In der Mittagspause mit⊠Eberhard Baier â Genussbotschafter und GeschichtenerzĂ€hler
Als Leiter der Statistik und SteuerungsunterstĂŒtzung ist Eberhard Baier eigentlich zustĂ€ndig fĂŒr die harten Zahlen, Daten und Fakten in der Stadt Konstanz. Dass er aber auch gerne mal eine Geschichte erzĂ€hlt, ist nicht unbekannt. Das am liebsten in geselliger Runde. Eine gewisse Vorkenntnis des gastronomischen GetrĂ€nkesortiments ergibt sich dabei fast schon von allein. Da traf es sich gut, dass ein Freund aus dem Kreis, mit dem Eberhard schon den einen oder anderen Edelbrand testete, sich eines Tages im Herbst 2015 einen Hof als Altersruhesitz kaufte. Zu diesem gehörte eine etwa drei Hektar groĂe Streuobstwiese und, wie der Zufall so will, eine Brennanlage mit geltendem Brennrecht. Schnell war eine vierköpfige âBrennercrewâ in besagtem Freundeskreis gefunden â mit Eberhard als einer von ihnen.
Bevor die Geschichte jedoch seinen Lauf nehmen und das erste edle âSelbstgebrannteâ verköstigt werden konnte, war es noch ein langer Weg. Denn das Brennen als bodenstĂ€ndiges Handwerk lernt man nicht eben an einem Wochenende. Gemeinsam besuchte die Crew verschiedene Seminare, in denen sie alles angefangen vom Unterschied zwischen Kern- und Steinobst, die chemischen Reaktionen ĂŒber die technische Umsetzung sowie zollrechtliche Vorgaben, bis hin zur Geschichte des Brennens erlernten.
Galt das Brennen ursprĂŒnglich nur als Resteverwertung fĂŒr Fallobst, wird fĂŒr den Edelbrand das Obst heute speziell fĂŒr diesen Zweck angebaut â denn âein guter Brand braucht gute Produkte.â  Im Fall von Eberhards Brennercrew ist das der sortenreine Apfel âKaiser Wilhelmâ. Dieser wird gewaschen, zerkleinert und schlieĂlich mit Hefe angesetzt. Die Maische beginnt zu gĂ€ren und nach einigen Wochen entsteht ein fĂŒnfprozentiger Alkohol. Die FlĂŒssigkeit wird anschlieĂend im Schnapsbrennkessel von unten erhitzt, verdampft und wird schlieĂlich durch HerunterkĂŒhlen wieder in einen flĂŒssigen Zustand versetzt. Durch mehrere Zwischenböden, an denen der Dampf jeweils kondensiert, kann Brand in einem Durchgang mehrfach destilliert werden. Am Ende erhĂ€lt man dann ein 80-prozentiges Alkohol-Wasser-Gemisch. FĂŒr einen Liter davon braucht man im Schnitt etwa 20 Kilogramm Ăpfel.
Das Gemisch, das jetzt aus dem Brennkessel lĂ€uft, setzt sich aus mehr als 400 Bestandteilen â âDie nicht alle besonders gut schmecken.â â zusammen. Unterschieden wird in Vorlauf, HerzstĂŒck und Nachlauf. Der Vorlauf besteht aus den flĂŒchtigen Bestandteilen, die zuerst beim Brennen aufsteigen und schmeckt nach Lösungsmittel. Der Nachlauf ist eher buttrig und âbleibt einem fast am Gaumen kleben.â Das HerzstĂŒck ist â wie der Name schon verrĂ€t â das, um was es eigentlich geht. Die Aufgabe des Brenners ist es den richtigen Zeitpunkt zwischen Vor- und Nachlauf abzupassen, wenn das Aroma am besten zur Geltung kommt. Denn der Ăbergang ist flieĂend (wortwörtlich). Das funktioniert in erster Linie ĂŒber die Sinne, also Geruch und Geschmack. Jeder Tropfen wird dabei aufgefangen, schnapsglas-groĂe Proben davon in einem Aromarad Jede einzelne Phase hat Eberhard probiert: âDas ist ja die Aufgabe! Darin liegt die Herausforderung, das perfekte Aroma durch die Sinne einzufangen.â Die kleinste Verunreinigung kann den Unterschied ausmachen. AnschlieĂend wird das Ergebnis in Glasballons gefĂŒllt und dem Ganzen etwas Ruhe gegönnt. âDabei verĂ€ndern sich Geschmack und Geruch nochmalâ, erklĂ€rt Eberhard und ergĂ€nzt lachend: âDas Brennen ist auf der einen Seite ein handwerklicher und sensorischer Prozess, aber auch Alchemie und ein bisschen Zauber.â
Im Herbst 2016 war es dann so weit, die Vier der Brennercrew stellten sich der Herausforderung und setzten die Theorie praktisch um. Heraus kam ein Apfelbrand, âder nicht brennt. Wir waren sehr vorsichtig, darum ist er noch ein bisschen zahm.â Nichtsdestotrotz wurde er mit einer Silbermedaille prĂ€miert. Die ersten Flaschen des Edelbrandes sind auch schon fast alle so gut wie ausgetrunken oder verschenkt. Denn momentan haben die Vier den Luxus nur fĂŒr den Eigenbedarf und fĂŒr ausgewĂ€hlte Freunde brennen zu können: âEs ist auch eine KapazitĂ€tsfrage, schlieĂlich haben wir alle noch einen Vollzeitjob.â Wichtig ist ihnen eine hohe QualitĂ€t und so wenig Kompromisse wie möglich â ganz nach dem selbstgewĂ€hlten Grundprinzip: âImmer Weniger von immer Besserenâ.
Doch hier ist die Geschichte noch nicht zu Ende: Denn anschlieĂend qualifizierte sich Eberhard zum international zertifizierten Edelbrandsommelier. An sieben mal zwei Tagen eignete er sich in einem weiteren Seminar das Wissen ĂŒber Geschichte, Herstellung sowie Verteilung verschiedenster Spirituosen und natĂŒrlich EdelbrĂ€nde an. So zum Beispiel den Unterschied zwischen schottischem von den amerikanischen Whiskey. Am beliebtesten ist Whiskey ĂŒbrigens in Indien. Auch dieses Wissen ist Teil der Ausbildung. Ebenso wie das intensive Training der sensorischen FĂ€higkeiten: Wie unterscheiden sich die verschiedenen Spirituosen in Aroma und Geschmack? An einem Vormittag wurden dabei schon mal bis zu 60 Produkte verköstigt. Teil der AbschlussprĂŒfung war auch eine Blinddegustation. Drei Produkte mussten hier erkannt und beschrieben werden. âEs ist spannend sich der Welt ĂŒber die Nase zu nĂ€hern.â Ein idealer Ausgleich zur Arbeit, denn allein mit Zahlen, Daten, Fakten kommt man in diesem Metier nicht sehr weit.
Zu seinem 60. Geburtstag im nĂ€chsten Jahr hat sich Eberhard schon ein neues Projekt vorgenommen: einen eigenen Gin. Hier spielt die Mazeration eine entscheidende Rolle. WĂ€hrend Maischen einen GĂ€rprozess braucht, werden beim Mazerieren Botanicals â also zum Beispiel Beeren, Fruchtschalen oder KrĂ€uter â in hochprozentigen Alkohol âeingeweichtâ, abgeleitet vom lateinischen âmacerareâ. Diese verleihen dem Gin schlieĂlich den Geschmack. GrundsĂ€tzlich beinhĂ€lt jeder Gin dieselben fĂŒnf Grundbestandteile. Alles darĂŒber hinaus macht ihn einzigartig. Das ist zumindest das Ziel. âMittlerweile gibt es bestimmt ĂŒber 300 verschiedene Gins in Deutschland. Es ist die Kunst ein harmonisches Zusammenspiel hinzubekommen. Da ist KreativitĂ€t gefragt.â Die meisten Hersteller setzen auf regionale Zutaten; es gibt sogar einen Gin, der Bodenseewasser enthĂ€lt.
Das Schöne am Brennen ist, Fragt man Eberhard, die Wiederentdeckung eines klassischen, alten Handwerks in Verbindung mit neuen Ideen. Der Gin ist das beste Beispiel. âMan kann aus der ganzen Sache eine Geschichte machen. Das gehört auch zu den Aufgaben des Sommeliers: eine Geschichte zu erzĂ€hlen und nicht nur dafĂŒr zu sorgen, dass es schmeckt.â Dass er das kann, beweist er gleich an Ort und Stelle auf der Terrasse des Brigantinus. Gleich eine ganze Auswahl an winzigen FlĂ€schchen mit Aromaproben hat er mitgebracht. Etwas kritisch vom Kellner beĂ€ugt, ist es durchaus spannend, wenn man âweichâ plötzlich riechen kann. Die verborgenen Seiten und das Wissen dazu mit anderen zu teilen macht Eberhard sichtlich SpaĂ. Auch seine Begeisterung ist ansteckend. Ein Genussbotschafter eben, denn âdas Leben ist zu kurz fĂŒr schlechte Produkte.â Und mit einem Sommelier kommt immer gut ins GesprĂ€ch. Das ist hiermit bestĂ€tigt.
Serie in der Mitarbeiterzeitung der Stadt Konstanz.