Fokus: Nebenfiguren â Welche Rolle spielen sie?
âDie Platzhalter sind meist reine Stereotypen und Teil der Szenerie: Sie treten auf und wieder ab, weil die Geschichte sie braucht, geraten aber selbst nicht ins Blickfeld. Sie bleiben namenlose FunktionstrĂ€ger: Taxifahrer, Soldaten, Schutzpolizisten. Sobald sie aus ihrer AnonymitĂ€t heraustreten, einen Namen erhalten und eine Rolle zu spielen beginnen, werden sie zu Nebenfiguren.â (Fritz Gesing, âKreativ schreibenâ, S. 64,65).
(Quelle: fantastik-online.de)
Bevor ich damit anfing, diesen Artikel hier zu verfassen, habe ich darĂŒber nachgedacht, welche Rolle diese Nebencharaktere in einem Roman eigentlich spielen. Im heutigen Beitrag wird es also ganz grundsĂ€tzlich um folgende Fragestellungen gehen: Warum tauchen Nebenfiguren ĂŒberhaupt auf? Wozu gibt es sie? Und vor allem: Wie wichtig sind sie fĂŒr die Handlung?
Wann ist eine Figur eine Nebenfigur?
Getreu dem einleitenden Zitat könnte man Nebenfiguren auch als das âTĂŒpfelchen auf dem iâ oder das âSahnehĂ€ubchenâ oder auch ganz schlicht das âSalz in der Suppeâ nennen. Sie machen einen Roman mit all seinen KomplexitĂ€ten ĂŒberhaupt erst richtig interessant. Eine Nebenfigur haucht einer Geschichte, einer Welt, Leben ein ohne selbst in den Vordergrund zu treten. Nur, was unterscheidet eine Nebenfigur von einer Hauptfigur? Klar, eine Hauptfigur ist jene Figur, um die sich die Geschichte dreht. Diese Figuren treten hĂ€ufig auf und interagieren mit der Umwelt um sie herum. Sie wollen etwas erreichen, haben Ziele, TrĂ€ume, Motivation â und einen Feind bzw. Antagonist. Ăber Hauptfiguren erfĂ€hrt der Leser â meistens â sehr viel durch das dargestellte Verhalten, Aussagen, Meinungen, Gedanken. Nebenfiguren aber gehen nicht so sehr in die Tiefe. Sie begegnen der Hauptfigur meist an irgendeinem Punkt der Handlung und sind in dem Augenblick wichtig â und nur in dem Augenblick! Ein Beispiel: In der Highland-Saga von Diana Gabaldon gibt es haufenweise Nebenfiguren (z.B. Lord John oder Alex Randall, der Bruder von Black Jack Randall, Hamish MacKenzie und und undâŠ), aber nur eine Hand voll Hauptfiguren (Claire, Jamie, Roger, Brianna, etc.). Diana Gabaldon versteht sich wie kaum jemand anderes einer Geschichte Leben einzuhauchen und Tiefe zu geben allein durch die Verwendung von Nebenfiguren, auch genannt Randfiguren. Man könnte eine Nebenfigur auch ganz allgemein einen Komparsen oder Statisten nennen. Ein weiteres Beispiel ist die Mutter von Bella in âTwilightâ von Stephenie Meyer. Sie taucht nur gelegentlich auf â wenn es eben notwendig ist! Der Leser erfĂ€hrt nur einzelne, wenige Charaktereigenschaften und Begebenheiten aus ihrem Leben. All dies wird aber nur dann wirklich wichtig, wenn Bella in direkten Kontakt mit ihrer Mutter tritt. Der Leser hat zudem auch gar kein wirkliches Interesse daran, wer die Mutter nun ist, was sie mag oder nicht mag, was sie erlebt oder auch nicht erlebt. Den Leser interessiert nur: Kommt Bella nun mit Edward zusammen und wird zum Vampir oder nicht? Die Mutter ist, genau, nebensĂ€chlich.
Welche Bedeutung haben Nebenfiguren?
âNebenfiguren stehen nicht im Zentrum der Geschichte, aber auf sie ist in umfangreicher Epik kaum zu verzichten. Wir stehen alle in einem komplexen Umfeld sozialer BezĂŒge, und die meisten Romane bilden dieses Bezugssystem modellartig nach. Neben dem Helden und seinem Gegenspieler gibt es noch Rat- und Stichwortgeber, BeichtvĂ€ter und Hofnarren sowie MĂŒtter und MĂ€tressen, GeschĂ€ftsfreunde und Killer, Gehilfen und verlassene MĂ€dchen. (...) Nebenfiguren brauchen Erkennungszeichen, die sie in der Erinnerung der Leser haften lĂ€sst, ohne dass ihr Bild aus dem Skizzenstadium heraustreten mĂŒsste. Kleine typische WesenszĂŒge und Eigenheiten, aber auch körperliche AuffĂ€lligkeiten und mit ihnen verbundene âDingeâ (die amerikanischen Autoren sprechen von ÂŽtags and propsÂŽ) tun hier ihren Dienst.â (Fritz Gesing, âKreativ schreibenâ, S. 64,65).
(Quelle: fantastik-online.de)
Damit sind wir auch schon bei dem Aspekt der Wichtigkeit angelangt. Eine Nebenfigur ist nur bedingt wichtig fĂŒr die Handlung. Ein Krimi wĂ€re beispielsweise ohne eine Leiche oder jemanden, der dem Verbrechen zum Opfer fĂ€llt und somit die Leiche abgibt, nur halb so interessant oder sogar gĂ€nzlich uninteressant, da eine wichtige Komponente des Genres fehlen wĂŒrde. Ein weiteres Beispiel fĂŒr eine gelungene Nebenfigur ist an dieser Stelle Mrs. Reed aus dem Roman âJane Eyre, die Waise von Lowoodâ von Charlotte BrontĂ« (sehr lesenswert ĂŒbrigens!). Was wĂ€re Jane ohne ihre abweisende Tante? Mrs. Reed nimmt einen enorm wichtigen Teil in Janes Leben ein â ohne jedoch selbst, ganz privat, konkreter in Erscheinung zu treten. Eigentlich könnten Nebenfiguren auch als âMittel zum Zweckâ betrachtet werden. Eine Nebenfigur erfĂŒllt eine Funktion im Roman: Sie offenbart wichtige HintergrĂŒnde bezogen auf dem Hauptcharakter (wie Mrs. Reed, Bellas Mutter in Twilight) oder sie dient als Ăbermittler von wichtigen Informationen, die das Verstehen der Motive des Hauptcharakters  oder auch das Verstehen der allgemeinen HandlungsablĂ€ufe dem Leser erleichtern (z.B. ein Nachrichtensprecher, eine Leiche oder ein panischer Passant). Der Leser erfĂ€hrt ĂŒber sie nur das, was er wirklich wissen muss, um zu verstehen.
Fazit
Nebenfiguren sind somit von entscheidender Bedeutung, wenn man einer Geschichte mehr Tiefe, AuthentizitĂ€t und Leben einhauchen möchte. Ohne Nebenfiguren wirken Geschichten schnell fad, blass, uninteressant. Sie werden langweilig und farblos. Nebenfiguren, die dem Leser im GedĂ€chtnis haften bleiben ohne von der Hauptfigur abzulenken, machen einen Roman reicher und helfen dem Leser, sich in der Lebenswelt der Hauptcharaktere rasch heimisch fĂŒhlen zu können. In diesem Sinne also: Ein Hoch auf Nebenfiguren! ;)












