Basische ErnÀhrung? WTF?
Ihr habt sicher schon mal davon gehört. Es gibt Menschen, die sind der felsenfesten Ăberzeugung, unser Körper habe durch falsche ErnĂ€hrung ein Problem mit seinem SĂ€ure-Basen-Haushalt und wir hĂ€tten die Aufgabe, ihm dabei - durch die richtige Auswahl an Lebensmitteln - zu helfen.
Man liest dabei hĂ€ufig, unser Körper sei durch unsere durchschnittliche westliche ErnĂ€hrung "ĂŒbersĂ€uert" und man mĂŒsse nun genug basische Lebensmittel essen, um das wieder auszugleichen. Doch damit nicht genug. Mit einer âĂbersĂ€uerungâ werden auch noch Krankheiten erklĂ€rt. Von der BegĂŒnstigung einiger, teils schwer zu verstehender Krankheiten, bis hin zur Behauptung, alle Krankheiten seien mit einer âĂbersĂ€uerungâ des Körpers oder bestimmter Organe zu erklĂ€ren, findet sich so ziemlich Alles innerhalb dieser "Bewegung".
Das Ganze geht zurĂŒck auch Zeiten, in denen damalige Ărzte und Wissenschaftler, wenig von den inneren AblĂ€ufen in unserem Körper und der ganzen Biochemie, die sich da drin abspielt, wussten. Sie sahen, dass das was raus kommt, nĂ€mlich Urin und Stuhl, sich verĂ€nderte, je nach dem was man sich oben reinschĂŒttete. Mal wurde es saurer, mal alkalischer. Genau dies, hĂ€tte aber vermutlich auch schon ein Hinweis darauf sein können, dass unser Körper sehr wohl selber damit klarkommt. Ragnar Berg, ein schwedischer Biochemiker untersuchte Anfang des 20. Jahrhunderts Lebensmittel auf ihren SĂ€uren- bzw. Laugengehalt. In der Asche der Lebensmittel ermittelte er den Anteil an Kationen und Anionen. Ich möchte hier nicht zu sehr auf chemische Grundlagen eingehen, aber man dachte damals, dass Anionen automatisch SĂ€uren wĂ€ren und Kationen dann eben Basen. Das ist schlichtweg falsch. Bircher-Brenner griff das Ganze auf und machte diesen "SĂ€uretod" den man vermeintlich stirbt, wenn man sich nicht richtig ernĂ€hrt, hierzulande populĂ€r. Zusammengefasst: Mal wieder eine dieser Theorien, die auf ehemaligem Halbwissen beruhen, dass schon lĂ€ngst ĂŒberholt ist, sich aber irgendwie hartnĂ€ckig in den Köpfen hĂ€lt. (Quelle: Fock & Pollmer, Die Geschichte der Basenkost)
Ich versuche mich zu den aktuellen, wissenschaftlichen Fakten dazu recht kurz zu halten, aber ich muss hier kurz Einiges klarstellen.
Ja, wir fĂŒhren mit verschiedenen Lebensmitteln, verschiedene SĂ€uren und Basen unserem Körper zu. Man weiĂ aber mittlerweile deutlich besser, was SĂ€uren und was Basen sind als anno dazumal. Trotzdem halten sich paradoxe Theorien: Orangen zum Beispiel, die ja schon sauer schmecken und auch einen sauren pH-Wert haben, gelten bei den "ĂbersĂ€uerungsjĂŒngern" als basisches Lebensmittel, da es Mineralstoffe enthĂ€lt, die im Körper sĂ€urebindend bzw. alkalisch wirken sollen. Ich bin kein Chemiker, aber nochmals: Nur weil etwas ein Kation ist, wie zum Beispiel Magnesium (Mg+), ist es nicht gleich eine Base. Letztendlich geht es beim pH wert darum, wie viele Wasserstoffprotonen (H+) in etwas drin sind. Ihr merkt: Mg+, H+, beides Kationen (das + sagt es einem). Da kann doch was nicht stimmen.
Andererseits stimmt es, dass beim Abbau von z.B. schwefelhaltigen AminosÀuren, vermehrt Wasserstoffprotonen (H+) anfallen. Mehr als beim Abbau von sonstigen AminosÀuren, Kohlenhydraten oder Fetten.
Aber ist das wirklich ein Problem?
Ich werde versuchen, die wirklichen AblÀufe in unserem Körper sehr vereinfacht darzustellen. Das Gleichgewicht zwischen Anionen, Kationen, SÀuren und Basen ist ein hochkomplexes Thema.
Beim Leben fÀllt immer ein bisschen SÀure an, nÀmlich KohlensÀure. Das liegt daran, dass wir Energie aus Kohlenstoffverbindungen gewinnen. Diese werden vereinfacht gesagt unter Sauerstoffverbrauch oxidiert. Dabei fÀllt CO2 an. Dieses reagiert mit dem Wasser in unserem Körper zu KohlensÀure. Das wird dann zu Hydrogenkarbonat und Wasserstoffprotonen. Kurzgesagt: Leben macht sauer.
Wie kriegen wir nun diese SĂ€ure los?
Unser Körper funktioniert nur innerhalb ziemlich eng gesteckter Grenzwerte normal. Es gibt sogar eine sogenannte ĂbersĂ€uerung (Azidose) in der Medizin. Es gibt aber auch das Gegenteil, nĂ€mlich eine "UntersĂ€uerung" (Alkalose). Unser Blut muss immer einen leicht alkalischen Wert haben. Der pH Wert sollte nicht unter 7,35 und nicht ĂŒber 7,45 sein. Wenn der pH wert im Blut drĂŒber oder drunter ist, funktioniert Vieles nicht mehr so, wie es sollte. Allen voran das HĂ€moglobin, unser Sauerstofftransporter im Körper. Unser Körper hat also ein Interesse daran, dieses Gleichgewicht an SĂ€uren und Basen im Körper exakt zu regeln. Das kann er auch und das sehr gut, auĂer wir haben einen Nieren- oder Lungenschaden. Denn genau das sind die beiden Organe, mit denen wir unseren SĂ€ure-Basen-Haushalt steuern. Auch relevant ist der Magen-Darm-Trakt. Aber der ist weniger an der direkten Steuerung beteiligt.
Die Niere ist eher fĂŒr die etwas langfristigere Steuerung des SĂ€ure-Basen-Gleichgewichts zustĂ€ndig. Sie kann Hydrogenkarbonat (wirkt als Puffer, kann also Wasserstoffprotonen/H+ aufnehmen oder abgeben) ans Blut und Wasserstoffprotonen (also quasi SĂ€ure) an den Urin abgeben. Also ein Weg SĂ€ure loszuwerden.
Der zweite schnellere Weg ist die Atmung. Ich habe ja bereits von KohlensĂ€ure und CO2 geschrieben. In der Lunge wird einfach Hydrogencarbonat wieder zu KohlensĂ€ure und das wieder zu CO2. Das kann dann einfach durch die Lunge abgeatmet werden. Dieser Mechanismus kann den pH-Wert im Blut ziemlich schnell steuern, nĂ€mlich darĂŒber, wieviel man atmet. Ein saurer pH-Wert im Blut, verursacht, dass ihr automatisch mehr atmet und dadurch mehr CO2, also KohlenSĂURE abatmet. Wenn ihr mit Absicht (nicht machen, das kann gefĂ€hrlich sein!) schnell und tief atmet, könnt ihr dadurch sogar euren Blut-pH-Wert alkalischer machen. Jeder der schonmal einen groĂen Lufballon aufgeblasen hat weiĂ, dass man sich dabei schon ein wenig schwummrig fĂŒhlt. Das kommt daher, dass man dabei zu viel atmet und der Körper in eine Alkalose also "UntersĂ€uerung" gerĂ€t. Anders herum, kann es bei zu geringem Atmen (kann verschiedene GrĂŒnde haben) dazu kommen, dass das Blut ĂŒbersĂ€uert, also eine Azidose entsteht.
Wir brauchen also keine bestimmte ErnĂ€hrung, um unsere SĂ€ure-Basen-Haushalt zu regeln. Das macht unser Körper schön selber. Ebenso wird der SĂ€ure-Basen-Haushalt unserer Körpergewebe engmaschig gesteuert, sodass auch hier keine "chronische GewebeĂŒbersĂ€uerung" stattfinden kann.
Wieso diese ErnĂ€hrungsform trotzdem Gesund sein kann, liegt an der Auswahl der vermeintlich "basischen" Lebensmittel. GemĂŒse, dunkle Blattsalate, Obst gelten als basisch. Diese sind unter anderem aufgrund ihres Mineralstoff- und Vitamingehaltes bei geringer Kaloriendichte gesund. Als "saure" Lebensmittel gelten zum Beispiel SĂŒĂwaren, helles Brot, Nudeln, Fleisch, KĂ€se, Eier, Alkohol. Diese haben tendenziell, wenn man zu viel von ihnen isst, auch aufgrund ihrer Zusammensetzung (tierische Fette, hohe Kaloriendichte, wenig Ballaststoffe), gesundheitsschĂ€digende Effekte.
Aber trotzdem fĂŒhrt so eine Auswahl zu einer vermeintlich einseitigen ErnĂ€hrung. Es gibt auch keine Studien, die zeigen konnten, dass durch eine "basische" ErnĂ€hrung Krankheiten geheilt oder verhindert werden konnten, denen nicht auch durch eine insgesamt gesunde und ausgewogene ErnĂ€hrung vorgebeugt werden könnte.
Auf gut Deutsch: Eine "basische" ErnĂ€hrung bringt nix und ist wissenschaftlich gesehen Blödsinn. Ihr werdet nicht durch irgendwelche Lebensmittel "ĂŒbersĂ€uert" und solltet euch einfach insgesamt ausgewogen und gesund ernĂ€hren. Das heiĂt in kĂŒrze: Viel Obst und GemĂŒse, langkettige Kohlenhydrate mit Ballaststoffen und wenig tierische Produkte. Dazu noch am besten wenig bis gar kein Alkohol.
GrĂŒĂle und bleibt gesund!
Mark