Drei Wörter
Sicherheit ist ein Stichwort, das mich immer wieder zum Nachdenken bringt. Ich meine jetzt, im Nachhinein. Wenn man sich auf einen, so hamlos anmutenden Dimensionssprung begibt, so denkt man vorerst reichlich wenig über die Art eines solchen oder gar darüber, ob es mehrere Möglichkeiten gibt einen Dimensionssprung zu erleben, nach. Schlussendlich, wenn man ihn denn dann absolviert hat, so kommt es einem doch unheimlich vor. Allein der Gedanke, es hätte anders, schlimm oder weniger schlimm, sein können gibt zumindest mir die Gewissheit, dass es auch eine andere Möglichkeit gegeben hätte. Schon immer gegeben hat. Ich mache mir nun weniger Sorgen darüber, wie denn ein Dimensionssprung ist, da ich es weiß. Aber er hätte, wie schon gesagt, ja auch anders sein können. War er aber nicht.
In der Vergangenheit, wenn man denn so von ihr reden möchte, habe ich mir immer die Frage gestellt, ob es anders wäre, wenn etwas anders gekommen wäre. Diese hypothetischen Fragen, die man sich früher oder später einmal stellt. Denen man sich früher oder später einmal stellt. Denn stellen müssen wir uns immer – zumindest uns selbst. Heute weiß ich, wie es gekommen ist, weil es so gekommen ist, wie es kam. Es hätte zumindest auch so kommen können, wie es kam, hätte ich etwas anderes getan. Das habe ich aber nicht. Ja, gerade aus diesem Grund frage ich mich auch immer diese Frage. Ich frage und frage und finde doch nur eine Antwort. Sie gefällt mir nicht. Sollte man einmal auf eine Apokalypse treffen, so sollte man doch zumindest selbst durchkommen, so denke ich. Ich denke so, weil – ja, warum eigentlich ? Achja, genau: Ich bin egoistisch! Der gesamten Menschheit steht nur ein Rettungsversuch zur Verfügung. Wobei, ich weiß es nicht. Aber mir wurde gesagt, es sei nur einer. Dieser Dimensionssprung, ob er mir nun gefallen hat oder nicht, war ausschlaggebend. Er ist es immer noch. Sonst wäre ich nicht hier.
Es klopft an die Tür und derjenige, der geklopft hat, ein Engel mit schwarzen Haaren kommt unhöflich, wie ich es empfinde durch die Tür. Engel nenne ich ihn, weil er sich so ausgibt. Er sieht aus wie ein Mensch und er ist auch einer. Das tolle an einer anderen Sprache ist, dass sie eine andere Sprache ist. An dieser Stelle sei bemerkt, dass es die selbige ist, die ich von meinen Eltern, in Deutschland gelernt hatte. Nur der Gebrauch für Wörter ist anders. Die Sprache ist eine andere. Eine andere, als die, die ich zu nutzen verstehe. Ich verstehe die Sprache, aber ich kann sie nicht zuordnen. Es ist fast so, wie bei einem Neugeborenen, das verstehen muss, dass Lautsprecher – so das Wort - ein Ding ist. Es ist ein Ding. Ein Ding und ein Wort: "Lautsprecher" . So in etwa hält es sich mit dem Engel. Ich habe ihm erzählt, dass ich hier bin. Er hat es mir geglaubt, zumindest halte ich es für Glauben. Es könnte auch Unverständnis sein. Man weiß es nicht. Der Engel spricht zu mir, ich solle mich nicht auf das da legen. Ich lege mich aber nicht auf das da, ich sitze. So stehe ich eben vom legen auf und setze mich auf einen anderen Stuhl, nur so. Für ihn lege ich mich wahrscheinlich auf ein Bett. Er fordert mich auf, mich wirklich hinzusetzen und nicht so viel zu liegen, es wäre zumindest angebracht, wenn er sich zu mir begibt. Wir haben das Jahr 2012. Hier auch. Die Zombies, vor denen ich geflohen bin bekommen mich nicht. Hier auch nicht. Trotzdem bekommen sie mich, auch wenn es in meinen Träumen ist, sie bekommen mich. Irgendwann. Der Engel reicht mir ein Stück Brot und meint, es sei doch wirklich nicht zu viel verlangt, wenn ich mich denn vorstellen würde. Er spricht immer noch meine Sprache und ich verstehe sie nicht. Doch, ich verstehe sie, aber nur, wenn ich nachdenke. Ich kann nicht immer denken. Ich stelle mich vor: "Alexander", "Mensch", "23" . Er ist 16 Jahre alt. Zumindest sagt er das. Er ist viel größer als ich. Das ist so! Sein Name ist Lukas. Ein normaler Name. Ich könnte auch Lukas heißen.
Eine Woche, nach meinem Gefühl ist es her, dass ich mich hier befinde. Eine Woche und doch ist mir die Zeit egal. Ich bin in Sicherheit. In Sicherheit vor den Zombies, den Wasserstoffbomben und den Wissenschaftlern, deren Versuchskaninchen ich bin. Für sie bin ich bereits längst tot. Aber ich lebe. Also bin ich tot und lebe. Tot sein ist wohl dann doch fast so lebendig wie leben. Der 16 jährige, der meinen Namen weiß steht immer noch vor mir. Ganz in schwarz. Zumindest Haar und Kleidung. Ich trage eine Jeans, ein Hemd und habe hellblondes Haar. Er wartet wohl immer noch darauf, dass ich etwas erzähle, aber ich erzähle nichts. Er weiß schon alles. Ich weiß auch alles. Es ist mir nur nicht klar. Ich weiß es! Und doch weiß ich, dass ich nicht weiß, ob es wirklich so ist, dass ich weiß, dass ich es weiß. Das meine ich auf jeden Fall zu wissen, wäre da nicht die Gewissheit, dass sie mir fehlt. "Sie" ist Lisa. Ich kenne sie nicht und sie kennt mich. Der Engel geht wieder, weil ich nichts erzähle. Ich denke zu viel.
Zwei Wochen nach dem Unfall, der keiner war, bin ich von Max gefragt worden, ob ich für ihn dieses Experiment bestreiten könnte. Ich habe gefragt, was es denn sei, das Experiment. Es war das, weshalb ich hier bin. Ein Dimensionssprung in eine andere Welt, die durch eine Tatsache so verändert worden ist, dass sie vollkommen gleich und doch total anders ist. Gleich von der Materie. Ungleich von der Angst. Die Angst, nein Furcht vor Ungewissem. In der anderen, doch gleichen Welt ist es Gewissheit. Gewissheit auf Dauer nicht überleben zu können. Wäre dort niemals die erste Bombe gefallen und hätte sie nicht die Provokation gebracht, das Nervengift frei zu setzen, so wäre es anders gekommen. Schon wieder diese Frage. Ich bin der letzte Mensch und doch bin ich es nicht, denn es gibt ja die Engel, die Menschen sind. Wenn ich ehrlich bin, kommt mir das alles sehr paradox vor. Paradox ist es aber dann doch nicht. Es ist logisch. Was passiert, wenn sich Logik und Mathematik ausschließen ? Ein Mathematiker würde mir antworten, dass das nicht möglich ist. Mir ist das unlogisch. Mich überfällt urplötzlich der Drang, dem Drang nachzugeben. Ich gebe nach und finde mich kurzdarauf im Schlaf wieder. Ich erwache aber, weil der Drang, dem Drang nachzugeben nicht stark genug war, dem Drang nicht nachzugeben stand zu halten. Also erhebe ich mich und gehe das erste mal, seit einer Woche, als ich in dem Zimmer gelandet bin, aus dem Zimmer. Die Erwartung, es sei anders, als es hätte sein können, beschleicht mich aber dann doch nicht. Wobei sie es im Grunde doch tut, nur rede ich mir ein, sie würde es nicht tun.
Der Gang, in dem ich mich, jetzt, als ich aus dem Zimmer getreten bin wiederfinde ist einerseits ein gewöhnlicher Flur, der zum Durchgang gedacht ist und doch ist er es nicht. "Er ist ein Individuum" war mein erster Gedanke. Er ist ein Individuum, so wie alles ein Individuum ist. Mal mehr, mal weniger. Die Tapete ist weiß. Sie kommt mir aber schwarz vor, weil ich denke, dass der Engel sie bestimmt schwarz beschrieben hätte. Er kommt mir entgegen, der Engel – wenn man vom Teufel spricht . Ich spreche ihn an und merke, dass er die selbe Sprache spricht wie ich. Genau die selbe. Nur die Wörter, welche sitzen, legen und stellen sind, sind vertauscht. Das habe ich wohl kaum begriffen. Nun freue ich mich, dass ich reden kann und doch verstanden werde. Ich beginne mit Small Talk – Ich hasse Small Talk, aber mir fällt nichts anderes ein. Ich weiß, dass mir nichts anderes einfällt, weil mir nichts anderes einfallen will. Er sagt, dass das Wetter schön ist. "Lukas", "Engel", "16" . Diese Welt ist anders. Lediglich drei Wörter haben sich im Laufe der Zeit geändert und doch kamen nie die Bomben. Kein Nervengiftgas. Nur wegen drei Wörtern.










