18. November 2018
ZurĂŒck zum Papier: De-Digitalisierung im öffentlichen Dienst
Julia Bergmann: Wir sind ja im Grunde schon in einer Post-Googledoc-Zeit.
Kathrin Passig: He, Moment! Das hat mir keiner gesagt!
Julia Bergmann: Also fĂŒr mich schon. Die Zeiten, wo man uns so ein bisschen hat spielen lassen in den öffentlichen Diensten, sind vorbei. Es gab so dieses ... keiner wusste so richtig, wie's geht, âach, Sie machen da was, ja, wir haben das noch nicht so richtig unter Kontrolle, aber machen Sie malâ Also da konnte man sich noch relativ frei bewegen, weil es noch keine Verbote gab, keine Regeln ...
Georg Passig: Und jetzt heiĂt's: Keine Daten der Institution auf Servern auĂerhalb der Institution. Das ist bei uns auch die Regel. Ich nutz die Dropbox, seit es sie gibt, auf einen Tipp der Studierenden hin. Und natĂŒrlich darf man sie offiziell nicht nutzen, also hat die Hochschule nachgezogen und hat jetzt eine âFAU-Boxâ, die von NĂŒrnberg oder so gemacht wird. Aber fĂŒr Google Docs gibt's keinen brauchbaren Ersatz. Es gibt Etherpad, aber da mĂŒsste sich jemand um einen Server kĂŒmmern, das ist wieder mĂŒhsam. Also arbeite ich weiter mit Google Docs.
Julia Bergmann: Ich mach tatsĂ€chlich keine digitalen Schulungen mehr. Hessen hat mich ja verboten, der DatenschĂŒtzer von Hessen hat mich verboten. Der hat nicht mal mit mir gesprochen. Ich hab gesagt âSie haben das falsch verstanden, was wir da tun.â Der hat den Veranstalter zusammengepfiffen, das war eine Fachhochschule. Und ich hab gesagt, ich red gern mit dem, der hat Dinge nicht richtig verstanden. Der Veranstalter sagte auch: Wir haben mit allen unseren Teilnehmern gesprochen, wir haben immer gesagt: âEtwas wie Google Docs, und dann gucken Sie, wie's bei Ihnen ist, ob Sie Windows 365 bei sich habenâ und so, die Produkte sind ja unterschiedlich, da sind ja ganz unterschiedliche Teilnehmer. Aber ĂŒben konnten wir an dem Tag nur an einem öffentlichen Tool, auf einem Probeaccount. Also standen diese Tools da drin in der Beschreibung. Das hat dieser hessische DatenschĂŒtzer gelesen, war aber nicht bereit, mit mir zu kommunizieren. Der hat also jegliche Veranstaltung von mir zu diesem Thema bei dem Anbieter verboten. Das heiĂt, ich mache nur noch Design Thinking, ganz viele Post-its, ganz viel Papier und Flipcharts. Ich brauch nicht mal mehr einen Beamer fĂŒr diese Schulungen. Ich verlasse das Digitale, weil es keinen Sinn mehr fĂŒr mich macht, weil ich es nicht mehr machen kann.
Georg Passig: Wegen diesem âöffentlicher Dienst, keine Daten auf externen Servernâ, aber der öffentliche Dienst hat keine passenden Server?
Julia Bergmann: So ist es. Ich mach jetzt Kanban, ich mach Design Thinking, ich mach nur noch Dinge, die physisch gehen. Das ist die De-Digitalisierung per se und das Gegenteil von dem, was unsere Regierung behauptet, tun zu wollen.
Georg Passig: Das ist bei uns schon auch so Ă€hnlich. Man sagt, ich will Google Docs, und dann geben sie einem Microsoft Sharepoint. Das funktioniert halt einfach nicht. Dann testen's alle Kollegen, finden es scheiĂe und sagen âWas willst du denn mit deinem kollaborativen Zeug, ich schick wieder Worddokumente mit Kommentaren rum, das hat gut funktioniert.â Und irgendein armer Mensch sitzt am Ende da und muss die zehn Mails in ein Dokument zusammenfĂŒhren.
Julia Bergmann: Genau. Das heiĂt, ich gebe nur noch Schulungen ĂŒber âWas bedeutet moderne Bibliotheksarbeitâ, mit ganz vielen Beispielen, da geht's viel um RĂ€ume, da geht's um user-centered design. Ăbrig bleiben also Themen wie Design Thinking, Kanban und Rechercheschulungen. Rechercheschulungen sind das, was ich seit Anbeginn mache, was nicht totzukriegen ist. Alle anderen Schulungen, die ich gemacht habe, Projektmanagement, Arbeitsorganisation ... ich hab ein Buch dazu geschrieben. Diese ganzen Kurse, die im Grunde mein KerngeschĂ€ft waren ĂŒber viele Jahre hinweg, finden nicht mehr statt. Weil das Thema tot ist. Da kann ich nicht mehr mit werben, das werd ich auch nicht mehr verkaufen. Ich rede auch nicht mehr ĂŒber Bibliotheks-Apps â eine Zeitlang habe ich noch ĂŒber Bibliotheks-Apps und digitale Angebote von Bibliotheken und so geredet. Ich rede ĂŒber nichts mehr davon. Nur noch entfernt, ich sage âes gibt MOOCs, denkt ĂŒber MOOCs nach ...â Das sind aber alles so Tipps aus der Ferne. Ich habe ganz viele Hands-on-âfass die Technik mal an, sie beiĂt dich nicht zurĂŒckâ-Seminare gemacht â tot. Die finden nicht mehr statt. Nur noch Recherche.
Kathrin Passig: Und das ist wann ungefÀhr passiert?
Julia Bergmann: Vor zwei Jahren?
Georg Passig: Stimmt, das war bei uns auch der Ăbergang, wo dann die Richtlinie drauĂen war, dass man kein Google Docs verwenden darf und keine Dropbox und dass man die hauseigenen Mittel nutzen soll. Aber krĂ€ht kein Hahn danach, wenn man das nicht macht.
Julia Bergmann: Naja, aber ich kann das als Beraterin keiner Institution empfehlen.
Georg Passig: Du könntest ein Notebook mitbringen, auf dem ein Etherpad-Server lÀuft ...
Julia Bergmann: Aber warum sollen wir ĂŒber Dinge reden, die die nicht benutzen können?
Georg Passig: Um ihnen klarzumachen, was es alles gibt, damit sie ihren Admins auf die Zehen treten können ...
Julia Bergmann: Das hab ich die Jahre davor gemacht. Aber es hat wie gesagt offensichtlich den gegenteiligen Effekt erzeugt. Ich mach's nicht mehr. Das ist fĂŒr mich eine völlig verbrannte Region. Schulungsgebiete, die nicht mehr existieren.
Georg Passig: Vielleicht ist es nur die Delle im Hype Cycle. Dass es danach vielleicht besser wird und wir vielleicht doch irgendwoher wieder Tools kriegen, die funktionieren.
Julia Bergmann: Ich sehe zumindest nicht, dass diese Delle schnell vorbeigeht.
(Julia Bergmann, Georg Passig, aufgezeichnet und transkribiert von Kathrin Passig)















