Mutter?“
„Ach“, stöhnte Frau Wasserhahn „hingegangen ist er nirgends. Ausrangiert hat man ihn, einfach weggeworfen! Nur weil ihm die Haare ausgegangen sind. Das ist dann der Dank für ein arbeitsreiches Leben!“ „Nun ja“, meldete sich da die Rasierseife „er war wahrlich schon alt und er seifte nicht mehr richtig.“ „Da habt ihr´s gehört: Neue Pinsel pinseln gut! Irgendwann muss jeder mal abtreten“, sagte der Dachshaarpinsel „Das beste Beispiel sind die Rasierklingen: Sind sie nicht mehr scharf, taugen sie nichts mehr und kommen in den Müll.“
„Ich würde was drum geben, ewig zu leben“, sagte die kleine Veilchenseife „in inniger Verbundenheit mit einem geliebten Partner.“ Und dabei schielte sie zum Schwamm, der nur noch näher an´s Duschbad gerutscht war. Aber auch das Duschbad sagte kein Wort und starrte nur gelangweilt auf die blauen Fliesen.
„Jeder lebt, solange er soll“, äußerten die Handtücher ihre Philosophie „irgendwann werden auch wir zu Putzlappen.“
„Jeder, wie er´s verdient“, rauschte da die Toilettenspülung. „Ich habe Handtücher kommen und gehen sehen, Hunderte von Spülsteinen hinweg gespült, alle Sorten von Seife gerochen und kannte sogar den Großvater des alten Rasierpinsels! Mich gibt es, seit es dieses Badezimmer gibt. Ich bin unsterblich!“
Die Wassertröpfchen im Becken klatschten in die Hände, Frau Wasserhahn schmunzelte artig und sogar der neue Pinsel war fasziniert von dieser Rede.
Eben wollte der Gummistöpsel noch etwas entgegnen, da kam ein kleiner Junge in´s Badezimmer.
Mit dem Finger piekte er in den Schwamm, der sich, kitzlig wie er war, kaum ein Quietschen verkneifen konnte. Dann setzte sich das Kind artig auf die Toilette und nach einer Weile spülte es. Anfangs rauschte es wie immer, aber dann wurde das Rauschen stärker und stärker und wollte gar nicht mehr aufhören.
„So werden meine Kinder nun vergeudet. So eine Verschwendung!“ dachte empört Frau Wasserhahn. Und als der kleine Junge, nach seiner Mutter rufend, aus dem Bad hinauslief, schrie sie die
Toilettenspülung an: „So tu doch was! Halt endlich das Wasser an!“ So hatte noch niemand im
Bad jemals Frau Wasserhahn erlebt. Alle waren fürchterlich aufgeregt und redeten auf die Spülung ein. Aber alles Schimpfen und Krakeelen nützte nichts. Die vorher so stolze und von sich überzeugte Toilettenspülung stöhnte nur noch matt: „Ich brauche einen Klempner. Schnell, holt doch einen Klempner!“
Die Mutter des Jungen war unterdessen in´s Bad gekommen und sagte zu ihrem Sohn: „Schnell, lauf runter zum Hausmeister, er soll kommen und endlich die alte Spülung ausbauen.“
Einige Zeit später kam ein alter Mann im blauen Overall mit einer großen Werkzeugkiste. Mit Schraubenschlüssel, einer großen Rohrzange, Hanf und Dichtungen hantierte er eine Weile, nachdem er vorher das Wasser abgestellt hatte. Und dann lag die in ihre Einzelteile zerlegte Spülung auf einem ausrangierten Stück Handtuch. Sie war zu matt, um auch nur noch einen Ton zu sagen.
Der Hausmeister putzte sich etwas umständlich die Nase, brummelte ein paar Worte in seinen Bart und griff dann nach der Veilchenseife, um sich seine verschmutzten Hände zu waschen.
Im Waschbecken bildete sich ein dunkler Rand und nachdem er diesen mit dem Schwamm abgewischt hatte, zog er den Gummistöpsel aus dem Becken.
„Tschüß, Mama!“ riefen die Wassertropfen, rutschten durch den Abfluss und Frau Wasserhahn weinte eine stille Träne.
„Ach herrje, der Wasserhahn tropft ja auch noch“, sagte der Hausmeister zu sich und holte die Rohrzange wieder heraus.
„Eine neue Dichtung ist wie ein neues Leben“, freute sich Frau Wasserhahn, als er gegangen war.
Die alte Toilettenspülung hatte er mitgenommen, um sie in den Müll zu werfen.
„Jeder lebt, solange er soll“, sagten die Handtücher noch einmal „so ist das Ende.“
Und im Badezimmer zog wieder Stille ein.