(4) Wer sich zu lang unter Stinktieren rumtreibt, fängt an wie eins zu riechen
Auf dem Foto, das Orange in der Hand hält, ist eine vietnamesische Mutter, die ihren Sohn in einer Blechschüssel wäscht. Der sichtbare Teil des Jungen endet ungefähr auf Hüfthöhe am Schüsselrand, er ist vielleicht zehn oder elf, und die Schüssel so groß wie die Salatschüssel vor mir. Da hat kein Unterkörper eines Zehn- oder Elfjährigen Platz. Der Junge auf dem Foto kann keinen Unterkörper haben. Von meinem Platz hinter der Küchentheke sehe ich durch den breiten Durchgang, wie die anderen die Köpfe über weitere Fotos beugen, Bilder von brennenden vietnamesischen Kindern, Nahaufnahmen von verbranntem Fleisch und deformierten Körperteilen.
„Das 24-D macht sie alle platt.“ Den Blick herausfordernd in die Kamera gerichtet, preist der geplagte Maisfarmer im aktuellen Werbespot Enlist Duo an, während ich hinter meiner Küchentheke den Dosenöffner in Gurkenglasdeckel kloppe und über die Konsistenz von Tofu nachdenke. Das Superunkraut, berichtet der Farmer, das den Mais überwuchert, lässt sich fast nur noch mit Macheten vernichten und droht seine komplette Ernte zu vernichten. Gegen das erst im Vorjahr eingeführte Konkurrenzprodukt RoundUp, mit dem Monsanto den Superweeds den Garaus zu machen, ist es längst resistent. Die Chance konnte sich Dow Agro Sciences ja schlecht entgehen lassen. Jetzt also Enlist. Jetzt also Fotos von verätzten vietnamesischen Kindern, um die EPA dazu zu bringen, die Enlist-Zulassung zu widerrufen. Jetzt also Schulen zählen wie in Michigan, wo in einem 200-Fuß-Umkreis der einer Enlist-Behandlung ausgesetzten Mais- und Sojafelder allein 658 Schulen liegen. Das ist politisch, dafür sollte ich mich interessieren, denke ich, oder denkt zumindest Orange, während ich hinter meiner Theke am Spülbecken den Dorn des Dosenöffners in Gurkenglasdeckel kloppe und die Luft entweichen lasse.
Aus mir wird nie ein Radikaler, denke ich, während Orange die Schädlichkeit von Glyphosat zu einem Fliegenschiss erklärt im Vergleich, wenn man weiß, dass es sich bei diesem 24-D, das alles platt macht, um Dichlorphenoxyessigsäure und bei Dichlorphenoxyessigsäure um den Hauptbestandteil von Agent Orange handelt, das im Vietnamkrieg zur Entlaubung eingesetzt wurde. Entlaubt hat es dann auch knapp eine Million Vietnamesen, 400.000 hat es direkt getötet, 500.000 später mit Geburtsdefekten auf die Welt entlassen. Aus mir wird nie ein Radikaler. Ich schiebe mir eine Gurke in den Mund, Orange hält das Schwarz-Weiß-Bild einer vietnamesischen Mutter hoch, die ihren Sohn in einer Blechschüssel wäscht, und erklärt den Zusammenhang zwischen dem Entlaubungsmittel, das für den Zustand der auf den Schwarz-Weiß-Fotos abgebildeten Menschen verantwortlich ist, und dem neuen Unkrautvernichtungsmittel, mit dem Dow Chemical jetzt die amerikanischen Farmer ein für allemal von der Superweed-Plage befreien will. Es wird wohl auf Seitan hinauslaufen. Tofu fällt wegen seiner bröckligen Konsistenz aus und Sojagranulat funktioniert vielleicht als Hackfleischersatz, aber ganz bestimmt nicht für ein vegetarisches Pastrami Reuben Sandwich. Geschmacklich muss es eh die Pökelmischung richten, Muskat, Knoblauch und Nelkenpfeffer, und was das Brot angeht, bin ich auch auf der sicheren Seite, der letzte Beutezug hat uns zwanzig Packungen geschnittenes Roggenbrot German Style beschert, und Sauerkraut haben wir schon vor Wochen eingelegt. Ottilies Gurkenglastricks. Ottilie, die übrig gebliebenes Sauerkraut am nächsten Tag immer mit Butter, Zucker und Apfel angebraten hat. Das sind so meine Themen.
Und dann stehe ich an diesem lauwarmen Juniabend in geschmolzenen Butterschwaden und lasse Gino und Eddie die Reste von den Tellern picken, Eichelblinis mit Sauerrahm und Löwenzahnkapern, mit denen wir gerade die Vertreter des lokalen Community Supported Agriculture-Verbands abgefüttert haben. Anstelle von Orange und ihr Schwarz-Weiß-Foto mit dem verkrüppelten vietnamesischen Kind hat Kevin vom Horticultural Science Department der University of Illinois die Deutungshoheit übernommen, gerade lässt er per Funksignal einen animierten Monarchschmetterling durch seine Powerpoint fliegen. Die dickrandige schwarze Nerdbrille, die Kevin trägt, legt viel Wert darauf, ihn nicht als Nerd auszuweisen und hat bestimmt viel Geld gekostet, erkläre ich den Hippos. Seit unsere Anti-Enlist-Kampagne dazu beigetragen hat, dass die EPA die Zulassung für Enlist widerrufenhat, können wir uns vor Aufmerksamkeit kaum noch retten. Plötzlich will die halbe Lebensmittel- und Agrarindustrie best Buddies mit uns sein. Im Januar, als uns der Schweiß unter unseren Wollmützen über die Stirn gelaufen ist, während wir im völlig überheizten Copyshop auf unsere wetterfesten RollUp-Banner gewartet haben, hätten wir uns nicht träumen lassen, dass wir mit überlebensgroß vergrößerten verkrüppelten vietnamesischen Kindern mit fehlenden Beinen, Armstümpfen und schweren Verbrennungen die GMO-Industrie das Fürchten lehren würden. Dass der Traum wahr werden würde. Plötzlich waren wir die neuen Gallier. Wir, die Salvation Army aus Waukegan, Michigan. Ein Trupp durchgeknallter Freaks, die Lebensmittel aus Container klauben und Eicheln sammeln. Aber klar, wir hatten den Zaubertrank, wir hatten die Street Credibility, auf die die Marketingstrategen so scharf sind, seit sich mit Fernsehwerbung und Wurfsendungen höchstens noch die Silver Ager und klassische Ökos erreichen lassen. Aber zur Nachwuchssicherung, zur Wildwuchssicherung, für die Armee verfilzter Wollmützenfreaks mit implantiertem Verantwortungschip für die Welt, die ihre Eltern mit Coffee-to-go-Bechern, Industriefleisch, FCKW-Gasen und SUVs runtergewirtschaftet haben, brauchen sie uns, uns und unsere Filterblase, die Social-Media-Crowd der Freegans, Dumpster Diver und Vegan Straight Edger. Unsere Credibility ist ihre Währung und an den 13 k Followern, die der Food-Salvation-Army-Account der David-gegen-Goliath-Nummer gegen Dow Chemical verdankt, kommen sie nicht mehr vorbei.
Wir haben uns auf die Schultern geklopft und den durchschlagenden Erfolg in unserer wollmützigen Naivität unserer Brillanz und Unkorrumpierbarkeit zugeschrieben und uns die Nächte um die Ohren geschlagen, um über Food Waste und GMOs aufzuklären und Reichweite zu erzeugen, die kritische Masse zu erreichen. Die Augäpfel hingen uns sonstwo, die Aschenbecher sind übergequollen, wir haben uns um Kopf und Kragen getwittert und alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war, social-media-zwangsrekrutiert. Wir waren wie berauscht, an einem der kältesten Tage haben wir ein Lagerfeuer angemacht und mit Glühwein aus Blechtassen den tausendsten Follower gefeiert, einen Monat nach der EPA-Entscheidung waren es plötzlich schon knapp 8.000. Wir haben wirklich geglaubt, wenn wir die richtigen Tasten treffen, ändern wir die Welt, und unsere Welt, das waren eure Likes, die uns haben glauben lassen, den entscheidenden Unterschied zu machen. Mit der 24-D-Kampagne haben wir dann ja auch die richtigen Tasten getroffen. #DowChemicalKnew. Irgendwann hat sich das Ding zum Selbstläufer entwickelt, #DowChemicalKnew hat innerhalb von drei, vier Stunden landesweit getrendet und auf der Welle sind wir mitgeschwommen. @LousyLiberty ist zu everybody´s darling avanciert und die Food Salvation Army zum ernstzunehmenden Player.
Plötzlich waren wir keine abfällig gemusterten Freaks mehr, die gammlige Lebensmittel aus Containern klauben. Plötzlich hat man uns Mikrofone ins Gesicht gehalten und sich von uns die Welt erklären lassen. Naja, zumindest die Schädlichkeit genetisch modifizierter Lebensmittel. Plötzlich haben Dokumentarfilmer auf unseren selbstgebauten Sperrholzbänken rumgelungert, Fotografen haben ihre Kameras in unser Containerbeutelager und in meine Kochtöpfe gehalten, die Waukegan Post hat eine Serie mit unseren Rezepten und Resteverwertungstipps eingeführt und jede Woche hat irgendwer von uns einen Anruf aus Kalifornien oder von der Ostküste gekriegt, weil irgendwer aus seiner Familie ihn in einem Beitrag über die GMO-Rebellen vom Lake Michigan gesehen hat. Yep. Wir haben uns kaufen lassen. Wir waren Analphabeten. Literally. Jeder wollte plötzlich mit uns sprechen, über GMO, über Food Waste, über Alternativen, über Kooperationen, ich weiß nicht, in wie vielen Gremien Orange zu dem Zeitpunkt schon mitgewirkt hat, jedenfalls haben wir im Plenum selbstverständlich zugestimmt, als sie uns die Anfrage des örtlichen Community Supported Agriculture-Chapters angetragen hat, ob die eine Informationsveranstaltung bei uns durchführen können. Wir standen ja schon seit der Enlist-Kampagne mit denen im Austausch, wie man mehr lokale Farmer einbinden und irgendeine Form der Zertifizierung erstellen könnte.
Nach dem massiven Blow, den der Rückruf der Zulassung von Enlist Duo ihnen zugefügt hat, standen Dow Chemical und Bayer ganz schön unter Druck, plötzlich sind auch die konventionellen Farmer auf die Barrikaden gegangen und die Kommunen, Eltern, Schulen, also echt eine kritische Masse, die die Konzernstrategen nicht mehr als eine Handvoll radikaler Ökofreaks abtun konnte. Da war Flurschadensbereinigung angesagt. Genetic Literacy Project, Was die Öffentlichkeit braucht, haben sie gedacht, ist eine Alphabetisierungskampagne in Sachen genetisch manipulierter Organismen, und haben mal eben das Genetic Literacy Project gelauncht, um die besorgte Öffentlichkeit zu überzeugen, dass durch GMO keinem Schmetterling auch nur ein Flügel gekrümmt wird. Dabei konnten sie so einflussreiche Akteure wie die Community-Supported-Agriculture-Verbände natürlich nicht ignorieren. Warum also nicht bei uns im Lousy Liberty, da können wir uns gleich mal mit deren Denke und Argumentation auseinandersetzen. Hat Sharon vom lokalen CSA-Chapter vorgeschlagen. Warum also nicht bei uns im Lousy Liberty, da können wir gleich mal einen GMO-Aufschlag für Catering und Raummiete veranschlagen, haben wir gedacht. Warum also nicht bei uns im Lousy Liberty, da lassen sich Schwachstellen für die psychologische Kriegsführung eruieren, müssen die Spin Doctors der Kampagne gedacht haben. (Und Gino und Eddie, die dazu bestimmt auch eine Meinung gehabt hätten, konnten nicht eingreifen, weil sie über die Wiese gerannt sind und Löwenzahnknospen für die Löwenzahnkapern gepflückt haben.)
Und so stehe ich an diesem warmen Junitag in Butterschwaden hinter meiner Theke und spüle Sauerrahm und Blinireste von den Tellern und ahne nicht, dass die Schwachstelle gleich ihren Hintern in meinem Spülschaum versenken wird. Eichel-Blini aus selbst gemahlenem Eichelmehl mit Sauerrahm und Löwenzahnkapern, das sollte unser Beitrag zur Alphabetisierungskampagne sein, unser Alphabet gegen ihres, hab ich mir gedacht und nicht kapiert, dass von Waffengleichheit überhaupt keine Rede sein kann, wo die einen Think Tanks, Old Guys Networks und Allianzen auffahren, während die anderen in Container klettern, über den Waldboden kriechen und Eicheln aufklauben.
Ich stehe also mit den Unterarmen im Spülschaum in Schwaden geschmolzener Butter hinter der Spüle. Auf dem Gasherd neben mir schmoren die zwei Fingerbreit mit Wasser befüllten Gusseisenpfannen, um die festgebackenen Blinireste zu lösen, vor mir auf der Theke der kunterbunte Wiesenblumenstrauß, den Gino und Eddie vorhin noch gepflückt haben, Sumpfschafgarbe, schwarzäugige Susanne, Sonnenhut, Seidenpflanze, lilabommliger wilder Schnittlauch, was halt so in freier Wildbahn zu finden ist, wo noch kein Herbizid gewütet hat. `Here´s to the land you´ve torn out the heart of, oh Dow Chemical, find yourself another country to be part of...´, singe ich leise meine umgedichtete Phil-Ochs-Coverversion, begleitet vom leisen Schaben der beiden Mokkalöffelchen, mit denen Gino und Eddie auf der Arbeitsfläche Eichelschalen zu kleinen Häufchen zusammenschieben. Das Gemurmel, das den Speiseraum erfüllt hat, als wir die Teller abgeräumt haben, verstummt und nach einem kurzen Mikrofonfiepen schickt sich hi-mein-Name-ist-Kevin-ich-komme-vom-Horticultural-Sciences-Department-der-University-of-Illinois an, die Anwesenden von ihrem genetischen Analphabetismus und ihrem ankonditionierten Misstrauen gegenüber genetisch modifizierten Organismen zu befreien. Sein Oberkörper unterhalb der schwarzen Hipsterbrille deutet auf eine teure Fitnessclub-Mitgliedschaft hin. Vielleicht rudert er auch einfach nur und ich muss ihm den Fitnessclub unterstellen, damit er in mein Feindbild passt.
„Lassen Sie mich einen der Lieblingsbegriffe unserer Opponenten aufgreifen: organisch. Die Verbreitung des sogenannten organischen Anbaus hat auch den Begriff mutieren lassen. Mutiert zu lediglich einem weiteren Marketinginstrument in der undurchschaubaren Flut der so willkürlichen wie inhaltslosen Zertifizierungen. Der Begriff `organisch´ beinhaltet keinerlei, und ich betone, keinerlei Aussage zu Lebensmittelsicherheit, Nährwert oder Qualität.“ Kevin vom Horticultural Science Department legt exakt die kleine Kunstpause ein, die es braucht, damit Ray den Kopf nach hinten werfen, seine Rastas zum Fliegen bringen und den Raubvogel geben kann, der sich auf seine Beute stürzt. Seinen nackten Oberkörper, der unter der Küchenschürze hervorragt, zieren Schwanzflossen und Flügelspitzen eines Drachens, Ray kellnert konsequent mit nacktem Oberkörper, sein Drache reicht vom Hüftknochen bis zum Schlüsselbein, muss beim Stechen irre weh getan haben. Wir sind schon eine schräge Armee, wenn ich mir die durchtrainierte Genindustrie im flaschengrünen Polohemd da drüben so angucke, der sich weder von Rays nacktem Oberkörper noch von seinem Drachen aus dem Konzept bringen lässt. „Sie können davon ausgehen, dass keine der Provokationen, mit denen Sie die Veranstaltung hier zu unterminieren gedenken, mich aus der Bahn werfen wird. Ich verfüge über ausreichend Menschenkenntnis, um Ihren entschlossenen Gesichtsausdruck, Ihre Kriegsbemalung und die Pflegebedürftigkeit Ihrer Haare dahingehend zu entschlüsseln, dass es sich bei Ihnen um einen Vertreter derjenigen Fraktion handelt, die sich mit missionarischem Eifer dem Auftrag verschrieben hat, der unmündigen Öffentlichkeit klarzumachen, dass die industrielle Lebensmittelproduktion, Massentierhaltung und die gentechnische Steigerung der Widerstandsfähigkeit von Nutzpflanzen einzig und allein der Profitmaximierung einiger weniger skrupelloser Chemiekonzerne und ihrer Aktionäre dient.“
Ich muss den Blick nicht heben, nicht über den Thekenrand durch den Durchgang gucken, um das Lächeln zu sehen, das Kevin in der dramaturgischen Pause auf seinem Gesicht ausbreitet, bevor nach zwei dezenten Schluckgeräuschen das Aufsetzen eines Wasserglases den Start der Folgeoffensive signalisiert. „Lassen Sie sich bitte nicht zu voreiligen Schlüssen hinreißen. Ich bin kein Vertreter der Lebensmittelkonzerne, ich bin kein Agent der Aktionäre, ich stehe nicht hier, um die Fronten zu verhärten. - Ich schlage Ihnen einen Deal vor: Sie versuchen für die kommenden zwanzig Minuten, Ihre Vorbehalte zurückzuhalten, und ich verspreche im Gegenzug, dass keines Ihrer Anliegen, keiner Ihrer Einwände am Ende unbeantwortet geblieben sein wird. - Seien Sie darüber hinaus versichert, dass Ihr unermüdliches Engagement uns mitnichten entgangen sind, im Gegenteil, Sie sehen uns tief beeindruckt ob der Hartnäckigkeit und Entschiedenheit, mit der Sie noch dem unkritischsten Konsumenten die entscheidende Frage direkt auf dem Esstisch platziert haben: Können wir davon ausgehen, dass gentechnisch modifizierte Organismen auf lange Sicht ungefährlich sind? - Zum derzeitigen Zeitpunkt können wir uneingeschränkt sagen, dass wir davon ausgehen - auch wenn ich Ihnen den wissenschaftlichen Nachweis dazu zum jetzigen Zeitpunkt schuldig bleiben muss.“ Wie er aus der Nummer wieder rauskommen will, interessiert mich ja jetzt doch. Ich hebe den Blick. Und bleibe an einem Hindernis hängen, das sich so unvermittelt wie besagte Frage auf dem Tisch noch des unkritischsten Verbrauchers in mein Blickfeld geschoben hat und den Blick auf Kevins durchtrainierten Oberkörper auf der anderen Seite des Durchgangs verdeckt. Neben den wilden Schnittlauchbommeln schiebt sich Oranges Silhouette ins Bild. Sie winkelt die Ellbogen an, schwingt sich durch die aufgestützten Unterarme auf die Arbeitsfläche und landet mit den nackten Oberschenkeln in Ginos und Eddies zusammengeschobenen Eichelschalenhäufchen. Sie grinst mich aufreizend an. Ich schlucke. Lege den Finger auf die Lippen und gestikuliere in Richtung Hornbrillen-Kevin.
„Bevor Sie aufgrund meiner Einschränkung in voreiligen Jubel und Häme ausbrechen, lassen Sie mich das Vorbeugeprinzip in den Zeugenstand rufen. Das Vorbeugeprinzip, das garantiert jeder der hier Anwesenden bewusst oder unbewusst für jeden anderen Alltags- und Gebrauchsgegenstand gelten lässt: Ihr Mobiltelefon, unverzichtbar, um Ihr Anliegen auf den Social-Media-Kanälen zu verbreiten, Ihr Mobiltelefon also, ist Ihr Mobiltelefon ungefährlich? Oder PKWs. Ich wette, ein Großteil der Anwesenden wird auf ein eigenes Auto nicht verzichten, wenn Sie also nachher auf dem Parkplatz Ihr Auto besteigen und den Motor anlassen, hat Ihnen der Händler beim Kauf den Nachweis erbracht, dass Autofahren ungefährlich ist? - Den finalen Nachweis, dass etwas ungefährlich ist, kann Ihnen kein Hersteller, kein Produzent, keine unabhängige Kommission erbringen, die nicht auf der Stelle ihrer Glaubwürdigkeit verlustig gehen möchte. Valium, in den 60ern noch als Mother´s Little Helper in jeder Hausapotheke zu finden, heute für schweres psychisches und körperliches Abhängigkeitspotenzial und Missbrauchsgefahr geächtet. So viele einst als heilsbringend gepriesene Medikamente, heute auf der Liste schwer gesundheitsschädlicher Substanzen aus dem Handel verbannt. Letztendlich macht die Dosis erst das Gift.“
Orange legt ihre Handflächen an meine Schläfenknochen und zwingt meinen Blick mit leichtem Druck wieder zurück in ihre Richtung. Mit einem Ausdruck, den ich nicht deuten kann, starrt sie mich unverwandt an, während sie von meinem Gesicht ablässt und ihre Hände stattdessen auf meinen Schultern ablegt. Bevor ich etwas sagen kann, gräbt sie die Finger in in meine Schulterblätter und schiebt sich über den Küchencounter in Richtung Spülbecken. Die Eichelschalen rascheln leise, bevor sie über die Kante der Arbeitsfläche rutschen und fast geräuschlos auf dem Boden landen. Orange kauert jetzt nur noch eine Handbreit von meinem Oberkörper entfernt auf dem Spülbeckenrand. Sie lässt sich nach hinten rutschen. Versenkt den Stapel mit Eichelbliniresten und Sauerrahm verschmierter Teller im Spülschaum.
„Kommen wir zu Ihrem Lieblingsobjekt. Wir wissen, dass man zur Vermarktung von Mode, Autos und anderen Gebrauchsgegenständen gerne der Devise `Sex sells´ folgt. In Sachen Umweltschutz und Industriebashing kennen wir einen anderen Schlüsselreiz. Das vordergründig besorgte `und die armen Tiere?´ Ganz weit oben im Besorgnis-Ranking: die vermeintliche drohende Vernichtung unersetzlicher Arten. Bienen. Auch gerne genommen: Robbenbabies, wenn es um die Pelzindustrie geht. Delfine bei Thunfischkonserven. Aber kommen wir zum Tier der Wahl für genetisch veränderte Organismen: Der Schmetterling. Genauer gesagt: der Monarchschmetterling und seine drohende Ausrottung durch genetisch modifizierte Organismen.“
Orange hat meine Handgelenke aus dem Abwaschwasser gezogen, den Spülschaum an ihren Oberschenkeln abgewischt und meine feuchten Finger unter ihr eng anliegendes T-Shirt direkt auf die erigierten Nippel gelegt. Es fällt mir nicht ganz leicht, mich weiter auf Kevins Ausführungen einzulassen, ich hoffe, Gino und Eddie, die uns den Rücken zugewendet und die Vase mit den Wildblumen zwischen sich und Orange und mich gebracht haben, hören aufmerksam zu.
„Natürlich wird bei der Bestellung von Ackerboden auch Unkraut vernichtet. Insofern müssen wir dafür sorgen, dass an den Wanderwegen des Monarchschmetterlings der Anteil seiner Futterpflanzen steigt. Das kann aber auch außerhalb von Ackerflächen geschehen.“ Ich versuche mich noch einmal zusammenzureißen, ziehe meine Hände von Oranges Brüsten weg und konzentriere meinen Blick demonstrativ auf die gegenüberliegende Seite des Durchgangs, auf der gerade ein Schmetterling flügelschlagend von der Leinwand entschwindet und sich an seiner Stelle ein Küchentisch mit einer Kaffeekanne, einem Salzstreuer und einer Packung Aspirin ins Bild schiebt. „Ohne Kaffee kommen Sie nicht in den Tag, Sie salzen Ihr Frühstücksei und wenn Ihnen die Gerüchte über die Toxizität von Glyphosat Kopfschmerzen bereiten, darf es auch mal eine Aspirin sein? Dann dürfte es Sie interessieren, dass der Schadstoffgehalt von Glyphosat niedriger ist als der von Koffein, Salz, Aspirin oder Nikotin. Wäre Koffein ein Pestizid, würde es in Kanada schon heute wegen seines grenzüberschreitenden Schadstoffgehalts nicht zugelassen.“
Orange braucht keine Zulassung. Orange überschreitet einfach Grenzen, ohne sich über Schadstoffgehalt und Nebenwirkungen Gedanken zu machen. Mit der rechten Hand packt sie mich an den Haaren und zieht meinen Kopf in den Nacken, ihre geöffneten Lippen an meiner Kehle, ihre Linke mit leichtem Druck auf Reißverschlusshöhe über meine Hose kreisend. Ich ziehe Luft durch die Zähne ein und klappere lautstark mit Messern und Gabeln im Spülwasser, bevor ich sie mit Schwung auf die Arbeitsplatte fallen lasse. „Woher dann aber die Angst, wenn sich doch keines der vorgebrachten Argumente gegen GMO als haltbar erweist?“, höre ich Kevin noch zur finalen Attacke ansetzen. Ich bin bereit, aufzugeben. Soll sie machen. Soll sie haben, was sie will. Ich schließe die Augen. Und höre plötzlich ganz klar Kevins Botschaft.
„Angst ist der perfekte Verkäufer. Hochpreisige Spezialprodukte und Bio-Lebensmittel verkaufen sich leichter, wenn die Konsumenten verunsichert und eingeschüchtert sind, was die Produktion ihrer Lebensmittel angeht. Wir sprechen von schätzungsweise 2.5 Milliarden jährlich, die eine Handvoll Akteure, die sich der Diskreditierung von Landwirtschaft und Genforschung verschrieben haben, einwerben, indem sie ganz spezifisch Ängste schüren, um ihre Hochpreispolitik für Nahrungsmittel durchzusetzen.“
Mein Hinterkopf wird plötzlich freigegeben. Lippen lösen sich von meinem Hals. Orange braucht beide Hände, um sich vom Spülbeckenrand zu stemmen. Als sie sich auf den Boden gleiten lässt, drückt ihr Unterleib für den Bruchteil einer Sekunde gegen meine Hose, bevor sie sich abwendet, die Wiesenblumen aus der Vase zieht und in Richtung Rednerpult aufbricht. Ihr nasser Hintern scheint sie nicht zu stören. Mein Schwanz zuckt traurig und entlässt klebrig in meine Hose, was unser Kind hätte werden sollen. Es riecht nicht mehr nach geschmolzener Butter. Es stinkt nach Stinktier. If you spend enough time with skunks, you start to smell like one.











