Made for trash: Geplante Obsoleszenz
Schon wieder eine neue Waschmaschine kaufen? Komisch, so alt ist sie doch noch gar nicht. Auch der Laptop tut es nach dem neuen Update nicht mehr richtig und die Glühbirne muss auch schon wieder ausgetauscht werden. Ist das Zufall oder liegt da vielleicht mehr dahinter?
Tatsächlich ist es so, dass viele Hersteller die Dauer der Gebrauchsfähigkeit von Konsumgütern auf einen ungefähren Zeitraum planen. Das heißt, es werden bewusst Strategien angewendet, welche den Konsumenten dazu verleiten ein neues Produkt zu kaufen, weshalb der Hersteller hohe Gewinne generieren kann. Experten sprechen dann von geplanter Obsoleszenz. Dies kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden.
Werden beispielsweise Veränderungen an dem Behältnis eines Produktes vorgenommen, kann das Auswirkungen auf die Verbrauchsgeschwindigkeit haben. Wird zum Beispiel bei einer Zahnpastatube das Loch größer gemacht, sodass eine größere Menge an Zahnpasta herauskommt oder wenn bei einem Raumduftspender nur eine automatische Abgabe des Raumduftes eingestellt werden kann, ist der Verbrauch höher, sodass die Produkte schneller nach gekauft werden. Eine weitere Möglichkeit, die Hersteller anwenden um stetig Umsatz zu machen, ist das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) um einen Tag vorzuziehen. Das MHD können die Hersteller selber festlegen und auch wenn es sich nur um einen Tag verschiebt, kann dies im Hinblick auf tausende Produkte große Auswirkungen auf den Umsatz haben.
Betrachtet man die Ebene der psychologischen Obsoleszenz, wird besonders auf menschliche Schwächen appelliert. Schwächen, im Sinne von dem Drang oder der Sucht, immer mit dem neusten Trend mitgehen zu wollen. Um stetigen Gewinn zu erzielen, denken sich Werbestrategen und Produktentwickler neue Modetrends aus oder es werden Produkte so im Laden inszeniert, dass möglichst viel Aufmerksamkeit darauf fällt. Dabei kann zusätzlich mit Musik und Licht gearbeitet werden, um die Kaufatmosphäre positiv zu beeinflussen.
Auch über ethische Argumente werden Konsumenten zu einem Neukauf animiert. Dabei wird häufig der Klimawandel angesprochen oder auf Energieeffizienz hingewiesen. Mit Aussagen wie “Sie haben noch einen alten Kühlschrank? Der frisst aber ganz schön viel Strom!”, lassen sich Kunden oftmals dazu bringen, die neuere Version eines Produktes zu kaufen, obwohl die alte noch funktionsfähig ist.
Eine weitere Dimension ist die optische Obsoleszenz. Dabei werden bewusst Materialien verwendet, wo bekannt ist dass diese schnell abnutzen. Oberflächen verbleichen schneller, die Haptik nimmt ab und das Produkt geht schneller kaputt. Vertuscht wird das beispielsweise durch den Retro Trend. Bei Anziehsachen nimmt der Kunde in Kauf dass diese schon verwaschen sind oder dass sich bei “ripped jeans” die Nähte schneller auflösen. “Durch eine solche Etablierung qualitativer Mängel als attraktives Produktmerkmal können die Folgen langlebiger Nutzung als Stilelement vorweggenommen werden” (Schridde, 2015).
Wenn man den Technikbereich genauer betrachtet, ist auffällig dass es meistens mehrere Produktgenerationen gibt. Zum Beispiel kommt jedes Jahr ein neues Smartphone auf den Markt, dass die ältere Generation optimiert. Manchmal sind dies aber nur Kleinigkeiten, die ein Laie gar nicht bemerken würde. Dennoch werden auch Laien dazu verleitet, sich die neuere Version zu kaufen. Meistens wegen des Mainstreams. Es gibt auch Fälle, bei denen dem Konsumenten nichts anderes übrig bleibt, als in den Geldbeutel zu greifen. Beispielsweise ist bei technischen Geräte häufig Zubehör notwendig und der Zubehör ist so gestaltet, dass dieser schnell verschleißt und regelmäßig ausgetauscht werden muss. Manche Hersteller reparieren die Produkte zwar, bieten die Reparatur aber nur in den eigenen Werkstätten an, sodass auch da kein Umsatz verloren geht. Eingesetzt werden dann wieder Teile, die von der Qualität nicht auf Dauer halten werden. Die sogenannten “Disposables” können aber auch soweit verändert werden, sodass diese nicht mehr auf alte Generationen angewendet werden können. Ändert sich zum Beispiel die Form eines Ladegerätsteckers, muss letztendlich das Hauptprodukt ersetzt werden.
Auch Software- Updates können dazu führen, dass bisherige Funktionen verschlechtert werden. Davon wird der Konsument irgendwann so genervt sein, dass auch in diesem Fall eine neuere Version angeschaffen wird.
Außerdem kann auch auf politischer Ebene direkt oder indirekt zu Neukäufen animiert werden. Dies geschieht zum Beispiel durch Abwrackprämien, durch die Kunden unter bestimmten Voraussetzungen Geld dafür bekommen, ihr altes Auto zu verschrotten und in einen Neuwagen zu investieren. Auch können manche Produkte gesetzlich verboten werden. Ein Beispiel dafür sind bestimmte Glühbirnen, die durch Energiesparlampen ersetzt werden müssen.
Heutzutage wird argumentiert, dass die kurzen Produktlebenszyklen nur die Reaktion auf die hohe Nachfrage der Konsumenten ist, die sich neue Kleidung, neue Smartphones neue Autos etc. wünschen.
Kann den Konsumenten wirklich vorgeworfen werden, dass sie ihre Produkte gar nicht lange nutzen und lieber alle paar Jahren ein neues Produkt kaufen wollen?
Die hohe Nachfrage entsteht nicht beim Kunden. Sie entsteht viel früher. Sie entsteht bei der Produktentwicklung.
Es geht nicht darum Bedürfnisse zu befriedigen, sondern Bedürfnisse zu schaffen.
Marketing und geplante Obsoleszenz stecken unter einer Decke. Das Marketing distanziert sich in der Öffentlichkeit jedoch von der geplanten Obsoleszenz. Mehr noch: es verspricht den Kunden ein qualitativ hochwertiges Produkt. Werbung ist die laute Erscheinung von Bedarfsgenerierung, die Kunden auf offener Straße anlockt. Sie ist die Angel der Unternehmen. Die geplante Obsoleszenz ist der Widerhaken, der den Fisch nicht mehr loslässt, wenn er einmal angebissen hat.
Trotzdem ist es der Konsument, der mit seinen Käufen die Unternehmen unterstützt, die ihn angelockt haben. Konsumenten befinden sich in einer Blase: gefüllt mit Angeboten und Plastikschrott, vermeintlicher Qualität und Versprechungen. Subjektiv betrachtet ist eine Garantielaufzeit von zwei Jahren lächerlich. In einem Elektro-Dschungel, wo jedes Produkt nur zwei Jahre Garantie hat, ist das aber normal und wird akzeptiert. Das Gehirn wird zugespamt mit neuen Features, Designs und LIfestyles, sodass der mündige Bürger zwar unter einer Vielzahl an Angeboten aber keiner Diversität und Qualität an Leistungen wählen kann. Das Innovationsniveau stagniert mehr oder weniger, da die Kunden auch für weniger Leistung zahlen.
Die Glühbirne- das Sinnbild der Ideengenerierung?
Es ist die Frage nach dem Huhn oder dem Ei: Spiegelt der Markt nur, was die Konsumenten wollen oder sind es doch die Produzenten, die Marktentwicklungen gezielt zur Ineffizienz lenken? Die Konsumkultur hat sich zu einem dynamischen Teufelskreis aus Wechselwirkungen zwischen Konsumenten und Produzenten entwickelt.
Tatsache ist, dass der Kunde nur kaufen kann, was der Markt anbietet. Daher sind es die Produzenten, die an der Wurzel des Problems sitzen.
“Die Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen geplanter Obsoleszenz gehört in den Verantwortungsraum „vom Rohstoff bis zum Regal“ und adressiert die Ressourcen-und Produktverantwortung der Entwickler, Hersteller und ihrer Zulieferer sowie die Sortimentsverantwortung des Einzelhandels und die Serviceverantwortung der After-Sales-Partner.” (Schridde, 2015)
Die Anfänge der geplanten Obsoleszenz liegen in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Damals haben sich die größten Glühbirnenhersteller der westlichen Welt zusammengeschlossen (das Phoebus-Kartell) und eine maximale Brenndauer für die Glühbirnen festgelegt. Weiter haben sie für Glühbirnen, die eine längere Brenndauer aufwiesen Bußgelder eingefordert, welche in einem Bußgeldkatalog (s. unten) festgeschrieben waren. Darin ist die Höhe der Bußgelder (Fines) in Abhängigkeit der Brenndauer (life) aufgelistet.
Abbildung 1: Bußgeldtabelle für Lebenszeiten von Glühbirnen
Obwohl die vorsätzliche Drückung der Lebenszeit von Glühlampen durch das Phoebus-Kartell gesetzlich aufgelöst wurde, hat sich die Lebenszeit von üblichen Glühbirnen im letzten Jahrhundert nicht mehr verlängert. Und das trotz der Tatsache, dass es bereits vor dem Phoebus-Kartell Glühbirnen gab, die doppelt so lange brannten: Die Technik ist bereit für den Fortschritt, doch die Angst der Wirtschaft vor Veränderung hemmt die Innovationskraft.
In Livermore, Kalifornien brennt seit 120 Jahren ein und dieselbe Glühbirne in einer Feuerwache. Seit 50 Jahren brennt sie durchgehend. Das sind seit 1970 rund 438 000 Stunden. Online wird ein Livebild unter dem folgendem Link übertragen:
https://www.centennialbulb.org/cam.htm
Ironischerweise hat die Glühbirne bereits zwei Webcams überdauert.
Neuartige Webcams können nicht mit hundert Jahre alten Glühbirne mithalten? Innovation sieht anders aus. Die kurzen Lebenszyklen der heutigen Produkte werden durch die Stärkung der Innovationskraft verteidigt. Aber ist das nicht nur eine Ausrede? Die Frage kann nicht für alle Segmente oder Zeiträume mit Ja oder Nein beantwortet werden. In vielen Bereichen wäre jedoch viel mehr möglich. Der Blick auf Verkaufszahlen und dem Streben nach beständigen Verkäufen hemmt Ingenieure ihre Produkte so langlebig wie möglich zu entwickeln oder gar neue Innovationen voran zu treiben. Und damit sind wirkliche Innovationen gemeint. Keine Kamera, die ein bisschen bessere Bilder macht. Das ist doch kein Fortschritt. Doch das Marketing vermittelt eine etwas bessere Kamera so effektiv als Neuerung, dass das neue Smartphone zum Must-Have wird. Und das alte? Welcome to Wegwerfgesellschaft.
Neben der Lähmung der Innovationen sind es auch die Konsumenten, die gelähmt werden. Sie reihen sich in das System ein und reparieren nichts mehr. Sie werfen weg und kaufen. Keiner schaut sich die Produkte an und überlegt, ob nicht nur ein kleines Teil kaputt ist.
Eine gegenläufige Entwicklung zur geplanten Obsoleszenz sind sogenannte Reperaturcafes. Sie sind aus der Idee entstanden sich gemeinschaftlich bei Reparaturen zu helfen und aus dem Umstand, dass es sich nicht mehr rechnet Produkte von Werkstätten reparieren zu lassen.
Eine Entwicklung aus der Gesellschaft, die damit doch zeigt, was sie will: Produkte am Leben erhalten und Ressourcen nicht willkürlich verschwenden.
Auswirkungen auf die Umwelt
„An grenzenloses Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen glauben nur Verrückte und Ökonomen“, dieses Zitat stammt von dem Philosoph Serge Latouche.
Es beschreibt ganz gut, dass es so wie die Situation jetzt ist, nicht weitergehen kann. Dadurch, dass viele Produkte keine gute Qualität haben, was durch diverse Dimensionen geplanter Obsoleszenz verstärkt wird, wachsen die Müllberge immer weiter an. Besonders der Elektroschrott hat sich in den letzten Jahren sehr stark vermehrt, denn durch stetig neue Versionen von Elektronik Produkten und den Hype um das neueste Gerät, sowie Disposables, lässt sich dies nicht vermeiden, solange kein Umdenken bei den Herstellern als auch bei den Konsumenten stattfindet.
Abbildung 2: Wegwerfmentalität
Außerdem werden kaum noch Produkte lokal produziert, weshalb es lange Transportwege gibt, die die Umweltverschmutzung negativ beeinflussen. Lebensräume von Tieren und Menschen werden zerstört, um gigantische Fabrikgebäude in die Höhe zu ziehen.
Auch der Klimawandel wird beschleunigt sodass es, wenn sich zeitnah nichts ändern wird, zu einer verstärkten Abwanderung aus bestimmten Bevölkerungsteilen kommen wird. Besonders betroffen sind Afrika sowie Mittel- und Südamerika. Wenn man sich vor Augen führt, dass die Menschheit daran Schuld ist, dass manche Regionen irgendwann wohl nicht mehr bewohnbar sind, ist das schon ein Armutszeugnis. Es ist Zeit, dass die Hersteller also auch die Konsumenten ihre Augen öffnen. Und zwar jetzt.
Grabitz, M. (2020): Brüssel kämpft gegen die Müllberge. In: Stuttgarter Zeitung.
Scherz, B. (2019): Auswirkungen und Gefahren der Konsumgesellschaft für Wirtschaft und Umwelt. URL: https://monami.hs-mittweida.de/frontdoor/deliver/index/docId/12343/file/DA_Scherz_Brigitta.pdf , zuletzt aufgerufen am 02.07.2021
Schridde, S. (2015): Die Dimensionen der geplanten Obsoleszenz. Online verfügbar unter: Murks? Nein Danke. URL: https://schridde.org/download/Die%20Dimensionen%20der%20geplanten%20Obsoleszenz.pdf, zuletzt aufgerufen am 02.07.2021
Seiß, R. (2018): Das Ende des Wachstums?. URL: https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Essays/Wirtschaft/Ende_des_Wachstums, zuletzt aufgerufen am 02.07.2021
Thadeusz, F. (2021): Älteste Glühbirne der Welt. Das Lämpchen, das seit 120 Jahren brennt. Online verfügbar unter: Spiegel Wissenschaft. URL: https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/warum-eine-gluehlampe-in-kalifornien-seit-120-jahren-flackert-a-c557682e-20f1-4da0-826a-5aee4fa2244a, zuletzt aufgerufen am 02.07.2021
Sarah Lange und Nadine Wolber