Den Lebensabend selbst gestalten – smarte Innovationen sollen es möglich machen
Frau Müller sucht mal wieder ihren Briefkasten. Sie kann sich noch dunkel erinnern, dass er hier irgendwo sein muss. Seit einer Viertelstunde irrt sie jedoch durch das Labyrinth, das sich ihre Wohnung nennt. Frau Müller ist 86 Jahre alt und dement. Vor einem Jahr ist sie in eine betreute Wohneinheit umgezogen und hat sich ganz gut an ihre neue Umgebung gewöhnt. Dennoch ist sie ihr an vielen Tagen fremd.
Solche Szenen sind längst kein Einzelfall mehr in unserer Gesellschaft, die es durch kontinuierlichen Fortschritt in Medizin und Technik geschafft hat, dass ihre Mitglieder so alt und noch älter werden können wie Frau Müller. Vielleicht kann ja moderne Technik auch dabei helfen, ihren Alltag im hohen Alter lebenswert und selbstbestimmt zu gestalten?
Dieser Frage widmet sich ein Thüringer Forschungskonsortium um die TU Ilmenau (www.tu-ilmenau.de) mit dem bezeichnenden Namen BUNDSCHUH („Bedienkonzepte und Schnittstellen im realen Wohnumfeld hochbetagter Nutzer“). Als Projektpartner aus der Praxis beteiligen sich die mit medizintechnischen Innovationen befasste velixX GmbH (www.velixx.com), die Orthopädie Schuhtechnik eG Themar (www.ost-themar.de), die AWO Alten-, Jugend- und Sozialhilfe (AJS) gGmbH (www.awo-ajs-thueringen.de) und aproxima Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung Weimar mbH (www.aproxima.de). Seit Anfang 2014 und bis Ende 2016 will das Konsortium Praxisanwendungen entwickeln, die Defizite älterer und auch gesundheitlich schwer eingeschränkter Menschen aktiv ausgleichen können.
Grundlegendes Ziel des Projektes ist es, das Konzept des Smart Home für die Unterstützung des Alltags im hochbetagten Alter nutzbar zu machen. So sollen u.a. Assistenzsysteme für die eigene Wohnung entwickelt werden, welche bspw. einen längeren Verbleib in den eigenen vier Wänden ermöglichen könnten. Ein weiteres Entwicklungsziel ist ein Schuh, der – ähnlich wie ein Spurassistent für Autos – mittels Vibrationen den richtigen Weg weist.
Ortungssysteme sollen Pflegepersonen im Ernstfall schnell zur hilfebedürftigen Person leiten. Außerdem sollen Menschen bis ins hohe Alter die allgegenwärtigen (und immer allgegenwärtiger werdenden) technischen Geräte in ihrer Umgebung einfach und möglichst mit einheitlichen Steuerkonzepten bedienen können.
Soweit die technischen Anforderungen. Mit ihnen einher gehen (Stichwort Co-Evolution) aber auch gesellschaftliche und rechtliche Fragen. Welchen Einfluss haben solche Systeme auf das Selbstwertgefühl und die Privatsphäre der Nutzer? Welche Haftungsrisiken entstehen durch Fehlfunktionen oder unsachgemäßen Gebrauch? Und verstärken diese technischen Systeme nicht den Trend zur sozialen Vereinzelung, weil sie zwischenmenschliche Nähe ersetzbar machen?
In bester interdisziplinärer Weise nähert sich das Forschungsprojekt BUNDSCHUH all diesen Fragen. Startpunkt waren folgerichtig Gespräche mit potenziellen und zukünftigen Nutzern. In mehreren Gruppendiskussionen haben die Projektpartner eine Vielzahl von Bedürfnissen aufgenommen, ihre eigenen Ideen vorgestellt und bewerten lassen und so schon den einen oder anderen Richtungswechsel im Innovationsprozess vorgenommen. An diesem Punkt steht das Projekt gerade, die Anforderungsanalyse wird noch bis Mitte des Jahres in Anspruch nehmen. Anschließend kann mit der Entwicklung der ersten Innovationen, wie z.B. des intelligenten Schuhs, begonnen werden. Im nächsten Jahr geht es dann an die umfangreichen Tests der Entwicklungen. Eine kontinuierliche Begleitforschung gewährleistet, dass die Forschungsergebnisse am Ende auch wirklich umfassend nutzbringend sind.
Frau Müller hat inzwischen den langen Flur ihrer Wohneinrichtung durchquert und ist dort auf einen Betreuer getroffen. Der hat sie zum Briefkasten begleitet. Ihre Tochter hat geschrieben, ein Enkelkind ist unterwegs. Frau Müllers Tag ist gerettet. Die Nachricht vom nächsten Enkel wird sie vielleicht allein finden. Ihr Schuh kennt dann den Weg.
Gefördert wird das Projekt BUNDSCHUH vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Projektträger ist VDI/VDE Innovation + Technik GmbH mit Sitz in Berlin.