ERLEBENDES AUSDRUCKSGEBAREN
AFFEKTIONEN: Die Gesamtheit des Ausdrucksgebarens der ersten menschlichen Entwicklungsperiode, besteht aus Stellungnahmen zu Ă€uĂeren und inneren VorgĂ€ngen und stellt diese Anderen zur VerfĂŒgung (mit mir geschieht geradeâŠ)
Man lebt von einem Tag in den anderen. Man isst, man hungert, man tanzt, man stirbt. Langsicht in Hinsicht auf etwas, das irgendwann einmal in Zukunft sein wird, ist noch ganz begrenzt, Langsichtverhalten unverstĂ€ndlich und vergleichsweise schwach entwickelt. Ebenso unverstĂ€ndlich ist die Möglichkeit, etwas, das man sich hier und jetzt gedrĂ€ngt fĂŒhlt, zu unterlassen um einer Befriedigung willen, die in einer Woche oder in einem Jahr kommen mag; oder das zu tun, das wir âArbeitâ nennen. ELIAS
Mit dem Ăbergang der Aggregation von der Schwarm- zur Gruppenbildung werden die Anderen zu konstanten und relevanten Aspekten der Merk- und Wirknetze in der Umgebung (CASSIRER). Die dauernde Anwesenheit der Anderen sowie die Produkte ihrer LebenstĂ€tigkeit beginnen, einen ĂŒbernachhaltigen Aspekt der Lebensumwelt zu bilden. Dies betrifft sowohl die Individuen innerhalb der Kleingruppe, welche das unmittelbare Zusammenleben ausmacht â als auch die anderen Gruppen mit denen Geografie und Ressourcen geteilt werden (mĂŒssen).
Bedenkenswert ist das ausgeprĂ€gte Spielverhalten aller SĂ€ugetiere, die damit die biologisch notwendigen Leistungen der Enkinaesthesie niederlagen-, krĂ€nkungs- und konsequenzfrei erwerben. Je differenzierter diese Lebensaufgaben sind, desto lĂ€nger und bunter wird diese Lebensperiode ausfallen. Spielen erfordert ein Einladungsverhalten, einen gegenseitigen âSpielvertragâ ĂŒber die Nichternsthaftigkeit und die Symmetrie/Fairness des Agierens und ein Signal zum Abbruch des Spiels (MENNINGHAUS)*. Es bilden sich ĂŒbernachhaltige, nicht-verwandtschaftliche Bindungen, welche sich ĂŒber den reziproken Altruismus bekrĂ€ftigen (DE WAAL).
In der Gruppe werden AktivitĂ€ten nicht zeitgleich von allen Individuen realisiert â also mĂŒssen zentripetale* und zentrifugale Mechanismen nebeneinander ablaufen. Beide werden ausbalanciert, indem ĂŒbergroĂe Gruppen in kleinere aufgespalten werden, bei einigen Tierarten mĂŒssen Jungtiere die Herkunftsgruppe verlassen und sich anderen Gruppen anschlieĂen bzw. neue bilden. Die GruppengröĂe ist abhĂ€ngig von den verfĂŒgbaren Mechanismen zur Steuerung von Hierarchie und Kooperation innerhalb des bewohnten Habitat.
Die Individuen sind gezwungen, via Ausdrucksgebaren durchgehend Reize zu produzieren, welche andere Gruppenmitglieder sowohl zu einem gemeinsamen, als auch dem Individuum gegenĂŒber spezifischen Verhalten stimulieren (emotionale Ansteckung*, hierbei wird aus der Objektkonstanz der individuellen Wahrnehmung eine Ereigniskonstanz der Bedeutung). Ein Beispiel fĂŒr generalisiertes Verhalten:Â
In einer gröĂeren Herde werden nur die Individuen am Rand mit einem Raubtierangriff konfrontiert (ein vertrautes Objekt der Umwelt - PEIRCE), fĂŒr Individuen im Zentrum bleibt dieser unbemerkt. Das affektive Gebaren der randstĂ€ndigen Individuen (Kommunikatoren) bricht die Bedrohung um zu einem Ausdruck (Zeichen des Objekts als Antezedens), welches die mittelstĂ€ndigen Individuen (Interpreten) ebenfalls und unmittelbar als stellvertretendes Signal einer Bedrohung erleben sollen (das Konsequens des Objekts*), sodass sie auf die Gefahr reagieren werden (Verkörperung des Objekts: z.B. Imitationsverhalten der reprĂ€sentativen Aktion der Kommunikatoren*). Die Fluchtreaktion der RandstĂ€ndigen ist ein Index des Angriffs des Raubtiers, welcher eine Ikone einschliesst*. Die MittelstĂ€ndigen reagieren also auf ein Objekt, welches fĂŒr sie eigentlich noch gar nicht da ist.Â
Der in der Umwelt nicht primĂ€r vorhandene Reiz â das Ausdrucksgebaren â trĂ€gt eine IntentionalitĂ€t (DENNETT), eine Bedeutung. Ein beliebter Denkfehler nun ist, aus der IntentionalitĂ€t des Ausdrucks auf das Vorhandensein einer Intention beim Produzenten zu schlieĂen (dann wĂ€re die IntentionalitĂ€t eine primĂ€re Entfremdung der Wahrnehmung des Produzenten). Niemand schlieĂt aus der IntentionalitĂ€t des Wabenbaus der Bienen auf eine gezielte Intention von Bienen â aus dem Gebrauch vorgefundener Werkzeuge durch Vögel oder SĂ€ugetiere aber durchaus.
Die angegriffenen randstĂ€ndigen und die eingeschlossenen, nicht unmittelbar bedrohten Tiere erleben zwei unterschiedliche manifeste RealitĂ€ten â erfahren aber via Ausdrucksgebarens dieselbe Bedeutung. Diese ist ein Teil der narzisstischen Ontologie, d.h. der inneren Widerspiegelung der fĂŒr die Tierart relevanten Umweltaspekte (DENNETT).
Ich vermute hier die Basis fĂŒr das spĂ€tere menschliche Wir-Bewusstsein, von dem sich ĂŒber die weitere zeitliche und rĂ€umliche Distanzierung der relevanten Objekte das menschliche Ich-Bewusstsein abspalten konnte. Im Wir-Bewusstsein fallen das Ergehen meiner Gruppe und mein eigenes zusammen, ich bin ein Aspekt eines ĂŒbergreifenden Objekts.
Dieses gemeinsame Bewusstsein dĂŒrfte intrusiv, Ă€hnlich unseren Halluzinationen erlebt worden sein: JAYNES schlieĂt phylogenetisch aus dem Fehlen introspektiver Beschreibungen vor HOMER, dass seinerzeit Intentionen (Entwicklung von Auswegen aus stressigen Ambivalenzproblemen) als externe Einmischungen attributiert wurden. Dabei handele es sich um die komplexeste Form eines schnellen Informationsflusses von der subdominanten zur dominanten HemisphĂ€re. Die Gewohnheit & FĂ€higkeit zur Introspektion scheint sich erst spĂ€ter entwickelt zu haben â offensichtlich im Zusammenhang mit der Ausweitung der geografischen und zeitlichen Horizonte des Weltsicht.
ATHENS beschrieb ontogenetisch ein solches Erleben bei heutigen grob Fehlentwickelten ĂŒber das Ausbleiben der Bildung des Abstraktums des Ăber-Ich, wodurch frĂŒhere relevante Bezugspersonen sich zu einem halluzinatorisch erlebten Chor zusammentun (RHODES).Â
Bewusstheit I.S. von Selbstbewusstsein mit rational gestalteten Verhalten ist in beiden FĂ€llen nicht zu beobachten â es geht eher um ein Agieren auf Ă€uĂere UmstĂ€nde.
LEARY setzt fĂŒr selbstreflektierende Emotionen selbstverstĂ€ndlich das Erleben eines Selbst voraus: ein temporales (zeitlich ĂŒberdauerndes), ein privates (intimes, mit dem eigenen Erleben) und ein konzeptuelles (symbolisches, zur Abstraktion fĂ€higes) Ich. Jeder dieser Aspekte beruht auf einem eigenen kognitiven Mechanismus und diese können in wechselnden Kombinationen miteinander kooperieren.Â
Temporales Erleben mĂŒssen bei vielen Emotionen angenommen werden â sobald diese etwas in die Zukunft projizieren, also das zukĂŒnftige Selbst betreffen. Ăhnlich steht es mit Dingen, die aus der Vergangenheit in das Hier & Jetzt bzw. darĂŒber hinaus projiziert werden, wodurch emotionale Erfahrungen in einer Lebensweise mit einem kurzen Zeithorizont eine potenzierte Bedeutung gewinnen.
Bewusstheit bringt den Vergleich mit befĂŒrchtetem oder erhofftem Verhalten mit sich. Sie rĂŒckt auch EmotionalitĂ€t in den Kegel der Aufmerksamkeit, was diese abĂ€ndert und differenziert. Durch die LebensvorgĂ€nge kann jetzt IdentitĂ€t bedroht oder bestĂ€tigt werden.
Mit der Herausbildung der zweiten Umwelt und der symbolbasierten Sprache entstanden jetzt Objekte, Beziehungen und VorgĂ€nge, die auch neue EmotionalitĂ€ten in Gang setzten, die wiederum in neue Symbole ĂŒber das Selbst mĂŒndeten (das Ergebnis meiner erfolgreichen/erfolglosen AktivitĂ€ten beruht auf Ă€uĂeren Konstellationen vs. persönlichem Vermögen/Unvermögen, dies wiederum gemessen an Eigenschaften der Dinge, welche gewisse FĂ€higkeiten fordern). Mit dem symbolisierten Erleben wurde es spĂ€ter auch möglich, sich als Mitglied einer gröĂeren sozialen Einheit als der unmittelbaren Herkunftsgruppe zu erleben. Diese Identifikation ermöglicht dann auch das FremdschĂ€men.
Selbstbewusste (soziale) Emotionen setzen natĂŒrlich eine selbstreflexierende EmotionalitĂ€t voraus â sie beinhalten bei LEARY die Sichtweisen Anderer, was ich fĂŒr Affekte bei den Juditionen verorte (hier trennen sich Wir- und Ich-Bewusstsein, womit ich den Anderen als getrennt von mir erlebe und mich zu ihm in Beziehung setze. Erst anschlieĂend kann das Ich als Objekt im Erleben Anderer reflektieren: Das Erleben jeglichen Schmerzen als eigener ist dann das UrsprĂŒngliche, da die Schmerzursache in jedem Moment auch fĂŒr mich relevant werden kann. Erst wenn ich mich im Erleben von der Gruppe abstrahiert habe, hört fremder Schmerz auf, mein eigener zu sein).
Akustische Signale sind richtungsunabhÀngig, selbst zu erzeugen und kaum abzuweisen, was ihnen als Informationskanal eine besondere Rolle gibt (JAYNES): horchen ist gehorchen.
Werden in einer Gruppe von Individuen also Fone als Ausdrucksmittel benutzt, kann sich das Erleben besonders schnell ĂŒber die gesamte Herde ausbreiten. Zumindest Primaten können dabei auch eine Kette fonischer Signale als Reihe distinkter Reize wahrnehmen (CHAPAIS), ansonsten bleibt es insgesamt nur bei kurzen Sequenzen des Informationsaustauschs ohne nennenswerte ReziprozitĂ€t.
Dies legt nahe, dass das fonische Gebaren primĂ€r fĂŒr interindividuelle Signale â Sprache dann aber eher fĂŒr intraindividuelle Signalisierungen entstanden sein mĂŒssten und macht verstĂ€ndlich, warum beide Systeme nebeneinander fortbestehen.
Das erlebende Ausdrucksgebaren musste demnach entstehen, um Umweltreize aufbereiten und weitergeben zu können. Dazu muss ein affektives Erleben vorliegen, welches ursprĂŒnglich als subjektiver Anteil der Taxis funktionierte â dies dann mit wechselnden BedĂŒrfnissen und Anforderungen im Laufe eines individuellen Lebens. Das Beobachten und Registrieren des Reagierens der anderen Gruppenmitglieder auf Umweltkonstellationen brachte damit einen Ăberlebensvorteil: Die Gruppe konstituiert sich nach Regeln, die von Zeit zu Zeit wieder neu ausgehandelt und durchgesetzt werden (normatives Verhalten - GREENSPAN & SHANKER).Â
Schimpansen leben in Gruppen von durchschnittlich 60 Individuen, fĂŒr den Australopithecus wird eine GruppengröĂe von bis zu 70 Individuen angenommen, mit den Aufkommen von Werkzeugen sei die GruppengröĂe auf 80 gestiegen (SCHNEIER). In der Jagd wurde durch die zunehmende Kooperation von Kleinwild auf GroĂwild ĂŒbergegangen (SCHNEIER) â was wohl auch auf die Form der Auseinandersetzung zwischen den Menschengruppen (KriegfĂŒhrung) durchgeschlagen haben dĂŒrfte, was dann zu weiterer Kooperation zwang.
Trafen menschliche Gruppen aufeinander â hier darf sicher unterstellt werden, dass diese ĂŒber gruppenspezifische Ausdrucks- und Darstellungsweisen verfĂŒgt haben â wird es auch eine nichtsprachliche Kommunikation gegeben haben, die eine gemeinsame Basis gehabt haben muss. Also auch beim Gebrauch differenter Sprachen mĂŒssen die Gruppen dennoch Einsicht in Gestimmtheit und Absichten der anderen Gruppen erlangt haben. Da auch heute noch Menschen unterschiedlicher Kulturen sich ĂŒber das nonverbale Ausdrucksgebaren verstehen können, dĂŒrfte dies auf frĂŒheren Etappen der menschlichen Phylogenese nicht anders gewesen sein. Diese Gruppenkontakte ergeben in ihrer Gesamtheit ein instabiles Sozium, welches die auĂerordentliche AnpassungsfĂ€higkeit des Menschen vorantrieb â denn dadurch kontaktierte man im Laufe eines Lebens eine erheblich gröĂere Zahl von Menschen, als ausschlieĂlich die eigene Kleingruppe (BARRETT). Man hatte nicht nur Kooperation als auch Konkurrenz zu realisieren*. Hinzu kamen die geografischen Wanderungen unserer Vorfahren, welche ebenfalls permanente Anpassungsleistungen einforderten.
Das Aufrichten des Körpers mit der Befreiung der HĂ€nde brachte den Hauptort der Exploration und Manipulation der Objekte weg vom Mund sowie damit die HĂ€nde selbst andauernd in das eigene Blickfeld. Dies war Voraussetzung der Reflexion des eigenen Tuns und letztendlich zur Herausbildung des beginnenden Selbstbewusstseins.Â
Die besondere Aufmerksamkeit auf die HĂ€nde ist wiederum Voraussetzung fĂŒr das gegenseitige Deuten auf Objekte und damit der verschrĂ€nkten Aufmerksamkeit (TALLIS). Der RĂŒckgang des Greifens mit dem Mund andererseits verringerte die Zugwirkung der Masseteren auf die Kalotte und erleichterte damit das Hirnwachstum.
Damit korrespondierte, dass die frei werdende Hand und der zunehmend opponierende Daumen deutlich höhere Freiheitsgrade der Bewegung mit sich brachten. Es entstand das Problem der Optionen des Einsatzes der HĂ€nde und das Problem der Wahl des Vorgehens. Somit entwickelte sich die Intuition fĂŒr Handlungsmöglichkeiten, fĂŒr das Körpererleben sowie das Selbsterleben als aktiver Agent. Die Hand erlangt eine besondere Propriozeption (v.a. durch die Kontakte der Finger untereinander) und die VerschrĂ€nkung mit den Augen. Die Hand wird zum Proto-Werkzeug (TALLIS).
Diese besondere Intuition lÀsst sich wohl dem Resonanzsystem der Spiegelneuronen* zuordnen; sinnvolle und intendierende Handlungen Anderer werden dabei endogen instantan und generalisierend simuliert und prÀverbal verstanden (NIEDENTHAL & RYCHLOWSKA*), wobei die neuronale AktivitÀt unterhalb der Handlungsschwelle verbleibt (ZABOURA)*, wie z.B. auch bei Kampfspielen zwingend nötig. Es bilden sich somit innere Bilder (affektiv geladene Symbole) der Situation, die sich vom Handlungsteil (motorische [Re-] Aktion) abtrennen - GREENSPAN & SHANKER*. Die Mimikry-Tendenz kann stÀrker wirken, als die Sinnhaftigkeit nahe legt (BELOT ET AL)
Nicht als sinnvoll wahrgenommene Aktionen Anderer aktivieren das Resonanzsystem nicht*, es muss sich stets um eine Geste als Anfang einer gesellschaftlichen Handlung (MEAD)* handeln â oder um eine affektiv aufgeladene Situation (in welcher ein neuronaler Erregungsherd generalisiert). Die erwĂ€hnte Geste oder der generalisierte Herd werden somit zum Datur neben den individuellen, biologisch vorgegebenen BasisbedĂŒrfnissen (MENNINGHAUS).
Damit konnte im Tier-Mensch-Ăbergangsfeld das Emulationsverhalten zum eigentlich menschlichen Imitationsverhalten hypertrophieren: Dabei agiert ein Individuum so wie ein im Aufmerksamkeitsfokus befindliches anderes Individuum, welches selbst auf eine reale Umweltkonstellation reagiert (ĐĐĐ ĐšĐĐĐ). Zum Reagieren auf das Symbol eines peripheren Ereignisses tritt das Reagieren auf eine andere Haltung, die damit eigene Bedeutsamkeit erhĂ€lt.Â
Auch in der menschlichen Ontogenese findet sich eine auffallende HĂ€ufung von Imitationsverhalten bereits im SĂ€uglingsalter: Handlungsbeobachtung fĂŒhrt via Vertrautheit mit dem HandlungsgefĂŒhl* zur spĂ€teren erleichterten HandlungsdurchfĂŒhrung, zu IntersubjektivitĂ€t und gefĂŒhlsmĂ€Ăiger NĂ€he. In den Interaktionen von MĂŒttern mit Kindern wird das kindliche Imitationsverhalten aktiv angeregt und letztendliche angestrebt, eine gemeinsame Affektlage herzustellen. Dabei ist Nachahmung als eigene Form der Kommunikation erkennbar, als Kontaktaufnahme*:Â
Imitieren und imitiert werden macht SpaĂ, sowohl Neugeborenen als auch ZweijĂ€hrigen, die auch Nonsens-Handlungen nachahmen, âum das Spiel am Laufen zu haltenâ⊠Das Nachahmenwollen von Handlungen anderer aber ist der Kern des kulturellen Lernens und Nachahmung ist deshalb die Wiege der Kultur. DORNES
Die archaische Gesamtpopulation bestand dabei aus fluktuierenden Gruppen migrierender Individuen ohne stabilen Kern*, was vielfĂ€ltigste Kontakte innerhalb der Art ermöglichte. Das Paarungsverhalten dĂŒrfte noch promiskur gewesen sein (CHAPAIS). Anthropomorphologische Messungen weisen darauf hin, dass zum Ende des Ăbergangsfeldes ein promiskuitives Verhalten durch stabilere Partnerschaften abgelöst wurde, was auf eine VerĂ€nderung des innerartlichen Durchsetzungsverhaltens verweist (NELSON ET AL)*.
Imitationsverhalten war noch das wesentlichste Verhaltensregulativ â damit Neues entstehen kann, mĂŒssen hier HandlungsbruchstĂŒcke benutzt werden (ĐĐĐ ĐšĐĐĐ). Dabei werden Intentionsbewegungen und Ăbersprungbewegungen erregter Individuen von anderen am leichtesten ĂŒbernommen*. Als nicht passgerechtes Aktionsteil hemmen sie aber selbst das Verhalten Anderer. Damit wirken sie als Interdiktion zur Verteidigung gegen Dominanzgebaren* â es entsteht das âNeinâ*. Dadurch wurden diese ursprĂŒnglichen Intentions- und Ăbersprungbewegungen bekrĂ€ftigt und automatisiert*.
Einen homologen Ansatz verfolgen GREENSPAN & SHANKER: Anstelle von Ăbersprungbewegungen nehmen sie als Baustein jedoch spielĂ€hnliche mikrokosmische Versionen von alltĂ€glichen VorgĂ€ngen, mit denen kompetente Mitglieder einer Kultur kooperieren, indem sie Lautgebungen und Handlungen zum Zweck eines gemeinsamen Ziels integrieren. Beispielsweise Spiele zwischen Mutter und Kind, Sichanziehen, Baden oder Spielzeugspielen, also praktische bis unterhaltsame TĂ€tigkeiten und Explorationen, die von intimer Protokonversationen begleitet wurden. Sie setzen bei dieser Kommunikationsentwicklung analog dem kindlichen Erwerb des intentionalen regelgeleiteten Gebrauchs systematischer Ketten strukturierter GerĂ€usche jedoch ein vorbestehendes KompetenzgefĂ€lle zwischen den Teilnehmern voraus und verlegen die Konstellation der Sprachentstehung aus der Lebenspraxis ins Kindlich-Spielerische*. Durch graduelle Differenzen in Aktion und Umgebung entwickeln sich beim Kind eine zunehmende Differenzierung der Wahrnehmung.
Bei erregten Interpreten jedoch kann die neuronale AktivitĂ€t die Handlungsschwelle ĂŒberspringen*, wenn die entsprechende Handlungssequenz in deren Repertoire bereit liegt (ZABOURA) â z.B. das âMittretenâ von FuĂballzuschauern oder das von Beifahrern. In diesem Fall beginnt eine Protokommunikation, die ihre Sender (und EmpfĂ€nger) nicht mehr aus der Umwelt, sondern aus dem eigenen System rekrutiert* â mithin der Beginn der [Autopoiesis] eines Soziums. Auch treffen sich zunehmender Werkzeug- (inkl. des eigenen Körpers) mit zunehmendem Objektgebrauch (inkl. des eigenen Körpers). Nachweisbar ist dies ĂŒber den frĂŒhen Einsatz von Körperschmuck* mit seinen Botschaften fĂŒr Rivalen und Partner (MENNINGHAUS) â diese Kommunikation fördert sowohl Bindungs- (in der Gruppe) als auch Abgrenzungsverhalten (zwischen den Gruppen). Sie verschiebt durch die VerĂ€nderung des Naturgegebenen einen Teil der vom Kommunikator zu erbringenden Leistungen ins ImaginĂ€re..Â
Damit konnten auch protosoziale, solidarische Handlungsweisen entstehen. In dieses FĂŒreinander werden heute gerne höher menschliche Haltungen hineininterpretiert â SPIKINS ET AL: Ihre Beispiele fĂŒr ein zu unterstellendes MitleidsgefĂŒhl bei den anderen Gruppenmitgliedern kranken an der Projektion ihrer modernen und persönlichen Vorstellung vom subjektiven Leid eines Kranken auf FrĂŒhmenschen und lassen auĂer Acht, dass hier eigentlich ein generalisiertes Brutpflegeverhalten ablĂ€uft. Sie dokumentieren auch eine verblĂŒffende Unkenntnis ĂŒber SpontanverlĂ€ufe von Traumata und projizieren die Werbung der modernen Medizinalindustrie auf die PrĂ€historie. Offensichtlich haben die Autoren noch keinen traumatisch amputierten â und ĂŒberlebenden â StraĂenhund gesehen.
Hier verblieben die solidarischen Handlungsweisen jedoch noch auf einem unreflektierten, triebhaften Niveau. Aber dies funktioniert durchaus auch mit komplexem Verhalten: CHRISTOPHE BOESCH beschrieb eine ungewöhnlich stark bedrohte Schimpansenpopulation, welche bei kritischem Sinken der GruppengröĂe begann, Verletzte zu pflegen und Verwaiste zu adoptieren (was auch nicht verwandte MĂ€nnchen ĂŒbernahmen).
Alloparenting bedeutet auch, dass Brutpflegeverhalten ĂŒber die Generationen hinweg reichen und Kranke einschlieĂen kann. Diese mĂŒssen phĂ€nomenologisch einen infantilen Habitus* aufsetzen (wie man heute noch an StraĂenbettlern beobachtet, welche diesen bewusst einsetzen) â evtl. kombiniert mit Durchsetzungsinterdiktionen (was StraĂenbettler ebenfalls tun).
Andererseits verhindern Interdiktionen (jetzt Durchsetzungsinterdiktionen â das âKannâ) und die dank der individuellen Interaktionen breit streuenden subjektiven Erfahrungen die Entwicklung einer zu homogenen Gesamtpopulation.
Untereinander traten durch diese Protokommunikation körperliche Aggressionen in den Hintergrund â was einmal mehr mit einer aktiven und passiven Schonung von Graviden und Infantilen verwoben wurde*.
DARWIN u. a. postulieren einen prinzipiell schon proto-musikalischen Vorfahren des Homo sapiens (MENNINGHAUS); was die besondere affektive Wirksamkeit von Lautfolgen bestĂ€tigt und die Fonen und die Ammensprache vor den Erwerb des intentionalen regelgeleiteten Gebrauchs systematischer Ketten strukturierter GerĂ€usche setzt.Â
Parallel dĂŒrfte sich mit der Verfeinerung der Anatomie des Larynx die SuggestibilitĂ€t des fonischen Balzverhaltens verbessert haben, dasselbe ist fĂŒr die Verfeinerung der sonstigen Motorik anzunehmen, desgleichen der (Körper-) Ornamentik beim Verlust der Körperbehaarung (MENNINGHAUS).Â
Die Musik im engeren Sinne sei aber durch eine kompetitive Elaborierung der MusikalitÀt entstanden. Dabei handelt sich um einen supranormalen Stimulus, der besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht*.
Das hypertrophe Imitationsverhalten ermöglichte ein empathisches Mitverfolgen anderer Tierarten desselben Habitats und vermutlich auch das Nachahmen von Tierlauten und -gebaren*, sodass eine besondere Interaktion mit anderen Arten bestanden haben dĂŒrfte (ĐĐĐ ĐšĐĐĐ). Bei CHANGIZI findet sich korrespondierend, dass sich Sprache und Musik offensichtlich in der Natur vorgefundener akustischer Basisstrukturen bedient, die imitiert werden. Aus diesem Grunde passten sich Sprache und Musik den fĂŒr die basalen OberflĂ€chenstrukturen frĂŒher erworbenen neurologischen Strukturen an.
A. KING ĂŒber RentierzĂŒchter in Kamtschatka:Â
Sobald wir das Lager verlassen hatten, hörte ich ihn GerĂ€usche machen, die ich nie zuvor gehört hatte. Dies war ein hauchender Gesang von Pfiffen und einem schweren Schnaufen. Ich war verwirrt und meine einzige Idee war, dies unterstĂŒtze seinen gemessenen Gang; ich versuchte, seinen Rhythmus zu imitieren. ⊠Als wir nĂ€her kamen, hörte ich eine Kakophonie von Grunzen, Schnaufen und schnappenden Sehnen. ⊠Selbst beim Ausruhen sprachen die Hirsche untereinander und raschelte sich etwas zu, wobei es eine ruhige, gemĂŒtliche Art von Rascheln war. Die MĂ€nner pfiffen die ganze Zeit des Marsches, laut und weich, als eine Art von Konversation mit den Hirschen, welche als Herde insgesamt ebenfalls andauernd GerĂ€usche erzeugte und einerseits den MĂ€nnern antwortete und sich andererseits untereinander unterhielt. Diese seltsame Konversation war meine erste Ahnung von einer Menge komplexer Beziehungen zwischen Mensch und Hirschen. ⊠Wir wanderten entlang der Front der Herde und den HĂŒgel hinauf. Wolodjas Pfiffe mischten sich jetzt mit Rufen und verschiedenen Grunzlauten. Er sprach zu den Hirschen, beruhigte sie, erzĂ€hlte, wo wir waren und wohin wir gingen. ⊠Hinter der Herde war der Hirt⊠[sein] jĂŒngerer Bruder. Er machte Ă€hnliche GerĂ€usche wie Wolodja, sprach zum Wild.Â
Dies dank der sich v.a. oral realisierenden Somationen und der besonderen Beweglichkeit der Zunge (GREENSPAN & SHANKER). Sicher aber betraf das Imitationsverhalten auch die Bewegung im Raum*, insbesondere ihr Anschluss an vorherige Bewegungen mit Signalwirkung auf ZukĂŒnftiges. Damit werden reaktive Verhaltensmuster erstmals auf ihre eigenen Resultate angewandt â daraus beruhte dann das Wahrnehmen des Wahrnehmens selbst (LUHMANN) â und die beginnende Trennung der Aktion von der Wahrnehmung und der Erwerb der Werkzeuge des Lernens (GREENSPAN & SHANKER).
Emotionen sind zunĂ€chst an die Anwesenheit des verursachenden Objekts gebunden* â in der Ausdrucksweise der Affekte ist somit kein ĂŒbergreifender Diskurs möglich. Sprechen dagegen beinhaltet den Gebrauch von Symbolen unabhĂ€ngig vom realen Auftauchen der Dinge. Das Ausdrucksgebaren ist eindeutig* â im intentionalen regelgeleiteten Gebrauch systematischer Ketten strukturierter GerĂ€usche gibt es meist Synonyme und immer die Möglichkeit der Umschreibung*. Dazu kommt:
Die Schwelle der Sprache ist dort, wo das Verb auftaucht. ⊠Das Verb bestĂ€tigt, d. h., es zeigt an, dass der Diskurs, wo dieses Wort angewandt wird, der Diskurs eines Menschen ist, der nicht nur die Namen begreift, sondern der sie auch beurteilt. Es liegt ein Satz â und Diskurs â vor, wenn man zwischen zwei Dingen eine attributive Verbindung feststellt, wenn man sagt, dies ist jenes. FOUCAULT
Anfangs agierte der protosprachliche Ausdruck mit einfachen und wohl angeborenen, dann mit zunehmend komplexen und zu erlernenden Signalen, welche jetzt die Existenz eines spezifischen Erlebens anzeigen (einer Beziehung zu den Dingen). Sie bleiben durchgehend an das dahinter stehende affektive Erleben gebunden, sie sind kein direktes Abbild des Bezeichneten.Â
Ein weiteres Merkmal einer Primitivsprache ist ihre relative Vieldeutigkeit. Im BuschmĂ€nnischen heiĂt ⊠âgÂŽonsâ: âSonneâ, âwarmâ oder âdurstigâ oder alles zugleich (man beachte die Szeneneinbettung der Wortbedeutung); âNe-niâ heiĂt: âAugeâ, âsehenâ, âdieser daâ. 7. Die mehrfachen Funktionen einzelner Wörter. Zum Beispiel heiĂt im BuschmĂ€nnischen â/naâ soviel wie geben. Gleichzeitig wird â/naâ als Dativpartikel verwendet (soviel wie âbekommenâ). Auch in der Ewe-Sprache wird der (semantische) Dativ durch das Verbum ânaâ (âgebenâ) ausgedrĂŒckt. ⊠8. Der Mangel an Gattungsnamen oder Oberbegriffen. Die BuschmĂ€nner haben viele Bezeichnungen fĂŒr FrĂŒchte, aber sie haben kein Wort fĂŒr Frucht. 9. Die Ăbertragung anschaulicher Ăhnlichkeiten in die Wortbedeutungen. Im BuschmĂ€nnischen steht der bildhafte Ausdruck â/ÂŽka-/naâ fĂŒr Finger und heiĂt wörtlich ĂŒbersetzt âdas Haupt der Handâ; Hunger heiĂt in der Ăbersetzung: âder Bauch tötet den Menschenâ; der Elefant heiĂt wörtlich das âden-Baum-Zerschmetterer-Tierâ. Man beachte auch hier das szenische Element selbst in den Wortbedeutungen fĂŒr einzelne Dinge. KLIX*
Aus den interindividuellen Formen der Interdiktionen hoben sich also die suggestiven LautĂ€uĂerungen heraus. Daneben erfolgte die zeitliche Distanzierung der unmittelbaren Reaktion (der Fone) von der geplanten Aktion (des Sprachlauts) â zunĂ€chst als Teil des komplexen affektiven Agierens, dann als deren VerselbstĂ€ndigung â und wurden zu individuellen, dann zu intrapsychischen Verhaltensweisen (ĐĐĐ ĐšĐĐĐ):
Transformation des Ă€uĂeren Sprechens in das innere und zurĂŒck bei WYGOTSKIJ mit: Motiv â Gedanke â inneres Sprechen â semantischer Plan â Ă€uĂere Sprache.Â
Dabei konnte Redundanz nur durch möglichst genaues Kopieren frĂŒher verwandter Signale erreicht werden:Â
Die bei JUSLIN & LAUKKA beklagt enge Bandbreite der Fonen setzt nun aber voraus, dass unsere Vorfahren mit eiserner Miene und unbeweglichen GliedmaĂen agiert hĂ€tten â die nötige Bandbreite ergibt sich also durch die Kombination der verschiedenen KommunikationskanĂ€le â diese verweisen dann nicht mehr auf ĂuĂeres, sondern sind die Information selbst (LUHMANN):
Bei der Wahrnehmung von Emotionen lĂ€sst sich beobachten, dass sie eine automatisierte Wirkung auf den Betrachter besitzen. Zeigt man Personen Bilder von Grundemotionen, ⊠dann stellt sich bei ihnen der gleiche physiologische Zustand ⊠ein, der auch die echten Grundemotionen begleitet (THOMAS) â es wird dann also nicht mehr der Ă€uĂere Reiz, sondern der innere Zustand kommuniziert.
Mit dieser Entwicklung des inneren Ausdrucks (welcher einfachere physiologische VorgÀnge jetzt auch im Kommunikator selbst hemmt) kam das Moment der Autosuggestion als Kontersuggestion hinzu. So werden beim (modernen) Menschen nicht nur transitive, sondern auch intransitive Aktionen verarbeitet, im letzteren Falle ohne Aktivierung des Broca-Areals (ZABOURA).
Mit diesem UnterdrĂŒcken des Imitierens fremden Verhaltens* durch die intrapsychischen Signale begann die FĂ€higkeit zur Bildung von ĂŒberdauernden Einstellungen im Kommunikator selbst und zur Verhaltensregulation, inklusive der Beeinflussung anderer Interpreten:Â
So kommt z.B. Kommunikation (also Gesellschaft) immer dann in Gang, wenn man beim Beobachten (das dadurch âVerstehenâ wird) Mitteilung und Information unterscheiden kann. Das ist auch vorsprachlich schon möglich, aber Sprache drĂ€ngt diese Unterscheidung derart zwingend auf, dass der Verstehende, wenn er dann selbst spricht, sich auf eben den Mechanismus stĂŒtzen kann, der ihm das Verstehen ermöglicht. So entsteht eine rekursive SchlieĂung, die keinerlei Elemente aus der Umwelt benutzt, sondern mit einer emergenten Unterscheidung arbeitet. LUHMANN.
Am Ende dieser Entwicklung intrapsychischer Objekte stand dann die dauernde FĂ€higkeit zur Systematischen Werkzeugherstellung (HOLZKAMP) â gegenĂŒber den sporadischen Werkzeuggebrauch bei anderen Primaten. Werkzeuge sind dabei funktionelle Erweiterungen des eigenen Körpers, die aber nicht vollstĂ€ndig in das Körperschema integriert sind*. Sie sind sichtbarer Ausdruck nicht-sichtbarer Konstellationen und BedĂŒrfnisse und sind wegen dieser allgemeinen Sichtbarkeit Ausgangspunkt fĂŒr das kollektive Bewusstseins (TALLIS). Ăhnlich im Ausdrucksgebaren: Aus dem sporadischen Ausdruck entwickelte sich die dauernde und systematische Produktion von Ausdruck â der sowohl Teil des unmittelbaren nicht-symbolischen Erlebens ist als auch eine beginnende, symbolische EigenstĂ€ndigkeit bekommt.Â
Der Beginn des intentionalen regelgeleiteten Gebrauchs systematischer Ketten strukturierter GerĂ€usche bestand somit in der Beeinflussung Anderer durch interdiktive und imperative Protoverben (plus VULTUS plus GESTUS, der Sprache â dem âSollâ) mit BekrĂ€ftigung durch Verbigerationen. Die Protokommunikation gestattet langsam das Wahrnehmen des Wahrgenommenwerdens und damit das Erleben von Gegenwart mit ihrer wachsenden Kommunikationsdichte (LUHMANN). Sprechen ist eine lustvolle TĂ€tigkeit (GREENSPAN & SHANKER):
Typen autopoietischer Operationen und entsprechender Systembildungen ⊠sind gleichsam Einmalerfindungen der Evolution, die sich auf Grund ihres Strukturentwicklungspotenzials bewĂ€hren. Dies Zusammenspiel von Selbstfortsetzung und Strukturbildung ermöglicht und erzwingt Evolution, ohne dass man dabei ânatural selectionâ oder andere Arten externer Strukturdetermination unterstellen mĂŒsste. LUHMANN
Sprachgebrauch erfolgt stets im Rahmen von Beziehungsstrukturen und erzeugt Sinn (LUHMANN, dem Sprechen â dem âWasâ, das VULTUS und GESTUS nicht vermitteln können), das VergnĂŒgen beim Sprechen steigt mit der KomplexitĂ€t und Differenziertheit der Inhalte:
Jeder Sprechakt oder Diskurs stellt eine bestimmte Konstellation dar, ist das Produkt des Zusammentreffens eines sprachlichen Habitus und eines sprachlichen Marktes, das heiĂt eines Systems von sozial konstituierten Dispositionen auf der einen Seite, das eine Neigung zu einer bestimmten Art des Sprechens und zur Formulierung von bestimmten Dingen (ein Ausdrucksinteresse) und zugleich eine bestimmte Sprachkompetenz impliziert, ⊠und eines Systems von VerhĂ€ltnissen der symbolischen Macht auf der anderen Seite⊠BOURDIEU
Dabei werden Strukturen immer wichtiger â sie verengen zunehmend den Spielraum fĂŒr Anschlussoperationen (LUHMANN). Sobald diese sukzessive Syntax einsetzt, findet sich analog zum NĂ€hesprechen* auch im Ausdrucksgebaren eine Prozesshaftig- und VorlĂ€ufigkeit mit VerkĂŒrzung durch Aggregation mit geringerer Kommunikationsdichte (KOCH & ĂSTERREICHER).
Die sprachliche Kompetenz ist dabei eine statusgebundene FĂ€higkeit*. Die sprachliche Aussage bekommt ihre Macht ihrerseits aus dem Status des Kommunikators, dieser konstituiert ĂŒber seinen Habitus das Gegebene und der Interpret nimmt dies hin:
Die Sprache ist eine Technik des Körpers, und die sprachliche und vor allem die phonologische Kompetenz ist eine Dimension der hexis des Körpers, in der die ganze Beziehung zur sozialen Welt zum Ausdruck kommt. BOURDIEU
Der Interpret akzeptiert diese Weltsicht als natĂŒrlich, weil sie mit seiner ĂŒbereinstimmt â er erlebt sie mit Hilfe kognitiver Strukturen, die phylo- und ontogenetisch aus eben dieser Welt hervorgegangen sind.
Die nominativen Funktionen traten spĂ€ter hinzu, indem dieselbe Fone von verschiedenen Bewegungen und Objekten begleitet wurde, d.h. durch sich wandelnde Kontexte (ĐĐĐ ĐšĐĐĐ). Hier ist sicher auch das emotionale Gebaren mit ihrer Kontextinformation als Technik des Körpers anzusetzen:
Im Gegensatz zu den ungerichteten Ăbersprunghandlungen steuern emotionale Signale ĂŒber die Gestimmtheiten der Akteure das Zusammenleben ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume und ĂŒber die Affekte die unmittelbare Compliance.Â
Emotionale Signale sind mit den intrapsychischen Interdiktionen der letzte Schritt vor der Herausbildung der FĂ€higkeit zur Symbolbildung â die Einwirkung eines Ă€uĂeren Objekts muss dann vom Interpreten nicht mehr unmittelbar erlebt werden, da der Kommunikator das Ergebnis auch zeitlich verschoben zur unmittelbaren Erfahrung darstellen kann.Â
Die Programme des Ausdrucksgebarens sind zunĂ€chst noch sehr eng an die neuronalen Strukturen gebunden und dĂŒrften diese in ihrer Phylogenese stimuliert haben. Zwischen Reiz und Reaktion wurden höhere funktionale Zentren zwischengeschaltet: Es mussten spezialisierte neuronale Zentren entstehen, die zu funktionalen Einheiten zusammengeschlossen, aber auch umkombiniert werden können. Die Freiheitsgrade des Verhaltens waren noch gering, der zeitliche Horizont war nah, der örtliche ebenfalls. Erinnerte affektive Reaktionen können jedoch eigene Reaktionstendenzen entstehen lassen.Â
In erster Hinsicht wurden SicherheitsbedĂŒrfnisse (MASLOW) bedient. Im Rahmen des zwischenmenschlichen Austauschs geschieht dies alles auf der Ebene von Tausch- und Verwertungsmitteln (HAUG). Im bimodalen Ansatz von SMITH & NEUMANN klassifizieren sich die AFFEKTIONEN als assoziative emotionale Reaktionen.
Zwar gehören die meisten emotionalen Ausdrucksweisen zum stammesgeschichtlichen Erbe, bei den affektiven Reaktionen hat das Ausdrucksverhalten mit der Phylogenese der Psyche aber einen hoch differenzierten Formenreichtum erlangt. Dies v.a., weil die zunehmende Beherrschung der Umwelt und die zunehmende KomplexitĂ€t der Gruppenstruktur neue Objekte und Beziehungen bedeutsam werden lieĂen.
Diese neuen Formen â die AFFEKTIONEN ebenâ tragen die FĂŒlle spezifisch menschlicher Erlebnis- und Ausdrucksweisen im Hier und Jetzt. Sie realisieren das physiognomische Wahrnehmen, welches den anderen WahrnehmungsqualitĂ€ten vorausgeht und die Triebkraft des archaischen Denkens ausmacht (CASSIRER).
Im archaischen Denken erleben sich Menschen nicht als eigenstĂ€ndig agierende Individuen, sondern eingebunden in ihre Welt â in der mythischen Selbstbeschreibung also als eingebettet in die Hierarchie der Natur von den unbelebten Objekten ĂŒber Pflanzen, Tiere usw. bis hin zur Welt des Ăbersinnlichen. Menschen sind also noch nicht âindividualisiertâ: Man könnte versucht sein zu sagen, dass sie bewusst sind, ohne selbstbewusst zu sein (ELIAS).
Diese Etappe brachte eine reiche Entfaltung des Ausdrucksgebarens. Dabei erzielen individuelle AktivitĂ€tsmuster soziale Wirkungen, womit sie aus dem ursprĂŒnglichen Instinktkreis herausgelöst, jetzt situationsspezifisch eingesetzt und zum Instrument mit Fernwirkung wurden (KLIX). Das Affektgebaren der AFFEKTIONEN zielt darauf, Interpreten zu bestimmten Aspekten zu informieren und ĂŒber deren affektives Reagieren bestimmte Aktionen anzuregen oder zu hemmen. In beiden FĂ€llen mĂŒssen Erleben, Einstellungen und Intentionen der Anderen gelesen werden, was eben durch die Externalisierung intrapsychischer emotionaler VorgĂ€nge aller Gruppenmitglieder ermöglicht wird.Â
Damit gelingt â v.a. ĂŒber die Augen bzw. Blickwendungen â eine gemeinsame Aufmerksamkeitsfokussierung zwecks Zielbildung. Ausgangspunkt hierfĂŒr dĂŒrfte zum Beispiel die dyadische Mutter-Kind-Beziehung gewesen sein, welche dies bereits im SĂ€uglingsalter realisiert (WEGENER).
In der kindlichen Sozialisierung folgt dann die Anpassung des egozentrischen kindlichen Denkens an das Denken Anderer, mit ihnen zusammen muss die materielle Welt erobert werden (ĐĐ«ĐĐйХĐĐĐ). So findet sich auch jetzt stets ein primĂ€rer Altruismus bei Kleinkindern â diese schĂ€tzen KonformitĂ€t besonders hoch (TOMASELLO), wofĂŒr eine genetische Basis erkennbar scheint (REUTER).Â
GroĂzĂŒgigkeit, Vertrauen, BestrafungsgefĂŒhl, GerechtigkeitsgefĂŒhl mit Bevorzugung des Familienverbandes und von reziproken Langzeitbindungen, dadurch Reduzierung der Wirkung von Stressoren. SILK
Tendenziell ist dies auch bei Schimpansen beobachtet worden und zwar, solange die BegĂŒnstigten keinen Druck in Richtung Kooperation ausĂŒbten (HORNER ET AL, SILK ET AL) â als nach ĐĐĐ ĐšĐĐĐ keine Interdiktionen eingesetzt werden, die dann beim Interpreten die Kooperation hemmen. Korrespondierend versuchen schon Kinder, Unkooperativen aus dem Weg zu gehen (TRACY).
Die Stabilisierung der menschlichen Gruppenstrukturen* fĂŒhrte darauf aufbauend zu Kooperation und Arbeitsteilung. Die mentale KapazitĂ€t nahm zu und hob das intellektuelle Vermögen ĂŒber das Versuch-Irrtum-Niveau (KLIX), koordiniertes Verhalten wurde dominierend. Kommunikation war somit weit ĂŒber somatisches Ausdrucksgebaren hinaus gelangt.Â
Die Selektion einander widersprechender Eigenschaften â Sicherheit vs. Neugierde, soziale Verantwortung vs. DurchsetzungsfĂ€higkeit usw. â fĂŒhrte zu einer Population mit einem groĂen Reichtum an Reaktionsmöglichkeiten. EmotionalitĂ€t wurde zur Verhaltensmotivation auch beim Fehlen von Triebspannungen. Sie gewann relative EigenstĂ€ndigkeit gegenĂŒber Ă€uĂeren Reizen, da sie auch durch deren intrapsychische Aktivierung ausgelöst werden kann. So wurde EmotionalitĂ€t zum InformationstrĂ€ger im Rahmen einer neuartigen Aufgabe: der Langstreckenkooperation in und der Auseinandersetzung zwischen Gruppen (JACKENDOFF). Dabei muss die eigene Gruppe zusammengehalten und strukturiert werden, und sie muss sich gegen andere Gruppen abgrenzen.
In dieser Entwicklungsetappe lernten Menschen, die eigenen Stellungnahmen auch anderen zugĂ€nglich zu machen. Dank der neu erworbenen FĂ€higkeit zur gemeinsamen Aufmerksamkeitslenkung entstand die FĂ€higkeit fĂŒr die Identifikation mit Anderen, wodurch diese als intentionale Akteure wie das eigene Selbst verstanden werden können (TOMASELLO). Dabei werden im Rahmen gemeinsamer TĂ€tigkeiten Erwartungen an den Anderen aufgebaut. Im Ausdrucksgebaren werden eindeutige Stellungnahmen vermittelt.Â
Affektives Erleben ist syndromal â als Reaktion auf einen Stimulus, als sich selbst bekrĂ€ftigender Vorgang mit begrenzter KapazitĂ€t und begrenzter Steuerbarkeit. Es schafft durch das Setzen einer Distanz zwischen Reiz und Reaktion neue Voraussetzungen fĂŒr ein angemessenes Verhalten â hat aber noch begrenzte Freiheitsgrade. EmotionalitĂ€t interferiert mit GedĂ€chtnis und Denken, wodurch diese differenziert werden. Sie ist jedoch meist unmittelbares Reagieren unterhalb der Bewusstheitsschwelle*. Der emotionale Ausdruck schafft einen kommunikativen Rahmen des Erlebens, und dies direkter und eindeutiger als Worte:
Emotionen, Entscheidungen und Sozialverhalte: Beim Menschen kommt es nach LĂ€sion des ventromedialen Kortex ⊠zu einer âerworbenen Soziopathieâ. Bei erhaltener Intelligenz handeln betroffene Patienten sozial verantwortungslos, sind unfĂ€hig, kurzfristige Belohnungen zu ignorieren und haben im Alltag Entscheidungsschwierigkeiten. DarĂŒber hinaus weisen sie subtile emotionale Defizite auf ⊠emotionale Flachheit, Unbeteiligtsein und GefĂŒhllosigkeit sowie Störungen des emotionalen Lernens und der emotionalen Wahrnehmung. Interessanterweise korrelieren die emotionalen BeeintrĂ€chtigungen mit der Schwere der sozialen Verhaltensstörung ⊠Erstens beeinflussen implizite emotionale Lernerfahrungen Entscheidungen schon dann, wenn noch kein explizites Wissen vorhanden ist. Zweitens werden Entscheidungen auch nach Erwerb expliziten Wissens durch GefĂŒhle gebahnt und stabilisiert ⊠WĂ€hrend PrimĂ€remotionen fest âverdrahtetâ sind, entstehen sekundĂ€re GefĂŒhle in einer ⊠Ăberlagerung einer mentalen Vorstellung mit einer ReprĂ€sentation des Körperzustands âŠVor einer Entscheidung stellt sich eine Person die Ergebnisse verschiedener Handlungsalternativen vorâŠ: Sie simuliert kontrafaktische Situationen mental. Diese Vorstellungen werden ⊠an die Amygdala weitergeleitet, die körperliche Reaktionen bewirkt. Die ReprĂ€sentation des Körperzustands im Gehirn, welche laufend âonlineâ gehalten wird, hĂ€ngt von frĂŒheren Lernerfahrungen ab. Sie wirkt als âsomatischer Markerâ, der uns vor dem Hintergrund vergangener Erfahrungen intuitiv spĂŒren lĂ€sst, ob eine vorgestellte Entscheidung richtig oder falsch ist. WALTER
In der intellektuellen Phylogenese haben sich auf dieser Etappe die Basiskonzepte des mentalen Inventars herausgebildet â Bewegung und VerĂ€nderung (PINKER). Diese tragen die Fertigkeiten, die physische Umwelt zum eigenen Nutzen zu manipulieren. Der intentionale regelgeleitete Gebrauch systematischer Ketten strukturierter GerĂ€usche jedoch vermitteln multiple Aspekte bezĂŒglich ein und dieselben Situation. JACKENDOFF erkennt darin einen Entwicklungssprung: Es können völlig neue Beziehungen dargestellt werden: Vaterschaft, moralische Konzepte, Objekte aus mehr als drei Einzelteilen, ĂbernatĂŒrliches, Lebensweisheiten, Verwandtschaftsbeziehungen (Allianzdispositive mit den Definitionen des Erlaubten-Verbotenen, des Vorgeschriebenen-Ungehörigen zwecks Reproduktion der Beziehungen inklusive des Inzestverbotes und der Vererbung des Besitzes). Diese Etappe scheint ihren Abschluss mit dem Wechsel von leicht abgeĂ€nderten, aber noch naturgegebenen zu dreidimensionalen, kĂŒnstlichen, figurativen Schmuckobjekten gefunden zu haben.Â
Dabei geben die Konstellationen â somatische, dyadische, gruppale und soziale â die Matrix vor, nach der ErregungszustĂ€nde als diese oder jene Emotion interpretiert werden: Eine initiale Alteration des homöopathischen Status durch den laufenden Fluss der Ereignisse (Kernaffekt) wird gleichzeitig auf ihre Wertigkeit validiert. Letztere ist situationsabhĂ€ngig via den neuropsychologischen Schaltkreis, ĂŒber den die Evaluation ablĂ€uft; diese erfolgt permanent und simultan fĂŒr mehrere VorgĂ€nge gleichzeitig. Hierdurch wird der Stimulus identifiziert und eines der möglichen Aktionsprogramme gestartet. Diese sind sowohl sozial vorgegeben als auch situationsabhĂ€ngig, was wiederum durch Erfahrung modifiziert wird.Â
Das subjektive Erleben einer Emotion hĂ€ngt zusĂ€tzlich vom Wissen ĂŒber Emotionen ab (FELDMAN). ILLOUZ zitiert DUTTON & ARON bzw. SCHACHTER, in deren Experimenten MĂ€nner durch einen Furcht auslösenden Reiz bzw. Adrenalin zunĂ€chst in Spannung versetzt und dann in eine libidinöse Situation bzw. emotionale Erwartungshaltung versetzt wurden â wodurch die Spannung tendenziell als sexuelle Erregung erlebt wird. Sie schlieĂt, wobei sie auch auf die Verbalisierung von Emotionen abhebt: Kulturelle Rahmenbedingungen bezeichnen und bestimmen das GefĂŒhl, begrenzen seine IntensitĂ€t, spezifizieren die damit verbundenen Normen und Werte und liefern Symbole und kulturelle Szenarien, die das GefĂŒhl gesellschaftlich kommunizierbar machen. Lies: schon sehr frĂŒh in der menschlichen Phylogenese bestimmten nicht mehr âfest verdrahtete PrimĂ€remotionenâ* Erleben und Verhalten, sondern deren Einbindung in den aktuellen Kontext â Menschen leben fortan in einer SemiosphĂ€re (LOTMAN). Dazu gehören stets auch Mitmenschen, die einen Gutteil der Rahmenbedingungen des Individuums abgeben, womit GefĂŒhle und Emotionen eher in der Gemeinschaft erzeugt, erlebt und definiert werden.
Nach JACKENDOFF werden stets Werte kommuniziert, diese vermitteln im System der Alltagslogik. Deren Regeln helfen, Personen, Objekte und VorgĂ€nge zueinander in Beziehung zu setzen: 1. affektiver Wert â eine Situation/Aktion fĂŒhrt zu VergnĂŒgen oder Leid, fĂŒhlt sich gut oder schlecht an; es geht sowohl um das Erleben als auch das Beurteilen von Situationen, dabei wird Erleben auch Anderen zugeschrieben*; 2. Nutzwert â eine Situation/Aktion fĂŒhrt zu Nutzen oder Kosten, er charakterisiert den Effekt einer Situation auf die Beteiligten, kann also individuell unterschiedlich ausfallen; 3. Ressourcenwert â ein Objekt fĂŒhrt zu Nutzen und sollte besessen werden, das Objekt verspricht ein Potenzial fĂŒr einen der obigen Werte; 4. QualitĂ€t â ein Objekt/Aktion wird verglichen mit anderen Objekten/Aktionen desselben Typs, durch den emotionalen Ausdruck wird es möglich, auf Erleben und Erfahrungen Anderer zu schlieĂen, ohne sie selbst machen zu mĂŒssen.
Mit der Ausbildung der Gesichtsmotorik werden Emotionen zunÀchst durch ausgreifende Loci dargestellt wie z.B. bei der Miene des
 DOLORUS, welcher fast das gesamte Gesicht ergreift.
Die Kommunikationsmittel mussten dann komplexer werden, um neuen BedĂŒrfnissen zu entsprechen: SpĂ€ter entstandene Mienen konnten nicht mehr das gesamte Gesicht beanspruchen â mit dem Auftreten immer neuerer Mienen wurde letztendlich eine Verfeinerung durch örtliche BeschrĂ€nktheit notwendig:
So beispielsweise bei der Miene des
 PERPESSUS im kleinen Raum zwischen Nase und Oberlippe (ĂŒber die Amplitude kann die Tiefe des Erlebens dargestellt werden).
Letztendlich kam es zu einer BeschrÀnkung auf immer kleinere Geografien, sodass z.B. beim Ausdruck des
 CUPIDUS schlieĂlich nur noch die Lider mit einer minimalen Bewegung den Ausdruck tragen (der verloren geht, wenn eine bestimmte Amplitude ĂŒberschritten wird).Â
 Der Umfang des GefĂŒhlsausdrucks im Gesicht wurde also immer weiter miniaturisiert, dabei erlebt man jetzt die Augengegend als Zentrum des Geschehens. Hier wirkt evtl. der Einfluss der GröĂenzunahme der Bulbi im Rahmen der menschlichen Migration nach Norden (PEARCE & DUNBAR). So wird das Ich i.S. des Zentrums einer Person auch in deren Augengegend projiziert (STARMANS & BLOOM, JAYNES); im sozialen Kontakt werden insbesondere die Aktionen der Augengegend beobachtet (DAVIDSON). Ein Test mit Monsterbildern, auf denen die Augen an atypischen anatomischen Orten plaziert wurden erbracht, dass zunĂ€chst der Mittelpunkt des Gesichts angeschaut, dann aber aktiv nach den AugĂ€pfeln gesucht wird (LEVY, FOULSHAM & KINGSTONE)
Eine strenge Entwicklungslinie lĂ€sst sich nicht rekonstruieren und sie dĂŒrfte wohl auch gar nicht linear abgelaufen sein. Wie und warum einzelne Affekte sich eben so darstellten, wie sie es jetzt tun, bedarf noch der KlĂ€rung. Neben neuroanatomischen GrĂŒnden lĂ€sst sich funktionell auf die Phylogenese des Ă€sthetischen Erlebens verweisen, letzteres wird seit DARWIN primĂ€r mit der sexuellen Auslese assoziiert*. Zur Phylogenese der Ă€sthetischen Elemente und Formen verweist DARWIN auf Unterscheidungsmerkmale wie Neuheit, Vielfalt, Seltenheit und Ăbertreibung*:
DARWINs Modell einer sich selbst verstĂ€rkenden Elaborierung aufwĂ€ndiger Ă€sthetischer Signale um ihrer inhĂ€rent gefallenden SignalqualitĂ€ten willen sagt letztlich voraus, dass es immer und wesentlich âzu viele Liebesliederâ gibt â nicht nur in der menschlichen Kultur, auch unter Vögeln. Neuere Forschungen haben zeigen können, dass sexuelle GesĂ€nge die umworbenen weiblichen Vögel einerseits, die mĂ€nnlichen Konkurrenten andererseits nicht durchweg kraft derselben Merkmale beeindrucken. ⊠Diese funktionale Binnendifferenzierung bei gleichzeitiger Adressierung verschiedener EmpfĂ€ngerklassen mag die Evolution hochkomplexer Lautmuster zusĂ€tzlich begĂŒnstigt haben.Â
Ein erneutes starkes Argument gegen eine engen Zahl so genannter âPrimĂ€remotionenâ. Da obiges Zitat von der Phylogenese des Ăsthetischen ausging, sollte hier jeder prĂŒfen, inwieweit handlungshemmende bzw. distanzierende Mienen â z.B. FASTIDUS oder EXPETERUS â deutlich weniger Ă€sthetisch wirken als handlungsauffordernde / distanzverringernde Minen wie z.B. EXHILATUS oder GAUDIUS.
Aus dem Aufbau eines Ausdrucks kann man somit auf sein phylogenetisches Alter schlieĂen. Da jeder Ausdruck frĂŒhestens dann aufgetaucht sein kann, wenn das dadurch kommunizierte Erleben in der psychischen Phylogenese erschien, lĂ€sst sich am Aufbau des Ausdrucksverhaltens auch die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Psyche ableiten (LEONHARD). Analoges gilt fĂŒr die Kombination einfacher Mienen zu komplexeren Ausdrucksweisen.Â
Diese geografische Verfeinerung widerspiegelt sich auch im sozialen Raum â grobe Mienen wirken und gelten als unfein, unschicklich, grob. Sie sind zurĂŒckzuhalten â die groĂe Kunst besteht dann im Gebrauch der Augen, von denen dann auch die WĂŒnsche (lies: das Erleben) abzulesen sei.
Im Bereich der verbalen Sprache wurde kĂŒrzlich entgegen ZIPF konstatiert (BALL), die WortlĂ€ngen korrespondierten mit Bedeutung & Volumen der ĂŒbermittelten Informationen â weniger relevante Informationen wĂŒrden daher mit kĂŒrzeren AusdrĂŒcken ĂŒbermittelt.Â
Einen Ăberblick ĂŒber den aktuellen Stand bot SPITZER.
FĂŒr den VULTUS hieĂe das, groben Mienen vermittelten relevanteres Erleben. Ob sich in der Mimik hierdurch ein Bruch mit der Hypothese des höheren Alters ausgreifenderer Mienen ergibt, muss noch geprĂŒft werden. Zumindest jedoch lĂ€sst sich das Prinzip fĂŒr die AusprĂ€gung einer Miene zwanglos nachvollziehen.
Vom Grundgedanken her entsprÀche bei REDDY dies alles wohl den Constantiven.
Die Mimik kann zum Ende dieser Entwicklungsetappe vielfĂ€ltige affektive Stellungnahmen (GEFĂHLSMIENEN), volative Strebungen (WILLENSMIENEN) und kognitive VorgĂ€nge (DENKMIENEN) kommunizieren. Die Gestik realisiert sich ĂŒber HALTUNGSGESTEN (des Kopfes) und BEWEGUNGSGESTEN (auch der Arme) und Gesten können sich mit Mienen kombinieren, sodass komplizierte Konstellationen verarbeitet werden. Die begleitenden Fonen spezialisieren sich analog und realisieren jetzt eine Vielzahl affektiver Stellungnahmen. Meist verdoppeln sie sich in stimmhafte (bei geöffnetem) und stimmlose (bei geschlossenem Mund) Varianten. Insbesondere jene bezeugen den kommunikativen Inhalt, da sie ja keinen verbalen Sinn tragen (können).
Die ErkenntnisfĂ€higkeit des Menschen und die frĂŒhe Wissenschaft waren variable Systeme von Verhaltensgewohnheiten, die unter den Bedingungen einer Umwelt entstanden, die, wie wir sagen, ânatĂŒrlichâ war. PEIRCE
Die AffektivitĂ€t hat neben ihrer AuffĂ€cherung jetzt eine neue QualitĂ€t gegenĂŒber der tierischen erfahren â Emotionen wurden zur propositionalen AttitĂŒde (TALLIS). Sie beziehen sich auf reale oder imaginierte Dinge und VorgĂ€nge, auf Beziehungen und VerhĂ€ltnisse, im Hier und Jetzt oder in der Zukunft. Dies unterscheidet sie von den physiologischen Emotionen der vormenschlichen Entwicklung. Sie beziehen sich jetzt auch aufeinander, basieren auch auf Ethik und Moral, strukturieren die mittlerweile erschaffene menschliche Welt.
GegenĂŒber den neuen Erfahrungen und Problemen einer wissenschaftlichen Kultur sind die instinktiven Orientierungen, die einst ihr Entstehen und ihren Erfolg bestimmten, nicht in allen FĂ€llen falsch, aber in vielen FĂ€llen einfach unangemessen. PEIRCE