Rockpalast (17)
Wir haben nicht mehr das Jahr 1853.
Nicht richte ich mich gegen Kameramänner, Kabelhilfen und Redakteure, nicht gegen Rockmusik und schon gar nicht gegen Live-Musik - doch richte ich mich gegen die Idee „Rockpalast“, wobei „richten gegen“ schon zu hart ist. Mich hat die Idee bloß nie überzeugt.
Achso, Rockpalast, das muss ich wohl erklären. Eine Sendung im WDR, erdacht in den 70ern, die wöchentlich in der Nacht zu Montag Konzerte aus der Konserve zeigt, eher Sophie Hunger statt DJ Bobo, eher Selig statt Max Giesinger. Der Name Rockpalast ist nicht nur Behauptung, sondern Auftrag.
In einer Zeit, die vor meiner lag, mag die Idee sinnvoll gewesen sein. In einer Zeit vor dem Internet, vor dem Musikfernsehen gar (auch schon wieder abgeschafft!), waren die Möglichkeiten begrenzt, alternative Musik zu entdecken. Okay, auch ich sah ein bis zwei Konzerte im Rockpalast, als ich noch keinen Internetanschluss besaß. Das müsste mein halbes Leben her sein. Wir tippten mit zitternden Finger SMS in unsere Nokia-Handys.
Jetzt konsumiere ich: Spotify, Youtube, Internetradio, All Songs Considered. Warum soll ich mir noch ein Format anschauen, das schon immer die Schwäche hatte, nur eine Aufzeichnung zu sein? Die Aufzeichnung eines Live-Konzerts ist nicht die Übertragung eines Live-Konzerts und selbst die Übertragung eines Live-Konzerts ist nicht die Anwesenheit bei einem Live-Konzert. Live-Konzert zu Rockpalast verhält sich wie Sex haben zu Porno gucken.
Nun weiß ich nicht, welche Folgen mein Desinteresse haben sollte, das auch ein Desinteresse anderer Menschen unter 50 widerspiegelt. Jedenfalls sehe ich die Rockpalast-Mitarbeiter auf Festivals, und es sind viele Leute, was im Prinzip richtig ist, denn wenn man es macht, dann bitte richtig. Es ist aber so, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nach meinem Verständnis dort einspringen sollte, wo es sonst niemand tut. Zum Beispiel ist der Journalismus im öffentlich-rechtlichen Rundfunk dem im Privatfernsehen, falls es dort überhaupt Journalismus gibt, um Meilen überlegen.
Aber Musik fernab des Mainstreams hat heute so viele Plattformen und der Rockpalast ist eine der unwichtigsten geworden. Die Leute fahren ja auch nicht mehr mit dem Pferd zur Arbeit.
Und jetzt bitte ein 13-minütiges Gitarrensolo, wir müssen alle mal Bier holen.
Sebastian Dalkowski











