Nach einem für italienische Verhältnisse geradezu feudalen Frühstück ging die Reise heute wieder um 10.30 Uhr weiter.
Quasi ans Grundstück der Villa Magnolia grenzte der tropische Urwald. Mit einer Machete schlug ich mir und meinem treuen Begleiter, dem Wallach Heinz-Isidor, der unser Gepäck trägt, einen Weg durch den Dschungel. Immer wieder blieben wir in meterweiten Spinnennetzen hängen, köpften hier und da eine Boa, kämpften mit Tigern, schlugen Bären und Menschenfresser in die Flucht, und zum Zmittag erlegten wir einige Wasserbüffel. Ich war untröstlich, aber dann im Treibsand konnte ich nichts mehr für Heinz-Isidor tun. Mit seinem letzten Aufbäumen konnte er mir gerade noch so meinen Rucksack hinüberreichen; er spürte instinktiv, dass ich einerseits die darin befindlichen Wasservorräte für die nun folgende Wüstendurchquerung und andererseits Ritterrüstung und Zweihänder für die anschliessende Bekämpfung der örtlichen Drachen ....
Moment. Ich komm nochmal rein. ;)
Die Medikamente, die mir die Dame des Hauses gegeben hatte, verfingen ganz ordentlich. Ruhm, Ehre und ewiger Reichtum dem Erfinder des Paracetamols! (Und danke der MMuse für obigen Schabernack.)
Um den Erfolg meiner Mission nicht so kurz vor dem Ende unnötig zu gefährden, sagte ich trotzdem „Ja, gerne...“, als mir ein Auto-Transfer nach Ovada angeboten wurde. So könnte ich mich mit neuem Schuhwerk und der nötigen Medizin ausrüsten und meinen weiterhin entzündeten Schienbein-Sehnen noch etwas Erholung gönnen, bevor es auf die beiden Schlussetappen über die ligurischen Alpen geht. Das gibt dann nämlich noch einige Höhen- und andere Meter rauf und runter...!
Das B&B La Corte in Ovada ist ein überaus charmantes Haus mit gerade mal 3 Gästezimmern, aber es ist mit dermassen viel Liebe zum Detail eingerichtet, dass man grad mehrere Instagramm-Stories befüllen könnte. Ich glaub, Frau K. würde sich hier sehr, sehr wohl fühlen!
Apropos Wohlfühlen: Ich bin schwer beeindruckt von der Gastfreund- und Hilfsbereitschaft, die ich hier erlebe! Ich bin mir nicht sicher, wie meine Geschichte im umgekehrten Fall in der Schweiz verlaufen wäre ... Und jetzt nicht nur wegen der Lämpen mit dem Bein. Ich war immer und überall herzlich willkommen. Zahlender Gast, klar, aber man gab mir immer das Gefühl, wirklich willkommen zu sein und war behilflich, wann, wo und wobei es auch immer war. Das möchte ich umbedingt mit nach Hause nehmen: Ein bisschen mehr „Wir“ und weniger „Ich, ich, ich“! Siehe auch Foto oben. Bin ja mal gespannt, ob, und wenn ja, wie lange mir dies gelingt ...
Ovada ist übrigens immer einen Stopover wert, wenn Ihr hier mal durchfahrt. Piccola, ma carina! Und neben Apotheken hats in den engen Gassen u.a. auch ein Sportgeschäft, in dem ich vorhin nagelneue Turnschuhe gekauft habe für die verbleibende Strecke. Chnätsch-Orange und mit weichen Sohlen, ich gehe damit fast wie auf Wolken. Verbunden mit einem weniger aggressiven Stechschritt hoffe ich, den morgigen 16km-/250hm-Aufstieg nach Campo Ligure wieder per pedes zu schaffen. Und dabei rieche und sehe ich dann glaubs das erste Mal das Meer ...
Aber jetzt geht’s zwecks Stärkung und Auffüllens der Kohlenhyd ... ach, ich geh essen. Drüben im Archivolto. En Güete!
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Bitte entschuldigt mein gestriges Emo-Geblogge, aber ja, ich bin hier offensichtlich am Verarbeiten. Das hatte ich so nicht erwartet, auch wenn im Vorfeld schon die eine oder andere Stimme darauf hingewiesen hatte, dass so ein Trip v.a. auch Selbstfindung sei. Vor Jahren hab ich mal Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ gelesen und fand’s deutlich zu #gschpürschmi. Jetzt weitwandere ich selber und bin keine Flettere besser. 😇
Jedenfalls wollte ich Euch noch etwas Meta-Infos zu meiner Wanderung geben, und das mache ich am besten am Sonntagmorgen:
Die Idee (m)einer Wanderung ans Meer ist wohl schon 15-jährig. Ich wollte anlässlich meines damals noch weit entfernten 40. Geburtstags dem Rotten entlang von Gletsch via VS-Rhonetal, Genfersee, FR-Rhonetal ans Mittelmeer. Diese Idee wurde an verschiedensten FüBi und Kollegenabenden gewälzt und gewälzt, aber eigentlich war klar, dass eine 800km-Wanderung etwas gar viel des Guten wäre.
OK. Aber dann wenigstens von zuhause ans Meer? Via Direttissima, lies: Über die Alpen und dann geradeaus bis ans ligurische Meer? (Wie Ihr wisst, wurde schliesslich Domo - Arenzano draus. Ca. 250km. Immerhin!)
Ausserdem stellte sich die Frage nach erlaubten Hilfsmitteln: Was ist mit Gepäck? Wäre eine Begleitung ok? Gar in einem Camper? Oder sonst ein Velo? Oder wenigstens Rollschuhe? Und beherrsche ich das eine oder wenigstens das andere? Wie lange kann/darf/soll man alleine verreisen, wenn man in einer Beziehung ist? Allzu viele Ferienwochen hat man ja auch nicht pro Jahr. Oder kommt diese mit? Ist das dann das selbe oder ganz etwas anderes?
Viele Fragen, kaum Antworten. Das führte dazu, dass schliesslich mein 40. Geburi ins Land zog und ich weder via Rotten noch anderweitig ans Meer wanderte.
Nun bin ich gut 45, optimistischer Single (mein Bett ist halbvoll 😉), und da ich nach >25 Jahren quasi nonstop in Beziehungen eh nicht wusste, was ich während meiner Sommerferien 2018 tun sollte, kam plötzlich diese alte Idee wieder auf: #aPiedialMare.
Meine Vorbereitung und Planung verliefen ... nun, nennen wir es: #agil. Ich hatte (und habe) einfach das Meer als Ziel, und weiss dank Google-Maps, dass das grundsätzlich möglich ist. Zudem mache ich ja seit gut 1 Jahr viel Sport (#SpeedSpaziering) und bin ganz ordentlich in Form. Aber sonst? Fehlanzeige. Ich kümmerte mich weder um die genaue Route noch um Übernachtungsmöglichkeiten. Ich ging eigentlich komplett blauäugig in dieses Abenteuer.
Google-Maps ist keine Wander-App, muss man ganz klar festhalten. Google-Maps sorgt dafür, dass man zu Fuss irgendwo hinkommt, aber es folgt allermeistens dem öffentlichen Strassennetz. Ich weiss deshalb gar nicht, ob es den #Natischerweg auch als Wanderweg gäbe.
Sämtliche Übernachtungen habe ich via Apps von Booking.com und Airbnb gemacht. Meine 1. Etappe hab ich sehenden Auges eher (zu) lang vorgesehen, weil *wenn* scheitern: Fail fast and cheap! Ich habe die 1. Etappe von Domo nach Ornavasso (> 27 km!) dann jedenfalls irgendwie überstanden, auch wenn ich mich am Ende ziemlich am Wanderstock festhalten musste ...
Apropos Wanderstock: Ja! Umbedingt! Zwingend! Aber besorgt Euch Gummi-Schutz für unten dran, sonst klickts so trümmlig bei jedem Schritt!
Zuhause im Bremgartenwald - ohne Gepäck - laufe ich rund 7.5 km/h. Mit Gepäck jetzt bloss 6 km/h. Probiert das besser aus, falls Ihr ähnliche Pläne habt!
Etappen bis 20 km gehen gut, darüber kann’s harzig werden - gerade, falls es auch noch ebiz obschi geht.
Gepäck: Ich hab nur das allernötigste dabei - kein Zelt, kein Schlafsack, nichts zum Kochen/Nahrungsmittel - und hab immer noch >10kg. Bisher hab ich unghüres Wetterglück und habe - *holz-anfass* - bisher weder Regenschutz noch -schirm benutzt. Aber auch bzgl. Kleidung: Das erste, was ich mache, wenn ich in der Unterkunft angekommen bin, ist Kleider waschen. Im Lavabo. Mit Seife oder Duschmittel. Es braucht also einfach Hose/Shirt zum Wandern und ebensolches für am Abend. Weil ich ja eher der dekadente Wanderer bin, verpflege mich meistens auswärts. Merke: Leichtes Gepäck ist gutes Gepäck.
Pro-Tipp: Flipflops nicht vergessen...! 🙄
Aha, Elektrozubehör schlepp ich ja auch noch allerlei mit: iPhone und iPad inkl. Ladekabel und wireless Tastatur für zweiteres. Dann wireless In-Ears und den Schrittzähler- siehe Bild oben mit dem rekordverdächtigen Schnitt der 1. Woche.
Ich wander(t)e iterativ: Die Route und Übernachtungen hab ich immer nur für max. 2 Tage/Nächte im voraus geplant/gebucht. Man weiss ja nie, was geschieht. Für die nächsten, resp. die nun anstehenden letzten 4 Tage ist nun alles gebucht: Ich werde spätestens am DO-Mittag das Meer sehen und am Nachmittag darin liegen.
Und ich freu mich drauf wie ein kleines Kind! 🤗🤩 #GenteDiMare
PS: DANKE, dass Ihr mich hier und auf den anderen SoMe-Kanälen begleitet. Ohne Euren Support, Eure Likes & Retweets, Euer Daumendrücken, Euer Zuhören, Euer Mitleiden/-fühlen und - last but not least - Eure Musikvorschläge!! wäre das alles unmöglich. MERSSI TÜÜSIG!! 😘
Vor rund 40 Stunden bin ich am Meer angekommen. Zwei intensive Wochen auf dem #Natischerweg, die zweite emotional kaum zu überbieten. No, è una cosa sportiva, sagte ich allen, die einen Link zum Jakobsweg machen wollten. Nun, religiös wurde es tatsächlich nicht. Aber essentiell. Von dieser Reise werde ich sehr lange zehren, und ich hoffe, dass ich sie minerläbtag nicht vergessen werde.
Wo läufst du nächstes Jahr hin?, werde ich gern gefragt. Nun, ich werde früher oder später die Lücke von meinem Wohnort nach Domodossola schliessen. Und klar, ich hab da 2-3 Ideen, aber genauso klar ist, dass es nie mehr so sein wird wie dieses mal. Ich mein, wie hiessen die Astronauten der 2. Mondlandung? Eben.
Was würde ich anders machen?
Hmm. Wenig. Ich würde andere Schuhe benutzen. Den Strassen entlang zu laufen war schon ok, einfach mit weicheren Schuhen. Und nicht mehr so verbissen im Takt von San Salvatore Monferrato hinunter nach Alessandria traben. Vermutlich war das ursächlich für die anschliessenden Lämpen am Schienbein. Ein Ruhetag zur Rennhälfte wär wohl auch eine gute Idee, und Baumwolle-T-Shirts kann man getrost zuhause lassen.
Meine Top-5 auf den Playlists?
Ganz klar: „Gente di mare“ von Tozzi/Raf. Auf allen drei Podestplätzen. Dieses Stück werde ich nie mehr hören können ohne gleichzeitig die Bilder v.a. des letzten Tages vor Augen zu haben. Dann „My Dear“ von Katzenjammer. Das lief an den letzten Tagen immer beim Loslaufen am Morgen. Den Gedanken, jemandes Neck zu kissen, klingt sympa. Und dann dieses „... and may all your favorite Bands stay together“ von den Road Hammers. Sowas wünscht man echten FreundInnen!
Der schlimmste Moment? Der Nachmittag zwischen Alessandria und Bosco Marengo.
Der schönste Moment? Mehrere. Ach, was. VIELE!!
Der breite Support, den ich wegen meines Beins erhielt. Auch von gänzlich unerwarteter Seite.
Und klar, die Ankunft am letzten Tag. Und dass ich dabei anschl. ein paar liebe Menschen umarmen konnte. Und sie danach gleich zutexten durfte.
Und mehrere *sehr* herzliche Begegnungen und Gastgebende. Vielleicht ist die Menschheit doch noch nicht endgültig verloren. ;)
Und die immer wieder überraschenden positiven Wendungen und manchmal schon unheimlichen Zufälle. Inkl. Hopfendolden. Und Autostop. Und Lagunitas IPA. Und Pink Floyd.
Und ein paar wirklich aussergewöhnlich hervorragende Mahlzeiten. Und dieser perfekte Caffè an jeder Strassenecke, immer für 1€. Und die Brioches mit Aprikosenkonfitüre. Oder die mit Vanille-Crème. Und diese Bonet piemontese. 🤗
DANKE!, dass Ihr mich begleitet habt!
PS: Zurück? In machina. Wohl mehrheitlich meiner Wanderroute entlang. Und an voraussichtlich jeder Kurve werd ich was zu erzählen haben! In Ovada holen wir meine dort zurückgelassenen Utensilien ab, und in der Villa Magnolia und bei Anna & Mauro in Bosco will ich mich bedanken gehen.
PPS: Emilia? Ja, die gabs wirklich. Aber da halte ichs glaubs einfach mit den Toten Hosen ...
Zugegebenermassen bin ich diese nicht alle gelaufen. 😇
Ich schlief ganz prächtig in dem riesigen Zimmer. Auch dank der Oropax. Auf dem nächsten Grundstück wohnte nämlich ein Hund, der aus welchen Gründen auch immer quasi durchbellte. Oropax sind imfall auch so ein Must-Have für solche Reisen, weil bellende Hunde gibts auf dem Land fast immer und überall. Den Wecker um 8 hörte ich aber trotzdem, und da die Wunderheilung über Nacht erwartungsgemäss ausblieb, drehte ich mich nochmal um und schlief weiter. Später gabs 2 Caffè und 1 Brioche, ich packte meine Sachen und hinkte Punkt 11 Uhr los, zurück ins Dorf und dann Richtung Predosa.
Mir war klar, dass ich die 14km heute niemals schaffen würde und machte einen kleinen Umweg um Verpflegung einzukaufen. Wer weiss, wie lange ich am Strassenrand beim Autostop würde warten müssen...? Für gut 4 € bekam ich Wasser, Powerade, 2 Joghurt und je 1 Pfirsich und Apfel. Ich verstaute dann alles im Rucksack und stellte mich am Ortsausgang an den Strassenrand.
Mit ziemlich Abstand fuhr nadisna gut 1 Dutzend Autos vorbei ... bis ein roter Minibus anhielt. Am Steuer sass ein rotbärtiger Hipster, daneben sein dunkelhäutiger Mitfahrer. Ja, sie führen in meine Richtung, und klar, ich könnte mitreiten. Die beiden unterhielten sich in gebrochenem Englisch, und ich wunderte mich sehr, wie die beiden zu einer gemeinsamen Autofahrt kämen. Natürlich hat man beim Stoppen auch ein paar üble Fantasien im Kopf, was denn alles passieren könnte, inkl. Ausrauben und/oder Übleres. (Überhaupt hätt ich in den letzten Tagen ein paar krude Roman-/Filmideen für Stephan King oder Quentin Tarantino ersonnen ...)
Wir plauderten jedoch nett über dies und das, und es stellte sich heraus, dass er halb Calabrese und halb Engländer ist, und er überhaupt nicht nach Predosa musste, aber, hey, kein Problem, er fahre mich schnell hin! (Schon wieder so ein unverschämtes Glück - so langsam wird mir das noch unheimlich...!)
Nein, sagte er beim Aussteigen bestimmt, er nehme kein Geld von mir, auch nicht für ein Bier. „E buona Fortuna!“
(Ich mein, das gibt’s doch alles gar nicht!?! 😳)
Die letzten paar hundert Meter unterstützte dann #Katzenjammer, die heutige Musikempfehlung von Frau MM. meine eh schon prächtige Laune. Morgen werde ich grad da bei diesem Schere-Stein-Papier-Song weiterfahren, wo ich heute aufhören musste. Ich stand also wider Erwarten schon um 12 Uhr in der Villa Magnolia, wo ich wiederum herzlich empfangen wurde und sogar schon mein Zimmer beziehen konnte. Heute würde es nun einen richtigen Giorno di riposo geben und fürs Znacht haben sie mir schon una tavola im sardischen Ristorante prenotiert. Bis jetzt bin ich offenbar der einzige Gast. Wenn jemand von Euch also grad in der Nähe ist: Um 20 Uhr gibt’s Cena! 😋
Jetzt lungere ich in der Pergola hinterm Haus, lese, internettle und schreibe offensichtlich gerade diesen Bericht. Die beiden Katzen ignorieren mich jedoch hartnäckig. Der Chef meinte, er gebe mir erst mal Eis und zum Znacht noch etwas besseres als Ibuprofen, weil er kenne das genau, und das sei jetzt ganz sicher eine Sehnenentzündung. Weil zu harte Schuhe fürs Asphaltwandern. Das hat Cousine M., quasi meine Fernphysiotherapeutin, auch schon vermutet. Morgen gehe es mir dann deutlich besser.
Rundherum sieht’s nach Gewitter aus, aber ich freue mich aufs Znacht und eine weitere Verbesserung im Scheichen. Am Freitag sei der Sommer vorbei, sagte gestern Mauro, inkl. Temperatursturz und Regen, aber bis dahin werde ich wohl schon am/im Meer angekommen (worden) sein! 🤗
Nachtrag:
Entweder ist damit die „Paëlla des Jahres“ auch schon durch - oder ich hab’s heuer mit dem Essen einfach untertrieben...! 😋
Das Wetter macht weiterhin mit, der Körper grösstenteils auch, auch heute hab ich mein Ziel erreicht, die Reis- wird glaubs deutlich besser als die Maisernte, und der Verkehr war heute sehr übersichtlich.
Manchmal überrasche ich mich selber, wie ich statt zu Jammern/Lästern zuerst das Positive sehe/suche. Im vergangenen Jahr hab ich mich gläubi schon ebiz verändert. Herzliche Grüsse an die hierfür Verantwortlichen! 👋🏼
Heute hab ich nämlich ziemlich gelitten! Die Temperaturen sind zwar konstant - ich schätze so um die 30 Grad - aber das viele Wasser in den Reisfeldern macht die Hitze wohl auch feuchter, und das hat mich heute eindeutig mehr gebraucht als die letzten Tage. Die 1. Pause musste ich schon am Stadtrand von Vercelli einlegen. Eine Aqua-aus-dem-Rucksack-Pause, weil Bars hatte es schon da keine mehr. Auch merkte ich körperlich, dass ich gestern schon eine längere Etappe gelaufen war, Rücken und Hüfte waren noch müde von gestern.
Da die Autobahn quasi parallel zur heute belaufenen Strasse verläuft, wars mit dem Verkehr sehr angenehm, auch war die Strasse deutlich breiter. Andererseits gabs abseits der Strasse kaum was zu sehen, auch der Strassengraben fasziniert schon nicht mehr allzu sehr. Und bei den Reisfeldern ist es ebiz wie damals bei meiner Reise anno `94 nach Bali: Hast du eines gesehen, kennst du sie alle. Und sonst gabs eben eher wenig. Auch keine Dörfer und keine Verpflegungsmöglichkeiten. Als ich das erste Mal wünschte, ich wäre bald am Ziel, wars erst grad 12.15 Uhr, ich hatte gerade mal 12km, also die Hälfte des Tages geschafft, und ich stand im Schatten der 2 einzigen Bäume weit und breit. Irgendwie heiterte mich auch die House-Musik, zu der ich heute lief, nicht auf, und mein Wasservorrat ging auch schon langsam zur Neige ...
Da entdeckte ich die Hopfendolden an einem der beiden Bäume. Genau hier verlief eindeutig der #Natischerweg! 🤗😎 Und weiter ging’s!
Neue Musik musste her - also wechselte ich mal zu Electro Swing. Damit läuft es sich beswingter! Zumindest wieder ein paar Kilometer weit. Die Reisfelder nahmen kein Ende, links und rechts lief weiterhin genau gar nichts, und als dann rechts ein Burger-King-Schild „in 10 minutes“ stand, hätt ich zu sabbern begonnen, wenn ich nicht so einen trockenen Mund gehabt hätte. Burger King hab ich dann zwar keinen gesehen, aber immerhin kam irgendwann wieder ein Dorf mit Tankstelle. Also nichts wie rein: „Un caffè, per favore, e una grande bottiglia di aqua gasata“. Die Tanke wird von zwei Zwillingsschwestern geführt und diese schauten mich an, als ob ich direkt vom Mars hergekommen wäre. Das sagte ich ihnen dann auch und erklärte meine „Mission“, aber ihr Verständnis war eher überschaubar. Die ganze Szenerie wirkte wie in einem Tarantino-Film, und bevor ein allfälliges Gemetzel losgehen würde, lief ich dann auch wieder weiter. Noch 6 Kilometer.
Die Jovanotti-Playlist, auf die ich nun wechselte, entpuppte sich eher als Italo-HipHop-Playlist mit mir meist unbekannten KünstlerInnen, aber italienischer Sprechgesang hat gegenüber deutschem den grossen Vorteil, dass ich den Text nur teilweise verstehe ...
Die letzten Kilometer zogen sich etwas in die Länge, aber bei Articolo31s „Dammi Volume“ begannen meine müden Beine trotzdem zu tänzeln. Dann erreichte ich endlich den Po und Casale Monferrato, fand eine Bar, die mir das schmackhafteste „Poretti Bianca“ der Welt verkaufte, und gleich danach auch meine heutige Bleibe. 2 Stockwerke steile Treppen, quasi als Dessert ...
Vielleicht waren Beschreibung und Fotos auf Airbnb etwas gar optimistisch, aber comunque. Der Vermieter ist Sarde, hat Ichnusa non filtrata im Kühlschrank („Bevi tutti!“) und verabschiedete sich in die Nachtschicht nach Turin. Security bei einem Filmdreh, wenn ich’s richtig verstanden habe. Ich muss davon ausgehen, dass ich heute in seinem eigenen Bett schlafe ...
Morgen gehts weiter Richtung Mirabello Monferrato. Ich darfs ja auch nicht übertreiben. Und jetzt geh ich mal kurz den örtlichen Palazzo dei Paleologi anschauen und etwas essen. Herr Google kennt da ein paar Knellen im Quartier! Buon Appetitto zäme!
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Bei der Tour de France ist die Schlussetappe immer eher gemütlich, mit Champagner unterwegs und halbherzig spannendem Schlussspurt. Das war bei mir ... kaum ... anders.
Zum obligatorischen Cappuccio mit Brioche gabs heute gleich auch noch eine Focaccia. Ich rechnete wieder mit Medi-Einsatz, und es gibt Magenweh, wenn man nichts in selbigem hat. Hier in Ligurien machen sie u.a. Focacce con Patate und so eine liess ich mir dann grad auch noch einpacken für unterwegs, weil eben, siehe vorher.
Um 10.15Uhr lief ich also los Richtung Bahnhof Campo Ligure. Dort verschwindet die Eisenbahn im Tunnel und vermeidet so weitere Höhenmeter. Ich hingegen würde zum Dessert meiner Wanderung auch noch den 532m hohen Passo del Turchino überqueren dürfen. Zum ersten Mal fielen mir herbstlich verfärbte Wälder auf. Der Sommer geht also nun auch hier dem Ende zu.
Auf Empfehlung von Frau K. lief ich heute ohne Musik los. Ich wollte noch bewusster auf das Drumherum hören und auch mal noch ausprobieren, wohin einen die Gedanken tragen, wenn sie nicht durch Musik, deren Texte oder von Erinnerungen in deren Zusammenhang geleitet werden. Neben dem zeitweisen Plätschern des Baches gabs jedoch ausschliesslich Verkehrslärm zu hören. Entweder von der schwach befahrenen Strada Statale, auf der ich lief, und noch viel mehr von der meist nicht weit entfernten Autostrada. Die Gedanken hatten also viel Platz ...
„Deine schicken, orangen Schuhe würden auch gut an den GP Bern passen!“, hatte mir Arbeitskollege F. drüben auf Facebook geschrieben. Woher wusste der, wie meine neuen Schuhe aussehen?, fragte ich mich ... und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich war hier eindeutig Teil eines Remakes der „Truman Show“! Das war alles nur für mich inszeniert! All das Gute, das mir unterwegs widerfahren war, die immer wieder positiven Wendungen und die manchmal schon unheimlichen Zufälle - das war alles nur Teil eines Drehbuchs! Zuhause an den Bildschirmen amüsierten sich die Zusehenden über meine „Abenteuer“ und machten Witze über meine naive Gutmenschen-Interpretationen! Hatten Freunde auf Twitter nicht viel zu früh schon von einer „Verfilmung“ meiner Wanderung gesprochen? Waren all diese derenweg hilfsbereiten und freundlich gesinnten Leute nur Schauspieler und Komparsen in einem grossen Social-Media-Story-Telling-Experiment? Und: Wie würde dann die Story enden...? Hollywoodmässiges HappyEnd am Meer, inkl. romantisch-sülzigem Trähnendüsen-Drücker? Und wenn ja, mit wem eigentlich...?
So. Fertig. Das ging so ja nicht weiter. Und die Schuhe hatte ich ja in einem Bericht beschreiben. Also bekamen in Masone die Road Hammers eine zweite Chance. Mit denen hatte damals vor der Bar Emily der „spezielle Teil“ meiner Reise ja begonnen. Ja, das half! Und bei den Outtakes gibt’s eine Szene, wo dem Sänger nach einem üblen Versinger empfohlen wird „Check your pants!“, und ich lachte laut heraus.
Nach einem Boxenstopp in Masone entschied ich mich dafür, weiter der Strasse zu folgen, statt den a) landschaftlich deutlich schöneren und b) auch noch 3 km kürzeren - aber halt auch steileren - Weg durch den Parco Nazionale zu nehmen. Ich wollte nicht weitab vom Schuss sein, falls mein Bein plötzlich gar nicht mehr mitmachte. (Sorry, Tante T., aber das war einfach nur vernünftig so. ;)
Auf dem Weg zum Passo überholten mich dann nur noch ein paar Velo- und Töfffahrer, und auch die Autobahn verabschiedete sich in einen Tunnel. Bergauf fiel mir das Laufen ziemlich leicht. Völlig überraschend stand ich etwas später hinter einer Rechtskurve plötzlich vor dem Tunnelportal. Ich wusste, dass ich nach diesem Tunnel das Meer erblicken würde. Ich begann, laut und fast ebiz hysterisch zu lachen ... beruhigte mich aber rasch wieder. Musikwechsel. Road Hammers raus, Tozzi & Raf rein. Und hinein in den Tunnel ... gut 200 m lang ... gut beleuchtet, kein Verkehr ... und als ob die Strasse genau für solche Vorhaben gebaut worden wäre, musste ich auf der anderen Tunnelseite zuerst auch noch an einem Gebüsch vorbei ... und dann - BÄM! - Panorama! Und dort ganz unten: Il Mare! Zwar nur ein relativ schmaler Spickel und es war etwas dunstig, aber ich konnte sogar Wellen erkennen. Mit stattlich Pipi in den Augen setzte ich mich auf die Leitplanke und genoss den Augenblick. Ein Moment zum niemals mehr vergessen ...
Das war zweifelsohne ein erster Champagner-Moment, aber nun - es war grad Mittag durch - folgte der über 10 km lange Abstieg nach Voltri. Dort würde ich nun nämlich ankommen und nicht direkt in Arenzano. 532 M.ü.M. sind für uns Alpenpässe-gewohnten Schweizer zwar keine Höhe, aber wenn man ans Meer will, sind’s halt trotzdem auch 532 Höhenmeter, und mein Schienbein zeigte sofort, was es vom Bergab-Laufen hielt: Nichts. Meine Hits-Italia-Playlist spielte nun wieder ein paar überaus passende Canzoni - Il ragazzo della via Glück, Azzurro, Gli Anni ... und ich wollte, nachdem ich nachgedopt hatte, auf die Zähne beissen. Und ich biss. Fest. Bergab-Laufen geht aber direkt aufs Schienbein - Remember letzter Muskelkater? - und die Medis halfen wenig bis nichts. Ich machte nur noch so 40cm-Schrittli, um dem Bein vorzuspielen, dass es gar nicht so nitschi ginge. Lief rückwärts - was deutlich besser gegangen wäre - aber auf einer nun stärker befahrenen Strasse guckt man besser, wo man läuft. Also kleine Schritte, beidhändig am Stock. Wenn es mal vorübergehend flach war, ging’s fast problemlos, aber es war nur selten flach.
Nein, den Bus würde ich nicht nehmen. Und auch kein Autostop. Nicht auf der Schlussetappe.
Aber vielleicht lag ja irgendwo ein altes Velo im Gebüsch...? Nein. Lag nicht. Und es ging immer noch gut 9 km ...
Wenn ich stehen blieb, war der Schmerz sofort wieder weg. Also machte ich in Fado mal wieder eine Pause und ass die zwei besten Pfirsiche nördlich des Äquators. Und dann wieder weiter. Aua. Kleine Schritte. Noch 7 km.
Ok, den Streckenrekord konnte ich wohl vergessen. Ich informierte Fam. Natischer, dass es wohl etwas später würde, und hinkte weiter. Schrubb-schrubb-Küdermusik im Ohr um abzulenken. *nach-spick*. Und wieder Hopfendolden. Ich grinste.
Das steilste Stück, dass mich dann quasi auf Meereshöhe hinter Voltri hinunterbrachte, lief ich dann unter verwunderten Blicken von einigen Einheimischen wirklich rückwärts runter. Dank dem Stock gings. Phu! Unten. Noch 3,5 km.
Eine Frau mit Kinderwagen überholte mich, leicht irritiert blickend, also stellte ich die Musik wieder ab und rief ihr hinterher, dass ich seit Domodossola laufe. Sie staunte sehr, wollte umgehend ein Foto von mir zusammen mit Matteo (der Kleine in der Poussette) machen und lud mich danach zu einem Caffè in der nächsten Bar ein. Volentieri, grazie! Wir also rein in die Bar, da stand eine Dame hinterm Tresen und ein Gast davor und sie erklärte kurz, wer ich war und was ich machte. Da rief der Gast „POTZHEILANTONNER!“. (Ehrlich. Ungelogen.) Ich hielt mir den Bauch vor Lachen. Vincenzo hatte in seiner Jugend in den 1970ern ein paar Jahre in Herzogenbuchsee gelebt, bei einer Firma Kilchenmann auf dem Bau gearbeitet und ein paar Worte Deutsch behalten. Die Pause dauerte dann drei Deziliter länger als geplant, und es war fast 17 Uhr.
Jetzt einfach noch die letzten 2.5 km auf dem Trottoir dem Bach entlang ... Aua! Nicht zu schnell, musste ich mich immer wieder bremsen.
Da vorne war die letzte Querstrasse ... Kopfhörer wieder rein ... 🎶 ... il mare ci fa sempre un po‘ paura ... 🎶 ... über die Strasse ... die Leute guckten schon ... quer über den Parkplatz ... rauf auf die Holzbretter des Lido ... bis an dessen vorderes Ende ... rein ins Kies ... 🎶 Gente di Mare ... 🎶 Tränen abwischen ... oder zumindest für weitere Platz schaffen ... alle Schmerzen verschwunden ... Stock weg, Rucksack weg, InEars raus, Schuhe aus ...
HECHTSPRUNG!!
Ich war da. Ich war drin. Nach zwei Wochen. Nach DIESEN zwei Wochen. Freudenschreie. Keine Worte. Un-be-schreiblich ...
Erster Gratulant war dann ein baskischer Tourist, der mich beobachtet hatte. Wenig später Mutter, Schweschter und Schwager Natischer, die drüben an der Strandbar achon eine Stunde auf mich gewartet hatten.
Erst ein Wasser, dann ein Bier. Auch ex. Und dann ein Negroni ...
Und ich hatte also alle drei erwarteten Reaktionen kombiniert.
Hollywood, my ass! Das hier war gerade HappyEndestmöglich!! 😍
https://youtu.be/k-3KecdyOZU
Lyrics: http://easylyrics.org/?artist=Umberto+Tozzi&title=Gente+Di+Mare Thanks for checking out our videos and site!
Bei einer Dopingkontrolle wär ich heute wohl hängen geblieben ...
Weil wir zu lange miteinander gequatscht hatten, war der Milchschaum meines Cappuccinos zusammengefallen. Ich hatte dies noch nicht einmal bemerkt, als Giancarla schon aufgestanden war, um diesen aufzufrischen. Mit hausgemachtem Komfitür und Kuchen, sowie Brioche (ja, mit Aprikosenmarmellata gefüllt! 😋), Müesli, Joghurt, Saft und Foccaccia konnte ich erneut perfekt in den Tag starten.
Und nach einem kurzen Abstecher auf den Mercato, der in Ovada übrigens jeden MI und SA stattfindet, ging’s dann auch wieder los. Ja, klar, zu Fuss! Gut, so klar war das natürlich nicht, mein Schienbein tat nämlich weiterhin weh, allerdings nur beim Laufen: Stehen, Sitzen und Liegen gehen gänzlich problemlos. Also hatte ich nach dem Frühstück erst mal vom guten Paracetamol reingeschmissen, aber ich blieb skeptisch. V.a., als es ausgangs des Centros ebiz nitschi ging und das Schienbein damit wirklich nicht glücklich war. Zum Glück ging’s heute grossmehrheitlich obschi.
Erst ging es wieder mit diesem tollen „My Dear“ von Katzenjammer im Ohr weiter, aber ich hatte mir aufgrund der Hintergrundmusik bei Giancarla vorgenommen, heute mal Klassik zu versuchen. Nein, das tu ich sonst auch gar nie, aber der olle Vivaldi hat die eine oder andere Komposition schon ganz ordeli gepreicht, findi, und ausserdem find ich Cembalos geradezu wunderbarstmögliche Instrumente. Einfach wenn jemand zu singen begann, skippte ich umgehend weiter.
Nachdem ich dem weltbesten Gettibüeb zum 15. Geburi gratuliert hatte, begann dann der lange und stetig steigende Weg hinauf Richtung Campo. Mein Bein ... nun ja. Es war weiterhin präsent. Erst begann ich den Wanderstock als Entlastung bei jedem Schritt einzusetzen, dann musste ich mit beiden Armen auf dem Stock abstützen - da half jetzt auch kein Hopfen am Strassenrand mehr ...
Inzwischen hatte ich von Vivaldi auf Smetena (Moldau!) und dann auf Jack Johnson (der Musik gewordene Roadtrip) gewechselt, aber wenn einem jeder Schritt wehtut, nervt jede Musik. Dann gabs plötzlich auch kein Netz mehr und ergo gar keine Musik mehr. Und auf dem Strassenschild stand, dass ich gerade die Hälfte geschafft hätte.
Es wurde wirklich Zeit, zusätzliche Chemie einzusetzen! 💊
Das half dann auch. In Rossiglione kehrte ich in einer Bar ein um etwas zu essen. Die beiden Typen hinter der Bar erinnerten optisch und auch sonst stark an Herrn F. von den Pampers, und wir hattens 1/2 Std sehr spassig miteinander. Es gab als Primo das weltbesteste (Bitter-)Orangina, zum Hauptgang ein Snickers - sie hatten sonst wirklich rein gar nichts mehr - und dann als Dolce noch hausgemachtes Glace: Lecker Prugna und Zabaione.
Danach war mir auf den verbleibenden gut 5 km nach Schabernack zu Mute und so wechselte ich via deutschen Punkrock zuerst zu JBO und dann sogar zu QL. Ich bin nicht stolz darauf, aber mir war nach Schrub-Schrub und Mitsingen zumute!
Ganzkörpergänsehaut gabs dann, als ich aus dem schon den ganzen Tag wild hin-und-her-mäandernden Tal heraus nach Campo Ligure kam - im Wissen, dass das die letzte Übernachtung vor dem Meer sein würde ...
Meine heutige Bleibe ist wieder von der Sorte, die ich nicht so lange ihn Erinnerung behalten werde. Aber, hey, chi se ne frega: Morgen bin ich am Meer!! 🎉😎🤗
Znacht fiel heute aus, weils zum Apéro reichlich Häppchen gab.
Und jetzt entschuldigt mich bitte - meine Mannschaft spielt gleich Champions Leaguel 💛🖤
Resp. es wären grundsätzlich 15 km gewesen, aber heute kam alles anders ...
Weil ich in Alessandria keine geöffnete Bar fand, hätte ich beinah noch zu McDo gehen müssen. Immerhin gibt’s in italienischen McCaffè ebensolchen aus einer Cimbali-Maschine für wie überall 1€. Auch aufgrund der Warteschlange verzichtete ich aber, schliesslich hatte ich schon 3 aus der Nespresso-Maschine in der Unterkunft. Google-Maps schickte mich nach Osten, und da lag dann auch der Grund, warum alle Bars geschlossen sind und kaum Leute zu sehen waren: Offenbar wurde da grad letzti ein Shoppingcenter eröffnet, das Rundum-Service bietet. Der Parkplatz war schon um 11 Uhr brätschvoll.
Die Strasse, der ich nun folgen sollte, verwandelte sich aber plötzlich in die Autostrada! Statt umzudrehen wollte ich dem Weg dem Fluss entlang finden, aber dieser wird offenbar nicht unterhalten. Nach etwas im Gaggo herum Laufens - also ziemlich ebiz - fand ich schliesslich zurück in die Stadt, aber da hatte mein Schrittzähler das Erreichen des 10‘000-Schritte-Tagessolls bereits infovibriert, und Herr Googles Alternativroute sollte ja nochmal 14km dauern. Ein eher suboptimaler Start in den Tag...!
Die Musikempfehlungen von Herrn D., Herrn R.-A. und Frau B. - in dieser Hörreihenfolge - machten mich heute nicht glücklich, also musste Jovanotti wieder herhalten. Noch viel unglücklicher machte mich aber v.a. der stärker werdende Schmerz rechts vorne am Schienbein ... Nein, ich war weder gestürzt, noch falsch aufgetreten, und eine Massage der dortigen Muskeln brachte auch gar nichts. Schnell hyperchonderte ich eine Restanz des Wadenbeinbruchs von vor Jahren, aber das ergab keinen Sinn. Oder vielleicht eine Blutvergiftung wegen des üblen Kratzers, den ich mir vorgestern geholt hatte? Auch Quatsch, weil sehen konnte man nichts. Sie eingelegte Pause führte nur dazu, dass der erkaltete Muskel noch mehr weh tat, und ich begann zu überlegen, wie ich es jemals die verbleibenden 10km nach Bosco schaffen sollte - und wen umgotswillu ich anrufen könnte, um mich notfalls abzuholen ...
Irgendwann ging es wirklich gar nicht mehr, und ich hielt wie früher den Daumen raus um per Autostopp wenigstens ein Stück abzukürzen. Ja, die Bereitschaft, Autostopper mitzunehmen ist in Italien ganz ähnlich wie in der Schweiz: Eher übersichtlich. Leichte Panik ergriff mich. Umso froher war ich, als dann trotzdem einer anhielt! Ich hinkte dank des Wanderstocks einigermassen zu dem Auto, in dessen Kofferraum ich ein Mountainbike entdeckte. Auch so ein Hobbysportler, Gozeidank!
Es stellte sich heraus, dass er früher bis ins Juniorenalter national erfolgreich Tennis spielte, jetzt aber wegen einer kaputten Hüfte nur noch im Flachen ebiz velofahren kann. Aber er kannte meine Symptome und tippte auf eine Muskelentzündung. Also vermutlich, weil mein Italienisch deckt den medizinischen Bereich nicht ab. Er empfahl Eis und Voltaren, andrerseits rief er umgehend seine Frau an und sagte, dass er ebiz später nach Hause komme, weil er da noch einen angeschlagenen Schweizer Wanderer nach Bosco fahre. Nun, er fuhr nicht nur einen Umweg, er stellte mich bis vors Eingangstor der Cascina Crocefisso und half beim Check-In.
GRAZIE 100‘000!! Und alles Gute für die anstehende Operation der Hüfte!
Anna nahm mich wie einen alten Freund in Empfang, versorgte mich umgehend mit Wasser und Ibuprofen und schickte mich sofort ins Bett. (An dieser Stelle ein Grüess an Mutter Natischer, die das haargenau gleich gemacht hätte, und wo ich mich intensiv dagegen gewehrt hätte, weil ich ja schliesslich schon erwachsen bin. 😘)
Heute bewohne ich ein für 1 Person geradezu riesiges Zimmer, und im Untergeschoss hats noch ein genauso grosses Wohnzimmer. U.a. steht auch ein Schlagzeug drin. Ja, ein richtiges. Vorhin sass ich dann noch fast eine Stunde - über Reisen, Familie, Italien, Schweiz, Essen und natürlich Calcio plaudernd - mit Mauro drunten im Garten, weil Anna musste in die Stadt oder so. (Er ist Tifoso dr US Alessandria Calcio in der Serie C und tippt auf eine 6:0-Niederlage der Young Boys in Turin.) Es hat hier ums Haus mehrere Kater (NB: maschi, nicht uomini...), die eigentlich den Nachbarn gehörten, aber zum Fressen und Faulenzen hier rüber kämen. Ein bisschen wie ich auch, eigentlich.
Medizin und Ruhe helfen bis jetzt teilweise, aber ob und wie es weitergeht, werde ich bestenfalls morgen früh wissen. Drückt mir bitte die Daumen!
Nachtrag:
„Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ... eine halbe Flutlichtanlage!“
Mit dem entliehenen Bici von Anna fuhr ich um 19.30 Uhr rüber ins Dorf. Ich musste schliesslich etwas essen, sonst gibt’s Magenweh von den Medis. Einige hundert Meter, aber das war schon kein Vergnügen. Es habe eine Pizzeria dort, hatte mir Mauro gesagt. Aber natürlich wusste ich nicht genau wo und fuhr einfach mal auf den Dorfplatz. „Locanda dell‘Olmo“ war zwar keine Pizzeria, sah aber sehr nett aus, und der Chef sagte, ich könne ja schon was trinken, bevor die Cucina ab 20 Uhr parat sei. „Una birra e un‘aqua gasata“. Und dann bringt der mir ohne rückzufragen oder mich anderweitig zu kennen ausgerechnet ein Lagunitas Double IPA, von einer Craft Beer Brewery, die zwar inzwischen zu Häinecken gehört, aber das Bier schmeckt mir trotzdem noch sehr gut.
Dann gabs Tartar vom Fassone-Rind, ein Peperono mit Kräutern und so ein Spinat(?)-Küchlein mit Rahmsösseli, danach Linguine mit Steinpilzen und dann wieder so ein Schokolade-Flan wie neulich in Momo schon mal. 😋🤗
Ausserdem freute ich mich über Eure zahlreichen guten Wünsche und v.a. auch über die Tipps von Cousine M., die notabene vom Fach ist.
Es wird langsam inflationär, ich weiss, aber: Danke!
Zurück zu meiner Bleibe ging’s dann auf dem Velo dank iPhone-Taschenlampe problemlos. Nur die Maus auf dem Feldweg war sichtlich irritiert.
Anna hat mir weitere Ibuprofen überlassen - morgen gehts also definitiv weiter! 🎉Wenn auch nicht (nur) a piedi. Predosa ist nicht so weit. Da wir einander morgen nicht mehr antreffen, haben Anna und ich uns schon sehr herzlich voneinander verabschiedet. Wenn Ihr mal in der Nähe sein solltet, berücksichtigt bitte umbedingt das B&B Cascina Crocefisso. Und obige Beiz übrigens grad auch!
PS: Die US Alessandria Calcio hat heute Abend die U23 von Juventus Turin auswärts 2:1 geschlagen. Challenge accepted, YB, oder? ;)