Der Luis
Meine Herrschaften #29
Der Luis konnte fast alles. Er konnte wie ein Gamsbock pfeifen; einem zeigen, wo vor 100 Jahren die Gletscher verlaufen sind; Alpenblumen bestimmen und erklären, welchen Schnaps man aus deren Wurzeln brennt; die Damen wie die Dirndln charmieren – auf Tirolerisch, Englisch oder Französisch; und natürlich Bergkraxeln.
Am besten aber konnte der Luis erzählen.
Meine Lieblingsgeschichte handelt davon, wie es damals genau zugegangen ist, als der Luis im September 1991 den Ötzi ausgepickelt hat. Er war der Hüttenwirt der Similaunhütte gewesen, und eines Abends ist ein Nürnberger Hausmeisterehepaar ohne sich den Schnee von den Schuhen zu putzen hereingestürmt und habe aufgeregt von einem Toten oben beim Hauslabjoch berichtet. Der Luis und seine Buben sind hinauf und haben die Leiche heraus gepickelt. Dabei – und das war die Lieblingsstelle vom Luis – seien der Kammerlander Hans und der Messner Reinhold daher gekommen, die gerade auf ihrer Ostalpenumrundung gewesen seien. „Da isch er dann da gschtandn, da Messner, und hat gscheid dahergeredet“, hat der Luis erzählt. Er könne das Alter der Leiche recht genau bestimmen, habe er behauptet, diese sei recht sicher zwischen 100 und 130 Jahre alt.
Um etwa 5100 Jahre hatte er sich dabei verschätzt. Wie sich schnell herausstellte, war dieser tote Mann im Eis eine Gletschermumie, und stammte aus der Jungsteinzeit.
Wenn wir mit dem Luis ins Bozener Museum gegangen sind, um den Ötzi hinter einer dicken Glaswand zu besichtigen, dann war das, als würde er einen alten Bekannten besuchen. Wenn die Frau Museumsdirektorin ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse referierte, zu denen auch die Feststellung gehörte, dass sich der Fund eindeutig auf italienischer Seite befunden habe, dann murmelte der Nordtiroler etwas Grantiges in seinen weißen Bart.
Danach machte er sich dann wundervoll darüber lustig. Ob man die Latschen des Ötzi gesehen habe? Tatsächlich waren die aus Gräser und Halmen geflochtenen Schuhe ebenso im Eis erhalten geblieben und in Vitrinen ausgestellt. „Deshalb glauben die, dass er ein Italiener gewesen isch“, sagte der Luis und lachte. „Wer sonst, als ein Italiener, tät auf die Idee kemmen, in Halbschuh auf die Berg zu rennen.“
Das schönste Erlebnis aber war, wenn man mit dem Luis die Schafe von der Alm ins Dorf treiben durfte.
Da die Wiesen Südtirols im Sommer zu wenig Gras geben, kommen die „Schafelen“ aus dem Schnalstal für die Sommermonate auf die satten Almen der Nordtiroler Seite des Alpenhauptkamms. Wenn sie dann im Herbst von den Hirten und Boarder Collies zusammengetrieben werden, ist das ein rechtes Spektakel. Besonders wenn die etwa 4000 Schafe über den Gletscher sollen und nur sehr widerwillig über die kalte Eisdecke staksen.
Nach einer kurzen Nacht auf der Martin-Busch-Hütte sind wir dann um vier Uhr morgens auf die Fineilspitze aufgestiegen. Als ich dann von den Endrücken der letzten Tage zu sprechen begann, drehte sich der Luis nur um und legte seinen Zeigefinger auf den Mund. Dann flüsterte er: „Kennscht du das elfte Gebot?“ Ich schaute verwundert in Richtung des dunklen Umrisses von Luis. Dann sagte er: „Du sollscht nicht reden.“
Einige Höhenmeter später wussten wir, weshalb der Luis es für angebracht hielt, zu schweigen. Jeden Moment konnte der heilige Moment beginnen, an dem die allerersten Sonnenstrahlen die höchsten Gipfel anblinzeln und dann einen nach dem anderen zum Leuchten bringen. Bis schließlich das Licht das ganze Massiv der Alpenwelt flutet, und man meint, den Planeten, auf dem man steht, ein bisschen als diesen erkennen zu können.
Erst unten beim Frühstück fing der Luis wieder zu erzählen an. Dass in der „Kronenzeitung“ eine Geschichte über den „Fluch des Ötzi“ gestanden habe, weil auffällig viele, die an der Auffindung der Mumie beteiligt gewesen waren, unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen wären. „Darunter auch ein gewisser Luis Pirmpamer“, lachte der Luis. „Ich hab den Redakteur angerufen und ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die Geschichte nicht ganz stimmen kann.“ Aber der Journalist habe auf der Richtigkeit seiner Recherchen bestanden, bis der Luis gesagt habe, dass er dann in der nächsten Ausgabe berichten könne, mit seiner Leiche telefoniert zu haben.
Inzwischen ist der Luis wirklich gegangen. Er erlitt in den Alpen einen Gehirnschlag, ist in der Folge ins Koma gefallen. Auf den Tag genau zwanzig Jahre nach der Auffindung des Ötzi hat man ihn einschlafen lassen. Immer wenn ich auf einen Berg gehe und es wunderbar still ist, dann denke ich an sein elftes Gebot und schweige. Und irgendwo in der Ferne glitzert ein Gipfel.











