Pinotprobe im Merlotkanton
Feriendienstag wars. Und alle kamen sie. Meine lieben Tessiner Freunde, die ich allesamt dank meinem Nachbarn Massimo kenne. Massimo, das ist ein WeinverrĂŒckter par Excellence. LokfĂŒhrer mit Sommelierausbildung, beneidenswertem Keller und einem begnadeten HĂ€ndchen fĂŒrs Kochen. Es ist jedes Mal eine Offenbarung bei ihm zum Essen und Geniessen eingeladen zu sein!
Dank Massimo habe ich auch die Tessiner Clique kennen gelernt. Damals, als sie mich einfach so mit auf ihre Gruppentrips ins Burgund mitgenommen haben und mir dadurch die Welt des Pinot Noirs vor Ort eröffneten. Seitdem treffen wir uns immer wieder um zusammen ein paar Flaschen Wein zu probieren, zu schlemmen und beisammen zu sein. Eben einmal mehr nach dem Motto von Jacky Rigaux, das einfach unfehlbar zu sein scheint⊠Am Feriendienstag hiess ich meine lieben Freunde in Bruzella willkommen. Ich freute mich schon auf die Weinbatterie, die ich zusammen in Absprache mit Massimo, kurz âMaxâ, abgestimmt hatte. Dazu sollte es auch was Feines zu essen geben, aber ganz klar im Vordergrund an diesem Abend standen die Weine. Denn wann gibt es eine bessere Gelegenheit mehrere Weine nebeneinander zu probieren, als wenn viele Leute am Tisch sitzen und sich so die Menge an Wein verteilt auf die Anzahl Anwesender in ĂŒberschaubarem Mass hĂ€lt?
Nun, im Tessin gilt es eines zu wissen: Zeit ist relativ und so definiert man am Besten ein Zeitfenster, in welchem die GĂ€ste denn doch bitte eintreffen sollen, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass eben Zeit relativ ist⊠So war es auch âil Dottoreâ Maurizio, der Zahnarzt, der mit seiner Moto und einer Flasche Krug Grande CuvĂ©e Brut zum Zeitvertreib bis zum eintreffen der ĂŒbrigen Truppe einfuhr.Â
Mit âBollicineâ (BlĂ€schen), wie Schaumwein im italienischen Sprachgebrauch genannt wird, lĂ€sst sich einfach besser warten. Und dieser Champagner war es wert, sich Zeit zu lassen und genossen zu werden. Im Glas strahlte helles Gelb entegegen, dazu ein feinmaschiges Netz vom wunderbarem Mousseux. In der Nase Honig, gelbe exotische Frucht und eine wunderschöne Nase nach Brioche und Brotkruste. Dahinter etwas Limette und grĂŒner Apfel. Am Gaumen feinstes Moussieren und viel Frische. Unterstrichen durch die Wiederholung der Aromen in der Nase fĂ€llt vor allem diese Direktheit und UnverfĂ€lschtheit auf - getragen von einer ausgewogenen SĂ€ure, die aber die Frische eher in den gelbfruchtigen Aromen vermuten lĂ€sst, endet dieser Champagner in einem schön langen Finale. Ein gelungener Start in den Abend.
Als dann alle eingetroffen waren ging es los mit ApĂ©ro respektive Weisswein. Als erstes kam ein Weissburgunder Bienenberg Grosses GewĂ€chs 2010 des Badischen Winzers Bernhard Huber ins Glas. Ein Grosser Wein, der fĂŒr mich aber nicht typisch Weissburgunder ist, wĂŒrde ich diesen doch jedes Mal als Chardonnay identifizieren. Dennoch optisch schönes helles Gelb, in der Nase noch vom Holzausbau geprĂ€gt und unterschwellig schöne WĂŒrze gepaart mit Aprikose, Pfirsich, weisse BlĂŒten. Sehr breit am Gaumen und fĂŒllig, die SĂ€ure schafft hier Frische. Lang im Abgang. Ein sicherlich bemerkenswerter Wein aus Baden.
Darauf folgte Leflaives Bourgogne blanc 2009. Ich muss vorwegnehmen, ein Name mit grossen Renommee aber leider auch oft den Erwartungen nicht gerecht werden. Ohne es ĂŒbermĂ€ssig zu stilisieren: Es war auch diesmal so. Der Wein war breit, eher opulent und die Frische ging ganz ab. Ich dachte dabei an alles ander als Burgund und die mir so liebe Frische udn MineralitĂ€t⊠Viel habe ich ja nicht mehr im Keller davon.
Und dann folgte meine persönliche Entdeckung des Burgundjahrgangs 2011. Domaine Sylvain Langoureau, St. Aubin 1er Cru en Remilly. Was diese kleine Domaine da auf die Flasche gebracht hat, hat mich bisher noch nie enttĂ€uscht und ich laufe Gefahr, dass keien der Flaschen die ich im Keller habe, wrklich alt werden wird. Helles Goldgelb.  In der Nase Apfel, leichter Reifeton von Birne und Pfirsichanklang. Zugleich auch Frische signalisierend durch ZitronenparfĂŒm. Am Gaumen sehr druckvoll im Besten Sinne, GaumenfĂŒllend und durch die mineralische Spannung zupackend und nachtrocknend. Die SĂ€ure setzt schöne Spitzen. Der Wein hat eine grosse LĂ€nge und ĂŒberzeugte mich und meine Freunde einmal mehr! Der beste Weisswein des Abend und wenn 2012 annĂ€hernd so gut wird wie 2011, muss ich mir noch mehr zulegen.
In die erste Rotweinserie starteten wir mit einem Bourgogne Rouge 2009 von Anne Gros. Die Flasche wurde am Vortag entkorkt und schwenkte nun in hell-transparentem Rubin in meinem Burgunderkelch. Die Nase wie immer betörend und vielschichtig in den Facetten Roter FrĂŒchte wie Erdbeeren, Griotte und roten Johannisbeeren. Das besondere an diesen Weinen von Anne Gros ist fĂŒr mich persönlich diese sinnliche Note die sie bereits in der Nase entwickeln. Am Gaumen erstaunt mich diese Bourgogne Rouge, da er Facetten hinsichtlich Textur und Frische vorlegten, wie dies oft andere Villages nicht schaffen. Dazu wiederum ein getreues, aber sicherlich nicht gleich intensives Abbild der zuvor olfaktorisch empfundenen roten FrĂŒchte. Erstaunliche LĂ€nge fĂŒr einen Bourgogne mit einer noch grossen Zukunft vor sich. Ich schĂ€tze noch mindestens 5 Jahre weglegen!
Hierauf folgte ein 2008er SpĂ€tburgunder namens âFor unto us a child was bornâ des ersten deutschen Master of Wine JĂŒrgen von der Mark. FĂŒr mich einmal mehr Chambolle-like in seiner Art. Hellstes Rubin im Glas, da JĂŒrgen kein Wert auf Farbextraktion legt. Doch die Nase ist betörend rotfruchtig. Schönste Sauerkirsche und ein Hauch Tee. Am Gaumen schlank mit nerviger SĂ€ure und burgundischer MineralitĂ€t. Einer meiner Lieblingsweine aus Baden, die es auch inder Schweiz bei Martel zu erwerben gibt.
Danach wurde es breiter in der Wahrnehmung. Wiederum vom Badischen Winzer Bernhard Huber folgte ein Bombacher Sommerhalde 2009 Pinot. Dieser SpĂ€tburgunder strotzte im Gegensatz zu seinen VorgĂ€ngern vor lauter Kraft und Power. Da war von allem einfach ein Quentchen mehr und mir persönlich im Moment etwas zuviel. Ich habe diesen Wein aber seinerzeit gekauft, weil ich der Ăberzeugung war, dass sich Masse und Holz wohl finden werden. Bei Zweiterem ist dies bereits der Fall, ich bin guter Dinge, dies auch bei der ersten Komponente der Fall sein wird. Im Glas ein dichtes, dunkles Rot, fast unddurchdringlich. In der Nase dunkelfruchtig, Schwarze Kirschen, leicht Ă€therisch und dann wieder AnklĂ€nge von rotbeerigen Komponenten. Am Gaumen noch sehr jung, das Holz prĂ€sent und seine volle jugendliche Kraft in die Waagschale werfend. Langer Abgang aber zu diesem Zeitpunkt noch kein Genuss.
Und dann folgte da dieser erste Schweizer Wein des Abends. Der Mattmann 2008 aus dem BĂŒndnerland. Helles Granatrot. Komplexe Nase mit Sauerkirsche und Brombeere. Sehr frisch und elegant der Eindruck. Dieser bestĂ€tigt sich auch am Gaumen. Schöne leicht cremige Textur, guter Trinkfluss wiederum Sauerkirsche und diesmal ein Hauch Cassis. Schöne LĂ€nge und ein bestes Beispiel fĂŒr einen guten Pinot aus der BĂŒndner Herrschaft, der die ganze Runde verzauberte udn einige der Anwesenden den Wein in Burgund verorten liess.
Leider war dieser 2007er âGian Battistaâ von Gian Battista von Tscharner. Die Reben stammen von zwei Weinbergen rund um Chur. In der Regel handelt es sich hierbei um einen in der Jugend schwerzugĂ€nglichen Wein, der aber mit dem Alter zugewinnt und zu einer wunderbaren, wenn auch schweren Kost heranreift. Diese Flasche war als Einblick fĂŒr meine in BĂŒndner Weinen unerfahrenen Freunde gedacht - leider wurde nichts daraus, denn das Korkteufelchen war schon da.
Erneut wurde von Bernhard Huber ein SpÀtburgunder gereicht. Diesmal der Schlossberg 2008. Im Glas helles Granatrot. Die Nase besticht mit Sauerkirsche und vermittelt dadurch ungemein Frische. Am Gaumen animierend die SÀure, die aber gut vom Fruchtextrakt dieses noch jungen Weines gepuffert wird. Der Wein wirkt jetzt fein ziseliert, elegant. Da ist noch viel Substanz vorhanden, das Holz aber gut eingebunden. Der Abgang ist sehr lang. Ein grosser Wein aus Baden aber da heisst es mit der nÀchsten Flasche sicher noch 5-7 Jahre zuwarten!
Ein erstes Ausrufezeichen wurde mit dem Nuits St Georges âLes Boudots 2008â der Domaine Gerard Mugneret gesetzt. Eine kleine aber feine Domaine, die nie wirklich auf dem Radar der Weinjournis auftaucht oder sonst gross gehypt wird. Das besondere ist aber, dass die Domaine ĂŒber eine treue Kundschaft seit Jahren verfĂŒgt und im Handel kaum anzutreffen ist. Bis dato sind faktisch 75% der Produktion immer direkt an Privatkunden verkauft worden und entsprechend verdunstete bisher der restliche Anteil des Produktionsvoulmens im Handel. Im Glas ist dieser 2008er âles Boudotsâ satt in der Farbe - dunkles Rubinrot. Die Nase ist verfĂŒhrerisch, dunkelfruchtig und wirklich wĂŒrzig und verrĂ€t eine samtene Schwere, die charakteristisch ist fĂŒr diese Lage in unmittelbarer VerlĂ€ngerung der Lage Malconsorts. Die NĂ€he zu Vosne Romanee wird spĂŒrbar und es ist dieser Reigen aus Samt und Seide, der sich am Gaumen ergiesst. Wie nicht anders zu erwarten ist auch dieser Wein aus dem Hause Mugneret von Frische und MineralitĂ€t geprĂ€gt. Nichts lĂ€sst hier Nuits erkennen, aber alles im Glas spricht fĂŒr Vosne  RomanĂ©e.
Vosne-RomanĂ©e les Suchots 2009 hiess der folgende Wein von der gleichen Domaine. Wieder dichte dunkles Rubin im Glas. Die Nase sehr komplex und dicht gepackt. Die Aromen sind schwer genug zu identifizieren. FĂŒr mich viel Cassis, Lakritz, Sauerkirsche aber auch exotische WĂŒrze. Am Gaumen ist der Wein noch sehr dicht gepackt, lĂ€sst vieles das die Nase noch vage detektieren vermochte erahnen, aber nicht eindeutig eruieren. Ich bin angetan von diesem Wein genauso wie dem Boudots zuvor. ABER sie sind beide zu jung. Der Boudots sicherlich schon sehr angenehm, aber immer noch jugendlich ungestĂŒm, wĂ€hrend dieser 2009er ganz klar vermittelt, dass er noch seine Zeit braucht! Mindestens noch 7-9 Jahre weglegen!
Zu guter Letzt gabs Clos de Tart 1999. Als ich diesen Wein vor gut zwei Jahren probierte, war er schwierig. Nicht nahbar, verschlossen nur durch das MundgefĂŒhl war seine Grösse erahnbar - Geschmack ging ihm gĂ€nzlich ab und er war weder in er Nase noch im Gaumen wirklich zu fassen. Umso gespannter war ich als der 1999er diesmal ins Glas kam. Er zeigte sich mit einem schönen Granatrot. Brillant und klar schimmerte es im Glas. Die Nase zeigte - zu meiner Freude - erste Töne von Waldboden gepaart mit den Beeren die man aus der gleichen Umgebung kennt. Und dann war da diese Welle von Griotte. Ein Clos de Tart, der seine Herkunft, nĂ€mlich Morey St Denis nicht versteckte! Am Gaumen war diese paradoxe Allianz von Eleganz und Feinheit im Geschmack gepaart mit Kraft und LĂ€nge förmlich spĂŒrbar. Wieder Waldboden, Waldbeeren, Sauerkirsche und leichte CassisanklĂ€nge waren spĂŒrbar. Nicht der absolute Spitzen Clos de Tart den ich erwarte aber eine klare und massive Steigerung zum letzten 1999er den ich im Glas hatte. Eigentlich erwarte ich von so einer Domaine mit solcher Lage mehr, aber ich denke wir sind da auf dem richtigen Weg. Der Wein wird, so denke ich, in den nĂ€chsten 10 Jahren sicher noch weiter ausbauen!Â
Und dann war er auch rum, der Abend und wir beschlossen ihn nochmals mit Weisswein, der wirklich auch nicht zu verachten war. Meine Lust zu Notizen wardann verflogen, aber ein Bild kann ich noch nachreichen...










