Die Welt steht Kopf und gleichzeitig still. Mich erinnert die aktuelle SItuation an eine Zeit, in der es mir ähnlich ging. Damals ging ich viel spazieren. Auf einer meiner Waldwanderungen kreuzte eine Weinbergschnecke meinen Weg - beziehungsweise ich ihren.
Ich wollte es ihr einfacher machen, hob sie auf und setzte sie auf die andere Seite des Weges. Dann sah ich ihr zu, wie sie tiefer ins Gehölz kroch. Die Art, wie sie sich bewegte, faszinierte mich.
“I watched a snail crawl along the edge of a straight razor. That’s my dream. That’s my nightmare. Crawling, slithering along the edge of a straight razor - and surviving.” Colonel Kurtz in Apokalypse Now
Obwohl ich gleichzeitig auch ein wenig Ekel empfand. Warum? Wenn ich zurückdenke, glaube ich, dass mein Unbehagen mit dem Schleimigen der Schnecke zu tun hatte. Ich bin damit nicht allein. Aristoteles, so las ich in dem schönen Buch von Florian Werner, glaubte, Schnecken entstünden in einem Akt aus “Schlamm und verwesenden Material”. Im Judentum galten sie als unsauber, weil sie auf dem Bauch kriechen und “Unreines” Zeug fressen; und für die Christen war die Schnecke Symbol für zwei Todsünden: Trägheit und Wolllust.
Es mag sein, dass sich die Vorstellungen ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben - ich zumindest bin in Unterhaltungen über mein zunehmend tiefes Interesse an dem Weichtier bei Freundinnen und Freunden meist auf tiefe Verwunderung gestoßen.
Anette Frisch: Ich muss unser Gespräch mit einer persönlichen Geschichte beginnen. Damit Sie verstehen, warum ich ausgerechnet mit Ihnen sprechen möchte.
Ich habe während einer Krise damit begonnen, Weinbergschnecken zu beobachten. Vier Sommermonate habe ich damit verbracht. Ich habe die Schnecken fotografiert, gefilmt, außerdem einige Fachbücher gelesen. Darunter den Klassiker „Die Weinbergschnecke“ von Prof. Johannes Meisenheimer aus Jena von 1912.
Nun freue ich mich, mit Ihnen eine Schneckenforscherin aus dem neuen Jahrtausend gefunden zu haben. Mit der der ich ĂĽber diese besondere Tierart aus der Sicht einer Expertin sprechen kann...
Estee Bochud: Zuerst muss ich Ihnen sagen, dass ich selten mit lebendigen Tieren zu tun habe. Ich arbeite ja in einem Museum. Wir haben eine riesige Sammlung an Trockengehäusen und beschäftigen uns mit der Verbreitung und Entwicklung von Arten. Verhaltensökologen sind die, die wirklich im Feld sind und sich mit lebendigen Tieren beschäftigen.
Anette Frisch: Verstehe. Ist es dann so, dass Sie beschreibende Merkmale, wie die Langsamkeit der Schnecke, weniger interessieren? Ich habe vor Kurzem beispielsweise gelesen, dass Schnecken auf Kinder mit ADHS beruhigend wirken und sie deshalb in der Therapie eingesetzt werden.
Anette Frisch: Ich hatte fünf erwachsene Weinbergschnecken und war überrascht über die Art, wie sie sich gepaart haben. Dieses lange, sehr offensive Liebesspiel hat mein Bild von der zurückhaltenden, behutsamen Schnecke grundlegend verändert...
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