Laidak, 15.30
Ich habe das Haus verlassen ohne Kontaktlinsen einzusetzen und sehe nun kaum ein Schild vor mir, würde keinen Bekannten erkennen, nicht A., nicht C., niemanden. Seltsam wie auch die anderen Sinne unter der Beeinträchtigung eines einzelnen leiden: Was ich sehe verschwimmt, was ich höre verschwimmt auch, selbst keiner Berührung kann ich mehr sicher sein. Dann das: Ich lese Philip Roth, den zweiten Band der Zuckerman-Romane. Gleich zu Beginn sitzt der Protagonist, ein neuerdings erfolgreicher jüdischer Schriftsteller aus New Jersey in einem Café und wird von einem Bewunderer angesprochen, der sich ihm mit einiger Unverschämtheit aufdrängt. Er selbst, Alvin Pepler, sei ja ebenfalls Schriftsteller und arbeite seit knapp zehn Jahren an seiner Autobiografie. Einzig ein Verlag fehle ihm noch, ob nicht Zuckerman… also nicht direkt, aber doch irgendwie… er habe schon Kontakt zu einem Musicalproduzenten am Broadway, doch er sei sich unsicher ob sein Leben als Musical einen Sinn ergäbe. Viel Roth-typisches Hin und Her, ein bisschen zu glatt vielleicht, ein bisschen zu perfekt, aber eben amerikanisch – das überzeugende Abbild einer nur in den Köpfen der Menschen existierenden Version von Amerika - so wie in meinem Kopf auch.
Ich lese also, während in mein eigenes Café ein Mann hereinkommt, leidender Ausdruck, aber nicht über das Maß verlebte Züge, er ist noch jung, spricht gebrochen Deutsch. Der Mann trägt einen orangenen Schuhkarton unter dem Arm und in der anderen Hand eine Art zusammengerolltes Poster, das er schwingt wie ein Schwert. Er kommt zu meinem Tisch und zeigt mir den Inhalt des Kartons: Etwa ein dutzend BluRay-Discs (Napoleon Dynamite, Titanic, alles wahllos) und außerdem eine Schatulle mit – ich kann es ohne Kontaktlinsen nicht näher bestimmen – einem Haufen unbeschriebener Postkarten darin. „Haben Sie Kinde'“, fragt er immer wieder, während er die Postkarten vor mir auffächert und ich nicht erkennen kann, was darauf abgebildet ist, „Haben Sie Kinde’?“. Scheinbar sieht er selbst schlecht, denn immer wieder die Frage, „Kinde’, Kinde’, Kinde’“ und immer meine Antwort: Nein, Nein, Nein. Ich gebe ihm schließlich 50 Cent und sage, dass ich an seinen Sachen kein Interesse habe. Plötzlich ist er sehr verärgert und sagt: „Was ist das? Ich brauch' 2 Euro für eine Suppe, Suppe, Suppe, was soll das sein?“ Er wiegt die Münze und sie ist ihm ganz offensichtlich zu leicht, worauf hin ich mich entschuldige, ich sei ja selbst Student (eine schäbige Lüge in doppelter Hinsicht). Er geht noch mindestens drei Runden durch das Laidak, zeigt mir seine Ware noch ein weiteres Mal – er sagt, er habe das Zeug gefunden, ob ich Kinde’ habe, Kinde’,Kinde’, Kinde’. Und dann bricht völlig unvermittelt ein Tumult im rückwärtig gelegenen Raucherraum aus.
Zuerst ist nicht zu erkennen, was genau geschieht (Kontaktlinsen!), doch aus dem Gerangel löst sich irgendwann der Bettler, immer noch mit seinem orangenen Karton und seinem papiernen Schwert. Ein anderer Gast hat die Auseinandersetzung scheinbar begonnen, aus irgendeinem Grund hat er die nötige Autorität dazu, nden weder Gäste, noch die Leute hinter der Bar gehen dazwischen. Erst als der Bettler auf den Fußboden geworfen aufheult, rufen ein paar Leute (woher?), aber die Geräuschkulisse heizt die beiden nur noch mehr an. Sie stürzen sich auf einen Tisch, rollen darüber erneut auf den Boden, der Bettler beschimpft den Anderen, aber der hat ihn gut im Griff. Er ist immerhin aufgewärmt, der Bettler kam aus der sibirischen Kälte Berlins frisch herein und scheint von der Attacke ernsthaft überrascht, doch dann sagt der Gast, der losgeprügelt hat: „Du warst doch gestern schon hier und hast die Leute beleidigt, hau ab jetzt!“ Er sagt es wie als Erklärung, als bräuchte man dieses Hintergrundwissen um die Rechtmäßigkeit des Kampfes anzuerkennen und ich erkenne sie gerne an. Irgendwann lösen sich beide aus ihren Griffen und Verkeilungen und der Bettler verlässt mit seinen wenigen Habseligkeiten das Café. Draußen auf dem Boddinplatz glühen die bunten Hausfassaden in der Wintersonne. Der Angreifer verlässt das Café kurz danach ebenfalls, kommt aber eine halbe Stunde später mit dem Schuhkarton des Bettlers zurück und stellt ihn in einem Nebenraum ab. In einem ähnlichen Schritt wie der Bettler verlässt er das Laidak wieder und auch mich treibt der Hunger bald hinaus in Kälte.
Zuckerman und sein Bewunderer verlassen ihrerseits ihr Café und weil er ihn nicht los wird, laufen sie bis zu seiner Wohnung Ecke Sixty-Second und Madison Avenue und vermutlich bittet er ihn noch hoch auf einen Kaffee.













