Bild: Mitte - Erzulie Dantor mit ihrem Kind, darunter Marassa-Zwillinge umgeben von Damballah-Schlange. Im Hintergrund Papa Legba mit seinen zwei Hunden. TorhĂŒter der anderen Welt
Voodoo-Sympathisant â das beste was ein Katholik werden kann
Wo wilde dicke Frauen mit Dolchen auf MĂ€nner losgehen und sie anschlieĂend umarmen
Zugegeben. Der Anblick im Blut zuckender Ziegen und herumflatternden HĂŒhnern ohne Kopf ist nicht jedermanns Sache. Als abstammungsmĂ€Ăiges Landei habe ich in meiner Jugend selbst schon mal im HĂŒhnerstall meiner Oma das Hackebeil geschwungen, aber das Federvieh einfach nicht zu fassen gekriegt, so dass meine Oma am Ende selbst Hand anlegte und den Braten zu Fall brachte. Im Voodoo gehören solche Szenen zum selbstverstĂ€ndlichen Repertoire religiöser Praktiken. Wer das ekelhaft findet, brauch gar nicht weiterlesen, sollte aber bedenken, dass auch sein Grillsteak nicht allein auf den Rost krabbelt und das GrillhĂ€hnchen nicht gebraten vom Himmel fĂ€llt.
Im Grunde genommen sind âFleischopferâ im ĂŒbertragenen Sinn auch im Christentum verbreitet. Man denke nur an das Osterlamm, die Martinsgans oder den Weihnachtsbraten. Von Jesus kommt dieser Brauch sicherlich nicht. Der Mann aus GalilĂ€a, der seine 12 Apostel rund um den See Genezareth rekrutierte, war laut neuem Testament Fischesser (Luk. 5.1; Math. 15.32). Und dazu gabs hin und wieder einen guten Wein (Joh. 2.1; Math. 26,17). Im Christentum wurde vielerorts heidnisches einfach adaptiert. Anders ausgedrĂŒckt. Bevor das Christentum nach Europa kam, wurde ĂŒberall eine Art Voodoo-Kult praktiziert, der jedoch nicht vollstĂ€ndig verschwand, sondern im Zuge des Volksglaubens christlich angepasst oder umgewandelt wurde. Das Heidnische, vorchristliche Repertoire im Katholizismus ist groĂ: Flurprozessionen, BlumenaltĂ€re, Reliquien, Springprozession, Wegkreuze, Segnung von Tieren, Aschenkreuz, Mysterienspiele, bis hin zum Herumtragen von Marienfiguren und dem âEwigen Lichtâ, dass schon bei den Vestalinnen im alten Rom brannte.
Zur Ehrenrettung der Haitianer, die einst wie Vieh als Sklaven in die Karibik importiert wurden, muss man sagen, dass die rituellen Opferungen keineswegs Selbstzweck sind oder einen Sadismus befriedigen. Es sind auch nicht die Menschen, die den Tieren die Kehle durchschneiden oder den Kopf abbeiĂen, sondern die Götter, genauer gesagt die Geister der Götter, die als Loa, die Menschen âbesetztenâ. Die Loa wiederum tragen die Namen katholischer Heiliger, haben aber auch im Gegenzug die gleichen Attribute. Die groĂe weibliche Schutzloa Erzulie oder Ezili beispielsweise entspricht der Heiligen Mutter Gottes. Auch diese im katholischen Volksglauben nach Jesus wichtigste Figur hat unterschiedliche Aspekte. Sie reichen von der gĂŒtigen Mantelmadonna, Geburtsmadonna, Schmerzensmadonna bis hin zur LöwenbĂ€ndigerin und Drachen-Besiegerin. In dieser Funktion dient sie sogar als Heerbanner â Schlacht auf dem weiĂen Berg â oder als Ikone der schwarzen Madonna von Tschenstochau als wehrhafte Schutzpatronin Polens.
Weibliches, Sinnliches, MĂŒtterliches und zugleich kĂ€mpferisches besitzt auch die Erzulie. Ihr Attribut ist der Dolch, den sie stolz in der rechten Hand trĂ€gt. Als Erzulie Freda ist sie laut WIKIPEDIA der âLoa der romantischen Liebe und wird angerufen, um eine Liebesbeziehung aufzubauen oder zu erneuernâ. Die Lautverwandtschaft zwischen Freda und Freya ist augenfĂ€llig.
Als Erzulie Dantor âgilt sie als wilde BeschĂŒtzerin von Frauen vor hĂ€uslicher Gewaltâ. Im blutigen Befreiungskrieg der Haitianer 1791 gegen die Französischen Kolonialherren kommt ihr als Nationalheilige eine SchlĂŒsselrolle zu, die sie zur ebenbĂŒrtigen Schwester der kĂ€mpferischen Marias des katholischen Volksglaubens macht. Allein voran der Nationalheilige Polens. Polnische Soldaten, die in französischen Diensten standen, dann aber zu den Rebellen ĂŒberliefen, sollen mit einer mitgebrachten Ikone der Maria von Tschenstochau aus der Heimat, eine Symbiose zwischen der Haitianischen Göttin Erzulie und Maria geschaffen haben. Erzulie Dantor zu Ehren finden auch heute immer noch beeindruckende Rituale statt.
TĂ€nze wie im Dionysios-Kult
Bei fast bei allen Voodoo-Ritualen kommt den Frauen eine besondere, geradezu herausragende Bedeutung zu. Wie ein Video aus einem Voodoo-Tempel eindrucksvoll beweist, erinnern diese Rituale an die antiken Kulte des Dionysios und der Kybele. Kulte in denen Raserei und Rausch eine SchlĂŒsselrolle spielen und die Ă€hnlich wie ihre Götter ursprĂŒnglich nicht in Griechenland beheimatet waren. Im Falle des Dionysios â und hier schlieĂt sich der Kreis â fĂŒhrt die Spur ĂŒber Umwege sogar nach Afrika, dem Heimatland der Haitianer. Antike Geschichtsschreiber nannten die weiblichen AnhĂ€nger dieses Kultes MĂ€naden. Sie steigerten sich bei den Kulten in eine regelrechte Raserei und wurden daher auch die StĂŒrmenden genannt. Abbildungen zeigen wilde TĂ€nze, bei denen die Frauen, einige in Leopardenfelle gehĂŒllt, StĂ€be schwangen. Den sogenannten âThyrsosâ. Ein Stab mit Blattwerk, der spĂ€ter wohl durch einen Fenchelstab ersetzt wurde, damit sich die Frauen bei ihren TĂ€nzen nicht gegenseitig verletzten.
100-Kilo-Frauen toben mit Dolchen durch den Raum
Diese Tradition des rasenden Tanzes, bei dem nicht nur StĂ€be, sondern auch Dolche und Macheten zum Einsatz kommen, wird im Voodoo unter TrommelklĂ€ngen und GesĂ€ngen bis zum heutigen Tag gepflegt â und den vollen Sanktuarien nach zu urteilen â auch in Zukunft. Die vom Geiste Erzulies besetzten Frauen â eingeweihte HUNSIS â die zum engeren Kreis der Voodoo-Gemeinschaft gehören gehen mit den scharfen spitzen Dolchen schreiend auf die umstehenden MĂ€nner los, um sie nach einer Schrecksekunde herzlich zu umarmen. Die meisten Hunsis sind keine Hungerhaken, sondern bringen locker zwischen 90 und 100 Kilo auf die Waage. Einige sogar noch mehr. Ăberraschen dabei jedoch mit erstaunlicher Körperbeherrschung. Wenn solche Wuchtbrummen in Ekstase mit verdrehten Augen und blitzenden Dolchen wild herumtanzen und dabei nicht selten das Gleichgewicht verlieren, haben die weiblichen wie mĂ€nnlichen Helfer buchstĂ€blich beide HĂ€nde voll zu tun, damit die Rasenden nicht in die umstehende Menge oder in die Trommler fallen. BerĂŒhrungsĂ€ngste scheint es nicht zu geben. Eben so wenig wie Ekel. Zum Beispiel, wenn eine Hunsi erst einen tiefen Schluck aus einer Flasche â wahrscheinlich Rum â nimmt und den Inhalt dann einfach in einem breiten feinen Strahl einem der Umstehenden ins Gesicht blĂ€st. Bizarre Szene mit stellenweise grotesken Einlagen. Ein symbolischer Geschlechterkampf, bei dem jedoch die Frau â in diesem Fall sogar eine Göttin â den stĂ€rkeren Part einnimmt. Kampf und Liebe, wie eng liegen sie beieinander.
Auch MÀnner können, wie man auf den Videos sehen kann, von der Erzulie besetzt sein. Dass die Messer und Dolche schwingenden Frauen und MÀnner bei diesen TrancezustÀnden niemand verletzen, ist ein WUNDER, dass sicherlich nicht nur durch Gottvertrauen zu erklÀren ist. Hier lebt etwas weiter, was in der Walpurgisnacht noch im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit einen schwachen Abglanz hatte, ehe es ganz verschwand oder sogar samt seinen AnhÀngern auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.
Voodoo ist ĂŒberall im Volksglauben vertreten
Es ist anzunehmen, dass es Ă€hnliche Rituale auch in Europa gab, in der Jungsteinzeit, Bronzezeit im frĂŒhen noch heidnischen Mittelalter, bis in unsere Zeit hinein. Ăberall findet man Spuren von Voodoo. Allein der Reliquienkult aber auch die spirituellen Erfahrungen, die sich bis zu körperlichen Stigmata, Hellsichtigkeit, Okkultismus und Geisterbesessenheit steigern können, sind in der katholischen Welt weitverbreitet. Besonders in Frankreich scheint die religiöse Besessenheit, die im 19. Jahrhundert noch mal stark aufflammte, keine Seltenheit zu sein. Namen wie Bernadette Soubirous, die in Lourdes eine âErscheinungâ hatte, gehört ebenso dazu wie Therese von L und viele andere. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts erlangten Anna Katharina Emmerick und Friederike Hauffe groĂe Aufmerksamkeit. Die erstgenannte zog den Dichter und Romantiker Clemens von Brentano in ihren Bann, Hauffe inspirierte den esoterischen Schriftsteller Manfred Kyber. In Haiti wĂ€ren sowohl Anna Katharina Emmerick als auch Friederike Hauffe ganz ânormaleâ Hunsis oder sogar Mambos geworden. Sie hĂ€tten nie unter Ă€rztlicher Beobachtung gestanden, sondern ihre Visionen in den Sanktuarien voll ausleben können.
In Nord Spanien legen sich Menschen am Patronatsfest der heiligen Martha in SĂ€rge und lassen sich auf einer Prozession durch die Fluren tragen. Im Voodoo der Dominikanischen Republik ist Martha eine der groĂen Schutzheiligen, nur noch ĂŒbertroffen von der Heiligen Anna, der Mutter Mariens. Anna wiederum hat ihre geistige Entsprechung in der groĂen Erdenmutter Kybele, Demeter usw. Es sind also die gleichen archetypischen Urbilder, die sowohl im katholischen Volksglauben als auch im Voodoo, im Kubanischen Santeria oder im 21 Divisionen-Kult der Dominikanischen Republik verehrt werden. Und so ist es kein Problem fĂŒr eine Hunsi, Mambo oder Santeria-AnhĂ€ngerin nach einem Voodoo-Ritual eine katholische Kirche zu besuchen. Warum auch nicht umgekehrt? Es sind die gleichen KrĂ€fte, die sich nur unterschiedlich interpretiert werden.
Auch wenn ich niemals den Voodoo praktizieren könnte â dazu fehlt mir die Einweihung und manch andere Voraussetzung â Voodoo-AnhĂ€nger, Freund und Förderer dieser friedlichen, spirituellen Religion, die natĂŒrlich wie jede Religion auch ihre Schattenseiten hat - ist sicherlich das beste was ein Katholik werden kann.
https://www.youtube.com/watch?v=lXBb0o9Qx7Q
https://www.youtube.com/channel/UCD22mIDx-D_jB1UOAalYucw










