Am Morgen verabschieden wir uns herzlich von Simon und gehen die schwierigste Passage auf dem Pennine Way an â THE CROSS FELL!
Der Berg ist nur 893 Meter hoch, aber der höchste in den Pennines. Ăhnlich wie Mount Katadyn in den Appalachians gilt er aber als Schlechtwetterberg, der uns im Vorfeld unserer Planung schon ordentlich Respekt eingeflöĂt hat. Wikipedia:
âEine Wanderung ĂŒber Cross Fell ist nur bei gutem Wetter und mit angemessener AusrĂŒstung zu empfehlen, da der Gipfel im FrĂŒhjahr noch lange verschneit bleibt, hĂ€ufig in Wolken und Nebel liegt und starken Winden ausgesetzt ist.â
Huuuhh! Wird heute ein Tag mit gutem Wetter sein? Wir rechnen mit dem Schlimmsten und wissen, dass wir es mindestens bis Garrigill schaffen mĂŒssen. Das sind 25 Kilometer und wird wohl recht anstrengend bei den oben beschriebenen Bedingungen. Vor dem heutigen Tag haben wir am meisten gebangt. Wir haben von Wanderer gelesen, die sich auf der Hochebene des Cross Fells verlaufen haben und stundenlang herumgeirrt sind, bis sie den Abstieg gefunden haben. Wie wird es uns ergehen? Die Wettervorhersage ist durchwachsen!
Als wir loslaufen, ist es noch nicht neun Uhr. Wegen der umliegenden HĂŒgel sehen wir den Cross Fell nicht â was wird uns erwarten? Egal â wir mĂŒssen eh ĂŒber den Buckel!
ZunĂ€chst gilt es erst einmal, ĂŒberhaupt in die Höhenlage der Pennines wieder aufzusteigen. Gestern sind wir auf unter 200 Meter abgestiegen, nur um in Dufton ĂŒbernachten zu können. FĂŒr die Zelter unter euch: Einen Weg vom High Cup Nick in Richtung Cross Fell gibt es nicht â da wĂ€re Querfeldeinwandern angesagt!
Von 200 Meter auf fast 900 ⊠das ist schon ein ordentlicher Aufstieg. Viele Wanderer laufen durch von Dufton bis nach Alston â aber ob der vielen Höhenmeter und der unsicheren Wetterlage reichen uns die 25 Kilometer bis Garrigill. Im Vorfeld habe ich uns dort in ein B&B eingemietet. Also sind es heute 25 Kilometer mit einem ordentlichen Aufstieg und unsicherer Wetterlage â wir bibbern schon!
ZunĂ€chst geht es allerdings im strahlenden Sonnenschein langsam und gemĂ€chlich nach oben. Wir durchlaufen eine elysische Landschaft und die ersten fĂŒnf Kilometer geht es noch relativ gemĂ€chlich nach oben. Wir haben eine tolle Aussicht heute Morgen, auf das Eden Valley und Dufton Pike und Dodd Hill.
Schon ab 500 Höhenmetern wird es zunehmend kalt und neblig. Wir sind darauf eingerichtet und ziehen die MĂŒtze und die Jacke aus den Seitentaschen â auf gehtâs!
Immer höher geht es auf den Great Dunn Fell hinauf und die Landschaft im Tal ist immer weniger zu sehen. Wir steigen förmlich in die Nebelfelder ein. Immer wieder öffnen sich die Wolken und man sieht das sonnige Tal unter uns. Bei uns gibt es allerdings nur Stille und eine wabernde Masse um uns herum. Als wir auf dem Great Dunn Fell die ersten Cairns erreichen, sind wir recht froh, haben wir doch den gröĂten Teil des Anstiegs hinter uns â DafĂŒr wird es aber auch extrem nass. Zwar haben hier fleiĂige und hilfreiche KrĂ€fte Steinplatten auf dem matschigen Weg verlegt, aber aufgrund der hohen NiederschlĂ€ge der letzten Tage stehen sie alle unter Wasser. Egal â wo die âSlabsâ liegen, da verlĂ€uft der Weg! So verirren wir uns wenigstens nicht auf dem Hochplateau und erreichen so glĂŒcklich den Gipfel des Great Dunn Fell â aber Moment! Sollte hier nicht eine Radarstation sein? Ja wo ist sie denn?
Ein kleiner Wind kommt auf und quirlt den Nebel etwas durch ⊠plötzlich taucht sie aus dem Nebel auf, die groĂe Kugel der Radarstation, direkt vor uns, wie konnten wir sie vorher ĂŒbersehen? Und Sekunden spĂ€ter ist sie wieder verschwunden, Zauberei! Wir gut, dass wir zu zweit sind und blöde Witze machen können, alleine wĂ€re uns hier schon etwas mulmig zumute!
Wir patschen den Hang herunter durch die Nebelsuppe. Auch hier liegen ordentlich verlegte Steinplatten. Nach einem kleinen Zwischental geht es auf der anderen Seite wieder hoch auf den Little Dunn Fell. All diese Berge sind höher als alle anderen der Pennines, aber da sie in einer Reihe liegen, merkt man den Unterschied kaum. Hier auf dem Little Dunn Fell beginnt sich der Nebel zu lichten: Wow! Wir haben eine Aussicht hinter und und sehen die Radarstation auf dem zurĂŒckliegenden Berg â nach vorn sehen wir den Aufstieg auf den Cross Fell deutlich vor uns: Oje, da geht es noch mal runter und dann noch mal ordentlich rauf!
Plötzlich ĂŒberholt uns ein Mann ohne Rucksack mit Hund und hechtet den Hang vor uns hinunter. Wo will er so schnell hin? Wo will er ankommen? ZurĂŒck nach Dufton? Nach Garrigill? Wieder nach Kirkland hinunter?
Als wir den Anstieg auf den Cross Fell geschafft haben, sind wir glĂŒcklich und erleichtert. Ab jetzt geht es nur noch bergab und der Sonne entgegen.
In der Tat herrscht hier oben ein ordentlicher Wind, und der weht uns fast das Mark aus den Beinen. Auf dem Cross Fell hat man das GefĂŒhl, dass man auf dem Mond wandelt: Steine, Steine und eine eintönige Landschaft. Auf dem Platau verliert man irgendwann sogar die Radarkugel auf dem Great Dunfell aus dem Blick, und solange man nicht auf der Kante dieses groĂen Hochplataus steht, hat man auch keine Aussicht. Aber nachdem wir uns einen Tee und einen Snack am âShelterâ (ein offener Windschutz mitten auf dem Hochplateau) genehmigt haben, geht es wieder herunter, und damit gibt es eine (zugegebenermaĂen etwas verhangene) Aussicht ins Eden Valley und auf die umliegenden HĂŒgel. Wir sehen den Weg und die Steinmarker klar vor uns, also ist alles wunderbar!
Unser nĂ€chstes Ziel ist âGregâs Hutâ, ein Bothy in England!
Wir kennen Bothies, also unbewirtschaftete SchutzhĂŒtten, schon aus unserem letzten Schottland-Urlaub. Zweimal haben wir sogar schon in einem ĂŒbernachtet. Aber neu war mir, dass es diese HĂŒtten auch (aber selten) in unwirtlichen Gegenden in England gibt. Nun, heute werden wir auf die legendĂ€re HĂŒtte von Greg treffen, der hier vor langer Zeit nahezu einsiedlerisch gelebt hat, als dies alles noch Minengebiet war.
Die HĂŒtte besteht heute aus zwei RĂ€umen, ausgerĂŒstet mit einem Vorraum mit ollen PlastikstĂŒhlen und einem âSchlafraumâ mit einem Podest aus Spanplatten und einem Ofen. Es stellt sich allerdings die Frage, wo man das Holz herholen soll, um den Ofen zu befeuern. Mitbringen?
Wir grĂŒĂen das Bild von Greg an der Wand des Bothys, fotografieren den berĂŒhmten Ort (mehr als 600 Wanderer ĂŒbernachten hier jedes Jahr) und machen uns weiter auf den langen Abstieg nach Garrigill.
Von Gregâs Hut aus sind es noch mal zehn Kilometer bis nach Garrigill. Diese verlaufen fast durchweg auf breiten Schotterwegen. So kommen wir gut voran, aber der Abstieg durch ehemalige AbraumhĂŒgel der Minen aus alter Zeit ist eher bedrĂŒckend: Wie viele Menschen haben hier frĂŒher unter unmenschlichen Bedingungen und diesen fiesen Winden geschuftet? Wie viel Leid ist hier geschehen? Und wir fragen uns â wenn wir das nicht wĂŒssten, wĂŒrden wir diesen Ort als Ă€hnlich deprimierend empfinden?
FĂŒnf Kilometer vor Garrigill werden wir durch SchĂŒsse aus unseren dĂŒsteren Gedanken geweckt â Jagdsaison, oje!
ZunĂ€chst versuchen wir das Geballere noch zu ignorieren, denn immerhin befinden wir uns auf einem NATIONAL TRAIL! Man wird uns doch hier nicht ĂŒber den Haufen schieĂen?
Aber irgendwann sehen wir vor uns auf dem Weg junge MĂ€nner, die wie wild Fahnen vor uns schwenken â Oh Gott, wir laufen durch ein Krisengebiet!
Unser Schritt beschleunigt sich in der Tat â nichts wie weg aus dieser wilden Moorhuhnjagd!
Kurz vor Garrigill, nachdem wir die Kehre hinter uns gebracht haben, treffen wir auf einen Konvoi von JĂ€gern. Diverse SUV, teilweise in Tarnfarben, ĂŒberholen uns, die Fahrzeuge voll mit alten MĂ€nnern â Ihrer Lordschaft verbundene GĂ€ste? Einer spricht uns an, aber wir haben groĂe Probleme, den Mann zu verstehen. Haben wir seine Frage beantwortet? Wir glauben schon! đ
Garrigill, ein kleiner Ort mit weniger als zweihundert Einwohnern. Es gibt ein Post Office und einen Pub, der aber seit 2016 endgĂŒltig geschlossen ist. Bei unserer Planung standen wir vor folgender Ăberlegung:
Ăbernachten wir in einem B&B in Garrigill und nehmen wir ein Abendessen mit, so dass wir unabhĂ€ngig vom Pub hier ĂŒbernachten können oder
laufen wir 32 Kilometer durch bis Alston und kommen spÀt, aber kaputt und happy dort in einem Pub an?
Zum Zeitpunkt unserer Planung erschienen uns die 32 Kilometer zu viel und wir entschieden uns fĂŒr die Garrigill-Ăbernachtung. Aber im Nachhinein mĂŒssen wir zugeben, dass wir auch die 32 Kilometer geschafft hĂ€tten, weil es das Wetter und der Wind zugelassen hĂ€tten. Wir hatten GlĂŒck, aber es hĂ€tte natĂŒrlich auch schlimmer kommen können!
In Garrigill erwartet und folgende Situation: Als wir in unserem B&B ankommen (East View B&B), finden wir die TĂŒr des Cottages unverschlossen und eine Nachricht von unserer Landlady Lana, dass sie heute Abend nicht da sei, da sie arbeiten mĂŒsse. Wir sollten uns jedoch wie zuhause fĂŒhlen und sie habe in einem benachbarten B&B ein Abendessen fĂŒr uns arrangiert. Das ist doch super, oder?
Das B&B mit dem Abendessen hat nicht nur zwei Gerichte fĂŒr uns zur Auswahl (naaa, was ist es wohl? Lasagne und Steak and Ale Pie!!!!), sondern auch gezapftes Ale. Also freut sich Friedel ein Loch in den Bauch ĂŒber das unverhoffte Bier, GlĂŒckes Geschick! đ
Wir genieĂen unseren gemĂŒtlichen Abend in dem improvisierten Pub und kommen spĂ€ter auch mit einem anderen Gast ins GesprĂ€ch. Nach kurzer Zeit bemerken wir allerdings, dass dieser ziemlich betrunken und nationalistisch eingestellt ist, sodass wir tunlichst das Weite suchen, und mit uns noch diverse andere GĂ€ste, die er auch vollquatscht.
Wir verbringen einen schönen Restabend mit Tee und Keksen im Cottage. Unser Zimmer ist total gemĂŒtlich eingerichtet, so auch die Lounge fĂŒr die GĂ€ste. Da wir die einzigen ĂbernachtungsgĂ€ste sind, haben wir das gesamte Cottage fĂŒr uns. Wir betrachten Karten und BildbĂ€nde der Region und genieĂen das Ferienhaus-Ambiente. Morgen frĂŒh werden wir Lana, die Landlady, kennenlernen. Wir sind schon gespannt!
Tag 63: Dufton nach Garrigill Am Morgen verabschieden wir uns herzlich von Simon und gehen die schwierigste Passage auf dem Pennine Way an - THE CROSS FELL!














