Nach dem Besuch des Red Hook Crits in Barcelona mit den Fixedpott-Jungs und -MĂ€dels stand fĂŒr mich eine knappe Woche âFahrradurlaubâ nur fĂŒr mich auf dem Plan. Das habe ich die beiden vergangenen Jahre schon so gemacht und wenn es nicht fĂŒr eine allzu lange Zeit ist, komme ich gut ohne direkte Urlaubsbegleitung klar. In diesem Jahr wollte ich â obwohl ich nicht sicher war, ob ich es ohne richtiges Training schaffen wĂŒrde â den Mont Ventoux bezwingen, den weiĂen Riesen der Provence.
Irgendwo kurz hinter der Spanisch-französischen Grenze verabschiedete ich mich vom Fixedpott-Bulli, der noch knapp 1.300 Kilometer bis nach Dortmund vor sich hatte und startete in meinen Solo-Urlaub mit einer Ăbernachtung direkt am Meer. Ein Campingplatz war schnell gefunden und nach ein bisschen Strand und Wasser ging es auf eine kurze 17-Kilometer-Tour entlang eines Fahrradweges direkt am Meer. WĂ€re es nicht langsam dunkel geworden, hĂ€tte ich ewig hier weiterfahren können.
Ab zum weiĂen Riesen der Provence
Am darauffolgenden Tag war ich frĂŒh wach und schwang mich wieder aufs Rad, dieses Mal auf eine lockere 25-Kilometer-Runde ins Landesinnere. Ich wollte ja wenigstens ein paar Kilometer abgespult haben, bevor es in die Berge ging. Mittags reiste ich dann ab und war am spĂ€ten Nachmittag am FuĂe des Mont Ventoux in Sault. Ich hatte mir diese Seite ausgesucht, weil dort die leichteste der drei Auffahrten auf den Berg beginnt. Zwar ist sie fĂŒnf Kilometer lĂ€nger als die anderen beiden möglichen Auffahrten, dafĂŒr aber auf den ersten 20 Kilometern nicht so mörderisch steil. In Touristen-Information des Orte erzĂ€hlte man mir dann aber leider, dass die Auffahrten von Sault und Bedoin beide wegen Dreharbeiten fĂŒr einen Film die nĂ€chsten Tage geschlossen sein wĂŒrden. Also blieb nur noch Malaucene als Startort fĂŒr meine GipfelerstĂŒrmung. Gesagt, getan: Eine Stunden spĂ€ter saĂ ich vor meinem Zelt auf einem netten Campingplatz etwas auĂerhalb der Stadt vor meinem Zelt und aĂ Nudeln. Wie man das als Profi halt so macht. Und ich trank Bier. Wie man das als Amateur halt so macht. Ich fĂŒhlte mich also gleichzeitig gut und schlecht vorbereitet.
Abends ging es noch in die Stadt, um fĂŒr den kommenden Morgen ein passendes Rad auszuleihen. Ich nahm es gleich fĂŒr zwei Tage, denn die Angst, es nicht direkt hoch zu schaffen oder umdrehen zu mĂŒssen und dann am zweiten Tag noch mal einen Anlauf zu haben, war schon da.
Rauf auf den Berg
Um 8.30 Uhr am nĂ€chsten Morgen stand ich beim Verleiher und nahm mein Pinarello Rennrad entgegen â Carbon statt Kondition war das Motto. Ich wollte eigentlich direkt starten, um nicht in die Mittagshitze zu geraten, kam vom Campingplatz dann aber doch erst um kurz vor zehn Uhr los. Zuerst ging es runter nach Malaucene, dann begann mit âoffiziellâ mit einem Schild der Aufstieg. Darauf war zu lesen: 21 Kilometer bergauf, etwas ĂŒber 1.500 Höhenmeter Unterschied und eine durchschnittliche Steigung von 7,5 Prozent.
Es ging ganz kurz moderat los, dann nach 2,5 Kilometern die ersten kleineren Rampen und neun Prozent Steigung. Die Randsteine bei jedem Kilometer informierten einen ziemlich genau, welche Steigung man auf den nĂ€chsten 1.000 Metern zu erwarten hatte. Das wurde ab Kilometer 4 wieder etwas moderater mit zwei bis vier Prozent, dann kamen zwei Kilometer mit ĂŒber zehn Prozent und wieder ein paar entspannte Kilometer mit ânurâ drei bis fĂŒnf Prozent Steigung.
Ab Kilometer neun wurde des dann heftig: Mal neun Prozent, mal auch 12 Prozent Steigung sagte der Randstein an der Kilometermarke. Und das fĂŒr knapp vier Kilometer. Irgendwo mitten in diesem Wahnsinn musste ich Pause machen, einen Schokoriegel verdrĂŒcken und ein bisschen die Beine lockern â die brannten nĂ€mlich schon ganz ordentlich, denn ich hatte jetzt schon mehr Höhenmeter hinter mir als normalerweise in zwei Wochen.
Immer wieder wurde ich ĂŒberholt oder ĂŒberholte selbst andere Radfahrer â ein wirkliches zusammen fahren kam leider nie zu Stande. So war man ziemlich auf sich alleine gestellt, von einem âbon jourâ beim Ăberholvorgang mal abgesehen. Ab Kilometer 14 wurde es dann wieder etwas âflacherâ, bevor beim 15er-Marker noch mal 11 Prozent Steigung drin waren. Dann gab es einen Kilometer mit nur fĂŒnf Prozent und ab Kilometer 17 durchschnittlich acht Prozent bis zum Gipfel.
Irgendwann ging es aus dem Wald heraus (von Malaucene hat man mehr Wald und weniger freie Strecke als von Bedoin/Sault) und in die mondĂ€hnliche Steinlandschaft, die den Berg so berĂŒhmt gemacht hat. Da oben merkte ich dann, wie die Luft langsam dĂŒnner wurde und jede Pedalumdrehung weh tat. Meine Beine wollten und konnten eigentlich nicht mehr, aber es waren nur noch zwei Kilometer. Dann nur noch einer. Dann zwei Kehren noch. Dann nur noch eine kurze Rampe. Und plötzlich war ich oben.
Das âYeah, geschafft!â-GefĂŒhl lĂ€sst auf sich warten.
Komischerweise fĂŒhlte ich nicht direkt die Sensation, die ich erhofft hatte. Ich war erstmal fĂŒr zehn Minuten nur happy, dass ich nicht mehr in die Pedale treten musste. Alles andere war mir egal. Nach einem weiteren Schokoriegel und ordentlich Wasser (was da oben 2,50 Euro fĂŒr eine Miniflasche kostet) ging es dann wieder und ich konnte den Gipfel und die Aussicht genieĂen. AuĂerdem war die Filmcrew, die mir die Auffahrt ĂŒber Sault vermasselt hatte, gerade dabei, eine Szene auf dem Plateau zu drehen, was ich mir natĂŒrlich gerne anguckte. Der Film â eine niederlĂ€ndische Produktion â heiĂt ĂŒbrigens âMont Ventouxâ und handelt von ein paar jungen Leuten, die Ende sich der 1980er entschlieĂen, den Berg anzugehen.
Nach einer halben Stunde oben auf dem Berg wurde es dann irgendwann etwas kalt, denn ich hatte keine Windjacke dabei sondern nur Armlinge. Ich wollte aber kurz noch mal zum Denkmal fĂŒr Tom Simpson, den englischen Rennradfahrer, der hier 1967 bei der Tour de France kollabierte und starb. Das lag allerdings auf der âfalschenâ Seite, so dass ich danach wieder 200 Höhenmeter hoch musste, um auf âmeineâ Seite fĂŒr die Abfahrt zu kommen.
Die Abfahrt war dann krass. 21 Kilometer. Nur bergab. Mir taten vom vielen Bremsen die Arme und HĂ€nde weh und ich versuchte so oft wie möglich einfach rollen zu lassen. Allerdings fĂŒhrt das bei 12 Prozent GefĂ€lle gerne mal zu Geschwindigkeiten jenseits der 70 km/h â und das war mir dann doch zu krass. Nach insgesamt vier Stunden (davon 2:08 fĂŒr die Auffahrt und 0:39 fĂŒr die Abfahrt) war ich wieder auf dem Campingplatz angekommen und gönnte mir eine Runde im Pool und ein SchlĂ€fchen auf der Pool-Liege.
Tag 2 mit lockerer Ausfahrt und dann doch ordentlich Höhenmetern
Da ich den zweiten Tag nun ja zur freien VerfĂŒgung hatte und meine Beine mir stark davon abrieten, noch einmal den Mont Ventoux anzugehen, erkundete ich die nĂ€here Umgebung und fuhr eine nette 75 Kilometer-Runde, von der mein Strava leider einen ganzen Teil nicht aufzeichnete. Ich lieĂ es ruhig angehen und machte eine lange Mittagspause und hatte nachher trotzdem 1.300 Höhenmeter auf dem Tacho. Geht wohl nicht anders in der Gegend. Aber nach der Tortour vom Vortag war das ein relativ entspannter Ride. Am darauffolgenden Tag brach ich meine Zelt am Ventoux ab, sagte dem weiĂen Riesen tschĂŒss und bis bald und fuhr die 1.100 Kilometer bis nach Hause durch â aber erst nachdem der ADAC meinem Wagen auf dem Campingplatz Starthilfe gegeben hatte.
Fazit
Fazit der paar Tage rund um das alleine Radfahren: Flach fahren hat sicherlich seinen Reiz, vor allem wenn man fixed unterwegs ist. Aber Berge fahren ist ein ganz anderes Level von Befriedigung und trotz Schmerzen in allen Teilen meines Körpers auch noch Tage nach Ventoux wĂŒrde ich es gerne wieder machen â lieber heute als morgen. Die Strecke von Malaucene war im Endeffekt ein GlĂŒcksfall, denn man kann sehr lange im Schatten der BĂ€ume fahren und muss sich erst spĂ€t durch die Mondlandschaft quĂ€len.
Und noch eines ist mir bewusst geworden: Wenn man will, kann man selbst als halbwegs untrainierter Radler mit ein paar Kilos zu viel auf den Rippen und ein paar Bierchen am Vorabend den Berg schaffen. Ausreichend Wasser (ich habe jede 500 Meter ein bis zwei SchlĂŒcke getrunken) und Energieriegel sollte man aber dabei haben. Und auch eine Pause kann nicht schaden. Am besten ca. auf der HĂ€lfte, wenn es im Durchschnitt ĂŒber zehn Prozent Steigung hat.
Galerie
Autor: John-Sebastian Komander/ Finde ihn bei Google+
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