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#juliaengelmann
Aus „Jetzt,Baby“ von Julia Engelmann
“Ja, Fehler sind so was wie Farben im Leben, nur meine, die kann ich mir selbst nicht vergeben.“
Julia Engelmann
Und es tut immer noch weh,
es tut immer noch gut,
aber ist schon ok,
das gehört wohl dazu.
Denn die Gefühle sind doch das,
was uns letztendlich bleibt
und wahre Stärke liegt
am Ende in Verletzlichkeit.
Und auf deine Frage,
ob ich mich denn noch erinnern kann,
sag ich erstens lächelnd,
dass sich viel verändert hat,
zweitens ich verletzt bin,
was beweist, dass es echt war,
und ich dich - trotzdem und deswegen -
drittens nie vergessen kann.

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Zeilen
Weils Zeilen gibt die mich einfach kriegen, Wörter die Erinnerungen weichen, eine Berührung, ein Blick, ein Satz, wirre Geschichten vom Siegen in einem Spiel welches wir nie wagten zu spielen. Eine Wärme die mich umgibt, ich schau mich um und alles dreht sich weiter im Kreis, uninteressiert dessen was gerade mit mir passiert, schreitet sie voran die Zeit und die Tropfen bleiben hängen am Fenster, zählen stumm die Tage an denen es fehlt und greifen voraus bis der nächste Termin wird wieder verfehlt. Die Nacht brennt sich ein, Vorhänge zugezogen, Wimpern gezählt und Muttermale lokalisiert, ein einsames Warten bis wieder was passiert. Ein Warten in Decken gepackt, Bücher am Schoß, Schwarztee in der Hand, Briefe an der Wand - und sie erzählen von dir. Lautlos dreht sich in meiner Hand das Los das ich zog, unwissentlich, Zurückschauen, Zelte abbauen und warten auf die Kategorisierung, mir fehlt die Ordnung, die Erfahrung - hör ich sie sagen, wer nimmt sich eigentlich das Recht noch tiefer in die Narben zu graben die es hinterließ, und bevor ich sie schließ möcht ich das Eine wissen, Antwort bleibt aus, ein ratloses Schulterzucken, ein rastloser Blick, Seite an Seite seh ich uns zusammenrücken um uns dann wegzudrehen, den Rücken zuzudrehen. Was das ist werd ich nie wissen, doch wenn du bei mir bist, hör ich auf dich zu vermissen.
ÜBER STILLE POETEN
Es gibt laute Redner und laute Dichter,
Die sich Gehör verschaffen und Zuspruch suchen
Und dann gibt's noch die stillen Poeten.
Das sind die, die einfach schweigen,
Weil sie nicht an sich selber glauben,
Weil sie nicht glauben, dass sie jemand hören will,
Weil irgendwer sagt, dass sie nichts taugen.
Das sind die, die einfach schweigen,
Obwohl sie viel zu sagen hätten,
Was wahr und schön und wertvoll wäre.
Ich will, dass wir sie nicht vergessen.
Es scheint unverständlich, dass sie ruhig sind,
Aber jeder von ihnen hat einen Grund.
Ich glaube, dass eigentlich jedem von uns
Ein stiller Poet innewohnt.
Und manchmal,
Wenn du innehältst für einen Augenblick,
Um einmal kurz zwischen die Zeilen zu treten
Wenn statt in Gesichter du in Augen blickst
Hörst du sie flüstern,
Die stillen Poeten.
Ein kleiner Junge, zu groß für sein Alter.
Sein Gang ist schlurfend, seine Haltung gebückt,
Man fühlt schon die Blicke der Mütter ihn werten.
Seine Noten sind schlecht, seine Mappen zerknickt.
Seit dem ersten Schultag ist er unterfordert,
Niemand hier kann seinen Wortwitz verstehen.
Bauchschmerzen machen das Aufstehen schwer,
Er würde alles tun, nicht in die Schule zu gehen.
Man denkt, er sei dumm, sein IQ sagt was anderes.
Ein Underarchiever, ein verkapptes Genie,
Und während Lehrer belächeln und Mitschüler lachen,
Betreibt er stille Poesie.
Und manchmal,
Wenn du innehältst für einen Augenblick,
Um einmal kurz zwischen die Zeilen zu treten
Wenn statt in Gesichter du in Augen blickst
Hörst du sie flüstern,
Die stillen Poeten.
Ein junges Mädchen zerstreut sich absichtlich.
Sie fühlt sich verloren und sucht einen Sinn,
Ihre Eltern sind mal wieder ziemlich beschäftigt.
Und mit älteren Jungs kifft sie die Zeit vor sich hin.
Sie ist eine, die auch noch die Lehrer anbeten.
Doch hinter ihrer hübschen, arroganten Fassade
Steckt eine einsame, stille Poetin.
Und manchmal,
Wenn du innehältst für einen Augenblick,
Um einmal kurz zwischen die Zeilen zu treten
Wenn statt in Gesichter du in Augen blickst
Hörst du sie flüstern,
Die stillen Poeten.
Die zwei Geschwister sehen sich an,
Und sie schließen die Tür, denn so sind sie verschont.
Ihre Mutter wollte heute weniger trinken,
Doch leere Versprechen sind sie lange gewohnt.
Sie sitzen und spielen ein Leben als Held,
Einer fertige Fakewelt betäubt Fantasien,
Und sie starren verstummt in den flimmernden Bildschirm
Und betreiben laut stille Poesie.
Und manchmal,
Wenn du innehältst für einen Augenblick,
Um einmal kurz zwischen die Zeilen zu treten
Wenn statt in Gesichter du in Augen blickst
Hörst du sie flüstern,
Die stillen Poeten.
Und da ist dieser Typ, er war schon immer sehr komisch,
Hat gestern den Nachbarn blutig geboxt
Für einen Moment Auszeit von seinen Gedanken.
Und außerdem, externen Zweifeln zum Trotz,
Er sehnt sich nach Liebe, hat sich für Hass entschieden,
Für einen, der beim Pokern auf Risiko geht.
In seinem Kopf kauert in einem dunklen Zimmer
Ein ruhiggestellter, stiller Poet.
Das sind ein paar von denen, die einfach schweigen,
Obwohl sie viel zu sagen hätten,
Was wahr und schön und wertvoll wäre.
Ich will, dass wir sie nicht vergessen.
Und jemand ist mutig und reicht ihnen ein Ohr,
Sie nehmen es nicht sofort, doch sie nehmen es wahr.
Und in ihnen wächst dieses kleine Gefühl -
Jemand, der sie hört und versteht, ist jetzt da.
Julia Engelmann; Eines Tages, Baby