Sie hatten sich vorgenommen, während ihres Kurzurlaubes, der kleineren, Rügen nordwestlich vorgelagerten Insel einen Besuch abzustatten. Zehn oder noch mehr Jahre waren sie nicht mehr da gewesen. Und die Vorsaison, Anfang April, erschien ihnen gut zu sein für diese Stippvisite. Es würde keinen Touristenrummel geben, nur Ruhe.
Der Tag begann mit strahlendem Sonnenschein und einem Himmelblau, wie er es nur von der Küste kannte. Er küsste seine Frau wach und huschte noch eine Weile zu ihr unter die Decke.
Nach einem ausgedehnten Frühstück setzten sie sich in ihren Van und fuhren eine gute Stunde an die Westküste. Das Parken war selbst um diese Jahreszeit in Schaprode, kurz vor dem Fährhafen nicht ganz leicht. Überall fanden sie nur sündhaft teure Abstellmöglichkeiten, aber da die nächste Fähre bereits abfahrbereit an der Kaimauer lag, zahlten sie den geforderten Preis, luden die Fahrräder aus und gingen an Bord.
Der Wind blies stark und sehr frisch aus Nordwest, und auf den blaugrauen Wellen tanzten Schaumkrönchen. So setzten sie sich in den großen Fahrgastraum und beobachteten die Möwen, die das Schiff begleiteten.
Viele Reisende befanden sich nicht an Bord. Die meisten Leute waren wohl Inselbewohner, die vom Einkaufen auf ihre Insel zurückkehrten. So überlegte er, ob es sich rechnete, in der Vorsaison diese relativ große Fähre einzusetzen, jetzt, wo die Dieselpreise immer weiter, fast ungebremst in die Höhe kletterten.
Nach guten 30 Minuten legte das Schiff in Vitte, der größten Ortschaft Hiddensees an. Eilig verließen die Passagiere die Fähre und waren kurze Zeit später wie weggeblasen.
Im Hafen lagen zwei kleine verwaiste Fischkutter. Die Ladenbesitzer des Bistros und der Fischräucherei schickten sich eben an, ihre Geschäfte zu öffnen. Sie erwarteten wohl keinen großen Andrang. Selbst die großen Heringsmöwen schienen sich von nichts auf der Welt aus der Ruhe bringen zu lassen. Es war beschaulich, fast verlassen und etwas unheimlich. Kalt schien die fahlgelbe Sonne durch die Federwolken.
Sie setzten sich auf die Fahrräder und fuhren einfach der Nase nach los in den kühlen, blassblauen Tag hinein.
Sie fanden einen Weg oben am Strand entlang, etwas holprig zwar, aber immerhin so, dass man auf der einen Seite das Meer sehen konnte und auf der anderen auf die weit ausgedehnten Wiesen. Auf beiden Seiten des aus Betonplatten bestehenden Weges war eine sanft abfallende Böschung. Zur See hin war sie mit Strandhafer bedeckt, an der Landseite standen gewaltige Sanddornbüsche und ein paar Weiden.
Die Farben des Winters beherrschten noch die Landschaft. Der graugrüne Strandhafer beugte sich dem kalten Wind fügsam und der kahle, stachlige Sanddorn ragte gespenstisch in den späten Vormittag.
Zwei Pferde standen auf der Weide. In wenigen Tagen würde sich das Bild hier ändern. Spätestens Anfang Mai wäre alles strahlend grün und mit dem Grün kämen die Touristen und aus wäre es mit der Beschaulichkeit und mit der idyllischen Ruhe.
Als es plötzlich einen leichten Knall an seinem Fahrrad gab, rief er seiner Frau zu, sie möge doch vorfahren. Er würde sie locker einholen auf dem holprigen Weg, denn mit dem Rad fuhr ihm keiner so schnell davon. Besonders seine Frau nicht, die er lange davon überzeugen musste, überhaupt auf ein Rad zu steigen. Sie fuhr unsicher, hielt sich etwas krampfhaft am Lenker fest und stieg bei jeder noch so kleinen Steigung ab und schob das Rad.
Als er sich nach unten beugte, um die heruntergesprungene Kette wieder zu montieren, hatte er das Gefühl, als schimmerte die Luft über dem Weg vor ihm silbern. Es rauschte in seinen Ohren, als er in die Knie ging und er schob es auf den Tinitus, der ihn von Zeit zu Zeit plagte.
Wenige Minuten später war der Schaden behoben, er wischte sich die Hände an einem Taschentuch ab, schwang sich auf sein altes Rennrad und radelte los.
Dann stutzte er, denn der Weg vor ihm war menschenleer. Er hielt einen Moment inne. Eben noch hatte er die leuchtend rote Jacke seiner Frau vor sich gesehen, aber sie war weg - verschwunden.
Er schaute sich um, den Weg zurück, aber auch da war niemand zu sehen.
„Unsinn“, dachte er „Sie wäre ja an mir vorbei gefahren.“
Dann raste er in die Richtung davon, wo er sie zuletzt gesehen hatte und rief laut ihren Namen.
Außer den beiden Pferden war nichts Lebendiges zu sehen. Sein Blick suchte den Strand ab - ohne Ergebnis. Die Wellen rollten laut an den leeren Strand.
Nach ein paar Hundert Metern radelte langsam zurück und suchte aufmerksam die Landseite, wo die kahlen Sanddornbüsche standen ab, aber auch dort sah er seine Frau nicht. Sie war wie vom Erdboden verschluckt. Er blickte ratlos in alle Richtungen. In der Ferne vom Leuchtturm her sah er eine Person mit Hund kommen. Während er ihr entgegenfuhr, wählte er die Handynummer seiner Frau an. Aber es meldete sich nur die Mailbox.
„Guten Tag!“ grüßte er die alte Frau mit dem Schäferhund, „Haben sie vielleicht eine blonde Frau auf einem Fahrrad mit roter Jacke hier auf dem Weg gesehen?“ Die Frau lächelte freundlich und schüttelte den Kopf. „In dieser Jahreszeit wäre sie mir aufgefallen,“ erwiderte sie in breitem Plattdeutsch „Es sind kaum Besucher auf der Insel“.
Langsam wurde ihm komisch. Wenn sie sich aus einer Laune heraus versteckt hatte, dann war das ein schlechter Scherz. Wieder und wieder fuhr er den Weg entlang, und schließlich entschloss er sich, zum Hafen zurückzukehren.
Atemlos kam er am Fahrkartenschalter der Fähre an. Außer dem Fahrkartenverkäufer sah er keine Menschenseele die er um Hilfe bitten konnte. Er fragte nach der Polizei, aber der Mann zuckte nur mitleidig die Schultern: „Hier auf der Insel ist noch niemand nich’ weggekommen. Seine Frau verliert man doch nicht ohne weiteres.“
Ihm wurde heiß und erwählte wieder und wieder ihre Handy-Nummer, ohne Ergebnis.
Nachdem er zum wiederholten Mal Strand und Dünen abgesucht und ihren Namen gerufen hatte, fuhr er zum Hafen zurück.
Drei Anlegestellen gab es auf der Insel. Irgendwann müsste sie an einer davon doch wieder auftauchen, wenn sie sich einen Scherz erlaubt hätte, aber so etwas sah ihr nicht ähnlich. Sie war eher von ängstlicher Natur. Unbekannte Gegenden und Einsamkeit konnte sie nur mit ihm ertragen.
Als die Fähre anlegte, sprach er mit den Männern der Schiffs-Besatzung.
Seine Frau war den Männern zwar auf der Überfahrt aufgefallen, aber gesehen hatte sie nachdem sie von Bord gegangen waren keiner. An den anderen Anlegestellen bekam er die gleiche Auskunft. Er schrieb seine Handynummer auf einen Zettel, und bat die Männer, ihn doch anzurufen, falls sie auftauchen würde.
Dann suchte er erneut den Weg ab. Wieder und wieder blickte er über das Meer. Die Sonne schickte sich an in eine blendende Nachmittagsstellung zu sinken. Er hielt die Hand vor die Augen, weil ihr gleißendes Licht ihn blendete.
Er schluckt kräftig, weil er wieder diesen unangenehmen Druck auf den Ohren verspürte. Einen Augenblick schien es ihm, als gleite eine dünne, durchsichtige, leicht silbern glänzende Folie durch die Luft, fast unsichtbar, nur den Bruchteil einer Sekunde lang.
Er suchte in der Innentasche seiner Jacke nach der Sonnenbrille und als er sie aufgesetzt hatte, kam ihm seine Frau entgegengeradelt.
Am liebsten hätte er laut geschrieen, vor Erleichterung, vor Schmerz oder auch vor Wut, denn sie sah aus, als wäre nichts geschehen. Aber seine innere Verkrampftheit fiel nicht von ihm ab.
Er zwang sich, ganz locker und sachlich zu sein. „Wo warst du bloß? Ich habe dich gesucht, zwei Stunden lang!“ rief er ihr entgegen.
Etwas ungeschickt, so wie immer stieg sie ab und schaute ihn ungläubig an. „Wieso gesucht, ich war nur ein kleines Stück vorausgefahren, wie du mir gesagt hast. Dann habe ich gewendet und bin gleich wieder zurück. Ich wollte nicht so allein auf dem Deich lang.“
Er war sprachlos, aber dann zog er sie fest an sich. Das vertraute Gefühl wollte allerdings nicht aufkommen. Er sah ihr fest in die Augen und sprach streng: „Mach so was nie wieder mit mir. Das war ein schlechter Scherz. Ich habe mich zu Tode geängstigt.“
Als hätte sie ihn nicht verstanden und fast beleidigt fragt sie: „Was wird denn nun, sehen wir uns die Insel an, oder nicht!?“ „Viel Zeit bleibt nicht mehr,“ entgegnete er nach einem Blick auf die Uhr. Die letzte Fähre geht in einer Stunde.“ „Ist mir auch recht. Mir ist sowieso schon die ganze Zeit zu kalt. Der Wind nervt und ich kriege so richtigen Hunger.“
Sie schlugen den Weg zum Hafen ein und aßen dort im Bistro frische Fischbrötchen.
Er beobachtete seine Frau aufmerksam, die ihm seltsam vorkam. Etwas war anders an ihr, aber er kam nicht drauf, was es sein könnte.
„Hast du dein Handy ausgemacht?“ fragte er. Sie schüttelte wortlos den Kopf. „Ich habe dich doch angerufen, mehrmals!“ „Mein Telefon hat aber nicht geklingelt. Und wegen der paar Minuten musstest du mich doch anrufen!“ Entgegnete sie mit Nachdruck.
„Heh! Da ist sie ja wieder, ihre Frau!“ rief ihnen einer der Fährleute entgegen, als sie das Schiff bestiegen. „Hier kommt eben keiner weg auf der Insel. Das ist noch nie passiert. Hat es ihnen hier gefallen?“
„Ja, ja, danke.“ murmelte er und er nahm sich vor, seine Frau nicht einen Moment mehr aus den Augen zu lassen.
Offensichtlich wollte sie über ihr Verschwinden nicht mit ihm reden.
Und genau das war der Punkt, der ihn stark verunsicherte. Über alles und jedes konnte seine Frau diskutieren. Manchmal zerredete sie Probleme oder macht aus Nichtigkeiten ein Riesending. Über Begebenheiten, die ihr besonders wichtig erschienen, polemisierte sie wieder und wieder. Daran hatte er sich in den vielen Ehejahren gewöhnt, aber jetzt herrschte eine eigenartige, nie erlebte Sprachlosigkeit zwischen ihnen.
„Hast du eigentlich die Frau mit dem großen schwarzen Schäferhund auf dem Weg am Deich gesehen, die dir entgegenkam?“ Er fragte das so gleichgültig wie möglich.
Früher hatte seine Frau Angst vor großen Hunden gehabt, aber unterdessen wollte sie am liebsten selbst einen haben. „Nein, habe ich nicht. Aber die Sonne hat auf dem ganzen Weg so geblendet.“.
Beim Abendessen war sie ganz wie immer. Sie erzählte den Tischnachbarn vom Ausflug auf die Insel, als wäre dort nichts geschehen.
Aber ihm wurde, als sei Blick auf ihre Hände fiel, plötzlich wieder mulmig in der Magengegend.
Zurück im Zimmer fragte er sie, warum sie ihren Ehering plötzlich an der rechten Hand habe.
Beide hatten sich am Tag ihrer Hochzeit dazu entschlossen, die Ringe links zu tragen. Seitdem hatten sie die Ringe nie abgelegt.
Sie hob nur kurz ihren rechten Arm und sagte: „Ich weiß nicht, was mit dir los ist. Den Ring habe ich schon immer an dieser Hand gehabt- schon immer!“ Dann ging sie ins Bad.
Während er die Dusche rauschen hörte, nahm er sich ihr Handy vor. Er suchte die Funktion „zuletzt eingegangene Anrufe“ heraus, und all seine Telefonate waren minutengenau registriert.
Er öffnete die Badezimmertür und wollte sie mit diesen unwiderlegbaren Beweisen konfrontieren, denn eben stieg sie aus der Dusche.
Sein Blick streifte ihren nassen Körper. Und dann sah er, dass sich ihre zwanzig Jahre alte Blinddarmnarbe nicht mehr an der alten Stelle befand: rechts unterhalb des Bauchnabels, sondern auf ihrer linken Körperseite.