Peter Moosgaard - Interview über das Postdigitale, MSD Münster School of Design
1. Was fasziniert dich an den historischen Cargokulten und wie ist ihre Übertragung auf die Gegenwart zustande gekommen?
Mich fasziniert die Unlösbarkeit, die ewige Begehbarkeit dieser Phänomene. Da niemand auf der Welt sagen kann was hier „wirklich“ beziehungsweise mit wessen Wirklichkeit man es zu tun hat. Erfahren Anthropologen bei der Untersuchung von Kulturen nicht mehr über ihre eigenen Untersuchungsmethoden? Hat die indigene Bevölkerung die Flugzeuge tatsächlich für Gottheiten gehalten oder handelt es sich um eine Art der subversiven Performance? Werden hier Touristen und Anthropologen von der Bevölkerung hinters Licht geführt, indem Sie ihr eigenes Bild von Exotik vorgehalten bekommen? Hat die Beobachtung der Kulte zur Entstehung derer beigetragen, oder handelt es sich um genuin indigene Praktiken? Niemand kann letztlich feststellen was „tatsächlicher Glauben“ ist.
Die Henne wurde hier zum Ei sozusagen: Binäre Oppositionen zwischen Beobachter/Performer, Technologie/Magie, Wahrheit/Fiktion greifen bei den Cargo Kulten auf keine solide Basis. Sie zeigen für mich einen erstaunlichen Umgang mit dem Unbekannten, mit einer „Otherness“. Es wird weder abgelehnt noch übernommen, es wird unter den Bedingungen des eigenen Glaubenssystems neu veranschaulicht. Nichts anderes macht Kunst und Wissenschaft.
Die andere Komponente ist die Überidentifikation: Die Ablehnung und Kritik an der gegenwärtigen Ideologie, dem Techno-Kapitalismus sozusagen, ist ja immer schon als Teil des Systems mitgedacht. Man könnte sogar überspitzt sagen das Ablehnung der Ideologie heute ihre Vorherrschaft nur festigt. Daher finde ich es eine spannende Haltung „das System“ ernster zu nehmen als es sich selbst nimmt - da ja eben ironische Distanz schon ein Teil der Machtlogik ist. Das würde zurückkommend zu den Kulten bedeuten Prinz Philipp nicht als einen fremden König zu akzeptieren sondern als eine lokale Gottheit zu verehren. Sich nur von McDonalds zu ernähren, seinen Pop-Idolen öffentliche Tieropfer zu bringen, und auch immer sprichwörtlich(!) das zu tun was der Chef seinem Personal anträgt. Die Überidentifikation ist ein interessanter Weg einer kapitalistischen Schizophrenie zu begegnen, sei es auch nur für sich persönlich. Wenn die Kunstwelt nach käuflichen Produkten verlangt dann gib ihnen „Cargo“ tausendfach. Wenn ein Künstler immer das gleiche Wiederholen soll dann mache einen Ritus, einen Loop.
2. Welche Versprechungen machen uns digitale Technologien heute? Was ist unser „Cargo“?
Mein Professor meinte damals, das Internet sei das das größte Todesverdängungsprojekt der Geschichte, und ich glaube er hatte recht. Nach Flusser gehend, also wenn wir Kommunikation als „Kunstgriff gegen die Einsamkeit zum Tode“ verstehen ist das Veröffentlichen, Tracken und Speichern ein Bollwerk gegen die Vergänglichkeit. Die Männer, die im Urlaub alles GoProen müssen, haben Angst zu vergessen. Die tradierte Unsterblichkeitsphantasie in die Geschichte einzugehen, wurde durch digitale Technologien quasi demokratisiert - zu einem „in die Cloud einzugehen“. Je mehr speichern desto unvergessener. Natürlich werden digitale Technologien für praktische Zwecke verwendet, aber als Massenphänomen wäre das so nicht erklärbar … In der Vernetzung jeder Kommunikation spiegelt sich ein alter hermetischer Traum wieder, wie auch dem Flugverkehr der Traum vom Fliegen vorangehen muss. Die Technologie folgt da einer kollektiven Sehnsucht und nicht primär der alltäglichen Verwendung. Man kann das heute am Beispiel einer Marsmission sehen: Wenn man den Mars bewohnbar machen könnte, kann man ja gleich die Erde sanieren, aber die Utopie geht vor. Ich denke das „Cargo“, also die göttliche Fracht die digitale Technologien verspricht, ist die Erfüllung von Verbundenheit als Kunstgriff. Das Versprechen gewissermaßen eine Gruppe transzendieren zu können, wie Massenräusche, Rituale oder politische Bewegungen. Auf Englisch könnte man diesen gnostischen Traum mit der Phrase „To be of one Mind“ zusammenfasssen. Wir wollen in einer unvergänglichen Bilderwelt leben, die VR un AR ist eine logische Konsequenz daraus, die sich schon seit Jahrhunderten ankündigt. Wenn man etwa die Illusion Leonardos im „letzten Abendmal“ bedenkt, durch die Zentralperspektive mit Jesus persönlich zu tafeln.
3. Bei den vielbeschworenen „Digital Natives“ hat man seit einiger Zeit das Gefühl, dass die Technikbegeisterung abebbt. Vor allem in den großstädtischen Milieus kann man vielerorts einen regelrechten Rückzug ins Analoge/Manufakturelle beobachten. (Biogärtnern, Handarbeit etc.) Ist das eine Art Gegenbewegung oder nur guter Content für den Instagram-Account?
Es ist eine Form der Gegenbewegung jedoch eine, wie gewohnt sehr apolitische und idiotische im ursprünglichen Wortsinn. Das Problem bei der ersten Bildschirmgeneration ist, dass man zunächst Probleme vermeiden kann. Man kann sich Schmerz und Mühe entziehen, wenn man nur im Internet lebt. Alles geht genau so schnell wie es sich bedienen lässt. Auf einer Reise durch Europa sind früher Leute gestorben und neue geboren worden. Wenn man sich mit Systemen derartiger Geschwindigkeit identifiziert, dann wird man auf Dauer nervös, frustriert, weshalb es heute heilsam wirkt, sich mit langsameren Prozessen zu identifizeren: Mit Wachstumsprozessen der Natur, manuellen Herstellungen, Materialprozessen etc. Man bemerkt, dass Lichtgeschwindigkeit eben nur auf mentale Prozesse anzuwenden ist. Hier stößt der gnositsche Traum, die Vormachtstellung von Information über das Materielle an seine vorprogrammierten Grenzen. Mit Woody Allen könnte man vereinfachen: „Das beste Steak bekommt man immer noch in der Realität.“ Diese Trends tragen bestimmt zur seelischen Gesundheit bei, allerdings kommen sie einem Ausgleich und dem Zeitvertreib zum „Rest“, also einer neoliberalen Agenda gleich. Eine öffentliche Haltung gegen den ausufernden Techno-Solutionismus und bubenhafte Forschrittsmythologie ist das allerdings nicht. Ich fände es spannender diese Gegenbewegung, sie sich ja dem Physischen widmet als ein Neuerfinden der Wirklichkeit zu sehen. Neuerfinden deshalb, dass es ja kein „Zurück zur Natur“ geben kann, die Natur war schon immer Konstrukt, weshalb man von „Wiederaneignung des Realen” sprechen kann. Man will wieder begreifen.
4. Dein Blog wird häufig im Zusammenhang mit der „post-digitalen“ Kunstszene erwähnt. Die Arbeiten, die sich unter diesem Begriff tummeln, sind in Form und Gestaltung sehr verschieden. Was verbindet „postdigitale“ Kunst und welche Haltung kommt darin zum Ausdruck?
Nachdem das Digitale von einem Werkzeug zu einer umfassenden Umwelt wurde, wird es gewissermaßen auch unsichtbar. Ähnlich einem Fisch, der als letzter das Wasser beschreiben kann. Die Erhellung der Welt mit digitaler Technologie führte in ihrer Totalität auch zu einer Blendung, alles wurde grell. Da fand ich es spannend eine spekulative Zukunft zu entwerfen - etwa nach einem heftigen Sonnenwind - in der jede Information gelöscht, jedes elektronische Gerät disfunktional ist. Diese postdigitale Spekulation zeigt uns ein Leben, in der alles Materielle, alles Mechanische gleich bleibt, nur eben die Information ist fort. Wie würden Menschen reagieren? Würden Sie die Gesten und Rituale des Digitalen aus Gewohnheit weiterführen? Den Wald verlinken, Fremden auf der Straße Fotos zeigen, die kaputten Geräte als Totems verehren? Als postdigital würde ich hier die bereits verinnerlichte Technologie nennen. Wenn Zeichen und Grammatik einer Technologie gewissermaßen in Fleisch und Blut übergegangen sind. Als etwas dem Menschen nicht Äußerliches und daher Ablehnbares, sondern in unser Denken und Handeln untrennbar Verwobenes. So zieht sich auch die Parallele zur Ideologie.
Ganz Allgemein würde ich sagen, das Postdigitale ist mehr ein Zustand als als eine Kunstform oder Praxis der Vermischung. Also eine postdigitale Kondition. Ein Durchqueren des Virtuellen um letztlich wieder in der materiellen Welt anzukommen. Bei dieser Durchquerung hat sich aber alles geändert, das Denken, die Betrachtung, die Werte - die Wirklichkeit ist nicht mehr wie zuvor. Ich nenne das Xenorealismus, das ist wenn man nach Jahren im Internet den Kopf vom Bildschirm hebt, man erkennt die Dinge zwar, aber nichts ist mehr wie zuvor.
In meiner künstlerischen Praxis kommt diese Verschiebung zum Ausdruck, denn wenn man als „digital Native“ beschließt nur noch mit greifbaren, globalen Materialien zu arbeiten, dann ist das etwas anderes als bei der „Arte Povera“. Die Gründe sind hier ausschlaggebend. Zusammengefasst könnte man behaupten, ein Zustand des Postdigitalen bringt auch neue Zugangsweisen zum menschlichen Handeln hervor: Kochen, Gehen, Bauen, Versammeln, etc diese Praktiken sind nicht neu, werden aber jetzt aus anderen Gründen vollzogen. Wenn meine Großmutter früher Ribislsäfte eingekocht hat, dann war das tautologisch, es war genau das was es war. Wenn man heute beginnt Säfte zu machen klingen auf einmal spirituelle Dinge durch: das ist independent, artisanal, reinigend, regional, gut für die Seele etc .. Was früher Alltag war, wird heute als sinnstiftendes Ritual entdeckt (Mashall McLuhan umschreibt das mit „Past Times become Pasttimes“.) In Fall des Postdigitalen Zustandes wäre es interessant „de Certeaus, Kunst des Handelns“ unter diesem Aspekt neu zu lesen. Notwendigkeit und Arbeit von früher werden als semi-spirituelle Praktiken aufgegriffen. Gerade habe ich ein Video gesehen, in dem das Mähen mit der Sense als meditatives Workout beworben wird.
5. Welche Perspektiven eröffnen uns diese Projekte im Hinblick auf die Beziehung zwischen Mensch und Technologie?
Die Utopie ist bereits formuliert, fest in der kollektiven Erzählung verankert. Der Mensch will in eine Augmented Reality! Und auch sonst mit seiner Technologie verschmelzen, der Mythos vom Cyborg als „Übermensch“ und der genetischen Verbesserung ist ja bereits am Laufen. (Siehe: Critical Art Ensemble) Doch ich mache mir Hoffnungen, dass sich eine Gegenbewegung zu einer „Propaganda der Innovation“ und des eurozentristischen Techno-Solutionismus bildet. Etwa der Wunsch nach Technologien, die nicht nur Selbstoptimierung und Eskapismus für den weißen Mann darstellen. Ich denke es eröffnet sich momentan eine Perspektive auf das Zeitalter des dunklen Anthropozäns, ein Zeitalter in dem der Mensch seine Rolle auf dem Planeten als geologischen Faktor begreift. Etwa Technologien, die in Choreografie mit dem organischen Leben funktionieren. Eben ein Global Imaginary, eine globale Utopie wenn man so will, die sich drastisch von der heutigen unterscheidet. Dafür braucht es Künstler und Designer, Propaganda für diese neue Vorstellung von Globalität.
Interview: Daniel Bogart, MSD Münster School of Design, Kommunikationsdesign