Oktober 2025
Konzert in der Kuppel
Ich bin beruflich für eine Reihe von Teleskopen in St Andrews verantwortlich, das größte davon ist das James Gregory Telescope, ein über 60 Jahre altes Unikat mit einem Hauptspiegel, der 38 Zoll (knapp 1 Meter) Durchmesser hat. Hier geht es aber gar nicht um dieses Teleskop, sondern um das Gebäude, in dem es steht. Es hat eine eigene Kuppel, die außen aus Metall besteht, und innen mit dünnen Holzplatten abgedeckt ist. Die Kuppel ist natürlich drehbar und kann auf einer Seite geöffnet werden. Darum geht es aber auch nicht.
Im Juni 2025 besucht uns KT Tunstall. Ich kenne mich mit Musikgenres nicht so gut aus, aber Wikipedia nennt sie “Singer-Songwriter”, so, let’s go with that. Sie stammt aus St Andrews, ihr Vater war Physiker, und ihr erstes Album, “Eye to the Telescope” wurde irgendwie durch nächtliche Besuche an unserem Observatorium inspiriert. Ich habe davon überhaupt erst im Sommer 2024 erfahren, weil sie in einem Video der Youtuber von Pomplamoose auftaucht und ich sie danach gegoogelt hatte. Danach lud ich sie per Instagram ein. Es stellte sich heraus, dass sie gerade Verwendung für ein großes Teleskop hatte.
Bei diesem Besuch spielt KT den unveröffentlichten Titelsong in der eben erwähnten Kuppel, nur mit Gesang und Gitarre. Daraus wird später das offizielle Musikvideo, das zum zwanzigjährigen Jubiläum des Albums erscheint. Dabei fällt ihr auf, wie großartig die Akustik in der Kuppel ist, und sie schlägt nebenbei vor, ein Konzert in der Kuppel zu machen, für eine kleine Gruppe aus Fans, die aus ihrem Patreon stammen. Ich finde das alles gut, und vermute, daraus wird sowieso nichts.
Im September kündigt KT an, am 31. Oktober zurückzukommen, für ein exklusives Konzert, außerdem einen Livestream zu machen, und aus dem ganzen Ereignis hinterher einen Film zu machen. Erstes Problem: Das Uni-Internet lässt sich nicht so einfach für den Livestream verwenden, es ist aus guten Gründen stark abgesichert. Stattdessen besorgt der KT-Manager eine Starlink-Antenne, die draußen im Gras liegt und das Internet für das Konzert liefert. Er sagt mir, dass er das Ding für diesen Anlass gekauft hat, aber hinterher einfach zurückschicken könnte. Vielleicht eher ein Scherz.
Die Antenne zeigt auf diesem Bild nach SĂĽden, man sagt mir aber, es ist vollkommen egal, wo sie hinzeigt.
Das Kabel fĂĽhrt von der Starlink-Antenne nach drinnen zu diesem kleinen weiĂźen Ding, aus dem WLAN rauskommt.
Zweites Problem: Es ist kühl in Schottland, und die Kuppel unbeheizt: Teleskope sollen bei der Arbeit dieselbe Temperatur haben wie die Außenwelt, damit keine Luftströme die Beobachtungen stören. Es wäre grausam, von den Fans, die von weither kommen werden, um eine Stunde mit KT zu verbringen, auch noch zu verlangen, dass sie frieren. Ich bekomme drei elektrisch betriebene Ölradiatoren geschenkt, um die Kuppel zu beheizen. Außerdem werden Klappstühle geliefert. Geld scheint jedenfalls kein Problem zu sein. Lange Diskussionen darüber, ob der riesige Tourbus auf unserem kleinen Parkplatz manövrieren kann. Die Uni-Techniker testen die neuen Elektrogeräte. Ich schreibe ein “Risk Assessment” für den Abend.
Am Tag des Konzerts ĂĽbernehmen die KT-Leute die Kuppel. Ich sehe im Laufe des Vormittags dabei zu, wie sich die technische, kalte Umgebung mit ihren sechzig Jahre alten Metallstrukturen in eine Art Wohnzimmer in WohlfĂĽhlfarben verwandelt.
Fünf Techniker bauen Lichter, Kameras und Mikros auf. Jedes Detail der Kuppel, das hässlich aussieht, wird entweder nicht gezeigt oder sorgsam verborgen. Der Maschinenraum des alten Teleskops dient als Kommandozentrale. KT wird auf der Plattform sitzen, die jahrzehntelang als Beobachtungsplattform diente – als das Teleskop noch Bilder auf fotografischen Platten produzierte, musste man beim Beobachten direkt am Teleskop sein. Die Gäste werden direkt unter dem riesigen Teleskop sitzen. Als ich um eins erstmal verschwinde, steht in der Kuppel Ausrüstung im Wert von 100.000 Euro. Abgesehen von dem riesigen Teleskop natürlich.
Als ich abends zurĂĽckkomme, sind die Techniker verschwunden und völlig andere Leute vor Ort, deren Funktion ich erst so allmählich herausfinde, wenn ĂĽberhaupt. Alle sind unfassbar professionell, nett, aber nicht ablenkbar. Die Anwesenheit meines Hundes in der gutgeölten Maschine wird einfach so hingenommen. Probleme werden kurz und präzise diskutiert, dann sofort gelöst. Insgesamt arbeiten am Set ungefähr 10 Leute, ich habe praktisch nichts zu tun. Ich ziehe mich mit dem Hund in den Kontrollraum zurĂĽck, der sich in eine Art High-Tech-MĂĽllhalde verwandelt hat, eine wirre Mischung aus Teleskopen, Audiogeräten und persönlichen Gegenständen. Und tatsächlichem MĂĽll.Â
KT selbst taucht eine Stunde vor Beginn auf, ist ein paar Minuten nett zu allen, zeigt mir Hundebilder, und macht dann einen schnellen Soundcheck. Sie wird ein kleines Mikro tragen, irgendwo am Oberkörper versteckt. Davon abgesehen wird der Sound von Mikros im Raum eingefangen. Die Gitarre ist unverstärkt. Während des Soundchecks laufe ich mit möglichst professionellen Blick durch die Kuppel und sehe nach dem Rechten. Dann verschwindet KT wieder im Tourbus und kommt erst direkt vor dem Auftritt wieder raus. Mittlerweile ist der Weg zur Kuppel mit kleinen Laternen illuminiert. Die Gäste werden aufgefordert, alle Handys auf Flugmodus zu stellen. Ich frage “hinter den Kulissen”, warum das hilft. Die vielen Geräte in der Kuppel kommunizieren über dieselben Frequenzen wie Handys, und man will Störungen so weit es geht ausschließen. Die großen Metallklumpen des Teleskops sind offenbar problematisch genug, sie werfen einen Mikrowellenschatten, wird mir erklärt.
Soundcheck
Ich verbringe das Konzert unten mit dem Hund. Kathrin schaut zu Hause ĂĽber Youtube zu.
Einschub Kathrin: Ich mache dabei ab und zu Screenshots zur Dokumentation. Ansonsten gibt es ĂĽber die Technik von dieser Seite nichts zu berichten. Der Livestream setzt gelegentlich aus, manchmal fĂĽr alle (wie ich dem YouTube-Chat entnehme), das liegt dann also wohl an Starlink. Manchmal scheint es aber auch nur fĂĽr mich so zu sein. ZurĂĽck zu Aleks.
Von oben höre ich die Gitarre und den Gesang, ziemlich leise. Vor mir auf dem Monitor sehe ich den Livestream, der eine halbe Minute hinterherhinkt. Ich kriege nicht mit, was KT so redet, aber offenbar läuft alles glatt. Ganz am Anfang geht ein Handy los, ich nehme an, von einem Techniker, was zu strengen Worten fĂĽhrt, die im Livestream zu hören sind. Der Videostream geht von der Kuppel ins All zu den Starlink-Satelliten, dann wieder hinunter zur Erde, zu den Youtubeservern von Google, dann nach St Andrews ins Uni-Internet zu dem iMac, der normalerweise das Teleskop kontrolliert. Man kann sich vorstellen, wie KTs Musik das alte Teleskop zum ersten Mal direkt, irgendwie, mit dem Weltall verbindet.Â
Screenshot aus dem YouTube-Livestream
Hinterher wird viel umarmt. Alle sind sehr zufrieden. KT verschwindet im Tourbus, und ich bin wieder mit den fünf Technikern alleine. Innerhalb von anderthalb Stunden verwandeln wir das schöne Wohnzimmer mit Bergen aus Kabeln, Koffern, elektrischen Kerzen wieder in eine ordentliche Teleskopkuppel.
(Aleks Scholz)












