Verluste und Nebenwirkungen
Man sagt, es seien manchmal die kleinen Dinge im Leben, die unscheinbaren, unbemerkten Kleinigkeiten, die retroperspektiv die größte Liebe offenbaren, die man je erfuhr. Manchmal war es der Mut etwas auszusprechen, manchmal eine Handlung. Manchmal musste man nur den Blickwinkel ändern, aus einer distanzierten Perspektive alles neu betrachten.
Gedankenverloren starrte Lydia die Fotografie an, auf der, neben einer deutlich jüngeren Version ihrer selbst, ein von unzähligen Jahrzehnten gezeichneter Mann das Resultat der Erdbeerernte dem Fotografen präsentierte. Es war damals eine gute Ernte gewesen. Sie erinnerte sich an den Duft, der die Luft durchzog, und das Summen der Bienen, an den Stolz, der sie erfüllte, als sie ihren Eltern freudestrahlend einen Korb überreichte. Jeden Sommer hatte sie ihrem Großvater bei der Ernte geholfen und ihrer Großmutter beim Einkochen assistiert. Wehmut verstimmte Lydias Freude über die erinnerte Vergangenheit. Ihre Lippen formten sich zu einer weißen Linie und mit einer hastigen Bewegung legte sie die Fotografie zurück in den kleinen Schuhkarton, in dem weitere für die voranschreitende Zeit alte konservierte Erinnerungen ruhten. »Ich hätte dich nicht bitten sollen, mir zu helfen«, erklang Claires betrübte Stimme leise. »Nein, nein«, wisperte Lydia, schloss den kleinen Karton und stellte ihn zur Seite. »Es … irgendjemand muss dir helfen … allein … das … zu viel.« Die Worte fanden nur mühsam über ihre Lippen, und so manches wurde von der bedrückenden Stimmung verschluckt. Ein Lächeln versuchte sich auf Lydias Lippen zu formen, doch es wirkte eher seltsam verzerrt; jede Faser ihres Körpers schien sich dagegen zu wehren. Bleiern hing die darauffolgende Stille zwischen ihnen. Das Chaos, das, nachdem es begonnen hatte ihre Innersten zu verwüsten, das gesamte Haus nach und nach zu beherrschen begann, verbesserte die Stimmung nicht im Geringsten. Schweigend hatten sie unbewusst einen Pakt beschlossen, vereinbart nicht darüber zu reden, wusste eine jede von ihnen doch, dass Worte keine Besserung darstellten – nicht in solchen Zeiten. Claires Blick schweifte über die leeren Wände, die kahl und trostlos ohne die vielen Fotografien wirkten, die einst dort ihren Platz gefunden hatten. »Du weißt, es bedeutet mir …« — »… sehr viel, ich weiß«, beendete Lydia ihren begonnen Satz. Stumm fügte sie in Gedanken noch ‚ich bin für dich da, so wie du für mich da warst‘ hinzu. »Jake wird morgen auch kommen, oder?«, fragte Claire vorsichtig. Ehe sie die letzte Silbe ausgesprochen hatte, erklang ein scharfes »nein«. Lydia bereute im Nachhinein die harte vorschnelle Antwort und versuchte die Situation mit »Er hat viel zu tun. Die Arbeit … « zu beschwichtigen, wusste jedoch, wie wenig es nützte. Sie bedauerte mehr als jeder andere den Umstand, dass Jake ihr gerade in dieser Situation nicht beistand. »Er könnte doch wenigstens morgen eine Ausnahme machen! Wo doch morgen die … « Claire sprach die Worte nicht aus; vielleicht weil ihre Zunge nicht in der Lage war das bedrückende Wort auszusprechen oder sie in genau diesem Augenblick von viel zu vielen Emotionen überwältigt wurde. Mit »er hat einfach viel zu tun« versuchte Lydia das unangenehme Thema murmelnd zu beenden und warf einen Blick auf die tickende Uhr. 18:37 Uhr. »Verzeih, aber … ich sollte los.« Vorsichtig legte Claire die Arme um Lydia. Sie wirkte so zerbrechlich in letzter Zeit, dachte Lydia, als sie die sanften Gesichtszüge der Frau, die mit der Zeit einige Falten erhalten hatten, musterte. Kummer zeichnete sich in den Tiefen ihrer Augen ab. Schweigend umarmten sie sich.
Die Wohnung lag in Dunkelheit gehüllt da. Es überraschte Lydia seit einiger Zeit nicht mehr, dass, wenn sie nach Hause zurückkehrte, niemand auf sie wartete. Diese Zeit war vergangen. Und bald schon, so befürchtete sie, würden die Kartons, die sich im Flur stapelten, nicht mit dem alten Kram, sondern mit Jakes Eigentum gefüllt sein. Klirrend ließ sie die Schlüssel auf die Kommode fallen, schritt in die Küche, um sich eine Tasse von dem bereits seit Stunden abgekühlten Tee zu nehmen und pflanzte sich samt Decke auf die Couch. Während im Fernsehen eine alte Romanze lief, nippte Lydia an dem kalten Tee, verzog missmutig über seinen Zustand die Mimik und trank ihn nach und nach aus. Von der Handlung des Films nahm die junge Frau wenig wahr, war es doch auch nicht sonderlich wichtig, schließlich basierten alle Romanzen auf demselben Konzept – und am Ende lebten sie glücklich und zufrieden bis in alle Ewigkeit. Alles war gut. Aber das Leben war keine Romanze, es war keine hübsche Geschichte. Der Blick auf die roten Ziffern der Digitaluhr verdeutlichten Lydia, dass jegliches Warten, wie so oft, umsonst sein würde. Er würde nicht nach Hause kommen – nicht mehr heute. Anfangs betrübte es sie, doch mittlerweile empfand sie, ausgenommen dem ab und an aufkeimenden Zorn, nichts. Vor geraumer Zeit hatte ihr Innerstes unbemerkt damit begonnen eine schützende Mauer um sich zu bauen, keine starken Gefühlsregungen mehr durchdringen zu lassen. Vielleicht war es auch einfach nur ihr Weg mit all den Dingen klar zu kommen. Allmählich übermannte die Frau eine unangenehme, schwere Müdigkeit, und so schlief sie auf der Couch ein.
Das Leben, so sagte man, ging weiter. Jeden Tag stieg die Sonne empor, um sich am Abend wieder hinab zu begeben. Egal was auf dieser Welt passierte. Tag ein, Tag aus.
Stetig fielen die Tropfen hinab auf die schwarzen Schirme, prasselten leise auf die gespannten Stoffe und ließen jegliche Konturen der Umgebung in einem schemenhaften Nebel verschwinden. Langsam marschierte die schwarze Gesellschaft über die nassen Kieselwege, die mit Bäumen und Gruften gesäumten Alleen entlang. Der Zug versammelte sich schließlich. Worte durchdrangen gedämpft den Wolkenbruch. Nach und nach trat einer nach dem anderen aus der Traube hervor, blickte hinab, murmelte ein paar Worte und warf Erde nieder. Jeder sprach sein Beileid aus, und Claire stand da, versuchte Contenance zu wahren, während sie innerlich starb. Lydia verspürte das Bedürfnis, die Frau in den Arm zu nehmen, kam diesem jedoch nicht nach, stattdessen stand sie regungslos da. Ihr Blick schweifte von der Gemeinschaft in die verregnete Umgebung. In der Ferne nahm die junge Frau zwei dunkle Gestalten wahr, die langsam auf die Gesellschaft zukamen. Während niemand anderes diese wahrzunehmen schien, entschuldigte sich Lydia knapp, trennte sich von der Gemeinschaft und kam jenen Personen entgegen. Ihre Intuition hatte sich nicht geirrt; Benjamin Satchmore und Gabriel Buccho bahnten sich durch den Regen einen Weg zu ihr. »Mein Beileid, Lyd«, begann Ben, als die beiden schließlich vor ihr zum Stehen kamen. »Das mit deinem Dad …« Bevor Ben jedoch fortfahren konnte, verzog sich schmerzlich seine Mimik und er schluckte lieber die Worte hinab. Es war nicht der Augenblick für große Reden. »Wir haben was ganz Heißes«, säuselte Buccho. »Was Heißes?«, misstrauisch beäugte die junge Frau die beiden vor ihr stehenden Männer. »Gab[riel] konnte einen Vogel finden, der will ein Treffen. Könnte singen …«, die letzten Worte waren so leise gemurmelt, dass sie fast schon im Regen untergingen. Lydias Blick glitt von Benjamin zu Gabriel und wieder zurück. Für einen Augenblick glaubte sie, die beiden nahmen sie auf den Arm, doch ihre ernsten Blicke sprachen Bände. Sie meinten es ernst. Todernst. Geistesabwesend nickte sie den beiden zu. »Wann?« – »In einer Stunde.« Das war die Chance, auf die die drei Journalisten schon lange gewartet hatten; ein Treffen mit einem Maulwurf. Die grellrot leuchtenden Ziffern der Digitaluhr hatten sich in die Netzhaut gebrannt. Seit einer geraumen Zeit starrte die junge Frau abwesend die Zahlen an, so als könnte sie dadurch die Entwicklung der noch geschehenen Ereignisse vereiteln, da jene kleinen Striche es aufgrund des Blickes nicht wagten sich zu wandeln und die Zeit folglich nicht fortschreiten konnte. Vielleicht innervierte sie auch die Hoffnung auf Erhaltung von Antworten auf unausgesprochenen Fragen oder die bloße Tatsache, dass der jungen Frau, nachdem sie bereits den gesamten vergangenen Tag, der sich schon lange der Nacht hingegeben hat, ohne Pause auf die Word-Datei gestarrt und sich gescheite Texte aus den Finger zu saugen suchte, keine glorreiche Idee mehr in den Sinn kam. Das Interview mit dem Polizeipräsidenten war verschriftlich, doch fehlte es an dem gewissen Etwas, diesem Zusatz, der es einhüllte und somit aus dem faden Text einen beachtenswerten formte. Lydia hing in den vergangenen Tagen gehäuft ihren Gedanken nach, verschwand regelrecht in ferne Orte. Benjamin Satchmore, ein Arbeitskollege und Freund, blickte sie jeden Morgen, wenn die junge Frau zur Arbeit erschien, mit einer großen Sorge an, wusste er doch um die Situation. Zwar hatte er keinen Moment ungeschehen gelassen, sie auf andere Gedanken zu bringen oder ihr ein wenig der Arbeit – soweit es ihm möglich war – abzunehmen, doch er wusste, dass es nichts half. Das Leben war gnadenlos, ebenso wie das Geschäft. Ihr Chef, Sean Miller, bat die junge Frau in den letzten Tagen mehr als einmal zum Gespräch. Sie wusste, dass Miller von ihr enttäuscht war, schien sie in letzter Zeit doch all das verloren zu haben, was er immer an ihr zu schätzen wusste. Seine Unzufriedenheit färbte ihr Gemüt und sorgte dafür, dass sie sich nicht nur mit den privaten Sorgen, sondern auch mit den beruflichen konfrontiert sah. Ihr war durchaus bewusst, dass der Journalismus ein hartes Pflaster war. Wer überleben oder gar schwarze Zahlen in diesem Geschäft schreiben wollte, musste provozieren, zerreißen, auffallen. Menschen interessierten sich nicht mehr für die gerettete Katze von Nachbar John Smith, nein, sie wollten Skandale, Schlagzeilen. Objektives informieren war nicht einmal mehr ansatzweise in Betracht zu ziehen. Spekulationen waren an der Tagesordnung. Genaue Recherchen brauchten ihre Zeit, Zeit, die in dieser Branche viel Geld wert war und somit so rar wie Wasser in der Atacamawüste, in der, so sagt man, seit Jahrhunderten kein Tropfen Regen gefallen war. Lydia hatte einmal daran geglaubt. Sie hatte an den, in ihren Augen, ‚guten, richtigen‘ Journalismus geglaubt. Derjenige, der so objektiv wie möglich versucht die Menschen zu informieren ohne die Masse zu beeinflussen. Sie hatte daran geglaubt, etwas Gutes tun zu können; diese Welt auf ihre Weise verbessern zu können. Doch in genau diesem Augenblick, in dem sie die grellleuchtenden Ziffern anstarrt, hat sie diesen Glauben verloren. Jeden Tag kam sie in dieses Büro, setzte sich auf ihren Platz, stellte den frischaufgebrühten Pfefferminztee zur Rechten und das Notizbuch zur Linken. Jeden Tag fuhren ihre Finger über die Tasten, geschwind als ergieße sich ihr Innerstes in den Texten, als gäbe es da etwas, was hinausfließt, in die Artikel hinein. Mit Elan und Tatendrang war sie zu Presseterminen geeilt, hatte Interviews geführt und sich erfüllt gefühlt. Aber nun war alles verflogen. Es war als seien die bunten Farben entwichen und nur noch eine fade Leere hinterlassen, die sie im spärlich beleuchteten Büro umgab. Bereits vor Stunden waren die letzten Kollegen gegangen, nur sie ist geblieben; der Artikel wartete schließlich noch.
Leise und gleichmäßig erklang das Piepsen. Es war viel zu früh am Morgen, vielleicht zwei oder drei Uhr. Statt nach Hause zurückzukehren, hatte es die junge Frau in den weißen, sterilen Raum gezogen. Ihre Hand umschloss die viel zu kalt wirkende Hand ihres Vaters, strich sanft über den Handrücken, während Worte aus ihrem Mund quollen. Lydia wusste nicht, ob jene den im Koma liegenden Mann erreichten, doch hielt diese Unsicherheit sie nicht auf. Jede Nacht, seitdem er in diesem Raum lag, besuchte sie ihn, berichtete ihn von den Geschehnissen, den Erlebnisse des Tages. Nach anfänglichen Problemen, duldete das Krankenhauspersonal mittlerweile diese Besuche zu so ungewöhnlicher Zeit. Es war vor allem Claires Engagement geschuldet, dass niemanden die junge Frau verscheuchte. Seit vielen Jahren arbeitete sie bereits im Krankenhaus; eben dort begegneten sich vor vielen Jahren die Krankenschwester und Lydias Vater das erste Mal. Lydia war damals ungünstig gestürzt, hatte sich den Kopf aufgeschlagen und kam nicht ums Krankenhaus herum. Claire hatte Dienst, das Mädchen verarztet und gleichzeitig Bekanntschaft mit dessen Vater gemacht, der sie später zu Dates einlud bis Claire letztendlich ein Teil der Familie wurde. Auch wenn Claire die Mutterrolle nicht auszufüllen vermochte, versuchte sie Lydia eine gute Freundin zu sein, und eben diese wurde sie auch. Anfänglich hatte das Mädchen die Frau argwöhnisch beäugt, doch mit der Zeit begann sie zu verstehen, dass Claire ihrem Vater gut tat. Letztendlich war sie froh, dass sie einander gefunden hatten, umso schlimmer empfand die junge Frau das Geschehene und die infolgedessen eingetretene Situation. Zwar hatte man ihr versichert, es gäbe eine Chance, ihr Vater würde wieder erwachen, doch war diese so gering, dass es unmöglich war. Die Ärzte wussten es. Sie wusste es. Zu oft hatte sie sich schon mit schlimmen Unfällen und ihren Folgen auseinandersetzen müssen. Bevor sie spröde Politiker interviewen durfte, war es genau ihr Bereich: Unfälle, Straftaten … all das Übel der Stadt. Nachdem jedoch heraus kam, dass Lydia auf eigene Faust recherchierte und von dem ‚normalen‘ Weg abwich, musste Miller sich fügen und sie in einen anderen Bereich versetzen. Und nun befasste sie sich mit dem für sie wohl langweiligsten Bereich, den es auf dieser Welt zu geben schien: Politik. Unzählige Richtlinien, die offiziell gar nicht existierten, machten ihr das Leben schwer. Es durfte nur auf diese und jene Weise berichtet werden, aber auch nur über dieses und jenes. Tja, so war das Leben. Irgendwann übermannte die Müdigkeit die junge Frau und sie schlief neben ihrem Vater ein. Jeden Morgen schaute Claire vor der Arbeit vorbei. Meist ließ sie die Schlafende in Ruhe, legte ihr eine Decke über die Schultern und stellte einen warmen Kaffee hin. Doch an diesem Morgen, es war bereits acht Uhr durch, wurde Lydia geweckt, denn die Arbeit rief.
Es war einer dieser Tage, an dem sich Lydia lieber auf eine einsame Insel zurückgezogen hätte als den Alltag zu ertragen. Bitter war ihr jedoch bewusst, dass es weder einen Ort gab, an dem sie sich verstecken konnte, noch einen Sinn ergab, sich überhaupt zu verstecken. Sich vor dem Leben zu verstecken, alles zu verdrängen, machte es nur noch schlimmer, ergo zwang sie sich mechanisch zu funktionieren. Einfach funktionieren. Nachdem sie den halben Tag damit verbracht hatte, im Rathaus zu sitzen und den Politikern, die nicht einmal mehr ihren eigenen Worten Glauben schenkten, bei ihren endlosen, ins Nichts führenden Diskussionen zuzuhören, saß sie nun vor dem PC und versuchte, jene Zusammenkunft zusammenzufassen und über die wichtigsten Debattenpunkte und ihre damit einhergehenden Folgen für die Bevölkerung zu schreiben. Ebenda, Lydia war einem Wortschwall verfallen, ihre Finger rasten über die Tastatur und das wilde Klicken erklang, betrat ein Mann mittleren Alters das Großraumbüro, schritt bedächtig durch die Gänge hin zu Millers Büro. Mit einem leisen Klicken fiel die Tür ins Schloss. Leises Getuschel entflammte an den Arbeitsplätzen. Eine Augenbraue in die Höhe gezogen wandte sich Lydia neugierig vom Bildschirm und blickte, als hätte sie gewusst, dass er dort stand, Ben an. Er hatte die Hand zum Gruß gehoben, lächelte verschmitzt. „Hey, hey. Fleißig?“ Die junge Frau legte ein Alltagslächeln auf die Lippen, das sie schon so oft geübt hatte, dass sie hoffte, niemand würde es als gekünstelt empfinden. Einfach ein wenig die Mundwinkel hochschieben, nicht zu sehr, sonst glich es dem verrückten Joker. Etwas den Kopf schief legen, dann würde Ben schon nicht merken, wie übel es wirklich um sie stand. „Immer doch“, erwiderte sie ein wenig zu beflügelt. Satchmores Augen wandelten sich für einen kurzen Augenblick zu zwei kleine misstrauische Schlitze, denen etwas Vorwurfsvolles inne wohnte, doch je kehrte die Freundlichkeit zurück. Die Grübchen wurden tiefer und Ben begann, wie so oft, vom Erlebten des Tages zu sprechen – wie scheußlich eingebildet der Pitcher der Chicago Cubs sei, den er erst vor wenigen Stunden zum Finale der National League interviewt hatte; wie unterschätzt manch einer der Cubs sei – allen voran natürlich sein alter Schulfreund Steve Mewrence. Lydia besaß kein großes Wissen über Baseball, weshalb sie die Zuhörerposition gern einnahm, auch weil sie so allgemein nicht sonderlich viel sagen musste. Ben wollte zu einer kleinen Anekdote über seinen alten Schulfreund Mewrence einleiten, als das Kaffeekränzen von Miller unterbrochen wurde. Mit einem etwas genervten Seufzer, schließlich wurden Lightwood und Satchmore nicht zum sich unterhalten bezahlt, und einer ausladenden Geste begann Miller seine scheinbar seit einigen Minuten eingeübte kleine Rede: „Lightwood, Satchmore“, begann er, wedelte in Richtung des Unbekannten, der Miller gefolgt war, „das ist Gabriele Buccho. Sie Drei werden zusammenarbeiten.“ Instinktiv blickten Ben und die jungen Frau einander fragend an, dann den Fremden. Mittleres Alter, etwas zu wohl genährt, rundes Gesicht, glupschäugig. Seine Bräune war unnatürlich fleckig, vielleicht hatte er versucht seine eigentlich vorhandene Blässe durch Selbstbräuner zu verdecken, was, wie zu erkennen, eher stümperhaft gelang. Der Anzug, den Buccho trug, war mindestens zwei Größen zu groß oder der Mann, der in ihm steckte, einfach zu klein und zu breit. „Finden Sie etwas Gutes. Etwas Atemberaubendes. Eine Story, die das Potential hat, alle bisher dagewesenen zu übertrumpfen.“ Mister Miller war ein eigentümlicher Mann, der hart für seine Durchsetzungskraft kämpfte, obgleich sie ihm so fern lag wie einem Reiskorn Steine zu bewegen. Er konnte sehr wütend werden, wahrlich, und auch sehr einschüchternd, doch gab es da immer etwas, das einem bewusst machte, er könne doch nicht so schlimm sein. Irgendetwas an ihm nahm einem die Angst, die er versuchte, in einen zu pflanzen, sollten seinen Worten nicht Folge geleistet werden. Bald schon sollte den beiden Freunden, Lightwood und Satchmore, gewahr werden, dass die Sensationsgeilheit ihres Chefs von ihrem neuen Kumpanen Buccho um Welten übertroffen wurde. Aber davon war bei ihrer ersten Begegnung nicht einmal zu erahnen. Nein, der kleine Mann stand mit einem unscheinbaren, freundlichen Lächeln auf den Lippen da, beäugt seine neuen Kollegen und schien in seinem Kopf schon jeden erdenklichen Plan zu schmieden, um DIE Story zu bekommen, die ihn reich machte.
Und eben dieser Mann namens Gabriele Buccho, der liebend gern über ‚la bella vita‘ zu quasseln pflegte – es stellte sich heraus, er kam ursprünglich aus Mailand, lebte für einige Jahre in Venedig und war schließlich im Jugendalter ins schöne Amerika ausgewandert, um etwas aus sich zu machen; Mama und Papa stolz zu machen -, hielt Lydia jetzt, zwei Wochen nach ihrem ersten Zusammentreffen, die Tür auf. Mit einem Seufzer stieg sie aus dem schwarzen SUV; etwas Unauffälligeres, so hatte Satchmore versichert, hatten sie auf die Schnelle nicht auftreiben können.Die Steine knirschten unter ihren Schuhen, als sie über den Kies schritten. »Ihr wisst, was wir abgesprochen haben«, wisperte Buccho leise. Satchmore atmete hörbar aus. Ihm schien die ganze Sache ebenso ungeheuerlich wie Lightwood, die mittlerweile hinter den beiden Männern schritt. Sie waren hier. Ein Umkehren kam nicht mehr in Frage, zu sehr hingen sie an ihrem Job. Findet eine wahnsinnige Titelstory, hat Miller gesagt und leise hinzugefügt, sollten sie sie nicht finden, so brauchten sie nicht mehr zurückzukommen. Überraschenderweise besaß Gab anscheinend die Ruhe selbst, während Satchmore sichtlich angespannt war. Immer wieder hatte er auf der Fahrt mit den Fingern nervös geknackt, derweil Buccho den fantastischen Plan, den sich sein Köpfchen zusammengereimt hatte, erläuterte. Denn, so stellte sich heraus, sie würden sich nicht direkt mit einem Vögelchen treffen. Die Sache war komplizierter. Immens komplizierter. Einige hundert Meter von einem See entfernt blieb die kleine Gruppe stehen. Während sich Ben unruhig umblickte, deutete Gabriele auf das Ufer jenes Gewässers. »Du wirst ihn finden.« Doch Lydia packte Unbehagen. Würde sie den Mittelsmann wirklich finden? Zwar war der Park gut besucht; Familien und Paare tummelten sich unter Regenschirmen; Hunde spielten hie und da auf den Wiesen; doch niemand schien die gesuchte Person zu sein. Ein beunruhigter Blick streifte den kleinen Mann, doch er ließ keine Zweifel aufkommen, nein, er wirkte, als würde alles klappen. Er war derjenige, der sich so sicher mit der Sache war, hatte er schließlich alles bis hierhin eingefädelt. »Ok«, presste die junge Frau zwischen den Lippen hervor und machte sich auf den Weg zum Ufer. Ruhig lag die Flüssigkeit im Bett, beherbergte Schilfpflanzen und Seerosen, die leuchtend ihre Blütenkelche dem Regen entgegenstreckten. Mittlerweile hatte sich der Regen zu einem andauernden Nieselregeln entwickelt. Fröstelnd zog Lydia den Parker enger um ihren Körper. Sie kam sich wie ein triefnasser Hund vor, den man irgendwo abgesetzt und warten ließ, weil man ihn schon vor Stunden vergessen hatte. Aus den Augenwinkeln nahm sie ein Bündel wahr. Es lag auf der Bank. Bei näherer Betrachtung stellte es sich jedoch als einen Menschen heraus, der dort schlief. Ein Obdachloser, der sich unter Stoffen vergraben, vor dem Regen schützte. Aus unerfindlichen Gründen zog es die junge Frau zu jenem. Mit bedachten Schritten näherte sie sich der Bank. Ruckartig setzte sich der verwahrloste Mann auf. Seine Augen blickten verschlafen auf den See. Der Bart war, ebenso wie die Haare, vollkommen verknotet. Schlussfolgernd muss dieser Mann schon länger obdachlos gewesen sein. Als seine verträumten Augen auf die junge Frau fielen, formte sich ein Lächeln auf seiner Mimik. Misstrauisch blieb Lydia auf Abstand. Wild begann der Obdachlose in seinen Stoffbündeln zu wühlen. Schließlich zog er einen dicken, braunen Umschlag zu Tage. Wortlos hielt er ihr jenen hin, deutete ihr, sie solle ihn nehmen. Zögerlich griff die junge Frau nach dem Umschlag. Der Drang wegzulaufen packte sie. Doch dann fiel ihr der Umschlag, den Buccho ihr übergeben hatte, ein, den sie dem Mann zum Tausch reichte. Begierig griff er danach, öffnete jenen mit leuchtenden Augen. Unzählige Rubelscheine kamen zum Vorschein. Zufrieden verstaute der Mann sein Tauschgut und legte sich wieder hin, als sei nichts geschehen. Lydia blickte einen Moment verwirrt auf den Mann, fasste sich jedoch wieder, schob ihren neuerworbenen Umschlag in die Parker-Tasche und machte sich auf den Rückweg. Schweigend schlossen Gabriele und Ben auf.
Erst als sie im schwarzen SUV saßen, verlangte der kleine glubschäugige Buccho nach dem Umschlag. Ebenso begierig wie der Obdachlose griff er nach jenem, riss ihn mit den Fingern auf. Zum Vorschein kamen Papiere. Pässe, Flugtickets, Hotelreservierungen. Ein Zischen drang von Satchmores Platz. Breitgrinsend begutachtete Buccho seinen Gewinn. »Das ist unser Weg.« Euphorisch wedelte er mit den Papieren, derweil die junge Frau nur ungläubig schaute. »Woher hast du den Kram, Gab?« Sorge lag in Benjamins Stimme. »War nicht ganz einfach, sì, ganz und gar nicht, aber so kommen wir an unser Ziel«, giggelte Buccho. »Woher?«, zischte Satchmore mit zusammengekniffenen Augen. »Ganz ruhig«, beschwichtigend hob der immer noch giggelnde Mann die Hände, »Ein Freund eines Freundes hat einen Bekannten, der jemand kennt, der hat das übernommen.« — »Für’s Protokoll: Wenn wir alle drauf gehen … es ist seine Schuld!« Ben hatte sich an Lydia gewandt und deutete auf Gabriele. Die junge Frau hatte ruhig auf der Rückbank gesessen und die beiden beäugt. Uneins, ob diese ganze Aktion wirklich den Preis wert war, schwieg sie zu dem Ganzen. Sie konnte Ben verstehen, dass er sich sorgte, aber gleichzeitig hatte Buccho recht: so würden sie an ihr Ziel kommen, und das blieb eine Wahnsinnsstory, die man nun einmal nicht auf dem Bürgersteig der Stadt finden konnte. »Und jetzt?«, fragte schließlich Lydia, als die beiden Männer ihre Diskussion beendet hatten. »Jetzt«, begann Gabriele und konnte sein Grinsen nicht verstecken. »Packen wir unsere Koffer und fliegen morgen früh nach Detroit.« »Was zum Henker sollen wir in Detroit?« Ben begann wieder mit seiner Fragerei, doch Gabriele ignorierte den ihn inzwischen nervenden Satchmore. »Don Montenardo wurde ermordet. Ohne Capo gleicht die dort ansässige Mafia einem Haufen Anarchie. Nun kämpfen sie wieder um die Herrschaft mit allen und sich selbst.« Die junge Frau nickte und murmelte: »Erst gestern las ich einen Artikel. Die Situation wird immer heißer. Die Zeitungen sind nur noch von Mordnachrichten gepflastert.« »Und genau deshalb«, fuhr Buccho zufrieden fort, »deshalb machen wir mit. Wir lassen alles auffliegen.« — »Du willst dich reinschleichen? IN DIE MAFIA?! Hast du sie noch alle?«, Satchmore entglitt der Gesichtsausdruck, als er die volle Bedeutung Bucchos Worte begriff. Gelassen zuckte der ältere Mann die Schultern: »Bei dem Chaos schaut niemand so genau hin … da kann schon mal ein Verwandter von dem man nur vage eine Ahnung hat zu Hilfe eilen.« »Und der Hacken?« Lydias Frage riss die beiden Männer aus ihrem Blickduell. »Der … Hacken …« Gabrieles Blick glitt aus dem Fenster. »Ja, der verfickte Hacken«, murrte Benjamin. Er wusste, dass Lydia ein gutes Gespür für hinter dem Berg gehaltenes hatte. »Sprich oder ich …« Benjamin ballte die Faust und wedelte bedrohlich damit vor dem unbeeindruckten Gabriele. »Wir müssen nur einem Freund ein paar Berichte zukommen lassen.« Langsam zog die Frau auf dem Rücksitz eine Augenbraue hoch. »Einem Freund?« Nun doch etwas verlegen werdend kicherte Buccho und zupfte am Umschlag. »Popow.« Satchmores Kopf schlug auf das gelederte Lenkrad, derweil die Frau auf dem Rücksitz zurücksackte, die Augen schloss und sich auf die Wange biss. »Eine andere Möglichkeit blieb nicht«, wisperte Buccho kleinlaut. »Sie wissen, wie man so etwas macht… Menschen einschleusen …« — »Nicht genug, dass wir uns in die italienische Mafia reinschleichen, mal abgesehen von den Folgen, wenn wir auffliegen … nein! Du musst uns auch noch an die russische Mafia verkaufen.« — »Also verkaufen ist nun wirklich das falsche Wort …«, begann Buccho, wurde aber je durch Bens wütenden Blick unterbrochen. Der ältere Mann schluckte. Vielleicht hatte er bis dato die Konsequenzen verdrängt oder wirklich kein Gewissen. Was es auch immer war, sie konnten die Situation nicht ändern. »Berichte also?«, fragte Lydia leise von der Rückbank. »Ja, sie sind an der Situation interessiert, weil …« — »… weil die italienische Mafia sich gerade zerfleischt und sie aufgrund dessen womöglich dort endlich die Herrschaft erringen können, die sie in Chicago nie bekamen«, beendete die junge Frau den Satz des Mannes, der daraufhin nickte. »Und da hast du denen einfach so uns …«, Ben war so wütend und eingeschüchtert von der Situation, dass er nicht einmal mehr die richtigen Worte fand, um auszudrücken, was er sagen wollte. »Nein, ich bin doch nicht dumm!«, platzte es aus Gabriele. »Ich habe dafür gesorgt, dass sie nur andere Identitäten kennen.« — »Also schleichen wir uns in die eine Mafia rein, während wir bereits in der Anderen eingeschlichen haben … was?« — »So ist es. Ferne Verwandte, die sich dafür bereit erklärt haben, Informanten zu spielen und sich bei denen reinschleichen.« Satchmore raufte sich die Haare, während Lydia die ganze Situation zu verstehen versuchte. »Gott, ich hoffe, du weißt, was wir da tun«, brummte Satchmore. Die junge Frau schnaubte: »Wenigstens sind’s nicht die Chicago Outfits.« Buccho schmunzelte, Satchmore bekam nur ein gequältes Lächeln zustande. Kleiner Trost. »Wir können nicht mehr zurück. Wir sind so gut wie tot«, jammerte Ben wie ein kleiner Junge. Er hatte den Drang Buccho zu schlagen. Verdammt, brachte er doch alle in so große Gefahr; nicht nur sie, sondern auch ihre Familien, Freunde, Verwandten. Es gab unzählige Horrorgeschichten über Menschen, die es sich mit der Mafia verspielt hatten. Aber, so wusste Ben, Lydia hatte Recht. Detroit war weit weg. Die Chance unglimpflich davon zu kommen größer als in Chicago, wo sie lebten. Vielleicht hatten sie auch den kürzesten Stab gezogen und die Gruppierungen von Detroit und Chicagos standen sich näher als befürchtet. Dieses ganze Netz, kein Mensch wusste, wie umfangreich es war. Niemand wusste, wer mit wem gegen wem. Aber bald würden die drei kleinen Fische in den Ozean des Verbrechens hinabtauchen und einen Blick darauf erhaschen, flogen sie nicht frühzeitig auf. Womöglich sollten sie sich schon einmal ein Grab aussuchen. »Also, morgen früh geht der Flug«, sprach Gabriele seelenruhig. »Wir treffen uns zum Abend dann mit einem Mann namens Apollo Cecco. Ein uns ‚Anverwandter‘. Soweit der Plan.«
Stück für Stück schob sich die Sonne am Horizont empor. Die vergangene Nacht war von Hektik und Stress geprägt; Koffer wurden gepackt und den Verwandten mit einer fungierten „Geschäftsreise“ die Sorgen genommen. Während Lydia ihre Nase in ein Italienisch-Wörterbuch steckte, summte Gab seelenruhig vor sich hin. Ben schien alle worst case-Szenarien im Kopf durchzugehen und hoffte klamm heimlich für einige Zeit, dass Flugzeug würde bedauerlicherweise sein Ziel nicht erreichen; selbst der Gedanke an einen möglichen Absturz stimmte ihn ruhiger als der ihm servierte Kirschkuchen, der eigentlich seine Leibspeise war.
Fortsetzung folgt. Niemals. — Л.
















