Guten Tag, ich bin 270 Jahre alt
Guten Tag, mich kennt man in Bornheim unter dem Namen "Et Müchers Hus". Das hat nichts mit "de Müsche" zu tun, die ja Vögelein sind, sondern mit einem meiner Bewohner, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts mal in mir wohnten.
Jetzt, ja, jetzt wohnt keiner mehr in mir. Seit acht Jahren war ich allein und einsam und konnte dem Knacken im Gebälk zuhören und mich über die zunehmende Auflösung meiner Substanz sorgen.
Und vergangenes Jahr - ja, da ging es auf einmal ganz schnell.
Eine junge Frau kam und besuchte mich. Also junge Frau im Verhältnis zu mir. Ich bin ja immerhin schon über 250 Jahre alt - davon ein andermal mehr.
Auf jeden Fall hat diese junge Frau mit ganz merkwürdig angesehen. Dann kam sie fünf Tage später noch einmal wieder. Und dann immer wieder. Ich glaube, das ist meine neue Bewohnerin.
Seit zwei Monaten nämlich sehe ich sie fast jeden zweiten Tag. Und immer wieder räumt und klopft sie an mir herum. Anfangs war das etwas ungewohnt. Aber mittlerweile weiß ich, dass sie mir hilft. So ähnlich wie beim Zähneputzen geht es zu. Manchmal auch ein wenig wie beim Zahnarzt. Die mangelnde Zuwendung der vergangenen acht Jahre hat nämlich einige schlechte Spuren hinterlassen.
Wie Löcher im Zahn meiner Vorbewohner.
Jetzt freue ich mich immer, wenn diese blonden Strubbelhaare und diese zugegebenermaßen ziemlich unvorteilhaften grauen Arbeitshosen an der Straßenecke aufkreuzen und sich der Schlüssel in meinem Hoftor dreht. Dann weiß ich, heute werde ich wieder ein Stückchen weiter gehegt und gepflegt. Diese Zuwendung tut einem alten Haus wie mir wirklich gut.
Die Frau hat auch angefangen mit mir zu reden. Das finde ich merkwürdig. Und schön!
Ich bin gespannt, was morgen ist... und werde berichten. Versprochen